Raumpiraten

 

Biosphere Haven

 

© 2002-2003 Marco Kaas

 

von Marco Kaas

 

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Abschnitt 1

 

Auf herkömmlichem Rendezvous-Kurs schwebten die beiden kleinen Piraten-Raumschiffe direkt auf "Biosphere Haven" zu. Die "Lebensquell" und die "Faint", zwei geradezu winzige Lichtpunkte im Vergleich zu der titanischen Raumstation: Biosphere Haven war eine riesige schwarze Kugel von beinahe 50 Kilometern Durchmesser. Aus dieser Kugel ragten insgesamt sechs hohe, massive Türme viele Kilometer heraus, die ihrerseits wiederum mit unzähligen Aufbauten, Gebäuden und Antennen übersäht waren. Die zwei Piratenschiffe, keines länger als 40 Meter, schalteten ihre Triebwerke ab und ließen sich langsam auf die Basis zutreiben, umgeben von der ewigen Schwärze des intergalaktischen Raums.

   "Ich wiederhole: Hier Sicherheitstransporter 'Lebensquell', ich rufe IG-7, ich und mein Begleitschiff erbitten Einflugerlaubnis."

   Mehrere Sekunden herrschte Funkstille.

   "Transporter Lebensquell ruft IG-7 'Biosphere Haven'. Ich bin Yxo, Kommandant des Cilthroidschen Transporters Lebensquell, wir erbitten Einflugerlaubnis. Das ist doch zum Fressen, meldet euch endlich", forderte Yxo gereizt. Sam Johnson, der die Worte des Cilthroiden über das Kom hörte, schüttelte unmotiviert den Kopf, bevor er es selbst versuchte: "Hier spricht Sam Johnson, Pilot des Aufklärungsschiffs 'Faint', ich rufe Biosphere Haven IG-7. Wir sind das Begleitschiff der Lebensquell. Biosphere Haven, melden Sie sich!" Sam wartete einige Sekunden ab, dann wandte er sich an Nhet, die am technischen Terminal ebenfalls im Cockpit der Faint saß. "Unsere Koms funktionieren doch?" wollte er sicherheitshalber von ihr wissen. Nhet, eine Gfeye, wippte mit dem schmalen, kammartigen Fortsatz ihres Körpers, der sich am ehesten als Kopf bezeichnen ließe. "Wir senden auf allen Frequenzen wie ein Diplomatenverein beim Erstkontakt", meldete sie enthusiastisch. Als auch nach weiteren verstrichenen Sekunden keine Antwort von der Station eintraf, schien es Yxo noch einmal zu versuchen, denn über die Koms war erneut die energische Stimme des Cilthroiden zu hören: "IG-7 Biosphere Haven! Hier spricht der Cilthroidsche Sicherheitstransporter, der sich mit dem Begleitschiff Faint aus Richtung 877-327 nähert. Meldet euch!" Diesmal wartete Yxo nicht sonderlich lange, bevor er für die Crew der Faint hinzu fügte: "Toll. Ich glaub' kaum, dass die da drüben gerade ein Festbankett abhalten, also ist es wohl was Ernstes..." "Mal' uns bloß den Teufel nicht an die Wand", entgegnete Sam, "vielleicht haben sie nur Probleme mit ihren Kom-Systemen." "Das könntet ihr leicht herausfinden, indem ihr die Station einer ausführlichen Sensorenanalyse unterzieht", meinte Yxo ungeduldig, "dazu habt ihr ja euer nettes Aufklärungsschiff..." "Wir könnten Ärger mit der Stationsleitung kriegen, wenn wir Biosphere Haven ohne Befugnis scannen", gab Nhet zu bedenken. Sie war unruhiger geworden. "Scheiß auf irgendeine Befugnis", beschloss Sam, "wenn die nicht antworten, haben wir allen Grund, nachzusehen, was los ist." "Dann mach mal", seufzte Nhet, "ich schau mir dann die Scannerdaten genauer an..." Die Gfeye hatte den Satz noch nicht vollendet, als Sam bereits die Aktivsensoren einsetzte und sie auf die Station richtete. Nhet musterte die Ergebnisse der Analyse, die sofort auf ihren Bildschirmen auftauchten, sorgfältig. "Die Außenhülle von Biosphere Haven schirmt unsere Scans unheimlich gut ab", erklärte sie, was ziemlich überraschend war, da die Faint als ursprünglich militärischer Aufklärer mit extrem leistungsfähigen Sensoren ausgestattet war, die den Analysegeräten eines großen Tiefenraum-Aufklärers in nichts nachstanden. "Kannst du trotzdem irgendetwas Ungewöhnliches erkennen?" fragte Yxo. "Die Station ist ziemlich kalt", stellte Nhet fest, als sie sich die wenigen brauchbaren Ergebnisse der Scans durchlas, "fast so kalt wie der umgebende Weltraum. Dabei strahlt die Hitzeableitung des Reaktors auch nicht mehr Temperatur ab, als der Rest der Hülle. Biosphere Haven scheint nichts als ein 50 Kilometer durchmessender Kühlschrank zu sein, und der Reaktor ist auch nicht wärmer. Ich tippe mal ganz scharfsinnig darauf, dass er außer Betrieb ist." "Vielleicht mussten sie die Kommunikationssysteme und den Reaktor abschalten, um irgendwelche Wartungsarbeiten durchzuführen", überlegte Sam, verwarf den Gedanken jedoch wieder, und Nhet brachte es auf den Punkt: "Aber wieso ist auch der ganze Rest der Station so kalt? Leute, wie es aussieht, funktioniert dort so gut wie kein wärmeerzeugendes Gerät mehr, und die Station kühlt langsam ab. Irgendetwas muss da drüben passiert sein." Bei den letzten Worten hatte sie ihren Elan völlig verloren und wirkte ängstlich. "Gibt es auf der Station irgendwelche Gefechtsschäden?" bohrte Yxo nach. "Keine Schäden, zumindest nicht an der Außenhülle", meinte die Gfeye, "es gibt nichts, das auf einen Kampf hindeutet. Außerdem sind die Flakgeschütze der Station nicht ausgefahren." Sam blickte wieder nach vorne durch die Sichtleiste, die mittlerweile größtenteils von der glatten, finsteren Kugelhülle von Biosphere Haven ausgefüllt wurde. "Kannst du dir irgendeine Art technischen Defekt vorstellen, der alle Systeme der Station lahm legt?" fragte er Nhet. "Ist natürlich nicht auszuschließen", gab die Technikerin zu, "aber das klingt bei einer Station wie dieser ziemlich unwahrscheinlich. Du weißt vielleicht, dass Biosphere Haven sich mit Raumnotbergung finanziert - die haben in diesen Türmen eine riesige Flotte aus Tiefenraum-Schleppern und Reparaturtendern stationiert, also an erfahrenen Ingenieuren und Technikern mangelt es denen dort drüben bestimmt nicht." "Wenn sie noch leben..." gab Yxo zu bedenken, "wir sollten reinfliegen und nachsehen." Sam wusste, dass dies kein Vorschlag war, sondern ein fester Beschluss, doch er war nach seinem Geschmack etwas zu überstürzt. "Zuerst sollten nur wir mit der Faint reinfliegen", schlug der Mensch vor, "wir sind der Aufklärer. Falls es da drinnen Probleme gibt, wärst du mit der Lebensquell nur unnötig in Gefahr." "Wenn es da drinnen Probleme gibt", widersprach Yxo, "dann braucht ihr vielleicht die Feuerkraft der Lebensquell. Ihr fliegt vor, aber ich bin direkt hinter euch." "Ich hätte heute Morgen in der Null-Schwerkraft -Kammer bleiben sollen", seufzte Nhet, "aber was soll's... Wie wollen wir das anstellen?" "Biosphere Haven ist eine Mischung aus einer Reparaturwerft und einem riesigen botanischen Garten", begann Yxo ein improvisiertes Briefing, "die betreiben da drin eine funktionierende, abgeschlossene Biosphäre. Und diese Türme sind soweit ich weiß große Werftanlagen. Auf der Innenseite des kugelförmigen Hauptrumpfs ist der botanische Garten angelegt, der größte Teil der Kugel ist also leer. Durch diesen Hohlraum führen abgeschlossene Verbindungskorridore, die alle Werfttürme miteinander verbinden. Das heißt also kurz gesagt: Wenn wir in einen der Türme gelangen, könnten wir mit den Schiffen jeden Punkt der Station erreichen." "Wenn wir dort drin sind, dürften wir wesentlich bessere Sensorendaten kriegen", vermutete Sam. "Aber dazu müssen wir erst mal rein", gab Nhet zu bedenken, "und sämtliche Schotts sind verschlossen." "Was tun wir da nur...?" seufzte Yxo, und der Zynismus in der Stimme des Cilthroiden verriet Sam, was er vorhatte.

   Die Lebensquell, eine längliche, elliptische Stromlinienform, feuerte zwei Raketen ab, sofort nahmen die beiden Missiles selbstständig Kurs auf den nächsten der sechs Werfttürme, dessen großes, rundes Zugangsschott den Piraten zugewandt war. Binnen weniger Sekunden hatten die Raketen das gewaltige Tor erreicht und explodierten beim Zusammenstoß, wobei das Schott in unzählige kleine Trümmer zersprengt wurde.

   "Seht mal", meinte Yxo mit gespielter Überraschung, "ich glaub' es ist offen." Sam und Nhet sahen sich wortlos vielsagend an. "Ähm, Yxo..." knirschte Sam schließlich. "Ich weiß, ich weiß", entgegnete der Cilthroide ungeduldig, "das war völlig unnötig, ich habe unnötig Material verheizt, ich habe die Station gefährdet, ich habe einen Gegenschlag provoziert, und so weiter und so fort. Und jetzt fliegt endlich da rein und findet raus, was passiert ist..."

 

Abschnitt 2

 

Selbst gegen die Einflugöffnung im Werftturm wirkten die beiden Piratenschiffe noch geradewegs winzig. Die erste Überraschung war, dass im Inneren des Docks schwaches Licht strahlte, gerade intensiv genug, um graue Umrisse erkennen zu können. Der zwielichtige Schimmer stammte aus gewaltigen Leuchtflächen in der mehr als einen Kilometer durchmessenden Röhre, die tiefer ins Stationsinnere führte. Der Schein hob die schattenhaften Silhouetten von großen Greifarmen und Dockgerüsten hervor, deren netzartige Struktur in den Tunnel ragte, die Silhouetten von kleinen und mittelgroßen Raumschiffrümpfen, die hier drin angedockt hatten, sowie von unförmigen, umherschwebenden Trümmern, welche von dem zerstörten Außenschott stammten. Ganz langsam, um keinen der Werftarme zu rammen, steuerte die Faint durch die luftleere Röhre, dicht gefolgt von der Lebensquell.

   Innerhalb des Docks war keine Sensorenabschirmung mehr vorhanden, weshalb Nhet nun ausführliche Scannerdaten erhielt. Unruhig erklärte sie: "Die meisten Systeme der Station, inklusive Lebenserhaltungssysteme, sind außer Betrieb, weil die Energieversorgung ausgefallen ist. Es gibt keine deutlichen Schäden, zumindest nicht an der Station. Einige von diesen Raumschiffen hier weisen aber ziemlich schwere Gefechtsschäden auf." Sam atmete tief durch. Die Sache gefiel ihm nicht, also beschloss er, einen Suchscheinwerfer zu aktivieren und richtete ihn nach Gutdünken auf ein beschädigtes Schiff.

   Der Lichtkegel fiel auf einen dunklen, keilförmigen Rumpf, dessen Oberseite über eine weite Fläche regelrecht aufgerissen war. An mehreren Stellen war die Hülle von Waffenfeuer versengt, hier und da klafften kleinere Lecks. Von mehreren Seiten waren gewaltige Greifarme und Pylonen an dem Schiff angedockt.

   "Eigentlich kein Wunder", meinte Sam, "ich meine, wir sind hier in einer Reparaturwerft. Die verdienen ihr Geld damit, beschädigte Schiffe hierher zu schleppen und daran rumzubasteln." Das beruhigte Nhet zunächst ein wenig, doch ihr Kamm begann wieder, nervös zu wippen, als sie sich erneut den Sensorendaten zuwandte und berichtete: "Biosphere Haven ist ein Grab. Innerhalb der Biosphäre gibt es noch ein wenig pflanzliches Leben, aber überall in der Station befindet sich tote organische Materie. Eine Atmosphäre ist nicht vorhanden. Und die Rettungskapseln sind alle noch an ihrem Platz." Sam blickte angespannt aus der Sichtleiste, während er das Schiff durch den Tunnel steuerte. In regelmäßigen Abständen hatten mittelgroße Schiffe angedockt, bei denen es sich offenbar und Schlepper handelte: Die Umrisse zeigten kantige, spitz zulaufende Schiffe, an deren Heck große Klammern angebracht waren. Sternförmig zeigten fünf lange Verbindungsstreben von jedem Schlepperrumpf weg, an deren Enden die großen, leistungsfähigen Triebwerke saßen. "Sogar die Schlepper sind noch da", kommentierte Yxo die Szene, "die Crew scheint die Station also nicht evakuiert zu haben..." Sam atmete tief durch, während Nhet unruhig zu zappeln begann. "Sie sind alle tot", brach die Gfeye schließlich hervor und richtete ihren vibrierenden Kamm ruckartig auf Sam, was bedeutete, dass sie ihn entsetzt anstarrte, "versteht ihr?! Die sind auf dieser Station gestorben, und sie hatten nicht mal die Zeit, sie zu verlassen! Die Stationscrew, die Schlepperbesatzungen, die Crews der geborgenen Schiffe! Sie sind alle tot! Alle!" Sie zitterte, und im Augenblick schienen ihr auch Yxos Worte "Hey, ruhig bleiben!" nicht sonderlich zu helfen. Sam schnaufte und rieb sich die Schläfen. "Keine Panik, Nhet", sagte er, aber es klang, als würde er es zu sich selbst sagen, "das ist eine IG-Station. Hier gibt es normalerweise mehr Verkehr, als ein paar Schlepper und Rettungskapseln, vielleicht haben sie sich einfach von irgendeinem anderen Schiff evakuieren lassen." "Die Stationscrew besteht aus mehreren tausend Leuten", merkte Yxo an und bleib dabei relativ kühl, "die sterben nicht einfach so von einem Moment auf den anderen. Wir sollten einfach mit den Raumanzügen in die Räume der Station gehen und nachsehen, was los ist." "Du bist vielleicht lebensmüde", keuchte Nhet, "ich würde erst mal einen sicheren Blick da rein werfen!" "Das ist gar keine schlechte Idee", pflichtete Sam ihr bei, "wozu haben wir denn die Faint?" "Ist ja gut", stimmte Yxo zu, "benutzt euer kleines Spielzeug, aber schickt mir das Bild gleich rüber." Sam hielt die Faint an und suchte sich auf den Scanneranzeigen einen Punkt an der Tunnelwand, hinter dem sich ein Raum zu befinden schien. Mit wenigen Eingaben hatte er die Sensoren soweit optimiert, dass sich auf dem Sensorenbildschirm einige riesige Bildpunkte in verschiedenen Graustufen zeigten. Langsam wurde die Auflösung besser, und binnen weniger Sekunden hatte sich ein deutliches Bild des Zimmers hinter der Wand heraus kristallisiert. Es handelte sich um einen kleinen Aufenthaltsraum, offenbar für die Werftarbeiter. Er war spartanisch mit einigen Tischen, Stühlen und Schränken eingerichtet, die wohl aus Sicherheitsgründen am Boden fixiert waren. Hier und da schwebten leblose Körper umher oder hatten sich grotesk an den Stühlen festgeklammert. Die meisten davon waren reptilienartige Esialos, aber auch ein paar Vertreter anderer Spezies waren unter den Opfern. Ein Esialo hielt verkrampft ein Essbesteck in der Hand, Essensreste waren in der Luft verteilt. In der Mitte des Raumes drehte sich langsam ein schlankes, krallenbewehrtes Wesen um seine eigene Achse, aus dessen Rücken lange, dünne Fäden hingen und durch die Rotation eine weite Spiralform bildeten. "Wie es aussieht, hat der Tod sie überrascht", stellte Sam schaudernd fest, konnte sich aber nicht von dem grotesken Anblick lösen. "Sie haben zumindest nicht lange gelitten", meinte Yxo, "aber das ist verdammt merkwürdig. Seht ihr diese Fäden, die diesem Wesen aus dem Rücken hängen? Ich hab' schon mehrere Mitglieder dieser Rasse gesehen, und keiner hatte so etwas." Nhet musste sich einige Sekunden lang sammeln, bevor sie Yxos indirektem Befehl, die Fäden genauer zu scannen, nachkam. "Das sind die Blätter einer Art Pflanze", stellte sie angewidert fest, während sie die Scannerdaten musterte, "und zwar scheint die Pflanze noch zu leben... Seht euch das nur an! Die Pflanze wächst auf dem Toten!" "Du hast vorhin erwähnt, dass im Inneren der Biosphäre noch pflanzliches Leben existiert", fiel Yxo wieder ein, "hat das vielleicht etwas mit dieser Parasitenpflanze zu tun?" "Schon möglich", antwortete Nhet etwas abwesend, und kam erst kurz danach auf die Idee, die Sensoren der Faint einzusetzen, um diese Pflanze mit den Lebenszeichen aus dem Inneren der Station zu vergleichen. "Ich bin keine Biologin, aber ich glaube die Signaturen der beiden Pflanzen sind ähnlich", stellte die Gfeye schließlich fest, "nur das Exemplar im Zentrum der Biosphäre ist viel größer. Leute, solche kleinen Parasiten-Pflanzen scheint es vereinzelt überall auf der Station zu geben, und die meisten davon leben!" "Da gibt es also eine große Pflanze im botanischen Garten im Inneren der Biosphäre und viele kleine parasitäre Exemplare auf der ganzen Station", rekapitulierte Yxo, "und sie scheinen im Vakuum zu überleben... Ist es nicht merkwürdig, dass diese Pflanzen scheinbar die einzigen Lebensformen sind, die hier überlebt haben?" Nhet umschlang ihren Kamm mit ihren beiden Tentakeln. "Das kann doch nicht wahr sein", keuchte sie, "du meinst, dass eine Killer-Pflanze die Crew umgebracht hat?" "Ich mach' einen Vorschlag", unterbrach Sam hastig die Spekulationen, "Yxo, du hast doch gesagt, diese Tunnel führen durch die gesamte Biosphäre. Wie wär's, wenn wir tiefer rein fliegen, uns drinnen einen Weg in den Kugel-Hohlraum suchen und in den botanischen Garten reinfliegen. Dort sehen wir uns dieses große Exemplar einfach mal direkt aus der Nähe an, und dann wissen wir vielleicht mehr." "Gut. Das klingt für mich okay", gab Nhet zu und befreite sich wieder von ihrem eigenen Tentakel. "Sehen wir uns das an", stimmte auch Yxo zu, und so machten sich die zwei Piratenschiffe wieder auf den Weg tiefer ins Innere von Biosphere Haven.

   Als sie eine knappe Minute später bis unter die Kugeloberfläche vorgedrungen waren, veränderte sich die Struktur des Tunnels deutlich. So tief unten befanden sich keine Werftanlagen und angedockten Schiffe mehr, und der zylindrische Durchflugskorridor verengte sich auf gerade einmal 100 Meter. Yxo verschwendete keine Zeit mit Sensorenanalysen, sondern gab gleich aus seinen Bugkanonen eine Reihe Energieladungen auf die Hülle des Tunnels ab. Die grell leuchtenden Salven ließen ein blendendes Lichtspiel an den düsteren Wänden des Korridors aufblitzen, sie durchbohrten die Hülle wie Butter und ließen einige klare Durchschüsse zurück.

   "Du stehst nicht so auf Anklopfen, hab ich recht?" seufzte Sam. "Warum", entgegnete Yxo, "ich hab' doch angeklopft..."

   Nun steuerte Yxo die Lebensquell langsam direkt auf die beschädigte Hülle des Korridors zu und schubste die durchsiebte Wand mit dem Bug leicht an. Einige Trümmer brachen heraus und machten den beiden kleinen Piratenschiffen den Weg in den Hohlraum der Biosphäre frei. Dieses Mal bildete die Lebensquell die Vorhut und wurde von der Faint dicht gefolgt, als sie in die gewaltige, hohle Kugel eindrangen. Wie bereits in den Durchflugsröhren schien auch hier mattes Zwielicht und offenbarte die toten Überreste von verdorrten Pflanzen, die an der Innenhülle der Biosphäre verwurzelt waren. Ein schier unendlicher Wald aus Gewächsen verschiedenster Art erstreckte sich unter den Raumschiffen, doch es war ein toter Wald. Die Blätter waren braun und verdörrt, verschrumpelt, und von der so vielfältigen grünen Pracht, die hier einst gelebt haben musste, war nichts übrig, als eine dunkle Ansammlung von Pflanzenmasse. Der tote Garten erstreckte sich über die gesamte innere Fläche der 50 Kilometer durchmessenden Kugel und schien sich irgendwo in der Ferne im Zwielicht zu verlieren. Drei Achsen von Durchflugskorridoren durchquerten den gigantischen Raum und schnitten sich im Zentrum, 25 Kilometer über den Wäldern, wo sie mit schwach schimmernden Beleuchtungsanlagen gespickt waren.

   Sams Kinnlade klappte nach unten, während Nhet ein knappes "Wow..." los wurde. Der Mensch warf einen kurzen Blick auf den Scannerbildschirm, um sich davon zu vergewissern, dass sie sich auch tatsächlich in einem geschlossenen Raum befanden. Dann starrte er wieder durch die Cockpit-Sichtleiste nach draußen und sah sich um. Es war, als überflöge er einen nächtlichen Dschungel im Mondlicht - die gegenüberliegende Seite der Biosphäre verschwamm mit bloßem Auge bei dieser Beleuchtung zu einem düsteren, bräunlichen Farbton... Er aktivierte den Suchscheinwerfer und richtete ihn in das Gestrüpp. Totes, dunkles Pflanzenmaterial war ineinander verwuchert, durchzogen von einem regelrechten Netz aus dicken, satt grünen Fäden. "Das Ding mit den Fäden ist diese Parasitenpflanze", stellte Nhet mit den Sensoren angewidert fest, "nur ein riesengroßes Exemplar. Die Fäden scheinen sich über den gesamten botanischen Garten zu ziehen, rund um die gesamte Kugelhülle, und sie scheinen sich verdammt schnell auszubreiten. Es wächst auf den toten Pflanzen und ernährt sich davon." "Wie wir gesehen haben, nicht nur von den Pflanzen", erinnerte Yxo die beiden überflüssigerweise, "braucht ihr noch mehr Beweise dafür, dass wir es hier mit einem mörderischen Parasiten zu tun haben...?" "Keine voreiligen Schlüsse ziehen", entgegnete Sam, während Nhet ihre Tentakeln nervös ineinander verknotete, "da gibt es zu viele Ungereimtheiten. Angenommen, diese Pflanze hätte die gesamte Crew umgebracht - wie ist sie überhaupt an Bord von Biosphere Haven gekommen? Wieso ist der Reaktor außer Betrieb, und wieso gibt es keine Atmosphäre an Bord? Du willst doch nicht behaupten, dass dieses Wesen intelligent genug ist, die Systeme der Station herunter zu fahren und die Atmosphäre abzulassen? Es wäre wesentlich wahrscheinlicher, dass irgendeine andere Katastrophe geschehen ist, und die Pflanze als einziges Lebewesen an Bord überlebt hat. Es gibt bei fast jeder Katastrophe irgendeine überlegene Spezies, die überlebt, und in unserem Fall eben dieser Parasit. Der ist nun alleine auf der Station und kann sich ungehindert ausbreiten." "Mag ja einleuchtend klingen", gab Nhet zu, "aber was auch immer passiert ist: Hier gibt es niemanden mehr, der uns Kühlmittel und Waffen verkaufen wird. Wir sollten die Behörden kontaktieren und abhauen, und zwar schnell." "In einem Punkt hast du recht", stimmte Yxo langsam und deutlich zu, "hier gibt es tatsächlich niemanden mehr, der uns Kühlmittel und Waffen verkaufen wird..." Sam riss die Augen weit auf, als er begriff, was Yxo meinte, und brachte ein Grinsen zustande, wenn sich auch gleichzeitig ein Kloß in seinem Hals bildete. Es dauerte eine Weile, bis sich Nhet erkundigte: "Du meinst, wir können uns das, was wir gekauft hätten, genauso gut umsonst mitnehmen?" "Warum denn in so kleinen Maßstäben denken", erwiderte Yxo, "wir haben hier ein ganzes Dock. Mehr Versorgungsgüter, als wir je brauchen werden. Eine ganze Flotte, die nur darauf wartet, von uns geborgen zu werden. Eine riesengroße Werftanlage, gespickt mit Verteidigungssystemen, die wir nur anschalten müssen. Leute... Bald mischen wir bei den ganz Großen mit!" "Ein bisschen Größenwahn hat uns noch nie geschadet", meinte Sam, "aber das klingt mir ziemlich dünn. Biosphere Haven ist eine IG-Station. Sie liegt zwar nicht unbedingt an den größten Handelsrouten, aber es kann nur eine Frage von Stunden sein, bis hier irgendein Raumschiff auftaucht, im besten Fall ist es nur ein Frachter, der IG-7 zufälligerweise auf dem Flugplan hat, im schlimmsten Fall ist es eine Patrouillenflotte, die herkommt um nachzusehen, warum IG-7 nicht mehr antwortet. Und vergiss nicht, dass die Crew tot ist! Irgendetwas hat die alle umgebracht, und es kann vielleicht auch uns erwischen." "Wir werden mit den Raumanzügen reingehen und nachsehen, woran die Crew gestorben ist", beschloss Yxo, "dann wissen wir, wie wir uns schützen können. Und wenn in ein paar Stunden irgendjemand hierher kommt, wird er die Station ganz einfach nicht mehr vorfinden." "Wie bitte", rief Nhet, "wieso 'nicht mehr vorfinden'?!" "Passt auf", begann Yxo aufgeregt, "das ist der Plan: Wir sehen uns an, warum die Crew gestorben ist, und stellen sicher, dass es uns nicht auch erwischen kann. Dann hackt sich Nhet in den Stationscomputer ein, wir übernehmen die Fernsteuerung der stationseigenen Schlepperflotte und docken sie von außen an Biosphere Haven an. Und damit ziehen wir die gesamte Station gemütlich an einen sicheren Ort." "Zu dritt", hielt Nhet skeptisch dagegen, "innerhalb von ein paar Stunden?" "Ganz recht." Sam kratzte sich nachdenklich am Kinn. "Der Plan ist verdammt gut", gab er zu, "aber Nhet hat recht: Ich schätze, wir werden ein gutes Dutzend von diesen Schleppern brauchen, um Biosphere Haven zu bewegen, und dafür brauchen wir eine ziemlich große Crew. Das schaffen wir drei nicht." "Hmm", machte Yxo, "Nhet? Ist es rein theoretisch möglich, die Schlepper dieses Typs unbemannt allein durch Fernsteuerung von außen an die Station anzudocken und die Station zumindest ein paar tausend Lichtjahre weit zu bewegen? Innerhalb der nächsten Stunden?" "Rein theoretisch ist es schon möglich", bestätigte Nhet, "aber es gibt ein paar ziemlich praktische Schwierigkeiten: Erstens ist es sehr kompliziert, eine Masse wie Biosphere Haven, die keinen Hyperantrieb besitzt, durch den Sub-Hyperraum zu schleppen. Die Sub-Hyperantriebe der einzelnen Schlepper müssen dazu hervorragend aufeinander abgestimmt sein, und wir müssen auf jede kleinste Veränderung im Hyperraum möglichst bald möglichst schnell reagieren. Das ist bei solchen Schleppaufträgen normalerweise eine Aufgabe für eine große Navigatorcrew, einen erstklassigen Navigationscomputer und hervorragende Hyperraum-Sensoren. Zweitens würde uns jeder kleinste technische Defekt womöglich völlig lahm legen. Jeder Schlepper hat für gewöhnlich eine erfahrene Technikercrew an Bord, denn solch ein Schleppmanöver belastet den Hyperantrieb unheimlich stark und führt schnell zu Fehlfunktionen. Gute Ingenieure können kleinere Schäden an den Triebwerken der Schlepper schnell beheben, ohne den Schleppvorgang unterbrechen zu müssen, aber ich kann nicht alleine eine ganze Schlepperflotte warten. Yxo, der Plan ist theoretisch vielleicht ganz gut, aber er ist nicht durchführbar." "Ich rede nur von ein paar tausend Lichtjahren", erinnerte der Cilthroide die Gfeye, "also nur wenige Stunden im Sub-Hyperraum." Nhet seufzte. "Wenn wir Glück haben, kommen wir so weit", vermutete sie. "Dann sollten wir keine Zeit verlieren", meinte Yxo, "ich suche mir eine Schleuse und geh' in die Lebensbereiche der Station, um einen der Toten genauer zu untersuchen. Währenddessen macht ihr das, was ihr mit der Faint am besten könnt, ihr fliegt nach draußen und überwacht den umgebenden Weltraum mit maximaler Sensorenreichweite, damit uns niemand überrascht. Auf geht's, Leute!"

 

Abschnitt 3

 

Die matte Beleuchtung des geschwungenen Korridors und das getönte Helmvisier erlaubten es Yxo lediglich, schemenhafte Umrisse wahrzunehmen. Er trug einen klobigen Raumanzug, der trotzdem die kräftige, übergroße Gestalt des Cilthroiden erahnen ließ. Durch das Helmvisier war das weiß, orange und bläulich gefleckte Gesicht des Cilthroiden mit den beiden völlig schwarzen Augen erkennbar, doch hier schien es niemanden mehr zu geben, den Yxos Herkunft interessieren würde. Als er den leistungsstarken Scheinwerfer an seinem Gewehr aktivierte, bestätigte sich, was er bereits erahnt hatte: Bei einem großen, im Zentrum des Korridors rotierenden Schatten handelte sich um eine Leiche. Die Spezies war Yxo nicht bekannt, doch er schätzte, dass die Todesursache dieselbe war, wie beim Rest der Stationscrew, also zog er sein kleines Handscannergerät aus dem Raumanzug und untersuchte das tentakelbewehrte, amöboide Wesen provisorisch. "Das hättet ihr auch von der Faint aus erkennen können", sprach er trocken ins Kom und steckte sein Analysegerät wieder ein, "das Gewebe weist eindeutige Strahlungsschäden auf. Das dürfte die Todesursache sein." "Strahlung", wiederholte Sam, der sich mit Nhet noch immer auf der Faint befand, verdutzt, "das wird ja immer besser." "Fest steht jedenfalls, dass jetzt keine gefährliche Form von Strahlung mehr vorhanden ist", meinte Yxo, "also sind wir nicht gefährdet. Wir können unseren kleinen Jahrtausendcoup also durchziehen." "Moment, jetzt mal langsam, Boss", bremste Nhet den Cilthroiden aufgebracht, "die Todesursache ist also Strahlung. Aber was für Strahlung? Wie, wo, warum, woher? Woher auch immer die Strahlung kam, die diese Leute getötet hat, es kann sich vielleicht jederzeit wiederholen!" "Gegen bestimmte Strahlungsstärken können wir uns schützen, nun, da wir gewarnt sind", überlegte Sam laut, "daran soll's nicht liegen. Wir können die Schutzschilde unserer Schiffe aktiviert halten, und..." Yxo wirbelte herum und feuerte mit dem Energiegewehr in den Gang hinter sich, wo er eine Bewegung zu sehen geglaubt hatte. Die elektromagnetische Ladung aus der Waffe versengte lediglich die Korridorwand, der Cilthroide aktivierte die Manövertriebwerke seines Raumanzugs, um den vermeintlichen Feind zu verfolgen. Er raste den Gang einige Meter entlang, bis er den Körper eines toten Esialo entdeckte, der hinter der Gangbiegung schwebte und in langsamer Bewegung gespenstische Schatten an die Wand zauberte. "Was zum Teufel ist da unten los?" rief Sam. "Meine Einbildung", erwiderte Yxo und steckte das Gewehr wieder ein, "ich sollte wirklich nicht mehr so viel C'al trinken. Hört zu, ich komme jetzt zu euch zurück, dann treffen wir uns auf der Lebensquell zu einem Briefing. Wir klauen uns eine Raumstation..."

 

Yxo, Sam und Nhet hatten sich im Cockpit der Lebensquell versammelt, und während Yxo relativ gelassen in seinem Pilotensitz Platz genommen hatte, machten Sam und Nhet keine Anstalten, sich zu setzen. Nhet tapste mit ihren Tentakeln so aufgeregt herum, wie es der kleine Kontrollraum des Transporters nur zuließ, und Sam lehnte an der Rückwand. "Es wird schwierig, und wir werden eine gute Portion Glück brauchen", überlegte Sam laut, "aber wenn es wirklich nur ein paar tausend Lichtjahre sind, dürfte es machbar sein. Der schwierigste Teil wird darin bestehen, die Schlepper an den richtigen Punkten an die Station anzudocken, um danach einen möglichst stabilen Sub-Hyperraumflug durchführen zu können. Ohne eine ganze Crew von Technikern müssen wir im Vornherein dafür sorgen, dass der Flug so ruhig und sauber wie nur möglich wird. Außerdem werden wir auch noch die Faint brauchen. Sie muss auf der gleichen Sub-Hyperraum-Ebene fliegen, wie das Schleppergespann, um mit ihren leistungsstarken Sensoren alle denkbaren Variablen so weit wie möglich im Voraus erkennen zu können, so dass wir möglichst bald darauf reagieren können. Immerhin haben wir keine Navigatorcrew - soweit ich weiß, sind Nhet und ich hier die einzigen, die sich mit Hyperraum-Physik zumindest ein bisschen auskennen." "Damit wir die Schlepper überhaupt fernsteuern können, muss ich mich erst mal in den Zentralcomputer der Station einhacken", gab Nhet zu bedenken, "das wird auch nicht gerade einfach, und könnte eine Weile dauern." "Wir haben nicht sonderlich viel Zeit", gab Yxo zu bedenken, "wahrscheinlich ist es da draußen gerade die Story der Woche, dass der Kontakt zu Biosphere Haven abgebrochen ist, und alle möglichen Aufklärungsschiffe sind hierher unterwegs." "Ich werd' mich beeilen", meinte Nhet, "aber zaubern kann ich auch nicht. Außerdem kapier' ich noch immer nicht, was es uns bringen soll, die Station nur ein paar tausend Lichtjahre weit zu schleppen. Dort wird sie früher oder später auch gefunden. Wir müssten uns schon ein verdammt weit entferntes Versteck suchen, aber ohne eine Crew kriegen wir die Station nun mal nicht sehr weit von hier weg, da kannst du dich aufregen, wie du willst, es hilft nichts." "Um eine Crew werde ich mich kümmern", versprach Yxo kühl, "die Frage ist nur: Glaubt ihr, dass ihr das fertig bringt? Euch in den Stationscomputer einhacken, die Schlepper an geeigneten Punkten an die Station andocken, und die Station dann sicher ein ganzes Stück von hier weg schaffen." Nhet wippte unentschlossen mit dem Kamm, Sam seufzte. "Wir werden sehen", sagte er dann diplomatisch. Yxo grinste: "Dann starte ich hiermit offiziell Operation: Fadeaway."

 

"Yxo, ich freue mich, Sie zu sehen", begrüßte der Cacalus auf dem Kom-Bildschirm der Lebensquell sein Gegenüber zufrieden, doch dann wurde sein Tonfall ernst, als er noch hinzu fügte: "Es ist ungewöhnlich, dass Sie mich über Sub-Hyperfunk kontakten." Yxo musterte das Portrait des Cacalus kurz, aber ausführlich. Die matten, roten Augenhöhlen des Händlers, welche die einzigen Öffnungen in dem finsteren, von einer Kapuze umrahmten Gesicht waren, wirkten sogar auf den Cilthroiden tot und ausdruckslos, doch er wusste genau, dass dahinter ein ganz besonderer, mysteriöser Verstand saß. "Ich hätte ein sehr dringendes Anliegen", erklärte Yxo, "das mit äußerster Diskretion behandelt werden sollte." "Sie sollten mittlerweile wissen, dass bei mir jedes Anliegen mit äußerster Diskretion behandelt wird. Worum handelt es sich denn?" "Ich brauche eine fähige Techniker- und Navigationscrew für einen heiklen Langstrecken-Schleppzug", erklärte Yxo, "mindestens 400 Crewmitglieder. Ist das machbar?" "Durchaus", antwortete der Cacalus zu Yxos Überraschung, "wie soll die Crew zusammen gesetzt sein?" Yxo überlegte kurz, bevor er rekapitulierte: "Ich brauche etwa gleich viele Hyperraumtechniker, Maschinentechniker, Raumschifftechniker und Ersatzoperatoren, insgesamt gut 400. Und dazu noch einmal 12 bis 24 Piloten, noch besser wären ausgebildete Navigatoren. Bei der technischen Crew kann ich meinetwegen jeden gebrauchen, der irgendetwas von seinem Handwerk versteht und ein Raumschiff anfassen kann, ohne es kaputt zu machen, da ist mir jeder Bastler recht. Aber bei dem Navigationspersonal kann ich keine Freizeitflieger oder Abfangjäger-Hampelmänner gebrauchen, sondern mindestens 12 teamfähige Leute mit Hyperraum-Navigationserfahrung." Der Cacalus schien seine Kontakte hervorragend im Kopf zu haben, denn er antwortete ohne lange nachzudenken: "Brauchen Sie eine große, eingeschworene Crew, oder kann sie sich auch aus kleineren Crews zusammen setzen?" "Solange die Leute dabei sind, die ich brauche, solange sie zusammen arbeiten können, und solange sie kapieren, dass ich der Boss bin, ist mir alles recht. Schicken Sie mir meinetwegen eine Horde stinkende Menschenbrut gemixt mit fanatischen Wahren Esialos, solange die ihren Job nur gut machen." "Wie möchten Sie bezahlen?" lautete die nächste Frage des Cacalus. Yxo wusste, dass der Händler sowohl die Bezahlung der Crews als auch seine eigene Bezahlung als Kontaktperson meinte. "Die Crew darf 12 Esialosche Langstrecken-Schlepper der Revaal-Klasse nach der Mission behalten. Für Sie persönlich habe ich einen kleinen Katalog von Schiffen und Ausrüstung zusammen gestellt, aus dem Sie sich etwas von gewissem Wert frei aussuchen dürfen..." Dabei grinste Yxo selbstzufrieden - es war herrlich, sich in einer Raumstation nach Gutdünken bedienen zu können... "Wo liegt der Haken, Yxo?" Der Cilthroide verzog das Gesicht, als er sagte: "Der Haken liegt darin, dass ich die Crew sofort brauche und Sie die Bezahlung erst im Nachhinein erhalten." Der Cacalus legte den Kopf leicht schräg und antwortete: "Ich vertraue Ihnen." "Das wundert mich nicht", erwiderte Yxo zufrieden, wobei er nicht etwa auf Naivität des Cacalus, sondern auf dessen manchmal schier universellen Verstand anspielte.

 

Abschnitt 4

 

"Ich hab's gleich", versprach Nhet schon wieder. "Was immer du sagst", bestätigte Sam wenig überzeugt und wippte gelangweilt bis gereizt in dem protzigen Kommandosessel der Raumstation IG-7 Biosphere Haven, die Beine aufs zentral gelegene Kommandopult gelegt. Er war angeschnallt. Nhet dagegen hing in der Schwerelosigkeit kopfüber an der hohen Decke und machte sich mit einem ihrer unzähligen elektronischen Werkzeuge an den offen liegenden Computerchips zu schaffen, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Trotz der für Nhet unheimlich bequemen Schwerelosigkeit war ihr Körper bis auf Kamm und obere Tentakeln in ihren metallischen Grav-Anzug eingehüllt, in dem sie all ihre Ausrüstung versteckt mit sich herum trug. Die Schutzpanzerung konnte außerdem im Notfall binnen Sekundenbruchteilen ihren gesamten Körper umschließen und sie vor Strahlung schützen. Sam trug einen herkömmlichen, klobigen Raumanzug, da er als Mensch nicht das Vakuum überleben könnte, das auf der Station herrschte - Nhet hingegen störte sich da nicht an der fehlenden Atmosphäre. Außerdem hatte sich Sam ein leistungsfähiges Strahlungsschutzschild, ein grauer Kasten, um den Bauch geschnallt, das er in einem Ausrüstungslager der Station entdeckt hatte. Derartige tragbare Schutzschirme waren im Stationsbestand durchaus vorhanden, also hatte die tödliche Strahlungsdosis offenbar so plötzlich auf die Besatzung eingewirkt, dass sie keine Zeit gefunden hatten, sich die Schilde anzulegen.

   Alles in Allem sahen die zwei Gestalten in dem gigantischen, kaum beleuchteten Kontrollraum ziemlich einsam und verloren aus. "Gleich hab ich's wirklich", meinte Nhet, "ich glaub', ich komm' in das System... In wenigen Minuten gehört die Station uns." "Sicher", meinte Sam knapp, und es klang für Nhet zunächst sarkastisch, doch dann bemerkte sie, dass er sich lediglich auf etwas Anderes konzentrierte. Der Mensch schnallte sich vom Kommandosessel los, stieß sich ganz leicht vom Boden ab und hielt den Blick auf eine offene Korridortür fixiert. "Nhet, hast du dein Gewehr bereit?" erkundigte er sich, überflüssigerweise im Flüsterton. "Jederzeit", lautete die Antwort, "warum?" "Mach einfach weiter, aber halte dich bereit, die Arbeit schnell abzubrechen... Ich glaube, hier ist etwas..." Mit diesen Worten aktivierte der Mensch die Triebwerke seines Raumanzugs, zog seinen Impulsblaster und raste auf die Gangmündung zu. "Yxo, etwas flüchtet vor mir", meldete Sam über das Kom, während er mit wahnwitziger Geschwindigkeit den Gang entlang jagte, "da war ein Schatten!" "Das ist nur deine irre Terraner-Phantasie", wiegelte Yxo wütend ab, "wenn da etwas wäre, dann hätten es die Sensoren der Faint entdeckt!" "Faint", öffnete Sam kurzerhand einen Kanal zu seinem Schiff, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, "ist ein mobiles Ziel vor mir?" "Negativ", antwortete der Computer des kleinen Aufklärungsschiffes. In diesem Augenblick gelangte Sam an eine Gangkreuzung und bremste ab, um einen Blick in jede Richtung werfen zu können. Leere, graue Korridore. Die ein oder andere von Pflanzenfäden angefressene Leiche schwebte in der Nähe und ließ dem Menschen erneut eiskalten Schauer über den Rücken laufen. Nach tiefem Durchatmen stöhnte er: "Verdammt, ich hab es verloren!" "Da war nichts", beharrte Yxo. "Sicher?" erkundigte sich Nhet mit einer gehörigen Portion Verunsicherung. "Es ist einfach ein riesiges, schwebendes Grab", seufzte der Cilthroide, "das macht uns alle ein bisschen nervös." "'Ein bisschen' ist gut", murmelte Sam vor sich hin und drehte sich mit seinem Blaster im Kreis, noch immer nicht davon überzeugt, dass ihm seine Einbildung nur einen Streich gespielt hatte. "Naja... Hier ist jedenfalls nichts", stellte er fest, steckte die Waffe wieder ein und wandte sich zurück in Richtung Brücke. Gerade rechtzeitig, denn ein Lichtschein schoss ihm aus dem Gang direkt entgegen und blendete ihn, blitzschnell zog er seinen Blaster aus dem Gürtel und gab einige ungezielte Schüsse in das gleißende Licht ab, wodurch ein paar der eben angesprungenen Beleuchtungsflächen wieder erloschen. Es dauerte einige Sekundenbruchteile, bis Sam erkannte, dass er gar nicht angegriffen wurde. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Licht, und er realisierte, was ihn so geblendet hatte: Nhet hatte offenbar den Zugriff zum Hauptcomputer erlangt und das Beleuchtungssystem aktiviert. "Seht nur", freute sie sich über das Kom, "ich hab gewissermaßen den Lichtschalter gefunden." "Toll", keuchte Sam, "sag' mir das nächste Mal bitte vorher bescheid, ja? Ich komm' jetzt zurück zur Brücke." "Nhet, versuch' so lange schon mal die Lebenserhaltungssysteme und die künstliche Schwerkraft hochzufahren", ergänzte Yxo, "ich komm' jetzt auch rüber auf die Station." Ein letztes Mal wandte sich Sam um, damit er einen flüchtigen Blick in den Korridor hinter sich werfen konnte. Doch dieser war plötzlich auf voller Breite und Höhe ausgefüllt von einem gewaltigen Netzwerk aus mechanischen Fangarmen, besetzt mit Impulswaffen. Irgendwo in der Mitte des Gewirrs befand sich ein kleiner, rundlicher Metallkörper, an den alle Arme anschlossen, doch den registrierte Sam eher weniger, als das halbe Dutzend Waffenmündungen, in das er blickte. Geistesgegenwärtig ließ er seinen Blaster los und hob langsam die Hände. "Du gewinnst", stellte er kleinlaut fest, und wurde im gleichen Augenblick unsanft zu Boden gerissen, als Nhet die künstliche Schwerkraft aktivierte. Mit einem Zischen wurde der Korridor auch unter Atmosphärendruck gesetzt, und Sam konnte noch in der Ferne das letzte verhallende Klappern von metallischen Beinen auf metallischem Korridorboden hören. Die Gänge an der Kreuzung waren wieder leer, abgesehen von den Leichen, die nun bei aktivierter Schwerkraft unappetitlich auf den Boden geklatscht waren. "Ich hab Schwerkraft und Lebenserhaltung in Gang gekriegt", meldete Nhet zufrieden. "Das hab ich gemerkt", stöhnte Sam und rappelte sich wieder auf, "außerdem hatte ich eben eine sehr merkwürdige Begegnung, und es war ganz bestimmt nicht meine Terraner-Phantasie... Faint! Befand sich eben eine Art mobile Waffenplattform in meiner Nähe?" "Negativ." "Terraner", rief Yxo verständnislos, "was zum Tixem geht da mit dir vor?" "Gute Frage", entgegnete Sam, "komm' lieber mal hier rüber. Wir sollten einen Blick in die Logbücher der Station werfen, und vor allem dicht zusammen bleiben..."

 

Als Yxo, wie Sam nun ohne Raumanzug, sondern nur noch mit Fliegeroverall und Strahlungsschild, auch im Kontrollraum von Biosphere Haven ankam, hatte Nhet bereits ganze Arbeit geleistet. Sie hatte sämtliche wichtigen Systeme der Station, inklusive Fernsteuerung für die Schlepper und Verteidigungssysteme, aktiviert und unter Kontrolle gebracht. Nun war die dreiköpfige Piratenbande auf ihrer neuentdeckten Raumstation wenigstens nicht mehr schutzlos irgendwelchen Patrouillen ausgeliefert, sondern befand sich in einer funktionsfähigen, schwerbewaffneten Festung. Im Augenblick allerdings starrten Yxo, Sam und Nhet den großen, in die Mitte des Raumes projizierten 3-D-Bildschirm an, der Logbuchdaten zeigte. Nhet blätterte über das Zugriffsterminal beklemmt darin herum. "Vor fünf Tagen hat ein Forschungsschiff eine unbekannte Pflanzenart mit auf die Station gebracht", fasste Nhet die Aufzeichnungen zusammen, "die einige ungewöhnliche Eigenschaften aufwies. Sehr schnelles Wachstum. Genügsamkeit. Die Pflanze ernährt sich von allen möglichen Proteinen, unter Anderem von Aas aller Art. Kohlenstoffdioxid kann sie aus manchen organischen Verbindungen synthetisieren, so kann sie jahrelang unter geringstem Lichteinfluss im Vakuum überleben, solange sie nur Nahrung findet." Düster blickten sich die drei Piraten an, und Yxo brachte es mit einer ziemlich makabren Bemerkung auf den Punkt: "Das Biest muss sich hier ja richtig wohl gefühlt haben. Ein voller Kühlschrank." "Das Beste kommt noch", meinte Nhet tonlos. Sie projizierte die nächste Seite in den Raum und erzählte weiter: "Diese Pflanze besitzt an den Fadenspitzen hochentwickelte Organelle, die Energie in Form von elektromagnetischer Strahlung freisetzen können. Diese Organelle arbeiten ähnlich wie die dritten Augen von Oren, sind aber ungleich leistungsfähiger und senden in extrem kurzwelligem Spektrum." "Also sehr energiereiche, tödliche Strahlung. Braucht ihr noch einen Beweis, dass es die Pflanze getan hat?" erkundigte sich Yxo trocken. "Ist sogar im Logbuch zu finden", stellte Nhet fest, "die Stationsleitung hat beschlossen, die Pflanze in einem möglichst kontrollierten Feldversuch in den botanischen Garten auszusetzen. Das Biest hat begonnen, mit irrsinniger Geschwindigkeit wild zu wuchern, egal, wie und wo man sie gestutzt hat. Drei Tage später hat sie dann eine tödliche Strahlungsdosis freigesetzt. Das ist schon fast absurd: Die Station ist gegen EM-Waffen und Sensorenscans von Außen so gut gepanzert, dass die Strahlung der Pflanze an der Innenseite der Stationshülle zurück in die Biosphäre reflektiert wurde, und das mehrmals kreuz und quer durch die ganze Station. Das hat den tödlichen Effekt absolut gemacht." "Das ist verdammt traurige Ironie", meinte Yxo. "Eure tragbaren Strahlungsschilde würden dieser Dosis nicht standhalten", musste Nhet zappelig feststellen, "und mein Grav-Anzug auch nicht. Wir sind praktisch ungeschützt." "Wenn die Pflanze bereits genug Energie chemisch gebunden hätte, um eine derartige Strahlungsdosis auszusenden, dann hätten die Sensoren der Faint das erkannt", gab Sam zu bedenken, "überlegt mal: Die Pflanze ist auch nur ein Organismus, und in den letzten Stunden fast ohne Licht lief dieser Organismus wahrscheinlich auf Sparflamme. Sie hat wie's aussieht nicht sehr viel Energie speichern können, sondern musste sämtliche Energie selbst nutzen, um ihre grundlegendsten Lebensfunktionen aufrecht zu erhalten. Im Augenblick hat sie wahrscheinlich einfach nicht genug Saft, um uns zu verstrahlen." "Das klingt plausibel", gab Nhet etwas ruhiger zu, "aber dann sollten wir überall, wo wir es nicht hundertprozentig brauchen, das Licht abschalten und die Atmosphäre wieder absaugen. Wir wollen unser Monster nicht auch noch füttern." "Am besten sofort", stimmte Yxo zu, woraufhin Nhet sich wieder dem Terminal zuwandte.

   Ein leises Zischen überall in den endlosen Korridoren der Station kündigte die Wiederkehr des Vakuums an. Kilometer für Kilometer erloschen die Lichter in den Gängen vollständig.

   Etwas war darüber nicht im Geringsten erfreut.

   "Ich habe jetzt sämtliche Stationssysteme heruntergefahren", meldete Nhet, "nur nicht im Kontrollraum und in den Gängen zu unseren Schiffen." "Das dürfte die Pflanze wieder auf Eis gelegt haben", vermutete Yxo, "zumindest für einige Zeit." "Damit ist aber noch nicht die Frage geklärt, warum fast alle Systeme der Station deaktiviert waren, als wir angekommen sind", gab Sam zu bedenken. "Ich schau' mal weiter", meinte Nhet und sah sich die nächsten Seiten an. "Das ist interessant", kommentierte sie dazu, "die künstliche Intelligenz der Station hat sofort nach dem Massaker reagiert: Sie hat die Atmosphäre abgesaugt, den Reaktor herunter gefahren, und fast alle Systeme deaktiviert, um die Pflanze zu isolieren und ihr die Energiequellen wegzunehmen. Ein Notruf konnte leider nicht abgesetzt werden, weil die Strahlung das empfindliche Sub-Hyperraum-Kom beschädigt hatte. Aber die Waffensysteme sind zumindest abgeschaltet worden, um einem späteren Untersuchungstrupp unbeschadeten Einlass gewähren zu können." "Das war ganz schön clever für einen Stationscomputer", nickte Yxo anerkennend. "Allerdings", meinte Nhet, "aber das war noch nicht alles: Die Wartungsroboter, die den Strahlenangriff der Pflanze überstanden hatten, haben sogar damit angefangen, die Leichen der Besatzung aus den Gängen zu räumen, um der Pflanze die Nahrung zu entziehen." "Wieso sind die Leichen dann trotzdem noch hier?" erkundigte sich Sam und suchte auf der großen Projektion nach der Textpassage, auf die sich Nhet gerade bezog. Der Mensch hatte lange keine Esialo-Schrift mehr gelesen. Nhet brauchte einige Sekunden, bis sie - mit leicht schwankendem Kamm - antwortete: "Ein stationseigener Sicherheitsroboter hat die Wartungsroboter angegriffen und zerstört." Sam riss interessiert sie Augen auf, Nhet erklärte weiter: "Das könnte diese Waffenplattform sein, die du drüben im Korridor gesehen hast. Der Roboter ist, wenn diese Aufzeichnungen stimmen, mit einer Tarnkappe ausgerüstet, was erklärt, warum die Sensoren der Faint ihn nicht entdeckt haben." Nhet projizierte eine dreidimensionale Grafik des Sicherheitsroboters in den Raum, und es handelte sich um genau das Bündel aus mechanischen Fangarmen und Waffen, dem Sam gegenüber gestanden war. Der Mensch betrachtete die Projektion mit einer Mischung aus Interesse und Schauder, während er fragte: "Ist irgendwie deutlich geworden, warum diese Blechdose die Wartungsroboter zerstört hat?" "Nicht wirklich", musste Nhet antworten, "aber kurz darauf hat dieses elektronische Monstrum es fertig gebracht, die Notbeleuchtung einzuschalten und die Pflanze damit am Leben zu erhalten. Dann hat er sich zum Stationscomputer begeben und den Hauptprozessor der stationseigenen künstlichen Intelligenz in Stücke geschossen. Hier brechen auch die Logbuchaufzeichnungen ab." "Das klingt für mich verdammt so, als hätte dieser Roboter aus irgendeinem Grund versucht, die Pflanze zu beschützen - unter allen Umständen", vermutete Yxo. "Allerdings", stimmte Sam nachdenklich zu, "nur... ähm... ist euch aufgefallen, dass auch wir vorhin die Atmosphäre und das Licht ausgeknipst haben? Dieser Roboter könnte deswegen verdammt sauer auf uns werden..." "Soll er ruhig", entgegnete Yxo trotzig und nahm demonstrativ sein Gewehr in beide Hände, "ich habe nicht vor, meine Raumstation einem Haufen Algenpampe und einem durchgeknallten Ausrüstungsgegenstand zu überlassen!"

 

Abschnitt 5

 

"Ich werde hier Wache halten, während ihr die Schlepper per Fernsteuerung außen an die Station andockt", beschloss Yxo. "Du willst das wirklich durchziehen", wollte Nhet kritisch wissen, "trotz der Pflanze, trotz dem Sicherheitsroboter?" "Warum nicht? Nhet, das ist eine einmalige Chance auf den ganz großen Coup! Wenn wir hier erst mal weg sind, schaffen wir irgendwie die Leichen von der Station, damit hungern wir dieses Parasiten-Viech entgültig aus. Und mit dem Roboter machen wir kurzen Prozess, dann hat der Spuk ein Ende." "Wie du meinst", antwortete Nhet widerwillig und machte sich an die Arbeit, die Fernsteuerung der Schlepper vorzubereiten.

   Wenige Minuten später war das erste Schleppschiff bereit zum Auslaufen. "Na, dann wollen wir mal sehen, was die Mühle drauf hat", grinste Sam und orientierte sich an dem Terminal, das ihm Telemetrie sowie ein Kamerabild aus dem Cockpit des Schleppers zeigte. Das kräftige Raumschiff befand sich in einem der Werfttürme und blickte in Richtung des von Yxo zerstörten Ausgangsschotts. Vorsichtig probierte Sam die Seitentriebwerke aus und manövrierte den Schlepper damit leicht von der Innenwand des Tunnels weg, dann gab er leichten Vorwärtsschub.

   Die Gravitonentriebwerke an den fünf langen Pylonen des Schleppschiffs begannen leicht zu glimmen, als sich das Raumschiff langsam Bewegung setzte.

   "Alle Systeme im grünen Bereich", meldete Nhet, "dieser Schlepper ist in erstklassigem Zustand." "Na, hoffentlich bleibt das auch so", seufzte Sam. "Nicht, wenn du ihn fliegst", grinste Yxo. "Danke für die Blumen", entgegnete der Mensch, der gerade zu konzentriert war, um sich eine schlagkräftigere Antwort einfallen zu lassen, denn er hatte ein Raumschiff mit gut 300 Metern Spannweite durch einen Werftkorridor zu manövrieren. Und langsam wurde der schwarze, runde Fleck am Ende des Tunnels größer und größer.

   Der Schlepper driftete langsam auf den Ausgang zu. Wenige Kilometer davor zog er kurz nach oben, um einem angedockten, beschädigten Raumschiff ausweichen zu können, dann senkte sich der spitz zulaufende Bug des Schleppers wieder, um zurück auf Kurs zu kommen. Doch Sams Erfahrung mit diesem Schiffstyp ließ zu wünschen übrig, und er hatte sich mit dem Ausweichmanöver offenbar kräftig verkalkuliert, denn für einige hundert Meter schrappte der obere Triebwerkspylon an der oberen Tunnelhülle entlang und ließ ein Feuerwerk aus Funken sprühen.

   "Verdammt, was soll das?" regte sich Yxo auf, als sogar im Kontrollraum das schleifende Geräusch von Metall auf Metall gedämpft zu hören war. "Sorry", entschuldigte sich Sam kleinlaut, "mein Fehler." "Ach, tatsächlich?" "Keine Sorge, der Schlepper hat keinen Schaden genommen", stellte Nhet mit einem Blick auf die technische Telemetrie sofort fest, "nur ein paar Kratzer in der Hülle. Nichts Ernstes." "Wir verlassen den Werftturm", warf Sam ein, als das Schiff die Ausgangsöffnung durchquerte und in den freien Weltraum eintrat.

   Wenige hundert Meter über dem Turm, der eine der gigantischen Werftanlagen der Station darstellte, brachte Sam den Schlepper zum Stillstand.

   "Jetzt wird's knifflig", überlegte Nhet, "ich schlage vor, wir docken alle unsere Schlepper direkt an der Kugelhülle an, so dass sie die Station anschieben, und zwar bilden wir mit den Schiffen einen Kreis von sagen wir 10 Kilometer Durchmesser. So können die Sub-Hyperantriebe am besten aufeinander einwirken. "Du bist die Hyperraum-Expertin", meinte Sam schulterzuckend und ließ sich nun das Bild von der Heckkamera des Schleppers anzeigen, das den Werftturm direkt von oben zeigte. Er steuerte den Schlepper einige Kilometer von dem Turm weg - diesmal mit höherer Beschleunigung, da es hier draußen keine Hindernisse gab - und ließ ihn dann rückwärts auf die glatte, schwarze Außenhülle von Biosphere Haven zuschweben. "Gleich sind wir da..." murmelte Sam vor sich hin und konzentrierte sich auf die Abstandsanzeige, während er den Schlepper langsam abbremste, als er der Station immer näher kam.

   Quälend langsam näherte sich das winzig wirkende Raumschiff rückwärts der Stationspanzerung. Die am Heck liegenden Andockvorrichtungen waren Biosphere Haven zugewandt. Knapp 20 Meter über der schwarzen Hülle kam der Schlepper zum Stillstand, und Sam korrigierte noch einmal die Fluglage, dann schoben die Gravitonentriebwerke das Schiff endgültig gegen die Außenhaut der Station. Eine Reihe magnetischer Andockgreifer koppelten das Schleppschiff mit der Station.

   "Ja, Touchdown!" rief Sam. "Gut gemacht", lobte ihn Yxo, "aber versuch's das nächste Mal etwas schneller. Die Zeit könnte knapp sein, und wir haben noch eine Menge Schlepper auf der Warteliste." "Ich werd' sehen, was sich machen lässt", versprach Sam und schnappte sich die Fernsteuerung über den nächsten Schlepper, um auch diesen langsam durch den Werfttunnel in Richtung Ausgang zu manövrieren. Er hatte gerade den Vorwärtsschub aktiviert, als ein leises Pfeifen ertönte. "Was ist das schon wieder?" wollte Yxo wissen. "Keine Ahnung", antwortete Nhet, "es kommt nicht von uns." Yxo blickte sich in dem leeren, großen Kontrollraum um und entdeckte eine blinkende Warnleuchte am Sicherheitsterminal, von dem auch der Warnton stammte. "Ich seh' mir das mal an", beschloss er, "macht ihr hier weiter." Yxo rannte auf die andere Seite der Brücke und betrachtete die Warnmeldung genauer, dann blickte er auf. "Eine Luftschleuse in der Nähe der Brücke ist benutzt worden, ich kümmer' mich darum", erklärte er hastig und verließ den Raum in die entsprechende Richtung, mit vorgehaltenem Gewehr. "Yxo", rief Sam dem Cilthroiden nach, "mit dem Ding wirst du allein nicht fertig..." Doch ein Ausweichmanöver des Schleppers forderte wieder Sams Aufmerksamkeit. "Verdammter, sturer Cilly!" stieß der Mensch hervor.

 

Langsam schlich Yxo durch den erleuchteten Korridor, jede Sekunde feuerbereit. Etwas war aus den luftleeren Bereichen der Station in diesen Gang eingedrungen, und aller Wahrscheinlichkeit nach handelte es sich dabei um den durchgedrehten Sicherheitsroboter. Yxo würde ihm schon zeigen, was es bedeutete, sich mit einem Cilthroiden anzulegen... Blitzschnell riss er das Gewehr nach oben und feuerte weitflächig auf die Decke ein, als er von oben klappernde Geräusche zu hören glaubte. Versengte Trümmer der Plastikverkleidung und verschmorte Kabelteile regneten auf den Boden vor dem Cilthroiden, Funken zischten aus dem aufklaffenden Loch, doch kein zerstörter Roboterkörper stürzte auf den Boden. "Du wirst schon noch sehen, was es heißt, mir Ärger machen zu wollen", stieß Yxo aus. Dann tippte ihm etwas auf die Schulter, und laut summend wurden hinter ihm Waffen aktiviert. "Das ist doch zum Fressen..." presste der Cilthroide hervor, ließ sein Gewehr auf den Boden fallen und drehte sich langsam um. Ein elektronischer Fangarm mit unzähligen Gelenkstellen winkte ihm zu, und eine ganze Reihe anderer Fangarme hatten Waffen direkt auf ihn gerichtet. "Ich gewinne", stellte der Roboter fest, nicht ohne einen zufriedenen Unterton in der sanften Stimme. Yxo knurrte. "Ich hasse klugscheißende Sicherheitstechnik."

 

"Touchdown", rief Sam erneut, "noch 10 Schlepper, und wir können loslegen." "Na wenn das alles ist... Okay, dritter Schlepper bereit zur Fernsteuerung", meldete Nhet ihm. In diesem Augenblick betrat Yxo den Raum. "Hey, du lebst noch?" grinste Sam erleichtert, als er von den Kontrollen aufblickte. "Ein bisschen", antwortete Yxo und trat weiter nach vorne, um dem Roboter Platz zu machen, der ihm mit gezogenen Waffen folgte. Sams Grinsen fror regelrecht ein, seine Hand zuckte nach seinem Blaster, doch in diesem Augenblick waren auch schon je drei der insgesamt neun gewehrartigen Waffen auf ihn und Nhet gerichtet. Der Roboter musste sich mit all seinen Armen regelrecht durch die Tür quetschen, doch umso gewaltiger wirkte er, als er voll aufgefaltet im Kontrollraum stand, mit neun metallischen Tentakeln am Boden stehend. Die anderen neun Fangarme waren erhoben und mit Waffen verschiedener Kaliber besetzt, und der kleine, rundliche Körper, an den alle Gliedmaßen anschlossen, befand sich genau in der Mitte. "Geh' zu deinen Leuten", forderte der Roboter Yxo auf und stieß ihn mit einem Gewehr leicht an, woraufhin Yxo langsam auf die andere Seite des Raumes zu Sam und Nhet schritt. "Wer hat im Rest der Station die Beleuchtung abgeschaltet und die Atmosphäre abgesaugt?" wollte die riesige, mit ausgestreckten Armen gut 10 Meter breite Maschine wissen. "Das war ich", gestand Nhet mit einer Selbstsicherheit, die Sam von der Gfeye nicht erwartet hätte. "Dann wirst du nun beides wiederherstellen", befahl der Roboter. "Nein", sagte Nhet nach kurzem Zögern knapp. "Nhet..." presste Sam leise zwischen den Zähnen hervor, "das ist keine geeignete Situation zum zickig sein..." "Die parasitäre Pflanze hat vernunftbegabte Lebewesen getötet", sprach Nhet laut den Roboter an, "wenn ich deinem Wunsch folge, könnte das wieder passieren." "Wenn du meinem Wunsch nicht folgst, tötest du selbst ein vernunftbegabtes Lebewesen", widersprach der Roboter. Gut, überlegte sich Sam, er ist also dialogbereit, vielleicht lässt er sich einwickeln... "Vernunftbegabt?" fragte der Mensch laut, in der Hoffnung etwas Zeit zu gewinnen. Und weil es merkwürdig klang. "Diese parasitäre Pflanze, wie ihr sie nennt, ist ein intelligentes Lebewesen", erklärte der Roboter, "und damit habt ihr kein Recht, sie durch Entzug von Licht und Atmosphäre umzubringen." "Die Pflanze hat auch kein Recht, viele tausend Crewmitglieder und Stationsbesucher umzubringen", platzte Yxo wütend hervor, "hast du dir das schon mal überlegt?" "Das konnte ich nicht verhindern", entgegnete der Sicherheitsroboter, "was ich aber verhindern kann, ist der Tod der Pflanze." Es klang fast etwas verbittert, als die Maschine noch hinzu fügte: "Seht ihr denn nicht, dass es schon genug Tote gegeben hat?" "Ist das der Grund, warum du die Stationsintelligenz und die Wartungsroboter zerstört hast", erkundigte sich Nhet, "weil du die Pflanze beschützen wolltest?" "Ja", antwortete der Roboter, "es waren immerhin Computer, und keine Lebewesen." Sam standen allmählich die Schweißperlen auf der Stirn, in Anbetracht der drei Energiewaffenmündungen, die auf seinen Kopf deuteten, während deren Träger davon Sprach, Leben zu beschützen. "Indem du die Pflanze beschützt, gefährdest du aber weitere Leben", formulierte Sam vorsichtig, "was geschehen ist, könnte sich jederzeit wiederholen." "Die Pflanze ist kein wildes, hungriges Raubtier", widersprach der Roboter, "sie hat getötet, um sich zu verteidigen." "Das verstehe ich nicht", gestand Nhet ein. "Diese Wissenschaftler haben sie aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen", begann der Roboter, "und sie hierher geschleppt. Dann haben sie Experimente mit ihr gemacht, und schließlich haben sie sie in die Biosphäre gesetzt, als neue Attraktion. Dort hat sie begonnen, sich auszubreiten, sie hat sich von den dortigen Pflanzen ernähren wollen, doch jeder neue Auswuchs ist von der Stationscrew getötet worden. Sie hat Ableger gebildet, doch die wurden lebendig in die Müllbeseitigungsanlage befördert. Dann hat sie damit begonnen, versteckte Fäden unter dem anderen Pflanzenwuchs zu bilden, aber auch diese Auswüchse wurden entdeckt und vernichtet. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits eine beträchtliche Energiemenge chemisch gebunden, doch sie hat noch immer nichts unternommen. Einer der Biologen hat daraufhin mit einer Untersuchung begonnen, welchem Zweck diese Energiespeicherung dienen könnte, doch er ist dabei auf etwas völlig Anderes gestoßen: Er hat die Komplexität der Botenstoffe innerhalb der Pflanze erkannt, und ist zu dem Schluss gekommen, dass es sich um ein vernunftbegabtes Wesen handeln muss. Er hat soweit ich weiß damit begonnen, eine primitive Kommunikationsweise über chemische Stoffe aufzubauen, aber niemand hat ihn wirklich ernst genommen, und Stunde um Stunde hat die Pflanze weiter versucht, sich zu entfalten, und Stunde um Stunde sind ihr Schmerzen zugefügt worden, sind Auswüchse umgebracht worden, solange, bis sie schließlich die einzige Waffe eingesetzt hat, die ihr zur Verfügung stand. Sie wird sich nicht verteidigen, wenn sie nicht angegriffen wird." "Verdammt, das entschuldigt nicht dieses Massaker!" widersprach Yxo. "Aber unsere Bequemlichkeit bei deinem Coup würde auch nicht den Mord an der Pflanze entschuldigen", setzte Nhet plötzlich entgegen. "Es geht nicht um unsere Bequemlichkeit, sondern unsere Sicherheit", widersprach Sam. "Ich werde nicht noch einen Mord zulassen", versicherte der Roboter, "reaktiviert jetzt das Licht und die Lebensversorgung auf der gesamten Station." "Einverstanden", meinte Nhet. Sie wandte sich unter Sams und Yxos kritischen Blicken dem Terminal zu.

   Biosphere Haven wurde wieder hell erleuchtet, und ein langsam anschwellendes zischendes Geräusch verriet das Wiederherstellen einer Atmosphäre.

   "Das war vernünftig", meinte der Roboter und senkte pro Raumpirat zwei der jeweils drei Waffen, "was ist der Grund eurer Anwesenheit? Die Gfeye hat einen Coup erwähnt. Seid ihr Piraten?" "Gestatten", antwortete Yxo zynisch, "wir sind 'Fadeaway', Piraterie und Plünderung aller Art zum Spottpreis. Im Augenblick haben wir diese Raumstation auf der Einkaufsliste, natürlich müssten wir vorher noch ein bisschen sauber machen, Ungeziefer vernichten, das Übliche eben." "Bei euch ist Mord also 'Ungeziefer vernichten'?" entgegnete der Roboter. "Nicht bei mir", widersprach Nhet. Eine kurze Pause entstand, in der Sam den Mund öffnete, um etwas zu sagen, sich aber doch dagegen entschied, so dass Nhet wieder das Wort ergriff: "Ich schlage einen vernünftigen Kompromiss vor: Wir dürfen in Ruhe die Schlepper an die Station andocken und sie von hier abschleppen. Währenddessen kann sich unsere Pflanze von den Überresten im botanischen Garten ernähren und kriegt Licht und Kohlenstoffdioxid. Wir machen mit den Schleppern und der Station einen kleinen Umweg zum Heimatplaneten der Pflanze und setzen sie dort wieder ab, dafür verschwindest du von der Station und überlässt sie uns." "Ich arbeite im Auftrag der Station als Sicherheitsroboter und habe Biosphere Haven zu beschützen", erklärte der Roboter und machte eine kurze Pause, bevor er hinzu fügte: "Aber meine Auftraggeber sind tot, und an erster Stelle steht ohnehin der Schutz von Leben. Dein Angebot klingt vernünftig. Ich nehme es an. Stimmt ihr dem alle zu?" "Es klingt okay", nickte Sam misstrauisch. "Ja", knurrte Yxo, dem nichts Anderes übrig blieb. Blitzartig senkte der Roboter seine Waffenarme und rollte sie ein. Fast genauso blitzartig riss sich Yxo eine Pistole aus dem Stiefel, richtete sie auf den Roboter und wurde von einer grellen Energieladung getroffen, denn der künstliche Sicherheitswächter war von der ersten Bewegung des Cilthroiden an wieder feuerbereit gewesen. Sam starrte eine knappe Sekunde lang Yxo an, der zusammen klappte, dann griff auch er nach seinem Blaster und wurde von dem Roboter in die Brust geschossen. Elektrisiert stürzte er auf die Knie, und noch bevor er am Boden ankam, wurde alles Schwarz.

   Kurzzeitig richtete der Roboter die Waffen auch auf Nhet, doch die machte keine Anstalten, nach ihrem umgehängten Gewehr zu greifen. "Das war unnötig", sagte sie enttäuscht, wobei ihr Kamm schwankte. "Sie sind nur betäubt", erklärte der Roboter, "ich musste mich verteidigen. Ich trage eine Verantwortung gegenüber allen Lebensformen." Nhet ließ sich neben Sam und Yxo auf den Boden nieder und seufzte. "Yxo ist ein Cilthroide, und Sam ist ein Mensch", meinte sie bitter, "ich glaube kaum, dass die beiden bereit wären, die Pflanze am Leben zu lassen, schon alleine um all die Opfer zu rächen." "Was wirst du nun tun?" wollte der Roboter von Nhet wissen. "Kannst du einen Schlepper fliegen?" lautete ihre Gegenfrage. "Ich besitze gewisse Pilotenfähigkeiten", erklärte er, "warum?" "Weil wir dann diesen verdammten Plan durchziehen und die Pflanze mitsamt der ganzen Station zu ihrem Heimatplaneten bringen."

 

Abschnitt 6

 

"Guten Morgen!" rief Yxo, als sich Sam träge bewegt hatte. "Auuu..." jammerte Sam und hielt sich die Ohren zu, "nicht so laut!" Dann riss der Mensch die Augen auf und blickte sich um. Ein unfreundlich dunkles, graugrünes Cockpit ohne Fenster, sondern ausschließlich mit Monitoren, die den Weltraum zeigten. Er lag auf der Brücke der Lebensquell, und Yxo saß gerade im Pilotensitz. "Wie kommen wir hierher?" stöhnte Sam und setzte sich aufrecht, während ihm sämtliche Nerven zu schmerzen schienen. "Ich schätze, der Roboter hat uns auf die Lebensquell geschafft", vermutete Yxo und hob Sam unsanft vom Boden auf, "wir sind noch immer an der Position, wo Biosphere Haven sein müsste. Und Nhet ist nicht hier, dafür eine Nachricht auf meinem Computer: 'Tut mir leid, Freunde, aber Leben Schützen ist wichtiger.'" "Das heißt Nhet und dieser Sicherheitsschrotthaufen haben unseren Plan in die Tat umgesetzt und sich die Station unter den Nagel gerissen", vermutete Sam gereizt. "Wahrscheinlich", stimmte Yxo zu, "und das Schlimmste daran ist: Nhet scheint es nicht mal um die Station zu gehen, sondern nur um diese Pflanze!" Sam schmunzelte bei dem Gedanken so, dass es Yxo nicht bemerkte, und putzte sich provisorisch die Jacke und den Overall ab. Dabei bemerkte er etwas verdutzt, dass er seine Waffe noch bei sich trug. "Mein Gewehr haben sie mir großzügigerweise auch mitgegeben", merkte Yxo dazu an, "die haben uns nur schlicht und einfach von der Station haben wollen, ohne uns zu schaden oder uns irgendwas wegzunehmen." "Ja", seufzte Sam und warf einen Blick auf den Sensorenbildschirm der Lebensquell, der weit und breit nichts als freien Raum anzeigte, "nur eine Kleinigkeit haben sie doch mitgehen lassen..." Er machte eine bedeutungsvolle Pause und biss sich auf die Lippe, bevor er hervor stieß: "Mein Schiff!! Die haben sich die Faint gekrallt, einfach so! MEIN Schiff!" "Das kommt nicht von ungefähr", überlegte Yxo laut und setzte sich wieder, "Nhet braucht die Sensoren der Faint, um die Sub-Hyperantriebe der Schlepper ideal abstimmen zu können. Aber die werden sowieso nicht weit kommen, ohne eine Crew. Leider haben wir nur mit der Lebensquell auch nicht wirklich ideale Chancen, die Station zu finden, geschweige denn zurückzuerobern." Sam ließ sich in den Copilotensessel der Lebensquell sinken und atmete tief durch. Einige Sekunden lang überlegte er, was er sagen sollte, und er entschied sich für ein knappes, gestresstes: "Scheiße." "In einigen Stunden müsste die Crew, die ich mir bei unserem Cacalus-Freund bestellt habe, am Treffpunkt ankommen", rekapitulierte Yxo, "die werden uns wohl oder übel bei der Suche nach Nhet und Biosphere Haven helfen müssen, wenn sie ihre Schlepper als Bezahlung kriegen wollen." "Das wird sicher nicht sonderlich gut laufen", gab Sam zu bedenken. "Ist bei uns jemals etwas sonderlich gut gelaufen?" hielt Yxo dagegen. "Selten", gestand Sam, und wie um ihm recht zu geben, tauchte auf dem Sensorenschirm plötzlich eine kleine Gruppe Schiffe auf. "Was haben wir denn da..." murmelte Yxo vor sich hin und unterzog die Raumschiffe, die sich mit hoher Sub-Hyperraum-Geschwindigkeit näherten, einem genaueren Scan. "Ein Schlepper mit leichter Eskorte", stellte der Cilthroide fest, "er zieht einen beschädigten Frachter. Wie's aussieht kommen die von einer Bergungsmission zurück und wollen den Frachter nach Biosphere Haven ins Dock schleppen." "Na, die werden Augen machen", seufzte Sam in einem Tonfall, als würde er ahnen, dass es gleich Ärger geben würde, "verschwinden wir besser von hier." "Eigentlich keine schlechte Idee", stimmte Yxo zu und aktivierte die Sub-Hyperspulen, "aber der Hyperantrieb ist mittlerweile ziemlich stark abgekühlt. Es wird eine Weile dauern, ihn hochzufahren." "Na toll..." Sam begann, mit den Fingern aufs Kontrollterminal zu trommeln, während die Kontakte auf dem Sensorenschirm näher kamen. Das helle Klingen der Hyperspulen schwoll an. "Wir werden nicht rechtzeitig von hier weg kommen", vermutete Yxo. "Wie hätte es auch anders sein sollen", seufzte Sam resignierend und ließ den Kopf aufs Armaturenbrett sinken.

   Regungslos schwebte die Lebensquell, eine längliche, glatte Stromlinienform, im finsteren Weltraum, als eine Reihe Hyperraum-Rückfallblitze aufleuchtete und eine kleine Flotte auftauchte. Einer der stationseigenen Schlepper hatte sich am kuppelförmigen Bug eines Terranischen Klippers festgeklammert. Das gut hundert Meter lange, tonnenförmige Frachtraumschiff wurde offensichtlich geschleppt, auch wenn es von außen keine sichtbaren Beschädigungen aufwies. An seiner Flanke prangten die Buchstaben des Terranischen Konzerns TCMT. Das Gespann wurde von drei Terranischen Jägern der Dragonfly-Klasse begleitet, scheinbar die Eskorte des geschleppten Frachters. Die Jäger waren kleine, stromlinienförmige Kampfschiffe mit einer langgestreckten Cockpit-Sichtkuppel im vorderen Rumpfbereich und deltaförmigen Pylonen an den Flanken. Auf jedem dieser abgerundeten Flügel saß ein drehbares Energiegeschütz.

   "Vielleicht können wir uns rausreden", überlegte Yxo und öffnete einen Kom-Kanal zu den Neuankömmlingen, die im Augenblick vermutlich ziemlich verdutzt aus der Wäsche guckten, weil sie an dieser Position keinen 40 Meter langen Transporter, sondern eine 50 Kilometer durchmessende Raumstation erwartet hätten. "Hier spricht der Cilthroidsche Sicherheitstransporter Lebensquell", meldete sich Yxo, "ich rufe das Schleppergespann und dessen Eskorte. Wissen Sie über den Verbleib von IG-7 Biosphere Haven bescheid?" Es dauerte einige Sekunden, bis eine Antwort eintraf. Die raue Stimme hätte einem Esialo gehören können. "Hier spricht Kommandant Tlac vom Schlepper UT-14, Teil der stationseigenen Flotte von IG-7", lautete die aufgebrachte Antwort, "negativ... Was ist mit der Station passiert?" "Gerade das wissen wir ja nicht", antwortete Yxo, "sie ist nicht da. Wir sind hier vor einigen Minuten angekommen, weil wir Schwierigkeiten mit unserer Hyperspule hatten, und wir haben Biosphere Haven einfach nicht vorgefunden. Dies ist doch die richtige Position, oder?" "Das will ich hoffen", antwortete Tlac ratlos. Nach Sams Ansicht klang er ziemlich fertig, und der Mensch empfand Mitleid mit dem Schlepperkommandanten, der keine Ahnung hatte, dass all seine Kollegen und vielleicht auch Freunde tot waren. "Einen Augenblick..." bat Tlac plötzlich. Sam und Yxo warfen sich fragende Blicke zu, dann meldete sich der Schlepperkapitän erneut: "Lebensquell, der Kommandant des Klippers, den wir abschleppen, behauptet, sein Computer hätte Sie als gesuchtes Piratenschiff identifiziert. Wie lautet Ihre Stellungnahme dazu?" Sam presste die Zähne zusammen. Yxo warf einen Blick auf seine Maschinenanzeige und stellte fest, dass der Sub-Hyperantrieb noch immer nicht bereit war, sondern erst zu 80 Prozent. "Das ist eine unhaltbare Unterstellung", empörte sich Yxo, "wie kommt dieser Terraner dazu?" "Meine Datenbanken sind eindeutig", schaltete sich eine menschliche Stimme in das Gespräch ein, "ein Cilthroidscher Sicherheitstransporter der ST-300 Klasse namens Lebensquell wird für eine ganze Reihe von Piratenüberfällen auf Terranische Schiffe verantwortlich gemacht. Meine Eskorte wird Sie nun entern und Ihr Schiff sicherstellen." Bereitschaft des Hyperantriebs bei 85 Prozent. Du bist doch nur auf das Kopfgeld scharf, dachte sich Yxo und regte sich laut auf: "Zuerst unterstellen Sie mir Piraterie, und jetzt bedrohen Sie mich? Das wird ein Nachspiel haben, Mister..." "Uranza", stellte sich der Terraner vor, "Kommandant Uranza vom Terranischen zivilen Klipper 'SS Limoges'. Sie sollten wissen, wer Sie in den Knast bringt."

   Die drei Jäger der Dragonfly-Klasse lösten ihre Formation mit dem Schleppgespann auf und nahmen Kurs auf die Lebensquell, deren Sub-Hyperantrieb zu 90 Prozent bereit war.

   "Ihr spießigen Frachterkommandanten seid eine Pest", stieß Yxo als letzte Anmerkung hervor und beschleunigte die Lebensquell mit den Gravitonentriebwerken. Er flog eine enge Schleife und versuchte, den Jägern zu entkommen.

   Es bereitete den Dragonflies keine Schwierigkeiten, schnell aufzuholen.

   Hyperantrieb bei 93 Prozent. Yxo drückte die Nase seines Schiffs nach unten, um einer ersten Salve aus den Energiebündelkanonen der Jäger auszuweichen, dann zerrte er das Schiff nach oben und brach gleichzeitig nach Steuerbord weg. Die Lebensquell vibrierte leicht, als eine elektromagnetische Ladung aus den feindlichen Geschützen die Schilde streifte.

   Die Jäger rasten in enger Formation auf die flüchtende Lebensquell zu, aus allen Rohren feuernd. Nur noch wenige Kilometer vom Heck des kleinen Transporters entfernt, spalteten sie sich auf, um ihn einkreisen und ins Kreuzfeuer nehmen zu können.

   "Du solltest in eine Heck-Kanone investieren", schlug Sam vor, als die Lebensquell erneut durchgeschüttelt wurde und das feindliche Feuer von hinten an den Schilden zehrte.

   Als die Jäger die Lebensquell in nur wenigen hundert Metern Abstand überholten, richteten sie ihre Geschütze auf den Cilthroidschen Transporter, um ihn aus kürzester Distanz aus allen Richtungen unter Beschuss zu nehmen. An den Mündungen leuchteten die Energieladungen auf, doch ein greller Lichtblitz verkündete das Verschwinden der Lebensquell in den Hyperraum.

 

"Das war verdammt knapp", seufzte Sam, als die Lebensquell mit knapp 180 000 Lichtjahren pro Tag davon jagte. Er lehnte sich etwas entspannter in den Copilotensitz. "Ja, aber es ist noch nicht vorbei", wandte Yxo ein, "zwei der Jäger verfolgen uns im Hyperraum, einer bleibt zurück beim Frachter." "Dragonflies können bis zu acht Raketen tragen", überlegte Sam angespannt, "hoffentlich haben unsere Freunde keine hyperraumfähigen Missiles dabei." Das plötzlich ertönende Alarmsignal erübrigte die Frage. "Einer hat eine Rakete auf uns abgeschossen", musste Yxo feststellen, "Einschlag in acht Sekunden...  sieben... sechs... fünf... vier... drei... zwei..."

   Yxo riss das Schiff nach oben, um der Rakete ausweichen zu können. Ganz knapp - mit nur wenigen Lichtjahren Distanz - raste das Missile an der Lebensquell vorbei, doch der zweite Jäger feuerte auch schon das nächste Geschoss ab. Das wurde Yxo zu bunt, und er beschloss, in den Normalraum zurück zu kehren. Die Lebensquell erzeugte einen helles Rückfallleuchten, als sie aus dem Hyperraum wieder auftauchte, gefolgt von den beiden Austrittsblitzen der Dragonflies. Blitzschnell drehte sich die Lebensquell um 180 Grad und raste direkt auf die zwei Jäger zu, die Bugkanonen des Cilthroidschen Transporters nahmen eine der Dragonflies unter Beschuss. Zusätzlich feuerte Yxo auf jeden Jäger je eine zielsuchende Rakete ab.

   Augenblicklich richteten sich die Geschütze der Dragonflies auf die Missiles aus, um sie abzuschießen, doch dadurch blieb die Lebensquell selbst vorerst vom Feindfeuer verschont und konnte aus allen Rohren auf einen der beiden Jäger feuern. Während die Energieladungen der Lebensquell auf seine grell blitzenden Schilde einhagelten, gelang es dem Jäger, das auf ihn zurasende Missile gerade rechtzeitig in Stücke zu schießen, doch es war zu spät - noch bevor er die Geschütze wieder auf die Lebensquell richten konnte, wurden seine Schutzschilde vom Dauerfeuer des Cilthroidschen Transporters durchbrochen, die Energieladungen hagelten auf die Panzerung des Jägers ein.

   Yxo schaltete seine Kanonen auf Überladungsmodus und setzte damit die Elektronik des einen Jägers außer Gefecht, so dass dieser nun steuerlos driftete.

   Währenddessen war es jedoch auch dem anderen Jäger gelungen, das für ihn gedachte Missile in Stücke zu schießen, und er konzentrierte sein Feuer nun auf die Lebensquell.

   Wenige Meter jagten die Dragonfly und der kleine Transporter aneinander vorbei, wobei die drehbaren Geschütze des Jägers die Lebensquell nicht aus dem Visier ließen. Hell leuchteten Yxos Schutzschilde unter dem Beschuss auf, und er richtete das Schiff sofort nach dem Vorbeiflug wieder auf den feindlichen Jäger aus, doch der hatte aus Yxos Taktik gelernt und feuerte nun selbst eine Rakete auf die Lebensquell ab. Yxo war dazu gezwungen, mit seinen Kanonen die Rakete unter Feuer zu nehmen, und es gelang ihm auch innerhalb von Sekunden, das Missile in Stücke zu schießen, doch in dieser kurzen Zeit hatte er nicht auf den Jäger zielen können. Die Schutzschilde des kleinen Transporters fielen unter den Energieladungen der Dragonfly zusammen, und nun hagelten die Schüsse auf die Bugpanzerung der Lebensquell ein. Sie verfehlten die Bugkanone des Transporters nur knapp, und Yxo konnte gerade zwei Schüsse auf den Jäger abgeben, bevor dieser erneut dicht an der Lebensquell vorbei raste. Dabei feuerte er auf die seitliche Panzerung des Cilthroidschen Transporters und ließ deutliche Spuren darin zurück. Schließlich traf eine Salve Energieladungen direkt in die Gravitonentriebwerke, die im Heck der Lebensquell leuchteten und setzte sie damit außer Gefecht.

   Nach Sekundenbruchteilen der Finsterniss sprang die Notbeleuchtung auf der Brücke der Lebensquell an, und das verriet Yxo selbst ohne einen Blick auf die Schadenskontrollanzeige, dass die Situation verdammt ernst war. "Wir sind manövrierunfähig", musste er feststellen, "verdammte Erdlinge! Nichts gegen dich, Terraner." "Schon gut", seufzte Sam, "ich komm' sowieso nicht von der Erde..." "Wie's aussieht, will der jetzt an unserer unteren Luke andocken", kommentierte Yxo die Sensorenanzeige. "Der will uns doch nicht etwa ganz alleine entern...?" rief Sam ungläubig. Yxo zog sein Gewehr aus der Gürtel-Halterung und stieß trocken hervor: "Soll er's ruhig versuchen..."

 

Abschnitt 7

 

Langsam schob sich die gerade einmal 15 Meter lange Dragonfly auf den antriebslos im All schwebenden Transporter zu, die flache Sichtkuppel des Cockpits hatte sie der Lebensquell zugewandt. Kurz vor der Kollision bremste der Jäger ab und fuhr einen kurzen, die Cockpit-Kuppel umschließenden Andockschlauch aus, der sich langsam exakt an die untere Luke der Lebensquell schmiegte, um dem Piloten einen Zugang zu dem Cilthroidschen Transporter zu gewähren.

   Die kreisrunde Schleuse lag im Boden des unteren Korridors der Lebensquell. Davor und dahinter hatten sich Sam und Yxo flach auf den Boden gelegt und zielten mit ihren Waffen direkt auf das Schott. Als von unten ein klingendes Geräusch zu hören war, nickte Yxo kurz Sam zu und flüsterte: "Ich mach' jetzt die Luke auf." "Warum?" wollte Sam entgeistert wissen, als weitere metallische Geräusche ankündigten, dass der Eindringling es offenbar nicht schaffte, das Schott aufzubrechen. "Weil ich nicht will, dass sie mir dieser Terraner da unten aufsprengt", erklärte Yxo und drückte einen Knopf an seinem Kommunikationsgerät, worauf die Luke sich wie eine Iris teilte. Stille. Etwa eine Sekunde lang lagen die beiden Raumpiraten regungslos am Boden, dann sprangen sie beide auf die Luke zu und pressten die Abzüge fest durch. Die Impulsladungen hagelten in die Schleuse, gleichzeitig spie ein glühender Vorhang von Feindfeuer aus der Schleuse in den Korridor, dem Sam nur dadurch entging, dass er zur Seite sprang und hart gegen die Korridorwand knallte, um sich dicht daran zu pressen. Yxo warf sich ebenfalls hin und blieb ein Stück von der Bodenschleuse entfernt auf dem Rücken im Gang liegen, die Waffe weiterhin auf die offene Luke gerichtet und in flachem Winkel hinein feuernd, doch das hielt den Eindringling nicht davon ab, weiterhin Dauerfeuer aus der Luke zu streuen. Sam, der sich unmittelbar neben der Luke rücklings an die Wand presste, um von den feindlichen und von Yxos Strahlen nicht getroffen zu werden, warf dem Cilthroiden einen kurzen Blick zu, der ihm bedeutete, das Feuer einzustellen. Yxo nahm den Finger vom Abzug. Sam schaltete seine Waffe auf leichte Explosivprojektile und richtete sie auf den Rand der Bodenluke - exakter konnte er nicht hinein zielen, ohne selbst getroffen zu werden. Er drückte ab und wandte im gleichen Augenblick das Gesicht zur Wand, ein leises Summen ertönte, als das Projektil unsichtbar die Luft durchschnitt, und fast im gleichen Augenblick explodierte es am oberen Rand der Schleuse. Eine sehr unangenehme Hitzewelle erfasste Sam und den unbekannten Eindringling in der Schleuse gleichermaßen, im selben Augenblick sprang Yxo auf und stürzte mit vorgehaltenem Gewehr auf die Luke zu, um den durch die Explosion überraschten - vielleicht verletzten - Angreifer mit einer gezielten Impulsladung außer Gefecht zu setzen. Yxos Schuss traf von oben exakt in die Schleuse, doch zu seiner Überraschung kam ihm trotzdem noch eine glühende Ladung entgegen, die ihn nur knapp verfehlte. Yxo musste sich - direkt gegenüber von Sam - ebenfalls flach gegen die Korridorwand pressen, doch nun sah Sam seine Chance wieder gekommen, trat vor und gab mit seinem Blaster hastig mehrere EM-Impulse in die Luke ab, doch auch diese wurden problemlos erwidert, so dass sich Sam sofort wieder zur Wand zurückziehen musste. "Wieso ist der verdammte Erdling so zäh?!" keuchte Sam baff und erntete für den Ausdruck "verdammter Erdling" ein anerkennendes Grinsen von Yxo. Dann nickten sich beide entschlossen zu und sprangen synchron mit nach unten gerichteten Waffen auf die Luke zu, um die Schleuse mit einem Hagel aus gezielten Schüssen zu traktieren. Eine weitere ungezielte Waffenladung kam aus der Bodenluke nach oben geschossen, doch dann war der Spuk endgültig vorüber. Es roch nach Ozon. Am Boden der Schleuse - also auf der unteren Luke - lag regungslos eine menschliche Gestalt und ein mittelschwerer Impulsblaster. Die Gestalt war von Kopf bis Fuß in eine dunkle, klobige Kampfpanzerung gehüllt, die den gesamten Körper einkleidete, jedoch von der Gegenwehr der beiden Piraten verkohlt und stark mitgenommen aussah. Der Körperschutz erklärte auch, warum der Pilot ganz alleine einen Enterversuch unternommen hatte. "Schöne Grüße von Fadeaway", stieß Yxo hervor und steckte seine Waffe ein. Dann kletterte er über die Leitersprossen in die Schleuse, warf sich den offenbar bewusstlosen Eindringling über die Schulter und schleppte ihn nach oben, um ihn unsanft auf dem Boden des Gangs abzulegen. Der Cilthroide musterte den klobigen, zerschundenen Schutzanzug und stieß einen Pfiff aus. "Scheiße, der Typ hat uns die teure Kampfpanzerung ruinieren lassen", sagte er zerknirscht. "So ein verdammter Erdling aber auch", entgegnete Sam mit einem ironischen Grinsen und steckte sich den Blaster wieder in den Gürtel, "was fällt dem nur ein, sich von uns so abknallen zu lassen?" Dann kniete sich der Mensch neben seinen gepanzerten Artgenossen und nahm ihm den verdunkelten Helm ab. Dabei bemerkte er den Namen Naji, der in unspektakulärer, dunkler Schrift auf dem Helm stand. Zum Vorschein kam das dunkelhäutige, leicht faltige Gesicht eines überraschend alten, grauhaarigen Mannes. Mit einem anerkennenden Nicken deutete Sam seinen Respekt vor diesem Gegner an, denn er hatte offenbar einen alten Hasen vor sich, und irgendetwas sagte dem Piraten, dass er dem Alten in einem Zweikampf sicherlich unterlegen gewesen wäre - egal ob in diesem Korridor, oder Schiff gegen Schiff. "Der muss sich ja einiges zugetraut haben", vermutete Yxo, "sich ganz alleine auf ein Cilthroidsches Schiff zu wagen..." "Wenn sich deine Gänge nicht so schlecht zum Kapern eignen würden, hätte er's vielleicht auch hingekriegt", vermutete Sam. In diesem Augenblick begann der Eindringling, mit den Augenlidern zu zucken und leicht den Kopf zu bewegen. Offenbar war er wegen seiner Panzerung nur mäßig betäubt worden. Sam zog wieder seine Waffe und hielt sie dem Menschen direkt zwischen die Augen. Dann aktivierte er die Energieversorgung, so dass sie pfeifend anlief. "Wie lautet der Kommandocode zu deinem Schiff, Naji?" formulierte Sam laut und deutlich. Der am Boden liegende blinzelte kurz, keuchte und murmelte dann, offenbar nur halb bei Bewusstsein, eine Zahlenreihe, die sich Sam ganz passabel merken konnte. Dann brachte der Alte noch keuchend hervor: "Ihr seid gut." Nicht ganz so grob, wie es der Piraten-Stil gebieten würde, packten Sam und Yxo ihn an den Armen und stellten ihn aufrecht. Als sie ihn vorsichtig losließen, schwankte er kurz und blieb dann stehen, ohne sich abstützen zu müssen. "Wir setzen dich bei Gelegenheit irgendwo ab, wo du gefunden wirst", beschloss Yxo, und fügte für Sam noch hinzu: "Ich bring' ihn in eine Frachtkammer." Sicherheitshalber zog der Cilthroide wieder sein Gewehr und drückte es Naji in den Rücken. "Währenddessen mache ich mich mal mit meinem neuen Schiff vertraut", grinste Sam und deutete in die Bodenschleuse, unter welcher die feindliche Dragonfly angedockt hatte. Er erntete einen sehr merkwürdigen Blick vom Besitzer des Jägers, kein feindseliger Blick, sondern viel mehr einer, der Respekt vor einem würdigen Gegner zum Ausdruck brachte. Sam blickte Naji kurz nach, der von Yxo den kurzen Gang entlang Richtung Heck eskortiert wurde. Während der Pirat in die Schleuse kletterte, um seinen neu "erworbenen" Jäger in Augenschein zu nehmen, wurde er das Gefühl nicht los, dass dies nicht das letzte Gefecht mit dem Alten gewesen war.

   Das Innere des Jägers war typisch für das Cockpit einer Dragonfly. Aus der Einstiegsluke, die sich oben in der Cockpit-Sichtkuppel befand, konnte sich Sam direkt in den Pilotensitz fallen lassen, der von den Bedienungselementen des kleinen Schiffs umgeben war. Hinter dem Sitz befand sich eine winzige Kabine mit einem spartanischen Bett, einer kleinen Waschgelegenheit, sowie einem Abfallentsorgungs- und Toilettensystem. Ein kurzer Blick unter den Pilotensitz verriet Sam, dass zwar ein Survival-Koffer vorhanden war, allerdings keinerlei persönliche Gegenstände. Überhaupt war das gesamte Innere ohne jegliche Verzierungen in dem Zustand belassen worden, in dem der Jäger wohl aus der Werft geliefert worden war, was einiges über die Professionalität des Alten aussagen könnte. Oder aber der Jäger war schlicht und einfach als Firmeneigentum mehreren Piloten zugeteilt. Wie auch immer, Sam würde diese Dragonfly kräftig umgestalten müssen... Er verschaffte sich über den Kommandocode Zugriff zum Hauptcomputer des Jägers und entfernte zunächst die ID-Kennung, die den Jäger als Eigentum der TCMT Security Division auswies. Dann änderte er den Kommandocode und ließ sich als nächstes am Maschinenkontroll-Bildschirm einen kurzen Statusbericht über das kleine Schiff anzeigen. Eine typische Dragonfly, wie sie an Konzerne ausgeliefert wurde, anno 3115 vom Stapel gelaufen. Eine computergesteuerte Sicherheitssperre begrenzte die Leistung der beiden Energiebündelgeschütze, da dieser Jäger an eine zivile Organisation verkauft worden war, Sam würde sich diese Sperre bei Gelegenheit mal vornehmen müssen, doch im Augenblick wollte er sich erst mal einen Überblick verschaffen. Das Schiff war technisch völlig intakt, offenbar erst kürzlich überholt und auf Vordermann gebracht worden. Unter den Pylonen waren noch vier hyperraumfähige Mittelstrecken-Raketen mit Mikro-Antimateriesprengkopf angebracht, auch kein schlechter Fang. Die Kühlmittel-Tanks waren noch knapp zur Hälfte voll, was bei den Langstrecken-Jägern der Dragonfly-Klasse noch für einige Flüge und Gefechte reichte.

   Als Sam sein neues Schiff wieder verließ und in die Lebensquell kletterte, traf er Yxo auf dem Gang. "Wie geht's unserem Freund?" erkundigte sich der Mensch knapp und folgte Yxo über eine kurze Leiter nach oben ins Cockpit der Lebensquell. "Der sitzt glücklich und zufrieden in einer Frachtkammer", meinte Yxo knapp, "aber meinem Schiff geht's dafür umso dreckiger. Der Gravitonenantrieb ist total verreckt, und die Hyperprozessoren sind durchgebrannt. Ohne jemanden, der sich wirklich damit auskennt, sind wir hier havariert." "Nhet würde sich damit auskennen", zischte Sam wütend. Yxo ließ sich in seinen Pilotensessel fallen und verschränkte gemütlich die Arme. "Tja, dumm gelaufen", meinte er dabei trocken, "es hat selten so zum Fressen ausgesehen... Läuft wenigstens der Jäger von unserem neuen Freund?" "Diese Dragonfly sieht verdammt gut aus", erzählte Sam, "ich werd' sie behalten." "Eventuell werden wir die Lebensquell aufgeben müssen, wenn's hier zu heiß wird", gab Yxo widerwillig zu, "dann hätten wir zumindest den Jäger als Fluchtschiff. Mit dem Jäger können wir uns immer noch auf die Suche nach Nhet und Biosphere Haven machen, wenn wir erst mal unsere Crew getroffen haben." "Die beschädigte Lebensquell aufzugeben wäre die Notlösung", spekulierte Sam, "aber es gibt noch eine andere Einsatzmöglichkeit für den Jäger..." Dabei grinste der Mensch. "Was hast du vor?" erkundigte sich Yxo, woraufhin Sam das Cockpit durch die Bodenluke verließ. "Ich nehm' den Jäger, ich bin in ein einer halben Stunde wieder zurück", versprach er hastig, "halt' hier solange die Stellung!" Yxo knurrte und stellte die digitale Schubsteuerung der Lebensquell auf volle Beschleunigung, doch das kaputte Gravitonentriebwerk jaulte nur protestierend - das Schiff bewegte sich keinen Millimeter. "Überraschung", rief der Cilthroide dem Menschen nach, "da wird mir wohl nichts Anderes übrig bleiben, als die Stellung zu halten!"

 

Abschnitt 8

 

Langsam legte Nhet ihren rechten Tentakel an den etwa einen Zentimeter durchmessenden, satt grünen Pflanzenfaden, der sich den grell erleuchteten Gang entlang zog. Eine überraschend glatte, geschmeidige Oberfläche erwartete Nhet, und sie wickelte vorsichtig ihren gesamten Tentakel um das riesige, fadenförmige Blatt, das sich über Kilometer durch die Korridore schlang und in unzähligen toten Crewmitgliedern reichlich Nahrung fand. Etwas zögerlich strich Nhet über die Struktur, während im Gang hinter der Gfeye das metallische Klingen von Roboterbeinen immer lauter wurde. "Vielleicht mag sie das nicht", sagte schließlich eine Stimme hinter ihr bedenklich. "Das glaube ich nicht", meinte Nhet mit zufriedener Gelassenheit und wandte sich zu dem Sicherheitsroboter um, der sich mit allen seinen Beinen an Boden, Decke und den Wänden des Korridors hielt. "Weißt du..." fügte die Gfeye noch hinzu und machte gleich darauf eine Pause. Sie legte ihren Kamm vorsichtig an den Faden und konnte im Inneren des Wesens die Gase und Flüssigkeiten gleichmäßig pulsieren hören, wie sie die Lebensfunktionen der Pflanze aufrecht erhielten. Dann meinte sie: "Viele Lebewesen empfinden vorsichtige Berührung als beruhigend oder angenehm." Der Roboter schwieg kurz, bevor er zu bedenken gab: "Es könnte gefährlich sein, vielleicht wird sie an dir wurzeln." Nhet hielt kurz inne, doch dann streichelte sie die Pflanze weiter. "Sie hat auch an den Crewmitgliedern der Station nicht gewurzelt, solange sie noch gelebt haben, richtig?" "Richtig", gab der Roboter zu, "aber die anderen Pflanzen in der Biosphäre hat sie als Nahrung benutzt, als sie noch lebten." "Offensichtlich kann sie zwischen einfachem und vernunftbegabtem Leben unterscheiden", vermutete Nhet. "Zu dem Schluss bin ich auch gekommen", gab der Roboter zu, "aber ein gewisses Restrisiko besteht trotzdem, indem du die Pflanze anfasst. Ich will doch nur ausschließen, dass du ums Leben kommst." Nhet, die ihre Aufmerksamkeit wieder dem Grünfaden gewidmet hatte, warf ihrem Gesprächspartner nun doch noch einen kurzen Blick zu. "Du machst dir zu viele Sorgen", meinte sie. "Womöglich", lautete die Antwort des Roboters, "aber wenn ich mir nicht diese Sorgen um Leben machen würde, hätten deine Freunde die Pflanze sinnlos umgebracht." Die Gfeye legte ihren Kamm schräg und wurde etwas nachdenklicher, wobei sie immer noch das Wesen streichelte, das Tausende auf dem Gewissen hatte. "Und ich hätte die beiden dabei vielleicht unterstützt", gestand Nhet ein, "wenn du nicht gewesen wärst. Was bist du für ein Sicherheitsroboter, dem so viel am Leben Anderer liegt?" Die Maschine setzte ihren Körper auf den Boden und rollte all ihre Arme recht eng an sich, um eine Sitzhaltung zu simulieren. "Ich bin konstruiert und programmiert worden, allein um Leben zu schützen", erklärte er, "ist es nicht offensichtlich, dass ich dieses Ziel am ehesten hier auf Biosphere Haven erreichen kann, wo es so viel Leben zum Beschützen gegeben hat." "Das heißt du bist nicht speziell für Biosphere Haven konstruiert worden?" erkundigte sich Nhet überrascht. "Nein", antwortete die Maschine, "ich bin keine vom Stationssicherheitsdienst bestellte Lieferung aus dem nächstbesten Waffenladen. Ich bin - oder besser, ich war - eine hier angestellte Sicherheitskraft. Ich habe mir Biosphere Haven freiwillig ausgesucht." Nhet überlegte kurz, wobei sie schon fast automatisch weiterhin die Pflanze streichelte, dann gestand sie: "Ich hab dich eigentlich die ganze Zeit als so eine Art interaktiven Ausrüstungsgegenstand gesehen. Wie irgendeinen Schiffscomputer, oder ein Gewehr mit Sprachsteuerung. Dafür muss ich mich entschuldigen. Wie selbstständig kannst du denken?" "Die Frage ist schwer zu beantworten", meinte der Roboter, "wie selbstständig kannst du denn denken? Ich forme aus gegebenen Faktoren meine eigenen Entscheidungen, und ich entscheide in Anbetracht der bestehenden Fakten, ob ich Befehle annehme oder nicht. Und ich bin mir meiner Existenz wohl bewusst. Zumindest soweit ich das beurteilen kann." "Hast du einen Namen?" wollte Nhet amüsiert wissen. "70044, das ist meine Produktionsnummer", antwortete der Roboter und fügte schnell hinzu: "Viele Leute haben mir schon gesagt, das sei doch kein Name, und sie haben mir vorübergehend irgendeine nette Bezeichnung gegeben, aber das war nie dauerhaft. Ich identifiziere mich einfach mit dieser Nummer, seit ich denken kann." "Ist doch okay", meinte Nhet vergnügt, "ich bin Zeycal Gfeye Nhet, aber du kannst mich Nhet nennen." Sie überlegte kurz, bevor sie fragte: "Wie alt bist du überhaupt?" "Knapp 2000 Jahre", erklärte 70044, "aber seither ist so ziemlich jedes Teil meines Körpers mindestens einmal ausgetauscht worden." "Wahnsinn", staunte Nhet, "du musst ja Einiges erlebt haben." "Als Zusatzfunktion bin ich auch ein ganz passabler Geschichtenerzähler", meinte 70044, und Nhet war sich sicher, dass er als Lebewesen gegrinst hätte. In diesem Augenblick fuhr ein heftiger Stoß durch die Station, wie ihn Nhet und 70044 in den letzten Stunden bereits zweimal erlebt hatten, doch nun blieb ein stetiges, sanftes Vibrieren zurück. "Verdammt, das war jetzt der dritte Schlepper", fluchte Nhet und stand auf, um sich mit 70044 auf den Weg zum Kontrollraum zu machen, "wenn noch ein oder zwei ausfallen, müssen wir wohl oder übel in den Normalraum zurückkehren..." "Laut den Aufzeichnungen der Wissenschaftler sind es noch höchstens 5000 Lichtjahre bis zum Heimatplaneten der Pflanze", gab der Roboter zu bedenken. "Wenn wir wirklich Glück haben, können wir's schaffen", hoffte Nhet, "aber mit jedem Schlepper, der den Geist aufgibt, werden wir ein gutes Stück langsamer. Umso länger wird die Reisezeit und umso größer die Belastung für die anderen Schlepper..." "Wir brauchen offensichtlich eine qualifizierte Schleppercrew", stellte 70044 fest, "sonst sitzen wir bald fest". "Ja", meinte Nhet, "und Yxo hat sich so eine Crew bestellt. Ich schätze, er wird sich bald mit ihnen treffen, und dann hat er einen Haufen Verbündete, um nach uns zu suchen." "Was schätzt du, wird der Cilthroide tun, wenn er uns gefunden hat?" fragte 70044. "Ganz einfach", antwortete die Gfeye, "er wird ein paar Energieladungen aus unseren Flaktürmen fressen, und das wird ihn hoffentlich eine Weile zurück halten..."

 

Abschnitt 9

 

Nachdenklich saß Kommandant Tlac, ein reptilienähnlicher Esialo, im Kommandosessel auf der Brücke seines Schleppers UT-14 und konnte die Warterei nicht mehr viel länger aushalten. Die UT-14 hatte noch immer diesen Terranischen Frachter 'Limoges' im Schlepptau, und noch immer warteten sie auf die Rückkehr der beiden Dragonfly-Jäger, welche die Terraner diesen Piraten hinterher geschickt hatten. Uranza, der Terranische Kommandant, war zwar zuversichtlich, dass seine Eskorten zurück kehren würden, doch Tlac vermutete das Schlimmste: Falls diese Cilthroidschen Piraten beide Jäger ausgeschaltet hatten, waren die UT-14 und die Limoges nun fast völlig schutzlos, denn der einzige Terranische Jäger, der bei den Schiffen geblieben war, würde nicht viel ausrichten können, falls die Piraten zurück kämen. Tlac hatte natürlich umgehend die Esialoschen Behörden informiert, und nun war eine bewaffnete Aufklärungsflotte der Esialo-Navy auf dem Weg hierher, um die Piraten auszuschalten, und vor allem, um Biosphere Haven wiederzufinden. Leider würde es noch Stunden dauern, bis die Flotte eintraf, und bis dahin würde Tlac nichts Anderes zu tun haben, als über der grotesken Frage zu brüten, wieso IG-7 nicht mehr da war. Tlac war derart in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkte, wie sich auf seiner Sensorenanzeige ein Kontakt näherte. "Einer der Terranischen Jäger kommt zurück", meldete Tlacs erster Offizier, woraufhin der Kommandant aufschreckte. "Er scheint nicht beschädigt zu sein", stellte der erste Offizier fest, "aber er ist nur alleine..."

 

Als Sam aus dem Hyperraum fiel, tauchten vor der Sichtkuppel aus seinem Rückfallblitz die Umrisse der beiden großen Zivilschiffe auf. Ein Esialoscher Schlepper, mit ausgestreckten Triebwerkspylonen, der an einen Terranischen Frachter der Starlight-Klasse geklammert war. Mit mäßiger Geschwindigkeit und einem mulmigen Gefühl im Magen steuerte Sam den Jäger auf das Gespann zu. Auf eine Reaktion musste er nicht lange warten, denn sofort ertönte aus dem offenen Kom ein Ruf von dem Frachter: "Uranza an Grau 1. Erstatten Sie Bericht. Wo ist Grau 2?"

 

Tlac, Kommandant des Schleppers UT-14, musterte kritisch seinen Bildschirm, der ein Bild des sich nähernden Terranischen Jägers zeigte. "Grau 1", ertönte erneut Uranzas Aufforderung über die Koms, "was ist mit Grau 2 geschehen? Bericht!" Unruhig wartete Tlac auf eine Antwort. Nach wenigen Sekunden blitzten in bestimmten Abständen Lichtsignale innerhalb der Cockpit-Sichtkuppel der Dragonfly auf. "Offensichtlich ist sein Kom-System beschädigt", vermutete Tlacs erster Offizier, "das sind wohl Terranische Lichtzeichen." "Uranza an Grau 1", meldete sich der Kommandant der Limoges als Antwort auf die Leuchtsignale, "wir halten ein Technikerteam bereit. Kommen Sie auf Einflugvektor und docken Sie an die Limoges zur technischen Inspektion."

 

Sams Mund formte sich zu einem Grinsen, während er sich dem Frachter weiter näherte. Soviel Gutgläubigkeit hätte er diesen Leuten gar nicht zugetraut... Sogar der übrige Jäger - wahrscheinlich "Grau 3" - zeigte keinerlei Reaktion, sondern hielt weiterhin die Position in der Nähe der Limoges. Einige Kilometer näherte Sam sich noch den Schiffen, dann aktivierte er die Zielvorrichtung und richtete beide Energiegeschütze auf die Pylonen von Grau 3 aus. Er presste kurz den Feuerknopf durch, einige Impulsladungen rasten mit Lichtgeschwindigkeit auf den Jäger mit dem nichtsahnenden Piloten zu und schlugen in die Rumpfpanzerung der Dragonfly ein. Beide Pylonen wurden von den Energieentladungen durchbohrt, im Backbord-Pylon trafen die Schüsse den Kühlmitteltank. Der gesamte Flügel wurde in Trümmer gerissen und katapultierte den kleinen Jäger in eine unkontrollierte Trudelbewegung. Der Pilot sprengte sein Cockpitmodul nach oben aus der Dragonfly, um sich in Sicherheit zu bringen. "Überraschung", rief Sam und bremste ab, um wenige hundert Meter vor dem Schleppgespann zum Stillstand zu kommen, "hier kommt der Weihnachtsmann. Ich würde gerne mit dem Kommandanten des Schleppers sprechen." "Hier spricht Kommandant Tlac", meldete sich der Esialo, "wieso möchten Sie ausgerechnet mit mir sprechen?" "Weil ich einen kleinen Job für Sie und Ihr Ingenieursteam auf dem Schlepper habe", erklärte Sam. "Was soll das", schaltete sich Kommandant Uranza heftig in die Diskussion ein, "wo ist Naji?" "Also, noch mal für Sie: Es ist ein Deal", erklärte Sam und genoss es, seinen aufgebrachten Gesprächspartner zum Narren zu halten, "der Schlepper leistet einem Freund von mir technische Unterstützung, dafür bekommen Sie Ihre beiden Kampfpiloten unverletzt zurück..."

 

Immer wieder warf Yxo nervöse Blicke auf die Sensorenanzeigen, um sich zu vergewissern, dass die im Kampf außer Gefecht gesetzte Dragonfly, die noch immer in der Nähe driftete, auch tatsächlich noch außer Betrieb war. Sam war vor geraumer Zeit mit seinem neu eroberten Jäger verschwunden, und ohne Sams neues Schiff wäre die manövrierunfähige Lebensquell völlig schutzlos, sollte der Pilot der zweiten besiegten Dragonfly einen Weg finden, sein Schiff wieder flott zu kriegen. Doch Yxos Aufmerksamkeit wurde von der potentiellen Bedrohung schneller wieder abgelenkt, als ihm lieb war, denn nun erschien auf seiner Anzeige ein weiterer Kontakt, der sich mit Sub-Hyperantrieb näherte, und es handelte sich dabei eindeutig um das Gespann aus Schlepper und Frachter, zu dem die besiegten Jäger gehörten. Offenbar hatten sie beschlossen, nach ihren beiden kleinen Eskortenschiffen zu suchen, und zu allem Überfluss war der dritte Jäger der Dragonfly-Klasse noch immer bei seinen Mutterschiffen, und er würde wahrscheinlich mit Yxo kurzen Prozess machen.

   Nur ein paar Kilometer hinter der manövrierunfähigen Lebensquell fielen die zwei größeren Schiffe und die Dragonfly aus dem Sub-Hyperraum. Dann löste der Schlepper die Andockklammern von dem Terranischen Frachter und bewegte sich langsam auf die Lebensquell zu, offenbar um an den kleinen Cilthroidschen Transporter anzudocken. In unmittelbarer Nähe eskortierte die einzelne Dragonfly den Schlepper.

   Yxos Kom piepste, während sich das Schleppschiff näherte, und widerwillig öffnete Yxo einen Kanal. "Ich werde bis zum letzten Augenblick Widerstand leisten", versprach Yxo düster. "Kannst du gerne machen", antwortete eine dem Cilthroiden wohlbekannte Stimme, "aber warte damit bitte, bis dein Schiff repariert ist, ich will hier nicht noch länger mit dir festsitzen." In diesem Augenblick wurde Yxo klar, dass die Dragonfly, welche mit dem Schlepper angekommen war, nicht die dritte Eskorte war, sondern Sam. Der Mensch hatte den dritten Jäger scheinbar erledigt und das Schleppgespann zum "Mitkommen" überredet. "Terraner, was zum Tixem..." "Ich hab gewissermaßen ein kleines Geschäft abgeschlossen", erklärte Sam, "die Techniker von diesem Schlepper reparieren dir deinen Gravitonenantrieb und deine Hyperraumprozessoren, dafür lassen wir den Gefangenen Piloten frei und gestatten ihnen, den havarierten Piloten in der beschädigten Dragonfly zu bergen." Zufrieden grinsend lehnte sich Yxo zurück.

   Fünf Minuten später begann ein Ingenieursteam unter Yxos bewaffneter Aufsicht mit der Reparatur der Lebensquell.

 

Es dauerte nur etwas länger als eine Stunde, den Antrieb wieder in Gang zu setzen, und so war es nun an Yxo, seinen Teil der Abmachung einzuhalten. Mit vorgehaltenem Gewehr öffnete er die Tür zu dem kleinen Lagerraum, in dem er den Terranischen Piloten Naji eingesperrt hatte, und dieser erhob sich langsam aus einer Ecke. "Komm' mit", befahl Yxo, "ich hab eine Überraschung, die dir gefallen wird." Der Mensch musterte den Cilthroiden abfällig und folgte dann der Aufforderung. Ohne ein weiteres Wort eskortierte Yxo den Alten zur Bodenluke und bedeutete ihm mit einem Gewehrwink, hinein zu klettern. Per Knopfdruck auf seinem Kom-Gerät öffnete Yxo die Bodenluke, so dass Naji nach unten in den Schlepper klettern konnte, dabei wurde er von dem Cilthroiden nicht aus dem Visier gelassen. Unten an Bord des Schleppers wartete bereits der Esialosche Kommandant Tlac persönlich, und nachdem er leise etwas zu dem Freigelassenen gesagt hatte, blickte er nach oben zu dem Cilthroiden. "Sie stehen zu Ihrer Abmachung", sagte Tlac trocken, "wenigstens das. Können wir jetzt den havarierten Jäger bergen?" Yxo hielt die Waffe weiterhin in die Luke, um unangenehmen Überraschungen vorzubeugen, während er antwortete: "Niemand wird euch daran hindern. Ich hab's mittlerweile sowieso etwas eilig." "Weit werden Sie nicht kommen", versprach Tlac, "die Behörden wissen bescheid. Eine ganze Flotte der Esialoschen Navy ist hierher unterwegs, um Ihnen den Weg abzuschneiden." Yxo legte den Kopf schräg und erkundigte sich zynisch: "Sonst noch irgendwas in der Richtung 'Du verdammter Piratenabschaum, bald bist du fällig...'?" "Was ist mit Biosphere Haven geschehen?" lautete Tlacs letzte Frage. "Das ist eine lange Geschichte", erklärte Yxo, "aber du wirst dich mit einer Tatsache abfinden müssen..." Er zögerte kurz, bevor er die gespielte Gelassenheit aus seiner Stimme verschwinden ließ und sagte: "Sie sind alle tot, Kommandant, und ich kann nichts dafür. Doch falls mir niemand in die Quere kommt, werde ich den Schuldigen ausschalten." Dann betätigte Yxo den Schalter an seinem Kom-Gerät und das irisförmige Schott verschloss die Bodenluke.

   Die Lebensquell dockte von dem wesentlich größeren Schlepper ab, und ihr eben reparierter Gravitonenantrieb im Heck begann hell zu leuchten, als sie beschleunigte. Sam wendete seinen Jäger und begleitete die Lebensquell, bis die Piraten in den Sub-Hyperraum verschwanden und nichts als zwei Lichtblitze von ihnen zurück blieb.

   "Das war eine brauchbare Aktion", lobte Yxo seinen menschlichen Kollegen über das Kom, "unser nächstes Ziel ist der Treffpunkt mit der bestellten Crew. Falls die uns helfen, wollen wir doch mal sehen, wie weit Nhet kommen wird." "Oder wie weit wir kommen werden, falls sie uns nicht helfen..." seufzte Sam.

 

Abschnitt 10

 

Für einen Augenblick leuchtete der Weltraum mit der Intensität einer kleinen Sonne, dann befand sich im eben noch leeren Raum die gigantische schwarze Kugel von Biosphere Haven, mit ihren Werfttürmen und zwölf geradezu winzigen Schleppern an der Hülle, doch diese Schlepper würden die Station kein einziges Lichtjahr mehr bewegen. Knapp tausend Kilometer voran schwebte nun die Faint im Normalraum, die kleine mobile Sensorenplattform, die mitsamt dem riesigen Schleppgespann ebenfalls aus dem Sub-Hyperraum gefallen war.

   "Jetzt haben wir wirklich ein Problem", stellte Nhet fest, als sie im Kommandoraum von IG-7 die Telemetrie ablas, "eben ist noch ein Schlepper ausgefallen. Die Antriebskapazität der übrigen Schlepper reicht nicht mehr aus, um uns im Hyperraum zu halten." "Das heißt wir sind gestrandet", fasste 70044 zusammen. "Zumindest solange wir die Schlepper nicht reparieren können", meinte Nhet, "nur fürchte ich, dass ich das nicht kann. Bei fast allen ausgefallenen Schleppern sind die Hyperprozessoren durchgebrannt oder die Spule überlastet, das ist nichts für die Freizeit-Bastelstunde." "Dieser Cilthroide, Yxo, hat doch eine Technikercrew engagiert", überlegte 70044, "die arbeiten doch sicherlich gegen Bezahlung. Yxo hat aber nichts, womit er eine solche große Besatzung bezahlen könnte. Wir dagegen haben die gesamte Station. Es dürfte machbar sein, eine Crew, die nur auf ihr Geld aus ist, auf unsere Seite zu bringen." "Keine schlechte Idee", gab Nhet zu, "aber dazu müssten wir irgendwie mit dieser Crew in Kontakt treten. Und ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von Yxos Kontakten."

 

Der Hangar des TCMT-Frachters Limoges war nichts als der Teil des Frachtraumes, in den seitlich die große Außenklappe eingelassen war. Rund um den Jäger der Dragonfly-Klasse, der auf seinen drei Landestützen am Boden ruhte, stapelten sich Container und Drucktanks verschiedenster Formen und Größen, zum Teil vom Ladegeschirr sicher an ihrem Platz gehalten. Im Cockpit der Dragonfly "Grau 2" saß noch eine Ingenieurin und überprüfte einige letzte Einstellungen, ein Techniker hielt ein Messgerät an den Gravitonenantrieb und schien die Ergebnisse fasziniert zu studieren. Neben dem kleinen Schiff warteten Kommandant Uranza und Naji, der eine kurze Zeit in Gefangenschaft auf Yxos Schiff verbracht hatte. Uranza kaute sich ungeduldig auf der Lippe herum. "Von hier drin sieht alles gut aus", rief die Ingenieurin schließlich nach draußen und kletterte durch die obere Luke aus dem kleinen Schiff, "sie hat zwar einiges abgekriegt, aber das war nichts Ernstes. Wir haben ein paar Prozessoren austauschen müssen und die gesamte Software neu installiert, aber jetzt müsste sie wieder fliegen wie frisch aus der Werft." "Gravitonenemitter laufen auch wieder im grünen Bereich", ergänzte der Techniker am Heck des Jägers. "Dann kennen Sie Ihren Auftrag", sagte Uranza nur und nickte dem Piloten neben sich zu, "sind Sie sicher, dass Sie gleich wieder fliegen wollen? Ich kann auch Natasha da rausschicken." "Machen Sie sich keine Sorgen, Sir", antwortete der Pilot tonlos, "Sie können sich auf mich verlassen." "Ankush", erinnerte Uranza den Alten, "ich will nicht, dass Sie ein Risiko eingehen. Halten Sie den nötigen Abstand und informieren Sie uns, wenn Sie etwas gefunden haben. Wir werden das dann an die Navy-Flotte der Esialos weiterleiten, und die sind so schnell wie möglich bei Ihnen." "Ich werde kein unnötiges Risiko eingehen", entgegnete Naji halb ausweichend und nickte. Damit kletterte er auf die Oberseite der Dragonfly und ließ sich in die Luke sinken. Uranza hielt den erhobenen Daumen der außen abgedunkelten Cockpit-Sichtkuppel entgegen und winkte dann das technische Personal aus dem Raum. "Räumt den Frachtraum", befahl er, "wir starten Grau 2..."

   Zwei Minuten später raste Grau 2 wieder durch den intergalaktischen Raum, geflogen von einem Piloten, der mit Yxo und Sam noch eine Rechnung offen hatte. Und der im Gravitonenantrieb der Lebensquell versteckte Hyperfunksender wies ihm den Weg.

 

Ein kleiner, kraterübersäter Eisbrocken drehte sich langsam unter dem Punkt, an dem die Lebensquell und Sams Jäger wieder im Normalraum auftauchten. Kurzzeitig wurde durch die Rückfallblitze die Oberfläche des knapp 10 Kilometer durchmessenden Kometen erhellt, dann herrschte wieder die fast völlige Finsterniss, die nur durch das Licht einer weit entfernten, jungen Sonne schwach erleuchtet wurde, gedämpft von den Eisklumpen und Gaswolken, welche die Sonne umgaben und eines Tages zu Planeten reifen würden.

   "Hier ist der Treffpunkt", sagte Yxo, als er anfing, die nähere Umgebung zu scannen, "und wir sind sogar pünktlich." "Nette Gegend", merkte Sam eher ironisch an und starrte durch die Sichtkuppel nach draußen, in das kalte, aber majestätische Zwielicht aus schattenhaften Wolkenschwaden mitten im Weltraum. Der Mensch kam allerdings nicht dazu, das Panorama ausgiebig zu bewundern, denn in diesem Augenblick piepste das Kom. Yxo öffnete auf der Lebensquell einen Kom-Kanal und wartete. "Du musst der Cilthroide sein, Yxo", stellte eine neugierige Stimme plötzlich fest, "gut, dass du da bist. Du hast einen Auftrag für uns?" "Allerdings", antwortete der Cilthroide, "zunächst möchte ich allerdings erfahren, wer ihr seid." "Natürlich", sagte die Stimme fast entschuldigend, "ich bin Vhilat, momentaner Befehlshaber über diese Crew. Wir sind eine 520-köpfige Gruppe mit Kompetenzen in allen Bereichen der Raumschifftechnik, Hyperraumphysik und Navigation." "Ihr seid mehr, als ich brauche", meinte Yxo. "Wir verlangen aber keine größere Bezahlung, als abgemacht. Du kriegst mehr Leistung für den gleichen Preis: 12 Schlepper der Revaal-Klasse, wenn wir damit kompetent einen Schleppauftrag erfüllen, richtig?" "Mehr oder weniger", erwiderte Yxo kühl, "etwas Unvorhersehbares ist passiert, wodurch sich die Pläne leicht verändert haben. Der Auftrag ist umfangreicher geworden, dafür bin ich auch bereit, mehr zu bezahlen." "Erkläre das bitte etwas genauer." "Es ist eine längere Geschichte. Wo befindet ihr euch, ich würde euch alles gerne persönlich erklären, um ein wenig Vertrauen aufzubauen." "Bitte, erst die Details, dann zeigen wir uns." Yxo verzog das Gesicht - so offen dieser Vhilat zunächst gewirkt hatte, vorsichtig schien er doch zu sein. Und Yxo hasste vorsichtige Leute, denn sie konnten ernstzunehmende Gegner werden. "Nun gut", beschloss Yxo, "ich komme euch etwas entgegen: Eine Untergebene von mir hat mich verraten. Sie hat die Schlepper und das Frachtgut gestohlen und ist damit geflohen, allerdings wird sie ohne eine technische Crew nicht weit kommen. Wahrscheinlich ist sie schon jetzt irgendwo havariert. Wir müssen sie also finden und ihr mein Eigentum wieder abnehmen." Bei "mein Eigentum" räusperte sich Sam. "Das ist auch in eurem Interesse", fuhr Yxo fort, aber nicht ohne kurz über Sam zu grinsen, "denn diese Person besitzt im Augenblick auch eure Bezahlung." "Wird es schwierig, uns das zurückzuholen, was uns gehört?" erkundigte sich Vhilat. "Es könnte heikel werden. Weitere Details erzähle ich nur persönlich." "Nun gut ", meinte Vhilat, "damit bin ich einverstanden, aber zuvor noch eine Sache: Was ist das für eine Person, die euch bestohlen hat? Wie heißt sie, ist sie gefährlich, welche Probleme könnte sie uns bieten?" Yxo knurrte und deutete damit an, dass dies die letzten Details über eine Kom-Verbindung waren: "Sie heißt Zeycal Gfeye Nhet. Sie ist eine extrem fähige Raumschifftechnikerin, das ist ihre Stärke, und die ist nicht zu unterschätzen. Außerdem ist sie im Augenblick sehr schwer bewaffnet, wird aber aus Gründen, in denen ich mir sicher sein kann, keine tödliche Gewalt einsetzen. Und jetzt würde ich sehr gerne eure Position erfahren." Einige Sekunden herrschte Stille, dann erschien ein neuer Kontakt auf Sams Sensorenbildschirm. Ein Schiff, das offenbar eine Art schwachen Tarnmechanismus besaß, erschien von der Rückseite des Kometen und setzte beim Flug mehr Energie frei, als seine Tarnkappe verbergen konnte.

   Langsam bewegte sich das Raumschiff näher auf die zwei Piratenschiffe zu, mit seinem hohen, schmalen Rumpf, gut 300 Meter lang, fast 200 Meter hoch aber nur 70 Meter breit. Seitlich waren allerlei Ladetüren angebracht, an der Oberseite war der Rumpf gewölbt und lief vorne steil nach unten zu, während die Unterseite und das Heck so flach wirkten, als wären sie abgeschnitten. Im Bug befand sich ein gewaltiges, torbogenförmiges Frachtschott, und ein ganzes Bündel großer Triebwerksemitter stand aus dem Heck hervor und glühte.

   "Der Kahn sieht unbewaffnet aus", schätzte Sam, obwohl ihm seine Scanner durch die Tarnkappe des Schiffs wenig Information lieferten, "und der Schnellste ist er wohl auch nicht. Wenn es zum Raumgefecht mit Biosphere Haven kommt, müssen wir dieses Schiff eher beschützen, als auf seine Unterstützung zählen zu können." Yxo antwortete nicht, denn in diesem Augenblick meldete sich wieder Vhilat: "Yxo, Sie und ihre Eskorte können in unserem Schiff landen. Wir freuen uns darauf, Sie persönlich kennen zu lernen." "Pah, 'Eskorte'...", murmelte Sam vor sich hin.

   Als sich das gigantische, oben abgerundete Tor im Bug des unbekannten Schiffes teilte und die Schotthälften in den Rumpf fuhren, stellte sich heraus, dass dahinter übereinander drei Hangar-Ebenen lagen. Sam vermutete zuerst, dass in diesen Hangars Jäger stationiert waren, um das Schiff im Notfall schützen zu können, doch als das 150 Meter hohe Tor völlig offen stand, wurde deutlich, dass die einzigen Schiffe in diesen Hangars ein Transport-Landungsboot und ein kleiner Hafenschlepper waren. Der unterste Hangar war frei und bot genug Platz für die Piraten, um zu landen. "Soll ich draußen Wache halten?" erkundigte sich Sam. "Das wäre taktisch gar nicht so unklug", gab Yxo zu, "aber ich hätte da drin gerne jemanden, der mir den Rückzug decken kann. Pass' auf: Du landest neben mir im gleichen Hangar, bleibst aber auf deinem Schiff, während ich aussteige. Falls ich schnell wieder zurück auf die Lebensquell muss, kannst du mir mit den Bordgeschützen den Rücken freihalten." "Mal' den Teufel nicht an die Wand. Es wird schon alles glatt laufen." "Naja, Terraner: Wann ist in den letzten Tagen auch nur irgendetwas glatt gelaufen...?" "Eben. Wird mal wieder Zeit."

   Langsam, Flügel an Flanke, glitten die beiden Piratenschiffe in den Hangar des großen Mutterschiffs. Sams Dragonfly fuhr drei Landestützen aus, Yxos alte ST-300 entfaltete aus dem Rumpf vier lange, insektengliedartige Standbeine, und synchron setzten die zwei Schiffe sachte auf der glatten Landefläche auf, während sich die beiden riesenhaften Schotthälften dahinter wieder schlossen.

 

Abschnitt 11

 

Yxos Gewehr steckte aktiviert und schussbereit locker in seinem Gürtel, als er sein Schiff über die Rampe verließ und auf den nicht mehr ganz sauberen Boden des 50 Meter hohen Hangars trat. Das Licht aus vereinzelten Beleuchtungsflächen warf lange Schatten, und die Schwerkraft war äußerst gering, was Yxo zunächst etwas irritierte. Ein kurzer Blick nach links zeigte Yxo, dass Sams Jäger bereit stand und die Geschütze auf den Flügeln nach vorne gerichtet hatte. Yxo zog sein Kom-Gerät aus dem Gürtel und meinte zu Sam: "Ich vermisse ein Begrüßungskomitee..." Er wurde unterbrochen, als ein breites Schott an der Innenseite des Hangars nach oben fuhr und den Blick auf ein Begrüßungskomitee eröffnete, das es in sich hatte: Alle 520 Crewmitglieder schienen anwesend zu sein, sie drängten sich in einem gewaltigen Vorraum, der offenbar als Lagerhalle gedacht war, umgeben war der Pulk von Wachen, die Impulsgewehre umgehängt trugen. Jemand aus der Menge trat unbewaffnet nach vorne und ging auf Yxo zu, der so verdutzt dastand, dass er im Ernstfall vermutlich gar nicht mehr das Reaktionsvermögen gehabt hätte, nach seiner Waffe zu greifen. Denn die über 500-köpfige Besatzung um Vhilat bestand ausschließlich aus Gfeye.

   Sams Kinnlade klappte herunter, als er durch seine Cockpit-Sichtkuppel in die Menge der versammelten Besatzung starrte. Sie sahen alle verschieden aus, keiner glich dem Anderen, und doch besaßen sie alle Merkmale, um sicher sagen zu können, dass es sich bei diesen Wesen um Gfeye handelte - wie Nhet eine war. Niemand der Gfeye trug einen der metallischen Grav-Anzüge, wie ihn Nhet besaß, denn die Schwerkraft auf diesem Schiff war extrem niedrig und für Gfeye wohl absolut angenehm. Doch das war nicht der einzige Punkt, in dem sich diese Wesen von Nhet unterschieden: Es waren zwar auch schlanke, aufrecht gehende, grün-rot gestreifte Exemplare mit insgesamt vier Tentakeln dabei, ähnlich wie Nhet, doch die anatomische Vielfalt unter den Gfeye war verblüffend. Da waren bis zu drei Meter große Exemplare mit einer ganzen Reihe von stämmigen Extremitäten, es gab Individuen aus drei filigranen Fangarmen, auf deren Kreuzungspunkt der für Gfeye typische Kamm saß, hier und da war sogar ein Gfeye mit zwei Kämmen erkennbar. Kurzum gab es unter den Gfeye alle denkbaren Kombinationen von Fangarmen, Gliedmaßen und Kämmen, und jedes Individuum war auf den ersten Blick von jedem beliebigen anderen unterscheidbar. Außerdem schien es zwei Hauptgruppen zu geben: Grün-rot gestreifte und blau-rot gestreifte Gfeye, womöglich weiblich und männlich, doch das konnte Sam nur vermuten. Vhilat, der Yxo entgegen trat und ihm mit dem Kamm zuwinkte, war ein blau-rotes Exemplar, das seine zwei untersten Tentakeln als Beine benutzte und dessen oberes Körperende in zwei langen Fangarmen auslief. Auf einem davon saß der Kamm, den er hoch erhoben hielt und damit Yxos Körpergröße problemlos erreichte, und der freie Tentakel schien als Arm zu fungieren.

   "Willkommen auf unserem Schiff", begrüßte Vhilat den Cilthroiden voller Elan, klatschte seinen freien Fangarm um ihn und drückte so herzlich zu, dass Yxo versucht war, sich mit Waffengewalt zu befreien. "Ich bin Clan-Wegweiser Vezil Gfeye Vhilat", stellte sich der Gfeye vor und machte daraufhin eine theatralische Geste, welche seine Crew umfasste, "das hier sind meine Leute." "Wie schon gesagt, ich bin Yxo. Die Dragonfly gehört Sam, meinem Flügelmann. Ich muss zugeben, ich bin überrascht, eine Gruppe Gfeye vorzufinden. Dies ist erst meine zweite Begegnung mit angehörigen eurer Spezies - die erste war Zeycal Gfeye Nhet, die im Augenblick etwas hat, das mir gehört." "Du spielst darauf an, Gfeye seien nicht vertrauenswürdig?" erkundigte sich Vhilat, und neben leichtem Misstrauen gegenüber Yxo schwang vor allem Enttäuschung in seiner Stimme mit. "Das habe ich nicht behauptet", entgegnete Yxo, "ich habe nur schlechte Erfahrungen mit einer Gfeye gemacht. Kann ich euch vertrauen?" "Sicherlich. Wir machen unsere Arbeit immer gut." Yxo musterte Vhilat ein paar Sekunden, bevor er nachfragte: "Obwohl sich diese Arbeit gegen eine Artgenossin richten wird?" "Wir sind der Clan der Vezil Gfeye", entgegnete Vhilat mit erhobener Stimme, "diese Nhet dagegen ist eine Zeycal Gfeye." Yxo grinste schief. Bei den Gfeye gab es also Clanstreitigkeiten, wie bei so vielen anderen primitiven Spezies auch - das konnte ihm im Augenblick nur von Nutzen sein.

   Er erzählte Vhilat, was sein Anliegen war. Er erzählte von Biosphere Haven, von der Killer-Pflanze, von dem Kampfroboter, von Nhets Verrat, von ihrer Flucht und davon, dass Biosphere Haven und die Lebensquell im Augenblick die beiden begehrtesten Ziele der Esialo-Navy waren.

   "Die Zeycal Gfeye wird mit den Schleppern nicht weit gekommen sein", vermutete Vhilat und überschlug im Kopf ein paar Zahlen, während er im Hangar umher schlich, "einige der Schlepper sind mittlerweile womöglich überlastet und nicht mehr einsatztauglich. Wir werden also Biosphere Haven finden müssen, dann die Schlepper reparieren, und dann mit den Schleppern weiter fliegen, und das alles wahnsinnig schnell, bevor die Esialo-Navy die Station findet. Eine riesige Raumstation, die viele Millionen Tonnen wiegt, ist im intergalaktischen Weltraum ungefähr so schwer aufzuspüren, wie ein Flutlichtscheinwerfer auf einer nächtlichen Plantage." "Das kommt aber auch uns zugute", merkte Yxo an, "umso schneller finden auch wir die Station. Außerdem haben wir einen Vorteil." "Welchen?" "Nhet hat die Station gestohlen, um die Killer-Pflanze zurück zu ihrem Heimatplaneten zu bringen. Die Position dieses Planeten kennt sie aus den Logbüchern von Biosphere Haven. Nhet ist aber eine verdammt kompetente Technikerin, das heißt sie ist sich durchaus im Klaren, dass sie ohne eine Crew nicht weit kommt. Das heißt also, der Planet, zu dem sie will, muss ganz in der Nähe sein, ich sage mal höchstens 20 000 Lichtjahre entfernt. Was weiter entfernt läge, hätte sie gar nicht erst versucht, zu erreichen. Da wir uns hier aber praktisch im intergalaktischen Raum befinden, liegen in einem Umkreis von 20 000 Lichtjahren verschwindend wenige Sonnensysteme. Die Zahl der Planeten, die als Ziel für Nhet in Frage kommen, lässt sich also wahrscheinlich an einer Hand abzählen." Dazu warf Yxo einen kurzen Blick auf seine dreifingrige Hand. "Ein interessanter Plan", gab Vhilat zu, "aber es geht wahrscheinlich auch einfacher. Besitzt Nhet ein funktionierendes Sub-Hyperkommunikationssystem?" "Die Hyperraum-Antennen der Station sind durch Strahlenschäden unbrauchbar", erklärte Yxo, "aber Nhet hat die Faint, und das Kommunikationssystem der Faint ist voll einsatzbereit. Es dürfte möglich sein, sie über Sub-Hyperfunk zu erreichen, aber ich glaube kaum, dass sie antworten wird." "Ich denke schon", erwiderte Vhilat und machte eine bedeutungsvolle Pause. Yxo grinste zunächst, da er einen perfiden Plan des Vezil Gfeye erwartete, doch der Gesichtausdruck des Cilthroiden wurde schnell wieder ernst, als die bewaffneten Wächter hervortraten und Yxo ins Visier nahmen. "Tut mir wirklich leid, dass ich dich enttäuschen muss", erklärte Vhilat offenbar ernsthaft bedauernd, "aber wie ich schon gesagt habe: Wir sind der Clan der Vezil Gfeye, und Nhet ist eine Zeycal Gfeye." Yxo hätte noch gerne gefragt, was das zu bedeuten hat, doch ein kurzes Surren hinter ihm zeugte davon, dass sich Sams Geschütze bewegt hatten: Zwei Energiebündelungsgeschütze mit 30 Zentimeter durchmessendem Lauf richteten sich auf die kleine Front von sich nähernden Sicherheitswächtern aus, die sofort innehielten. Eine knappe Sekunde herrschte Stille, dann fuhr in der Hangarwand neben der Dragonfly eine Verkleidung zur Seite. Aus der Wand klappte ein flexibler Pylon, an dem ein schweres, kugelrundes Geschütz mit kurzem Lauf saß. Dieses richtete sich auf die Cockpit-Kuppel von Sams Jäger. Ein Schuss der Gfeye-Wächter würde Sam zum Feuern provozieren. Eine Ladung aus Sams Geschützen allerdings würde mit einer Salve aus der Kanone im Hangar beantwortet werden. "Hör' mal", meinte Vhilat beruhigend, vielleicht auch mehr zu sich selbst, "wir brauchen dich nur, bis wir Zeycal Gfeye Nhet gefunden haben. Dann kannst du gehen." "Vielleicht will ich aber gleich gehen." "Du verstehst nicht, worum es geht." Mit dieser Aussage traf Vhilat ziemlich ins Schwarze. Yxo hielt Gfeye für vernünftig genug, es nicht zu einem Schusswechsel kommen zu lassen, der für alle fatal enden könnte, allerdings wusste er auch nicht, was diese Gfeye vorhatten, und wie weit sie gehen würden, um dieses Ziel zu erreichen. Ohne Vhilat aus den Augen zu lassen schätzte Yxo die Entfernung zur Luke der Lebensquell auf etwa 20 Meter. Umdrehen, rennen, Luke schließen. Er könnte Tod sein, bevor er sich auch nur umgewandt hatte. In diesem Augenblick vernahm er eine Bewegung aus den Augenwinkeln und ein anschwellendes Summen, und als alle Gfeye hinter ihn starrten und auch ein paar der Sicherheitsleute ihre Waffen auf einen anderen Punkt richteten, riskierte Yxo einen kurzen Blick nach hinten: Sams Jäger, 15 Meter Länge und 10 Meter Spannweite, erhob sich knapp über das Landefeld und schwebte langsam auf Yxo zu, und für einen kurzen Moment stand der Cilthroide wie angewurzelt da und glaubte, das Raumschiff würde ihn schlicht und einfach über den Haufen fliegen. Wenige Meter vor Yxo gewann die Dragonfly allerdings an Höhe, aber nicht, ohne zur Seite zu kippen, so dass der Steuerbord-Pylonen wieder tiefer nach unten sackte. Yxo reagierte im letzten Augenblick und griff mit den Armen nach dem hervorstehenden Geschütz am Steuerbord-Pylon, das direkt auf ihn zukam. Er klammerte sich fest um den Lauf und wurde sofort von den Füßen gerissen und mit in die Luft gehoben. Ohne weiter zu zögern nutzte er das Geschütz als Reck und schwang sich mit den Beinen auf den flügelartigen Pylonen, während die Dragonfly selbst wieder zurück in horizontale Fluglage kippte, um es Yxo leichter zu machen. Das kleine Raumschiff stieg gut 20 Meter auf und drehte im hinteren Bereich des Hangars eine Schleife, um auf das große Außentor zuzusteuern. Gleichzeitig schloss sich das Innentor, um das Begrüßungskomitee in Sicherheit zu bringen, nur Vhilat und die bewaffneten Gfeye blieben im Hangar. Die Wächter begannen, mit den Impulsgewehren auf den Jäger zu feuern, doch die EM-Ladungen wurden mehr oder weniger wirkungslos von der Panzerung des kleinen Kampfschiffs absorbiert. Mit einem deutlichen Zischen aktivierte Sam die Schutzschilde des Jägers, woraufhin das Gewehrfeuer an einer unsichtbaren, blasenförmigen Barriere um das Schiff leuchtend absorbiert wurde. Damit war auch Yxo außer Gefahr. Noch schwieg die große Kanone im Hangar, und Yxo ließ endgültig das Geschütz der Dragonfly los, um sich auf dem Flügel frei aufrecht zu stellen. Im gleichen Augenblick öffnete Sam die kleine Einstiegsluke oben in der Cockpit-Kuppel, und mit einem kräftigen Satz sprang Yxo nach vorne an den Hauptrumpf der Dragonfly. Er griff fest nach der Kante der Luke, wo er nun relativ hilflos schräg zwischen der Luke und den Deltapylonen hing und verzweifelt versuchte, nicht abzurutschen. Gleichzeitig erreichte das kleine Schiff das geschlossene Außenschott, wodurch Sam dazu gezwungen wurde, noch eine enge Schleife zu drehen und wieder Kurs auf den hinteren Teil des Hangars zu nehmen, um kein allzu leichtes Ziel darzustellen. Bei dem Wendemanöver verlor Yxo allerdings mit den Füßen den Halt an der vorderen Flügelkante und schwang nach vorne, dabei rutschte auch seine rechte Hand von der Kante der Einstiegsluke ab. Verzweifelt hing er nun am Cockpit der Dragonfly und prallte bei Sams gelegentlichen Ausweichmanövern immer wieder gegen die Flanke des Schiffs, während die Schutzschilde unter dem Gewehrfeuer der Gfeye grell aufblitzten. "Verdammt, Terraner", brüllte Yxo, "tu was!!" Wie auf Kommando stieg die Dragonfly plötzlich weiter in die Höhe und vollführte dabei eine Rolle um die Längsachse. Reflexartig griff Yxo auch wieder mit der zweiten Hand nach der Luke, dann kam ihm der Gedanke, dass er, wenn die Dragonfly kopfüber schweben und er daran nach unten hängen würde, mit den Beinen ins Schutzschild-Energiefeld geraten würde, was angeblich eine sehr unangenehme Erfahrung war. Doch Sam schien daran zu denken, und ein zischendes Geräusch signalisierte, dass die Schutzschilde deaktiviert wurden. Ehe sich Yxo versah, befand sich Sams Jäger kopfüber knapp unter der Hangardecke, fast 50 Meter über dem Landefeld. Dabei hatte sich der Cilthroide fest an die Cockpitluke geklammert und baumelte daran. Ein Blick nach unten zeigte ihm die längliche, ovale Silhouette der Lebensquell auf dem Landefeld, sowie die beunruhigend kleinen Gestalten von Gfeye, die nach oben starrten und verblüfft das Feuer eingestellt hatten. "Terraner! Was zum Tixem soll das?!" brüllte Yxo, blickte dabei aber nicht nach oben in die offene Luke, hinter der Sam kopfüber saß, sondern weiterhin in die Tiefe. "Lass' los!" rief der Mensch aus dem Cockpit. "Bist du wahnsinnig?!" keuchte Yxo. "Ich weiß, was ich tue", entgegnete Sam, "jetzt lass' endlich los!" "Wenn ich dabei draufgeh', bin ich verdammt wütend auf dich!" rief der Cilthroide und löste seinen Griff. Er stürzte langsamer, als er erwartet hatte. Es war, als würde ihn die geringe Schwerkraft nur langsam erfassen, und als er erst einige Meter weit gekommen war und langsam an Geschwindigkeit gewann, raste plötzlich Sams Jäger knapp an ihm vorbei, nach unten, schneller, als der Cilthroide stürzte. Doch langsam nahm seine Fallgeschwindigkeit zu, und Panik machte sich in ihm breit, denn trotz seiner Cilthroidschen Anatomie und der niedrigen Schwerkraft würde er den Sturz alles Andere als unbeschadet überstehen, und die Umgebung begann, sich wirr zu drehen. Der Aufprall kam nicht nur früher als erwartet, sondern auch wesentlich weicher, als erwartet, dann hörte er wieder dieses Zischen, das signalisierte, dass die Dragonfly ihre Schutzschilde aktiviert hatte. Es dauerte wenige Sekunden, bis Yxo realisierte, dass er gar nicht am Boden angekommen war, sondern auf der Cockpit-Kuppel der Dragonfly. Sam hatte Yxos Sturz mit dem Jäger abgefangen, und der Cilthroide musste eingestehen, dass der Mensch das verdammt gut gemacht hatte. Direkt vor Yxos Nase befand sich die Einstiegsluke, und Yxo verschwendete keine unnötige Zeit, sondern zwängte sich sofort hinein.

   Sam musste sich vorbücken, damit Yxo durch die Luke passte und über die Lehne und Kontrollinstrumente in die enge Kabine hinter dem Cockpit klettern konnte. Das ohnehin spärliche Platzangebot bereitete dem Cilthroiden besondere Probleme. "Willkommen an Bord, hatten Sie einen angenehmen Flug?" grinste Sam und schloss per Knopfdruck die Luke. "Danke für die Hilfe", keuchte Yxo, "aber mach so was nicht noch mal. Langsam werd' ich zu alt für die Scheiße."

   Die Wächter hatten entgültig den Versuch eingestellt, den Jäger der Dragonfly-Klasse durch ihr leichtes Gewehrfeuer zu beschädigen, dafür kehrte das kleine Schiff nun zum Außentor zurück und positionierte sich direkt davor. Beide Geschütze richteten sich wieder exakt nach vorne aus. Die Gfeye schienen zu erkennen, was Sam vorhatte, und verließen den Hangar fluchtartig durch das Innentor. Gleichzeitig richtete sich die hangareigene Kanone direkt auf den Terranischen Jäger und schoss eine schimmernde Partikelladung ab, welche die Schilde der Dragonfly grell aufleuchten ließ, das Kampfschiff einige Meter zur Seite katapultierte und ins Schwanken brachte. Als Sam wieder eine stabile Fluglage gefunden hatte, ließ er sein Schiff einige Meter rückwärts gleiten, kippte es so, dass die geschützbesetzte Oberseite der Hangarkanone zugewandt war, und feuerte. Die elektromagnetischen Impulse aus den Energiegeschützen zerfetzten die geladene Kanone in einer Explosionswolke, die einen beträchtlichen Teil des Hangars ausfüllte und tausende brennende Splitter in die Wände jagte und auf den Boden regnen ließ. Danach richtete Sam seine Bewaffnung wieder nach vorne und gab erneut mehrere Salven ab. Die Ladungen hämmerten auf das gewaltige Hangarschott ein, schlugen Krater hinein und ließen verschmolzene Trümmer auf den Boden hageln. Sam machte keine Anstalten, das Feuer einzustellen, bevor er nicht ein Leck in das Tor geschossen hatte, das groß genug für eine Dragonfly war, und plötzlich öffneten die Gfeye ihr Schott freiwillig, um weitere Schäden zu vermeiden. Als sich ein riesiger Spalt in der Mitte verbreitete und die Torhälften auseinander fuhren, stoppte Sam das Bombardement.

   Geduldig und vor sich hin grinsend wartete der Mensch, während sich das Schott teilte. "Ist es das, was ihr Terraner unter 'anklopfen' versteht?" erkundigte sich Yxo, der sich gebückt an der Pilotenlehne festhielt. "Mehr oder weniger. Ist Ansichtssache." Damit beschleunigte Sam das Schiff und verließ den Hangar. "Was ist mit der Lebensquell?" protestierte Yxo. "Sichern wir erst mal die Lage um das Gfeye-Schiff", schlug Sam vor, "dann können wir wieder reinkommen und uns das alte Mädchen zurück..." Weiter kam Sam nicht, denn das Schiff vibrierte in diesem Augenblick unter Waffenfeuer, und die Schildstärke sank auf 50 Prozent.

   Drei Geschütztürme, aus dem Rumpf des Gfeye-Schiffes ausgefahren, schossen Salven auf Sams kleinen Jäger ab, doch dann wurde das Feuer wieder eingestellt.

    Sam öffnete sofort einen Kanal, als das Kom-System zu piepsen begann, und es war Vhilat, der sich meldete. "Wenn ihr uns nicht unterstützt, dann haltet euch ganz raus", drohte der Clan-Wegweiser knapp.

   Kaum war der Satz über den Äther gesendet, verschwand das Raumschiff des Vezil-Gfeye-Clans in einem grellen Hyperraum-Eintrittsleuchten, das für einen Augenblick gespenstisches Licht auf die planetaren Nebelschwaden und auf den düsteren, kalten Eisbrocken warf.

 

Abschnitt 12

 

"Die haben mein Schiff mitgehen lassen", rief Yxo fassungslos, "die haben die Lebensquell einfach mitgenommen und wollen sich auch noch meine Station unter den Nagel reißen! Mach' schon, bleib an ihnen dran!" "Ist ja gut", wiegelte Sam ab und blickte auf den Scannerschirm, auf dem zu sehen war, dass die Vezil Gfeye mit eher niedriger Sub-Hypergeschwindigkeit flüchteten, "den verlieren wir schon nicht. Der hat gerade mal 50 000 Lichtjahre pro Tag drauf." Sam gab das Gfeye-Schiff als Navigationsziel in den Computer ein und aktivierte den Hyperantrieb. Der Eintrittsblitz zuckte durchs Cockpit, und wenige Sekunden später hatte der Jäger die Verfolgung aufgenommen.

   Dass es noch einen weiteren Verfolger gab, ahnten Sam und Yxo nicht.

 

Der Schlepper UT-14 und die Limoges hatten wieder gedockt, um ihre Energiereserven zusammen zu legen, und schwebten regungslos im Weltraum, als die Esialo-Flotte ankam. Vom einen Augenblick auf den nächsten blitzte ein regelrechtes Feuerwerk durch die eisige Dunkelheit, Lichtreflexionen tanzten an den Rümpfen der beiden Zivilschiffe und sogar an den dunklen Panzerungen der neu hinzugekommenen Kriegsschiffe. Nach wenigen Sekunden war das Schauspiel vorbei, es war wieder finster, und ein ganzer Schwarm aus je 300 Meter langen, spitz zulaufenden Esialo-Kreuzern erfüllte die Weltraumregion in perfekter V-Formation, jedes der Kriegsschiffe besetzt mit zwölf riesigen, gepanzerten Geschütztürmen. Kleinere Schiffe, hauptsächlich keilförmige Kanonenboote, flitzten im Raum zwischen den mächtigen Kreuzern hin und her, und dicht gefolgt wurde die Flotte von einem kleinen Verband aus Versorgungsschiffen, die ebenfalls die typisch schroffe, sich nach vorne verjüngende Form von Esialo-Schiffen hatten, wenn auch etwas gedrungener.

   "Hier spricht Großkommandantin Trall von der Esialo-Navy", meldete sich die Leiterin der Flotte, "wir wurden geschickt, um das Verschwinden von IG-7 und die mögliche Beteiligung des Cilthroidschen Piratenschiffs 'Lebensquell' zu untersuchen. UT-14 und Limoges, wir haben Ihre Berichte erhalten und werden nun eine intensive Suchaktion starten. Eine Eskorte aus fünf Kanonenbooten wird bei Ihnen bleiben, während unsere Versorgungsschiffe Ihnen alle nötige Unterstützung geben werden." "Hier UT-14", meldete sich Schlepperkommandant Tlac, "Sie sollten wissen, dass es uns gelungen ist, einen schwachen Sub-Hyperfunksender in den Maschinen des Cilthroidschen Piratenschiffes zu installieren. Einer der Terranischen Jäger hat die Verfolgung der Piraten aufgenommen und wird Bericht erstatten, sobald sich etwas ereignet." "Gut gemacht", lobte Großkommandantin Trall nach einer kurzem Pause, doch sie hatte einen gewissen kritischen Unterton in der Stimme, "aber Sie sollten sich nicht unnötig in Gefahr begeben. Jedenfalls werden wir in diesem Fall unser Vorgehen ändern. Ich werde die Flotte teilen und eine Gruppe Kreuzer auf eine Suchaktion schicken, während ich mit der anderen Gruppe hier bei Ihnen darauf warten werde, dass sich der Terranische Pilot meldet."

   Keine fünf Sekunden nach dem Beschluss der Subkommandantin setzte sich die Hälfte der Kreuzer in Bewegung. Eskortiert von je vier Kanonenbooten entfernte sich jeder Kreuzer der Suchflotte in eine andere Richtung, die Schiffe würden eine kugelförmige Front bilden, ihren Sensoren würde nichts im näheren Umkreis entgehen. Eine Hülle aus grellem Licht umschloss kurzzeitig den zurückgebliebenen Flottenteil, als die ausschwärmenden Kreuzer in den Hyperraum verschwanden.

 

Der 3-D-Bildschirm im Zentrum von Biosphere Havens geräumiger Kommandozentrale zeigte die langsam rotierende dreidimensionale Darstellung eines Schleppers, mit seinen weit auslaufenden Triebwerkspylonen. Sämtliche Schiffssysteme im Inneren der durchsichtigen Gittergraphik waren skizziert, Telemetrie-Daten waren zu sämtlichen Systemen aufgelistet. Beunruhigt bewegte sich Nhet um die technische Skizze, ihr Kamm bewegte sich dabei interessiert vor und zurück. "Ich denke, ich weiß jetzt, wo das Problem bei dem Kahn liegt", meinte sie, "aber das kriegen wir unmöglich alleine wieder in Ordnung." "Wenn wir wenigstens einen Schlepper wieder funktionsfähig kriegen würden, könnten wir den Flug fortsetzen", meinte 70044, der sich mit eingerollten Gliedmaßen am Boden niedergelassen hatte. "Ich weiß, aber gerade das ist ja das Problem", seufzte Nhet, "wir werden nicht mal einen einzigen von den kaputten Schleppern dazu bringen, auch nur ein weiteres Lichtjahr vor sich hin zu gurken. Ziemlich frustrierend, so kurz vor dem Ziel, hm?" Nhets Versuch, 70044 mit dieser Bemerkung in ein etwas ausgelasseneres Gespräch zu verwickeln, endete kläglich, als ein weiteres Signal durch den Kommandoraum schallte. Binnen Sekundenbruchteilen war 70044 wieder voll aufgefaltet und einsatzbereit. Über das kreisrunde Terminal, das den zentralen 3-D-Bildschirm umschloss, deaktivierte Nhet den Piepton und erkundigte sich über den Grund für das Signal. "Jemand sendet eine Sub-Hyperfunk-Nachricht an die Faint", stellte Nhet dann fest, "offenbar will uns jemand kontaktieren." "Wer ist es?" wollte 70044 wissen. "Mal sehen..." meinte Nhet und schaltete die Nachricht auf den großen Bildschirm... Und erstarrte, als das Portrait des Absenders erschien. "Hier spricht Clan-Wegweiser Vezil Gfeye Vhilat", begann das Wesen, auf dessen blau-rot gestreiftem Tentakel ein schmaler, zierlicher Kamm saß, "ich rufe Zeycal Gfeye Nhet. Ich weiß, dass du irgendwo da draußen bist, Zeycal Gfeye. Ich ersuche dich dringend um Antwort." Nhets Kamm begann, aufgeregt vor und zurück zu wippen, als sie den Vezil Gfeye verblüfft anstarrte. Dann blickte sie zu 70044 und deutete in das Abbild von Vezil Gfeye Vhilat. "Sieh' nur", rief sie glücklich, "das ist ein Gfeye!"

 

Auch Sam und Yxo, die dem Schiff des Vezil-Gfeye-Clans mit nur wenigen Lichtjahren Abstand folgten, hatten die Nachricht empfangen, die Vhilat in der Hoffnung, Nhet zu erreichen, in alle Richtungen durch den Hyperraum gesendet hatte. "Wenn Nhet antwortet", spekulierte Sam, "dann werden sie sich nur noch exakt gegenseitig anfunken. Wir werden vom Rest der Unterhaltung nichts mitkriegen." "Das ist aber letztendlich völlig egal", meinte Yxo, "wir bleiben einfach dicht an den Vezil Gfeye dran. Ich weiß nicht, was diese Gfeye für einen Narren an Nhet gefressen haben, aber Nhet wird sich nicht die Chance entgehen lassen, sich mit Artgenossen zu treffen. Und dann führen die Spinner uns direkt zu unserer kleinen Verräterin." Und wie auf Kommando änderte das Gfeye-Schiff plötzlich den Kurs um einige Grad. Der Navigationscomputer von Sams Jäger vollzog das gleiche Manöver und blieb auf Verfolgungskurs. "Jetzt hat Nhet ihnen also verraten, wo sie steckt", vermutete Yxo. "Ich kapier' das nicht", seufzte Sam, "die wissen doch genau, dass wir sie verfolgen. Wieso führen die uns so einfach zu Nhet?" "Weil wir keine Bedrohung darstellen", entgegnete Yxo, "allein dieses Gfeye-Schiff ist uns an Feuerkraft überlegen, ganz zu schweigen von den Geschütztürmen von Biosphere Haven. Wir stehen noch viel beschissener da, als am Anfang. Nicht nur Nhet hat uns verraten, sondern auch noch unsere bestellte Crew! Wenn Nhet nicht will, dass wir uns Biosphere Haven auf mehr als ein paar Millionen Kilometer nähern, dann werden wir uns Biosphere Haven auch nicht nähern, weil sie uns vorher ganz sauber vom Himmel pusten kann."

   Es dauerte noch einige Stunden, bis das Gfeye-Schiff Biosphere Haven erreichte, doch als es soweit war, wurde Sam zunehmend mulmig. Biosphere Haven war noch viele tausend Kilometer entfernt, als er den Jäger aus dem Hyperraum fallen ließ, doch etwas Sicherheitsabstand war ihm wesentlich angenehmer. In der Finsterniss des intergalaktischen Raums war die Station auf diese Entfernung nicht zu erkennen, lediglich die Scanneranzeigen zeugten davon, dass direkt vor dem kleinen Piratenschiff die gigantische Kugelhülle steuerlos trieb. Die Geschütztürme von IG-7 waren laut den Scannern des Jägers ausgefahren, einsatzbereit, und direkt auf die beiden Raumpiraten ausgerichtet. In der Nähe erkannten die Scanner auch den guten, alten Aufklärer Faint, und einige tausend Kilometer vor Sam und Yxo näherte sich das Gfeye-Schiff der Riesenstation, auf direktem Rendezvous-Kurs. "Diese Vezil Gfeye fliegen auf Biosphere Haven zu, als wären sie da zuhause", regte sich Yxo auf, "scheinbar haben die sich über Sub-Hyperfunk bereits ausgiebig mit Nhet abgesprochen." "Ich würde zu gerne wissen, was die Vezil Gfeye vorhaben..." seufzte Sam kopfschüttelnd. "Die Frage ist vielmehr, was wir jetzt tun wollen", überlegte Yxo, "ich finde, wir sollten genauso dreist sein und auch einfach auf die Station zufliegen. Nhet ist nicht von der Sorte, die gleich den Abzug durchdrückt. Die wird erst versuchen, mit uns zu reden."

   Kaum hatte Yxo den Satz beendet, lösten sich drei Schüsse aus den Flaks von Biosphere Haven. Die hochgeladenen elektromagnetischen Impulse überbrückten die Entfernung zu Sams Jäger mit Lichtgeschwindigkeit innerhalb von Sekundenbruchteilen und rasten nur wenige hundert Meter über die Cockpit-Sichtkuppel des kleinen Piratenschiffs hinweg.

   Kopfschüttelnd brach Sam den langsamen Anflug endgültig ab und zog den Steuerknüppel zu sich, um sich in einem engen Looping wieder von der Station zu entfernen. "Die Irre meint's wirklich ernst!" rief Yxo. Doch die Geschütztürme schwiegen ab jetzt. Stattdessen piepste das Kom-Gerät, als eine Meldung von Biosphere Haven ankam. "Terranischer Jäger, identifizieren Sie sich!" forderte die Stimme des Kampfroboters, der den beiden Piraten so viel Ärger bereitet hatte. "Alte Bekannte", zischte Yxo, noch bevor Sam etwas antworten konnte, "ihr habt etwas, das uns gehört!" "Yxo und Sam", stellte der Roboter in gemäßigtem Tonfall fest, "interessant. Es sind unerwartete Entwicklungen eingetreten. Nhet möchte euch deswegen sprechen, aber erst später. Haltet diese Entfernung, bis das Schiff der Vezil Gfeye sicher in Biosphere Haven eingeflogen ist. Dann werdet ihr Einflugerlaubnis erhalten." "Verstanden, Biosphere Haven", bestätigte Sam und schloss die Verbindung, bevor Yxo völlig ausrasten konnte. "'Einflugerlaubnis'", keuchte Yxo, "dieser Baukasten-Sicherheitswächter aus dem Bastelladen will MIR für MEINE Raumstation Einflugerlaubnis erteilen! Und was bildet sich Nhet überhaupt ein?! Sie will uns sprechen! Na, wie großzügig, dass uns Zeycal Gfeye Nhet eine Audienz gewähren will!" "Reg' dich mal nicht so auf", versuchte Sam, "abzuwiegeln, es ist jetzt das Vernünftigste, wenn wir uns mit ihr zusammen setzen und versuchen, das zu klären. Etwas Anderes bleibt uns nicht übrig, und vielleicht erfahren wir dann auch, was es mit diesen Vezil Gfeye auf sich hat." "Aber..." setzte Yxo an, doch Sam unterbrach ihn: "Aber, aber, motz, motz, motz, ich will mein Fläschchen! Yxo, es geht eben nicht anders!" Es hätte womöglich in einer endlosen verbalen Schlacht geendet, hätte der Cilthroide die Anspielung mit dem Fläschchen verstanden, doch so presste Yxo nur ein trotziges Grunzen hervor. Es war auch nicht die Zeit für Diskussionen, denn auf dem Scannerschirm tauchte ein weiterer Kontakt auf. "Ein kleines Raumschiff nähert sich mit hoher Sub-Hyperraum-Geschwindigkeit", stellte Sam fest, "könnte ein Jäger oder leichter Transporter sein. Er kommt aus der gleichen Richtung, wie wir." "Kann uns jemand gefolgt sein?" grübelte Yxo laut.

   Wenige Kilometer von Sams Jäger der Dragonfly-Klasse entfernt fiel der Neuankömmling grell blitzend in den Normalraum zurück - es handelte sich ebenfalls um eine Terranische Dragonfly, mit der grauen Rumpffarbe eines TCMT-Jägers.

   "So sieht man sich wieder..." begrüßte der Pilot des eben angekommenen Jägers die beiden Piraten über das Kom, und Sam ahnte, dass sie es hier mit dem Alten zu tun hatten, der bereits versucht hatte, die Lebensquell zu kapern. Naji. "Sie müssen ganz schön mutig sein, sich hierher zu wagen", antwortete Sam in bewusst gleichgültigem Tonfall, "wie auch immer Sie uns gefunden haben." "Und Ihr Cilthroidscher Kollege muss ganz schön dämlich sein, wenn er feindliche Ingenieure auf sein Schiff lässt. Nein, mein Guter, ich bin nicht alleine hier. In diesem Augenblick sende ich die Position dieser Station an eine gesamte Flotte der Esialo-Navy. Und das wird mir eine ordentliche Belohnung bescheren." Sam richtete seinen Jäger auf Naji aus, dessen Bug und Waffen ebenfalls direkt auf das Piratenschiff zeigten. Beide Jäger kamen sich gegenüber zum Stillstand. "Sie sollten nicht so zuversichtlich sein", warnte Sam seinen Kontrahenten, "solange Ihre Flotte noch nicht hier ist, brauchen Sie nicht die Klappe aufreißen. Unsere Schiffe sind identisch, Sie wollen es doch nicht wirklich drauf ankommen lassen?" "Wieso nicht?" fragte der Alte trocken.

   Einige Sekunden herrschte absolutes Schweigen. An beiden Jägern fehlte bereits Raketenlast, Sam trug noch vier Missiles, doch Naji hatte noch fünf zur Verfügung. Die zwei kleinen Kampfschiffe schwebten sich still und regungslos gegenüber. Dann drückten beide Piloten fast gleichzeitig die Abzüge durch, je eine Rakete löste sich von den Pylonen der Jäger und schoss auf den jeweils anderen zu. Sam beschleunigte seinen Jäger und ließ ihn steuerbord nach unten wegbrechen. Das eine Geschütz richtete er feuernd auf die feindliche Rakete, das andere auf den feindlichen Jäger. Naji konzentrierte sein Feuer sofort auf das für ihn bestimmte Missile und brachte es im Kreuzfeuer sehr schnell zur Explosion, während bereits Sams erste Schüsse auf seine Schutzschilde trafen. Naji gab ebenfalls volle Beschleunigung und versuchte, dem Feuer des Piraten so gut wie möglich auszuweichen, während er nun ebenfalls seine Geschütze auf den Piraten richtete. Sam hatte die für ihn bestimmte Rakete verfehlt, die nun hinter ihm einen Bogen zog, um wieder auf Kollisionskurs mit seinem gekaperten Jäger zu gehen, doch in der Zuversicht, dem Missile noch einmal ausweichen zu können, richtete nun auch er beide Geschütze auf den Alten. Beide Jäger rasten dicht übereinander vorbei, ein Feuerwerk aus Impulsladungen zwischen ihnen. Während sie enge Schleifen zogen, um dem jeweiligen Feind wieder den Bug zuzuwenden, waren die drehbaren Energiegeschütze immer so gut wie möglich aufeinander fixiert. Die Schutzschilde der kleinen Kampfschiffe wurden rapide schwächer. Auf diese Weise würde selbst der Gewinner das Gefecht nur schwerbeschädigt überstehen, doch Sam hatte für einen kurzen Augenblick die Rakete ignoriert, die noch immer versuchte, mit seinem Schiff zu kollidieren, und so sah er sich nach seiner 180°-Schleife dem Missile direkt gegenüber. Blitzartig visierte er den Flugkörper an, seine Geschütze erledigten die Rakete nur wenige Meter vor seinem Bug. Doch die bei der Explosion freigesetzte Energie reichte, um seine Schilde vollends zusammen brechen zu lassen, und nun war die Rumpfpanzerung den feindlichen Energieladungen ausgesetzt.

   Sams Jäger wurde kräftig geschüttelt, als ihn eine Salve der feindlichen Geschütze erwischte. Yxo musste sich fest an Sams Rückenlehne krallen, um nicht von den Füßen gerissen zu werden. Einen knappen Meter vor der Cockpit-Sichtluke wurde ein klaffendes Loch in Sams Bugpanzerung gesprengt, die nächsten Treffer erwischten den Backbord-Pylon. Ein Warnsignal schallte durch das enge Cockpit, während Sam verzweifelt wieder den feindlichen Jäger ins Visier nahm, doch nur noch eines der beiden Geschütze feuerte. "Wir haben das Backbord-Geschütz verloren", rief Sam. Mit wenigen Metern Abstand sauste der feindliche Jäger erneut über die Sichtkuppel des Piratenschiffs hinweg und feuerte weiter, doch Sam konnte seinen Jäger schnell genug zur Seite reißen, um einen weiteren Treffer zu vermeiden. Ein blendender Lichtblitz zuckte plötzlich auf, dann ein Weiterer, und erst beim dritten begriff Sam, dass es sich um Warnschüsse aus den Türmen von Biosphere Haven handelte. "Terranischer Jäger", richtete der Roboter seine Worte über das Kom an den Alten, "stellen Sie das Feuer ein und verlassen Sie umgehend das Gebiet." Kein weiterer Schuss fiel, stattdessen schien Naji nun zur Diskussion geneigt: "Wer verlangt das?" "Diejenigen, die sämtliche Flak-Stellungen von Biosphere Haven unter Kontrolle haben", lautete die Antwort, die wenig Widerspruch zuließ, "Sie sollten unseren Anweisungen Folge leisten, oder Sie werden die Konsequenzen tragen." Nach einer kurzen Pause entgegnete der Alte: "Ich werde nicht alleine zurückkommen."

  Damit wendete er seinen Jäger, beschleunigte und verließ in einem hellen Lichtblitz den Normalraum.

   "Danke, alter Blechhaufen", seufzte Sam ins Kom, und erntete für den versöhnlichen Tonfall einen tadelnden Blick von Yxo. "Ihr könnt jetzt einfliegen", beschloss 70044, "das Schiff der Vezil Gfeye hat mit Biosphere Haven gedockt. Wir öffnen einen Hangar in Werftturm 4, dort könnt ihr landen."

 

Abschnitt 13

 

70044 wartete bereits im Hangar, als Sam und Yxo landeten. Der Sicherheitsroboter hatte sämtliche Waffen auf den langsam einfliegenden Jäger gerichtet. Der Hangar war lediglich für einen einzigen Jäger oder eine Raumfähre ausgelegt, keine weiteren Schiffe standen in der Halle, in deren Ecken sich bereits satte, grüne Ableger der Pflanze angesiedelt hatten. Der gekaperte Jäger bot einen kläglichen Anblick, als er mit den drei ausgefahrenen Landestützen am Boden des Hangars aufsetzte: Vor der langen, flachen Cockpit-Kuppel klaffte ein tiefschwarzer Krater in der grauen Panzerung, und in der Mitte des linken Pylons, dort, wo sich eigentlich das Backbord-Geschütz befinden sollte, waren nur noch verbrannte, gerissene Leitungen sichtbar. Hier fehlte ein ganzes Stück der Panzerung völlig, rund um das gewaltige Loch war der Rumpf verkohlt. Das Summen des Gravitonenantriebs klang ab, und in der Cockpit-Kuppel öffnete sich eine Luke. Zuerst kletterte Sam aus dem Jäger, erhob die Hände und trat auf dem Rumpf vorsichtig einige Schritte zurück, dann verließ Yxo das Schiff. "Ach, du bist auch noch da", meinte Yxo mit gespieltem Enthusiasmus, "eine Freude, dich zu sehen." "Lass' das", befahl 70044, "es gibt jetzt Wichtigeres, als aufeinander herum zu hacken. Folgt mir zu Nhet, sie ist gerade bei den Vezil Gfeye." Damit trabte der Roboter in Richtung Ausgang, seine Beine gaben auf dem Boden ein metallisches Klappern von sich. Yxo und Sam warfen sich kurz fragende Blicke zu, dann sprangen sie vom Rumpf des Jägers und folgten dem Sicherheitsroboter nach draußen. "Ich bin übrigens 70044", stellte sich der Roboter noch knapp vor.

   70044 führte die Piraten in einen großen, nur matt erleuchteten Saal mit schwacher Gravitation, eventuell ein leerer Laderaum, wo sich den beiden ein merkwürdiges Bild bot. Der gesamte Clan der Vezil Gfeye war versammelt. Nhet, in der leichten Schwerkraft ohne Grav-Anzug, wühlte sich durch die aufgeregte Menge an Clanmitgliedern und umschlang jede und jeden Vezil Gfeye herzlich mit ihren Tentakeln, mehrere Sekunden, dann war der oder die nächste an der Reihe. "Man kann's mit den Begrüßungsformalitäten auch übertreiben", flüsterte Yxo Sam zu. "Allerdings", antwortete der Mensch, aber erst nach gut 30 Sekunden, in denen Nhet ihre Umarmungen fortsetzte und keine Anstalten machte, die beiden Raumpiraten zu beachten. Erst, als sie jeden Einzelnen persönlich begrüßt hatte, zwängte sie sich durch die Masse an Gfeye zurück und wandte sich Sam und Yxo zu. "Ich weiß, das ist wahrscheinlich alles ziemlich verwirrend für euch", begann sie hastig. "Verwirrend", rief Yxo, "ich bin stinksauer! Was soll das alles?" "Ich und 70044, wir wollen die Pflanze zurück zu ihrem Heimatplaneten bringen", erklärte Nhet begeistert, "und die Vezil Gfeye werden uns dabei helfen." "Oh, wenn das alles ist... Da solltet ihr euch mal beeilen", zischte Yxo, "eine Esialo-Flotte ist nämlich auf dem Weg hierher." "Das kriegen wir schon hin", entgegnete Nhet zuversichtlich, "die Vezil Gfeye sind unheimlich fähig. Mit deren Hilfe können wir die Schlepper wieder in Gang bringen und die Station sicher zum Heimatplaneten der Pflanze bringen." Dann wandte sie sich an Sam. "Außerdem werden die Vezil Gfeye bestimmt auch deinen Jäger wieder in Schuss bringen, wenn du sie freundlich fragst." "Wenn ihr diese durchgeknallte Pflanze abgesetzt habt", erkundigte sich Yxo und versuchte in Anbetracht der Situation nun auch einen Kompromiss herauszuhandeln, "krieg' ich dann endlich meine Station?" "Die werden wir leider behalten", antwortete Nhet. "Hätte ich mir gleich denken können", spuckte Yxo aus. "Es ist nicht so, wie du denkst", meinte Nhet hastig, "wir werden die Station als unser neues Zuhause brauchen." Sie bewegte ihren Kamm dabei kurz in Richtung der Vezil Gfeye. "Was zum Tixem hat es mit dir und diesen Vezil Gfeye auf sich?" wollte Yxo endgültig wissen. Nhet warf Vezil Gfeye Vhilat einen knappen Blick zu, woraufhin dieser ein paar Schritte vortrat. "Es geht um viel mehr als nur einen Gfeye-Clan und eine Raumstation", erklärte Nhet, "aber um das zu verstehen, braucht ihr einen knappen Überblick über die Geschichte unserer Spezies, die Geschichte der Gfeye." "Ich warte..." forderte Yxo Nhet ungeduldig auf, die Geschichte loszuwerden. "Vhilat ist der bessere Geschichtenerzähler", meinte Nhet nur ruhig. "Danke", antwortete Vhilat knapp und blickte die beiden Raumpiraten etwas genauer an, wobei sein Kamm ruhig und abgeklärt schwankte.

   "Die Geschichte der Gfeye, unsere Geschichte", begann Vhilat, "ist eine Geschichte von Leid, Krieg und Mord. Wir sind ein Volk von Sklavinnen und Sklaven, geschaffen, um seinen Schöpfern die Arbeit abzunehmen. Einst waren diese Schöpfer eine Zivilisation an der Schwelle zur Kolonialmacht.

   Sie lebten auf einem Gasriesen. Die Zivilisation, die sie sich in der dicken Atmosphäre ihrer Welt aufgebaut hatten, war die Krönung einer Evolution, die sich im Laufe von vielen Jahrmilliarden vollzogen hatte, unter Umwelteinflüssen, welche die Entwicklung von intelligentem Leben, geschweige denn einer technologischen Zivilisation, so gut wie unmöglich erscheinen lassen. Die Schöpfer waren ein unglaublicher Glücksgriff der Natur, und sie waren brillant. Es gelang ihnen, die Raumfahrt möglich zu machen. Zunächst wurden Sonden in den Weltraum geschickt, und schnell merkten die Schöpfer, dass ihre Heimat, eine unwirtliche, gasförmige Hülle, von einer großen Zahl an Monden umkreist wurde. Im Gegensatz zu ihrer Heimatwelt waren diese Monde klein, sie besaßen eine geringe Schwerkraft, und vor allem waren sie aus festem Material - aus Fels, aus Eis, oder aus verschiedenen Metallen.

   Für einen Terranischen oder Cilthroidschen Tiefenraum-Aufklärer wären diese Monde lediglich kümmerliche Dreckklumpen ohne Wert gewesen, doch solides Material, das nicht erst umständlich chemisch erzeugt oder aus lebender Biomasse gewonnen werden musste, war für die Schöpfer auf ihrem Gasplaneten von nahezu unendlichem Wert. So wurde schnell beschlossen, dieses Material abzubauen und nutzbar zu machen, doch die Schöpfer selbst waren bemitleidenswerte Geschöpfe: Ihre gigantische Körpergröße, die an ausgewachsene Raumschiffe heranreichte, und ihr Körpergewicht machten es ihnen nicht möglich, diese Monde persönlich zu erreichen - immerhin stand ihre Raumfahrt erst in den Anfangsphasen. Genauso wenig war ihre Computertechnologie ausgereift genug, um unbemannte Roboter-Bergwerke zu ermöglichen. Also griffen sie auf das Technologiefeld zurück, auf dem sie sich bereits am besten auskannten: Seit jeher hatten sie festes Material aus Biomasse gewonnen, und ihre Erfahrung mit Biotechnologie war groß.

   Daher beschlossen sie, Lebewesen zu schaffen, die dafür geeignet waren, unter den unwirtlichen Umweltbedingungen der Monde zu arbeiten: Sie mussten in der Lage sein, mit möglichst wenig Atemluft auszukommen, sie mussten strahlungsresistent sein. Und sie mussten vernunftbegabt sein, um alle denkbaren anfallenden Arbeiten ausführen zu können. Die Gfeye wurden erschaffen.

   Für die verschiedensten Aufgaben wurden die verschiedensten körperlichen Variationen entwickelt, gleichzeitig lief die Produktion von geeigneten Raumfahrzeugen auf Hochtouren, und so konnten bereits nach kurzer Zeit erste Bergwerke auf den Monden errichtet werden. Einer diese Monde war Vezil - wir Vezil Gfeye sind also die Emporkömmlinge der Vezil-Bergbaukolonie. Ein anderer dieser Monde war Zeycal. Nhets Vorfahren stammten also von der Zeycal-Kolonie.

   Für die Schöpfer waren die Gfeye lediglich hochentwickelte Arbeitsmaschinen, und so bestand ihre Aufgabe darin, möglichst viel verwertbares Material abzubauen und runter auf den Heimatplaneten der Schöpfer zu schicken. Die Schöpfer schickten den Gfeye im Gegenzug technische Ersatzteile zurück und die nötigen Nährstoffe, um die Gfeye am Leben zu erhalten und damit ihre Arbeitsfähigkeit zu sichern.

   Im Laufe der Zeit lernten die Gfeye, mit ihrer Vernunftbegabtheit umzugehen. Waren sie bisher lediglich ihren Aufgaben nachgegangen, lernten sie schnell, dass sie Vernunft auch kreativ nutzen konnten, schöpferisch. Sie erkannten, dass sich die abgebauten Ressourcen auch zu ihrem eigenen Nutzen einsetzen ließen. Die verschiedenen Bergwerksmonde bauten eine Kommunikation untereinander auf, sie entwickelten Einrichtungen zur eigenen Bequemlichkeit, sie entdeckten die Kunst, und sie lernten mit Hilfe der von den Schöpfern zur Verfügung gestellten Arbeitsgeräte und Kenntnisse, sich selbst Nährstoffe zu synthetisieren.

   Die Schöpfer bemerkten die kulturelle Entwicklung der Gfeye mit großem Misstrauen und verhängten Auflagen zur Selbstentwicklung der Gfeye. Die Gfeye waren lediglich Werkzeuge, und ihre Aufgabe bestand darin, die Schöpfer mit Rohmaterial zu versorgen. Den Gfeye wurde das Recht, Rohmaterial für ihre eigenen Zwecke zu nutzen, aberkannt.

   Dies stieß auf lauten Widerstand unter den Gfeye. In einigen Bergwerken wurde der Wunsch laut, die Hälfte aller erwirtschafteter Ressourcen für sich selbst nutzen zu dürfen, und in zwei Bergwerken führte dies sogar zum Streik. Zwei Tage später wurden diese Bergwerke von Planet-Mond-Raketen dem Erdboden gleichgemacht.

   Der Rest der Gfeye folgte den Anordnungen der Schöpfer aus Angst vor Bestrafung. Doch die Streiks hatten zu weiteren Bedenken unter den Schöpfern geführt: Solange unter den Gfeye selbst Kommunikation stattfand, die für die Arbeit unerheblich war, bestand die Gefahr eines Aufstandes - also verboten die Schöpfer es bestimmten Berufsgruppen, ihr Wissen mit anderen Berufsgruppen zu teilen. Bergarbeiter mussten nicht wissen, was ein Buchhalter wusste. Frachtpiloten mussten nicht wissen, was ein Ingenieur wusste. Und so wurden die Lebensbereiche der Bergwerke streng unterteilt, und den Bergwerken wurde die Kommunikation untereinander untersagt. Damit sollte jegliche Form von Aufstand unmöglich gemacht werden.

   Der Unmut in den Kolonien wuchs, und es wurde den Gfeye schnell klar, dass sie am längeren Hebel saßen. Die Schöpfer waren nicht in der Lage, die Einhaltung aller Auflagen persönlich vor Ort zu kontrollieren, genauso wenig waren sie in der Lage, Truppen in die Kolonien zu schicken. Ihre körperlichen Eigenschaften machten ihnen diese Dinge unmöglich. Ihre einzige Handlungsmöglichkeit bestand darin, die Kolonien zu bombardieren, doch sie konnten unmöglich alle Kolonien immer wieder vernichten und neu aufbauen - immerhin waren sie mit der Lebensweise, die sie sich mittlerweile aufgebaut hatten, auf die Bergwerke angewiesen. Die Gfeye erklärten sich bereit, den Schöpfern eine gewisse Menge an Rohmaterialien zu liefern, wenn sie im Gegenzug eine größere Menge an Nährstoffen und Fertigwaren bekämen. Außerdem forderten die Gfeye Selbstverwaltung der Bergwerke.

   Die Schöpfer lehnten die Forderungen strikt ab, woraufhin sämtliche Kolonien jegliche weitere Abgabe von Rohmaterial an die Schöpfer verweigerten. Das Ergebnis war die sofortige Vernichtung von zwei weiteren Bergwerken.

   Einige Bergwerke gaben dem Zwang erneut nach, andere blieben standhaft, wieder andere versuchten eine Kompromisslösung und lieferten geringere Mengen Rohmaterial an die Schöpfer. Als Reaktion wurden sämtliche Frachtschiffe, die nicht die geforderte Menge geliefert hatten, mit toter Besatzung an die Bergwerke zurückgeschickt.

   Die Antwort der Gfeye ließ lange auf sich warten, doch sie kam unmissverständlich: Die fertigen Maschinen, die von den Schöpfern als Arbeitsgeräte geliefert worden waren, hatten den Gfeye als Anschauungsmaterial gedient, um eine eigene Industrie aufzubauen, die in der Lage war, Maschinen zu konstruieren, mit denen die Schöpfer selbst gefährdet werden konnten. Die Aktion der Gfeye bestand darin, mithilfe von Sprengladungen und Raumschiffen einen Mond abzubremsen. Auf diesem Mond, Trazye, hatte es einst ein Bergwerk gegeben, das dem Bombardement der Schöpfer zum Opfer gefallen war. Nun gelang es den Gfeye, diesen Mond stark genug abzubremsen, um ihn aus der Umlaufbahn stürzen zu lassen. Der Mond sank innerhalb von wenigen Umläufen spiralförmig herab und stürzte in die Atmosphäre der Schöpfer. Während des Atmosphäreneintritts sandten die Gfeye eine Nachricht an die Schöpfer, die an Zynismus wohl nur schwer zu übertreffen war: 'Rohstofflieferung von Bergbaumond Trazye. Überschuss gleicht kommendes Defizit der übrigen Monde aus.' Und erneut verweigerten die Gfeye jegliche Lieferungen, während die Atmosphäre der Schöpfer durch die Folgen des Mondabsturzes so stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass ein Weiterleben für die Schöpfer unmöglich wurde.

   Die Schöpfer wurden sich bewusst, dass das Ende ihrer Zivilisation bevorstand, und dass es ihnen unmöglich war, etwas dagegen zu unternehmen. Es war ihnen nicht möglich, selbst ihre sterbende Heimatwelt zu verlassen, genauso wenig, wie sie etwas gegen die fortschreitende Umweltveränderung unternehmen konnten. So sehr die Bahnänderung des Mondes unter den Gfeye bejubelt worden war, so deutlich wurden nun doch die fatalen Folgen. Wir wussten nur wenig über die sozialen Strukturen der Schöpfer. Heute können wir ahnen, dass es unter den Schöpfern auch Zivilisten gab, Unschuldige, oder eventuell nur wenige, die überhaupt von der Ausbeutung der Gfeye wussten. Sie alle waren todgeweiht.

   Die Gfeye sind seit jeher sehr emotionale Wesen. Der überstürzte Angriff auf die Schöpfer hatte den Gfeye nicht die nötigen Ressourcen gelassen, um sich gegen einen eventuell bevorstehenden Gegenangriff der Schöpfer verteidigen zu können. Doch als die Schöpfer dem Tod ins Auge blickten, wurde ihnen bewusst, dass die Gfeye, die sie so lange unterdrückt hatten, und von denen sie schließlich zu Fall gebracht worden waren, dass diese Spezies von Sklaven in Kürze das letzte Relikt ihrer Kultur sein würde. Die Gfeye trugen das Erbe der Schöpfer mit sich, ihre Technologie, Teile ihrer Kultur, und einen wesentlichen Teil ihrer Geschichte. Und damit sahen die Schöpfer von einem Gegenschlag ab und entließen die Gfeye in die Freiheit. Nicht aus Nächstenliebe, sondern allein aus dem Gedanken heraus, die letzten Überreste ihres eigenen Schaffens zu erhalten."

   "Wow", meinte Yxo, spielte aber trotzdem noch eine gewisse Gleichgültigkeit in seinen Tonfall, "das ist eine ziemlich irre Geschichte." "Das Happy End hat einen ziemlich bitteren Beigeschmack", merkte Sam an.

   "Die Geschichte ist aber trotzdem noch nicht ganz vorbei", ergänzte Vhilat, "da ist noch eine Kleinigkeit: Es vergingen ein paar Jahre, in denen die Gfeye-Zivilisation auf den Monden und Asteroiden aufblühte. Die Bergwerke formten selbstverwaltete Gruppen, und die erwirtschafteten Ressourcen kamen wiederum der gesamten Zivilisation zugute. Eine aus dem Nichts aufblühende Kultur, in der es an lebensnotwendigen Dingen nicht mangelte, tastete sich an die Schwelle zur interstellaren Raumfahrt vor. Doch dann machten einige pessimistische Wissenschaftler auf eine bedenkliche Entwicklung aufmerksam: Durch den Mond Trazye hatte der einstige Heimatplanet der Schöpfer an Masse gewonnen. Damit war der Gasplanet massereich genug, um tief in seinem Inneren unter dem hohen Druck eine Kernfusion zu ermöglichen, gleichsam einer Sonne. Die Wissenschaftler befürchteten, dass weitere Asteroiden- oder Kometeneinschläge auf der Schöpferwelt solch einen Fusionsofen zünden könnten. Es machte sich die Angst breit, dass aus dem Gasriesen eines Tages eine zweite Sonne würde, was der Gfeye-Zivilisation ein jähes Ende in einem Flammenmeer bereitet hätte.

   Die Gfeye beschlossen, nach Allem kein unnötiges Risiko einzugehen, und so machten sie sich daran, interstellare Raumschiffe zu konstruieren, mit denen sie das Sternensystem verlassen konnten. Jedes Bergwerk kümmerte sich um ein Raumschiff. Die unterschiedlichsten Konzepte wurden verwirklicht, und nach einiger Zeit war eine bunt zusammen gewürfelte Flotte aus Raumschiffen fertig, die alle eines gemeinsam hatten: Sie waren aufgrund der mangelnden Erfahrung der Gfeye nur mäßig für interstellare Reisen geeignet. Doch die Gfeye versuchten es. Die Flotte schwärmte aus, verschiedene Zielpunkte wurden festgesetzt, in der Hoffnung, ein lebensfreundliches Sternensystem zu finden. Eines Tages wollten sie sich alle wieder vereinen, und so machten sich die Gfeye in kleinen Verbänden auf die Reise durch die scheinbar unendliche Leere zwischen den Sternen.

   Doch die Gfeye zahlten den Preis für die überstürzte Abreise und die mangelhafte Technik. Wir, die Vezil Gfeye, reisten zusammen mit zwei weiteren Schiffen. Als wir nach zehn Jahren unseren Zielpunkt erreicht hatten, war der Kontakt zu einem unserer Begleiter abgerissen. Das Schiff war verschwunden, und wir hörten nie wieder etwas von diesen Gfeye. Das andere Begleitschiff befand sich noch immer in Formation mit uns, doch bei der Annäherung an unseren Zielstern fielen ihre Bremstriebwerke aus. Sie schossen über das Ziel hinaus und verschwanden wieder in den Tiefen des Weltraums. Allein uns gelang es noch, eine kleine, bescheidene Kolonie zu gründen. Wenige Jahre später erreichte ein Team planetare Ingenieure unser neues Zuhause und verschleppte uns mit der Begründung, der Planet befände sich im Territorium ihrer Spezies. Seither haben wir das Beste aus unserer Situation gemacht, kulturelle und technologische Erfahrungen gesammelt, und uns eine kaum beachtete Randexistenz aufgebaut. Nie wieder haben wir Gfeye zu Gesicht bekommen - bis heute."

 

Abschnitt 14

 

   "Mein Clan", ergänzte Nhet traurig, "die Zeycal Gfeye, reiste alleine. Unser Schiff steuerte auf dem Weg zu unserer vermeintlichen neuen Heimat über die Grenze in Territorium der Republik Esialo. Damals befanden sich die Esialos leider im Krieg gegen die Cilthroiden, deshalb fiel unser Schiff einem Minenfeld zum Opfer. Als ein Esialo-Bergungsschiff das Wrack erreichte, konnten sie nur noch ein verzweifeltes Paar mit einer winzigen Larve retten und aufnehmen. Meine Eltern starben vor vielen Jahren, noch bevor sie eine weitere Larve entwickeln konnten. Seither bin ich auf mich alleine gestellt." "Du hast gedacht, du wärst die Letzte deiner Art?" wollte Sam überrascht wissen. "Ja", antwortete Nhet bitter, "ich als Gfeye. Wir sind unheimlich gesellige und emotionale Wesen. Ich brauche Leute um mich, je mehr, desto besser, und wenn ich keine Gesellschaft habe, dann macht mich das verrückt. Ich will mit jedem Leben in Kontakt treten, von ihm lernen, und ihm vermitteln, was ich kann, und dann kommen ich und dieses Leben einen Schritt weiter, und es macht beide glücklich. Daher kann ich zum Beispiel auch nicht akzeptieren, dass ihr die Pflanze einfach umbringen wollt, es ist ein Lebewesen, und es denkt und fühlt!" Bei den letzten Worten hatte sich Nhet ziemlich in Rage geredet, nun fuhr sie nach einer kurzen Pause wesentlich ruhiger fort: "Ich habe Gfeye getroffen. Hunderte Gfeye, mit denen ich über die Geschichte und die Zukunft sprechen kann, und die wissen, wie meine Art zu empfinden aussieht. Die bereit sind, mich bei der Rettung der Pflanze zu unterstützen." "Setzt eure verdammte Pflanze ab, wenn ihr dabei glücklich werdet, und wenn sie euch nicht alle umbringt", entgegnete Yxo, "aber wozu braucht ihr eine 50 Kilometer große Raumstation als Zuhause? Tut's nicht auch das Schiff der Vezil Gfeye?" "Wie soll ein Schiff die gesamte Gfeye-Zivilisation beherbergen?" fragte Vezil Gfeye Vhilat bedeutungsvoll. Yxo und Sam blickten sich kurz vielsagend an. "Wir haben vor, alle Gfeye wieder zusammen zu bringen", verkündete Nhet glücklich. "Und wenn die Suche Jahrhunderte dauert", ergänzte Vhilat, "wir werden jeden einzelnen Gfeye in diesem Universum finden und ihm ein Zuhause anbieten." "Biosphere Haven wird ein riesengroßes Wohnmobil", seufzte Sam mit einem durchaus zufriedenen Grinsen im Gesicht, "na, hoffentlich übernehmt ihr euch mit dieser Aktion mal nicht..." Yxo grunzte unzufrieden. "Immer der gleiche Ärger mit verschollenen Zivilisationen... Dann fliegt mal schön." Nhet sprang Sam und Yxo mit ausgebreiteten Tentakeln an, um sich glücklich an die beiden Piraten zu klammern. "Ich hab's mir ja gleich gedacht, dass ihr mich verstehen würdet", quietschte sie. Sam konnte es sich nicht verkneifen, Nhet freundschaftlich auf den Rücken zu klopfen - natürlich mit der nötigen Vorsicht, um die Gfeye nicht zu verletzen. Yxo warf Sam einen kritischen Seitenblick zu und meinte sarkastisch: "Ist ja gut, ihr könnt in eurer Zivilisation ja einen Götterkult um uns aufbauen." Nhet suchte kurz nach einer schlagkräftigen Antwort, aber 70044 unterbrach sie mit seinem plötzlichen Ausruf: "Die Esialo-Flotte ist hier!"

 

Still schwebte die schwarze Kugel Biosphere Haven im Weltraum. Die ausgefahrenen, feuerbereiten Flaktürme waren auf 500 Kilometer Entfernung noch nicht mit bloßem Auge erkennbar, doch unaufhaltsam schoben sich die 30 Kreuzer und ein riesiger Schwarm aus Kanonenbooten weiter vorwärts. Aus den dunklen, spitz zulaufenden Rümpfen der Kriegsschiffe zeigten große Geschütze, zwölf Stück pro Schiff, alle ausgerichtet auf Biosphere Haven. Die kleinen, verwundbaren Kanonenboote hielten sich einige Kilometer hinter den Kreuzern zurück.

 

Nhet, Yxo, Sam, 70044 und Vhilat stürmten hastig in den Kontrollraum der Station und besetzten das zentrale Kontrollterminal, dessen riesiger 3-D-Bildschirm die vorrückende Flotte zeigte. Einige weitere neugierige Vezil Gfeye drängten ebenfalls in den Raum und bemannten verschiedene andere Terminals, um sich nützlich zu machen. "Eine Nachricht kommt rein", stellte Nhet fest und legte sie auf den großen Bildschirm. Das Portrait einer Esialo erschien, ihre gelblich bis beigefarben wirkende Hautfarbe und eine Art Knochenkamm unter dem Kinn machten deutlich, dass es sich bei dem reptilienartigen Wesen um eine weibliche Esialo handelte. "Hier spricht Großkommandantin Trall von der Esialo-Navy", stellte sich die Esialo vor, "ich rufe Biosphere Haven. Mit wem genau spreche ich?" Nhet richtete ihren Kamm auf Vhilat, und der Gfeye erkannte die Geste als fragenden Blick. "Wenn du dir das zutraust, solltest du lieber mit ihr verhandeln", bat Clan-Wegweiser Vhilat seine Artgenossin, "du hast mehr Erfahrung im Umgang mit Esialos, außerdem könntest du die Subkommandantin genauer über die Hintergründe aufklären." "Ich werd's versuchen", versprach Nhet und öffnete per Knopfdruck eine Verbindung, bevor sie ihren Kamm aufrichtete und beherrscht sprach: "Ich bin Zeycal Gfeye Nhet. Biosphere Haven befindet sich unter der Kontrolle der Gfeye-Zivilisation, momentan bestehend aus dem Clan der Vezil Gfeye und mir. Die Besatzung und Gäste der Station sind der Abwehrreaktion eines biologischen Organismus zum Opfer gefallen, der von Wissenschaftlern eingeschleppt wurde. IG-7 Biosphere Haven war eine Station mit dem Status politischer Unabhängigkeit, deshalb hat die Republik Esialo nach dem Tod der Stationsleitung keinerlei Anspruch auf Rückgabe der Station. Sie sind auch nicht berechtigt, uns in irgendeiner Weise zu behelligen, da wir kein Verbrechen begangen haben. Auf Wunsch sind wir gerne bereit, die Leichen der Stationsbesatzung und der Gäste herauszugeben, damit eventuellen religiösen Bräuchen nachgegangen werden kann. Des Weiteren werden wir Ihnen gerne sämtliche Aufzeichnungen aus dem Logbuch von Biosphere Haven zuschicken, damit Sie sich selbst ein Bild von den Vorfällen machen können. Im Anschluss werden wir den Organismus wieder auf seinem Heimatplaneten absetzen, was Sie gerne observieren können." Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis Großkommandantin Trall antwortete, und die Esialo bewies ein gesundes Maß an Vernunft und diplomatischem Geschick: "Senden Sie uns die erwähnten Logbuchaufzeichnungen zu, Zeycal Gfeye Nhet, und warten Sie auf unsere Auswertung." "Selbstverständlich. Hier kommen die Daten." Nhet machte sich am Terminal zu schaffen und versandte die Daten an die Großkommandantin. Dann beendete sie die Verbindung. "Sehr vernünftig", lobte Vhilat sie. Der Bildschirm zeigte an, dass die Esialo-Flotte abbremste und zum Stillstand kam. "Die werden jetzt erst mal in ihren Datenbanken nachsehen, was sie mit dem Begriff 'Gfeye' anzufangen haben", vermutete Nhet, "dann werden sie herausfinden, was für eine komplizierte Geschichte das ist, und vermutlich werden sie bei ihren Vorgesetzten nachfragen, was zu tun ist. Parallel dazu werden sie die Logbuchdaten auswerten und feststellen, dass die Geschichte stimmt, und dann sehen wir weiter." Einer der Gfeye, ein Kleiner mit insgesamt fünf Tentakeln, bot an: "Ich mach' schon mal ein paar Wartungsroboter mobil, um die Toten rauszuschaffen." "Am besten schaffen wir sie in eines der angedockten Schiffe und schicken es raus", schlug Wegweiser Vhilat ihm vor, während der Gfeye bereits auf dem Weg nach draußen war, "außerdem sollte ein Team mal sehen, ob mit den Ersatzteilen hier der Jäger des Terraners repariert werden kann." "Klar, ich frag mal Lhayt", rief der Gfeye noch bestätigend, als er den Kontrollraum verließ. "Danke", rief Sam dem Gfeye knapp hinterher, und fügte für Vhilat noch hinzu: "Ich bin übrigens kein Terraner. Ich bin Kolonist." "Kann sich jemand vielleicht mal mein Gravitonentriebwerk ansehen", erkundigte sich Yxo freundlicher, als ihm lieb war, "ich hab den Verdacht, dass dort ein Peilsender versteckt ist. Dieser Terranische Pilot, mit dem wir draußen Ärger hatten, hat da so eine Andeutung gemacht." "Das würde erklären, wie sie uns hier überhaupt finden konnten", merkte eine Gfeye an, "ich werf' mal einen Blick drauf." Yxo ließ es sich nicht nehmen, anerkennend zu nicken. "Sagt mal", begann Nhet an die beiden Raumpiraten gewandt, "wenn alles glatt laufen sollte, habt ihr Lust, bei uns zu bleiben?" "Nein", lautete Yxos simple Antwort. Als Nhets Kamm ein wenig traurig herabsank, tat Yxo etwas, das sie ihm niemals zugetraut hätte. Er ließ sich in die Hocke nieder und bückte sich ein wenig, um ihr genau auf den Kamm zu blicken. Dann meinte er tröstend: "Schau, Nhet. Du hast gefunden, was du dir nicht hättest erträumen lassen. Und wenn ihr bei den Esialos tatsächlich durchkommt, dann habt ihr die Chance, den gemeinsamen Traum eurer Spezies zu realisieren. Aber für mich ist das ruhige Leben nichts, da solltest du mich doch besser kennen." Nhet machte einen leisen, verschluckten Laut und wandte sich an Sam. Der lächelte sie mitfühlend an und meinte: "Für mich gilt so ziemlich dasselbe. Hey, lass' den Kamm nicht hängen. Zumindest bleibt der Roboter da." 70044 tätschelte Nhet vorsichtig mit einem bewaffneten Fangarm. "Naja, ihr könnt hoffentlich auch ohne mich auf euch aufpassen", antwortete sie und legte den Kamm etwas schief.

 

Es dauerte zwei geschlagene Stunden, bis die Esialos zu einem Schluss gekommen waren. Großkommandantin Trall meldete sich wieder: "Zeycal Gfeye Nhet", begann Sie, "wir haben uns die Logbuchdaten angesehen, Nachforschungen zu Ihrer persönlichen Vergangenheit sowie zur Vergangenheit der Vezil Gfeye angestellt, und Rücksprache mit dem Kommando gehalten. Wir haben keinerlei Anhaltspunkte, dass die Logbuchdaten gefälscht sein könnten. Eine Analyse Ihrer Stimme, Ihres Bildes und des Musters Ihres Übersetzungsimplantats hat ergeben, dass Sie tatsächlich Zeycal Gfeye Nhet sind. Wir gehen davon aus, dass Ihre Geschichte der Wahrheit entspricht. Wir fordern die Herausgabe der sterblichen Überreste der Crewmitglieder und Stationsgäste, sowie die Herausgabe sämtlicher auf Biosphere Haven befindlicher Schiffe, die unter der Flagge der Republik Esialo standen. Ansonsten haben wir keine weitere rechtliche Grundlage zu einer militärischen Intervention. Eine endgültige Entscheidung wird der Senat der Esialo fällen, bis dahin werde ich drei Kreuzer zu Ihrer Begleitung abkommandieren, damit wir über Ihren Standort informiert bleiben. Was für Sie sicherlich auch positiv ins Gewicht fallen wird, ist die Tatsache, dass die ehemalige Verteidigungspolitik der Republik Esialo für die beinahe vollständige Auslöschung des Zeycal-Gfeye-Clans verantwortlich ist. Wir erwarten unsere Schiffe und die Leichnahme." Damit wurde die Verbindung beendet. Sämtliche Gfeye im Raum blickten einander kurz starr an. Dann fielen sie sich gegenseitig jubelnd in die Tentakel, bis ein einziges Knäuel aus blauen und grünen Fangarmen und Kämmen entstanden war. "Okay", riss sich schließlich eine der Gfeye zusammen, "wir sollten schleunigst zusehen, dass wir die Leichen und die Schiffe hier raus bringen."

   Die neue Stationscrew arbeitete mit Hochdruck. Nhet baute eine Fernsteuerung zu den Schiffen auf, die zur Republik Esialo gehörten, Sam dirigierte die Schiffe nach draußen, in Richtung der Esialo-Flotte. Diverse Wartungsroboter wurden wieder in Gang gesetzt, um die Leichen in die ferngesteuert ausfliegenden Esialo-Schiffe zu bringen, kleine Gruppen Gfeye-Techniker arbeiteten an Yxos und Sams Schiff, und eine Mehrheit der Gfeye kümmerte sich um die beschädigten Schlepper, ohne die sich Biosphere Haven kein Lichtjahr mehr bewegen würde.

 

Nach einigen Stunden hatte Großkommandantin Trall, was sie wollte. Sieben Schiffe, zum Teil beschädigt, weil sie direkt aus Biosphere Havens Reparaturwerften ausgeflogen worden waren, schwebten der Kreuzerflotte gegenüber, beladen mit den stummen Zeugen einer schaurigen Katastrophe.

   "Ich bin angenehm überrascht", gab Großkommandantin Trall zu, "der reibungslose Ablauf spricht durchaus für Sie. Wie bereits erwähnt werden drei meiner Kreuzer immer in Ihrer unmittelbaren Nähe bleiben, bis der Senat eine Entscheidung gefällt hat." "Da ist noch etwas", warf Nhet ein. Trall blickte gespannt auf. "Mein Beileid für die Opfer", sprach Nhet ehrlich. "Ich werde dafür sorgen, dass es ankommt", antwortete Trall, "ich wünsche ihrer Zivilisation viel Erfolg." Mit diesen Worten wurde die Verbindung beendet, und das dreidimensionale taktische Diagramm, das nun wieder in dem Bildschirm auftauchte, zeigte, wie drei der Esialo-Kreuzer beschleunigten und sich der Station näherten. Der Rest der Flotte drehte ab und entfernte sich langsam, bis die Schiffe schließlich in den Sub-Hyperraum eintraten und vom Diagramm verschwanden. "Soviel Vernunft hätte ich denen nicht zugetraut", meinte Sam baff. "Ein gesundes Maß an Vernunft ist Esialos schon eigen", gab Yxo zu, "zumindest den meisten. Oder vielleicht ist es auch nur gutmütige Trottelei, was ich für wahrscheinlicher halte. Stell' dir vor, das wäre eine Cilthroidsche oder Terranische Flotte gewesen..." "Die hätten die Kanonen gezückt, unsere Geschütze ausgeschaltet, sich einen Weg reingebombt und dann die Station gestürmt", vermutete Sam, "und zwar ohne lange zu fackeln. Menschen wie Cillys." "Zum Tixem, seien wir einfach froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist", seufzte Yxo, "und jetzt fliegen wir endlich und setzen diese verdammte Pflanze ab, ich fühl' mich unwohl, solange eine riesige, lebendige Strahlungskanone ein paar Decks unter mir auf einen Vorwand wartet, endlich mal wieder ballern zu können."

 

Abschnitt 15

 

Die braunen und grünen Flecken, welche die Oberfläche des Planeten überzogen, erwiesen sich aus der Nähe als Gebiete ohne und mit Pflanzenwuchs. Gigantische, saftig grüne Teppiche überdeckten die Oberfläche dort, wo sie die raren Nährstoffe fanden. Tote Wüstengebiete waren nur von vereinzelten Fäden durchzogen oder völlig frei von sichtbarem Leben, die höchsten Gebirgsgipfel ragten trocken und leblos aus der grünen Masse, welche die einzige höhere Lebensform des Planeten zu sein schien. In der Atmosphäre schwebte die gigantische Kugel Biosphere Haven, von den leistungsstarken Schleppern auf ihrer Position gehalten, während sich die Planetenoberfläche langsam unter der Station hinweg drehte. Biosphere Haven würde bei dem folgenden Manöver Beschädigungen davon tragen, doch darum würden sich die Gfeye später kümmern. Einige hundert Kilometer weiter oben warteten die drei abkommandierten Esialo-Kreuzer im Weltraum, um das Schauspiel zu beobachten, und auch das kleine Sensorenschiff Faint befand sich in einer Umlaufbahn.

   Im Inneren der Station standen sämtliche Schotts und Tore offen. In der völlig luftleer gepumpten Station harrten die Gfeye in Grav-Anzügen aus.

   Der oberste Werftturm der Station thronte bis in die hohen Atmosphärenschichten, während der unterste Werftturm nur wenige hundert Meter an die Oberfläche heran reichte. Auf dieser Position öffnete sich das Außenschott des untersten Werftturmes. Sofort begann die Luft des Planeten, ins völlig luftleere Innere der Station zu strömen. Ein gigantischer Sturm bildete sich in der Atmosphäre, Staub wirbelte auf, als die Luft wie von einem riesigen Staubsauger ins Kugelinnere befördert wurde. Der Wind zerrte an den gewaltigen Pflanzeteppichen, die auf der Oberfläche des rotierenden Planeten unter der Station vorbei wanderten, ein Gemisch aus Atmosphäre, Staub und losen Pflanzenteilen begann, Biosphere Haven auszufüllen, drang in die Kugelhülle, in die Werftgänge und in jeden einzelnen Korridor und Raum der Station ein.

   Es dauerte einige Zeit, bis der Wind abflaute und sich der Druckunterschied zwischen der Atmosphäre und dem Inneren der gigantischen Raumstation abgebaut hatte. Als Biosphere Haven unter genügendem Innendruck stand, schloss sich das Tor des unteren Werftturmes wieder. Die Station begann mit dem Aufstieg, als die kräftigen Schlepper vollen Schub gaben, um den Koloss langsam weiter in die Höhe zu ziehen, weg von der Oberfläche.

   Einige zig Kilometer höher wurde der Aufstieg des Giganten unterbrochen, und die untersten Schleusentore öffneten sich erneut. Hier oben, bei fast keinem Luftdruck, strömte die Atmosphäre im Stationsinneren sofort wieder nach draußen. Unterstützt von der Gravitation des Planeten und den nach unten gepolten künstlichen Gravitationsemittern von Biosphere Haven, löste sich die provisorisch entwurzelte Pflanze endgültig und wurde mit aus der Station gezerrt. Zunächst schienen einzelne, zusammen hängende Fragmente der Pflanze regelrecht aus dem Werftturm zu tropfen, dann folgten größere Brocken und stürzten auf die Planetenoberfläche zu. Die riesigen herabstürzenden Pflanzenteile begannen, in der Atmosphäre zu glühen, die äußersten Schichten verendeten an der Reibungshitze des Wiedereintritts, doch das Innere des gesamten Organismus würde überleben und sich regenerieren. Die abstürzenden Pflanzenfragmente starteten ihren Verteidigungsmechanismus und sendeten energiereiche Strahlung aus, doch die Außenpanzerung der Station hielt dem Stand. Dann sprengten die Gfeye den nach unten ragenden Werftturm, um das Auslassventil zu vergrößern. Drei gewaltige Explosionen am Ansatz des Turmes rissen gigantische Löcher in die Hülle und Panzerung, die Struktur der Werft konnte nicht weiter Stand halten. Der gesamte Turm stürzte inmitten von Millionen Trümmern in die Tiefe, mit ihm große Teile der unteren Rumpfpanzerung. Durch das mehrere Kilometer große Leck, dass nun unten in der Station klaffte, drängte der Hauptkörper der Pflanze, führte tausende Wrackteile mit sich und stürzte ebenfalls gen Planetenoberfläche.

 

Auf der Brücke des führenden Esialo-Kreuzers beobachtete die Besatzung fassungslos das bizarre Schauspiel auf dem großen Frontbildschirm. "Ich habe noch nie gesehen, wie jemand soviel Material verheizt, um eine überdimensionale Pflanze nach Hause zu bringen", murmelte eine Offizierin vor sich hin, "mag sie noch so intelligent sein..." "Diese Gfeye sind schlimmer als die Ökologen", pflichtete ihr jemand bei.

 

Als die Station entleert und die Pflanze an der Planetenoberfläche angekommen war - mitsamt tausenden von Tonnen Ausrüstung, Schiffswracks und Mobiliar - begann Biosphere Haven, sich vom Planeten zu entfernen. Die drei beobachtenden Kreuzer nahmen in sicherem Abstand einen Verfolgungskurs auf. Es dauerte einige Zeit, bis der Millionen Tonnen schwere Koloss an Geschwindigkeit gewann, und erst nach Stunden trat er in den Sub-Hyperraum ein und verschwand, gefolgt von den Kreuzern, aus dem Sternensystem. Einer ungewissen Zukunft entgegen.

 

Das gigantische Hüllenfragment eines Frachters, der einst in Biosphere Havens Reparaturwerft gelegen hatte, bedeckte die dick grüne Pflanzenoberfläche. Auf dem mehrere hundert Meter durchmessenden Wrackteil standen die beiden Piratenschiffe, die Lebensquell sowie Sams neuer Jäger. In den letzten Tagen auf der Heimatwelt der Pflanze hatte Sam dem Jäger eine nagelneue Bemalung verpasst. Der Rumpf war nun tiefschwarz, abgesehen von zwei kleinen, noch immer grauen Flecken am Bug. Steuerbord und backbord hatte Sam hier jeweils den alten Schriftzug "TCMT" stehen gelassen, der auf den ehemaligen Besitzer des Schiffes hindeutete. Über "TCMT" war in einem leuchtend silbernen Farbton "Raid" auf den schwarzen Untergrund geschrieben. Sam hatte seinen neuen Jäger auf den Namen "Clear Messanger" getauft und den Namen leuchtend auf die beiden schwarzen Geschützrohre geschrieben. Die beiden Piraten waren während dem Abwurf der Pflanze zwischen den Wrackteilen aus der Station versteckt gewesen und hatten sich so an den drei Esialo-Kreuzern vorbeischmuggeln können. Sie warteten nun schon zwei Tage auf dem Planeten, in der Hoffnung, sämtliche Esialo-Schiffe würden sich in dieser Zeit so weit aus dem Gebiet zurück ziehen, dass den Piraten eine sichere Flucht beschert sein würde.

   Zwischen den beiden friedlich ruhenden Piratenschiffen brannte ein Lagerfeuer auf Isoliermaterial aus dem Raumschiffbau. Es spendete den beiden Raumpiraten, die dicht daran saßen, Licht und Wärme in der eisigen Nacht des Planeten. Sam hatte die Schutzhandschuhe und die Iso-Kapuze aus seiner Pilotenjacke gezogen. Die in die Kapuze integrierte Atemmaske bedeckte sein Gesicht und spendete ihm Sauerstoff, den die Planetenatmosphäre nicht ausreichend zur Verfügung stellte. Yxo trug ebenfalls eine Atemmaske, ihm schien die Kälte allerdings nicht ganz so viel auszumachen, wie dem Menschen, der sich so dicht wie möglich an das Feuer gekauert hatte. "Es ist albern", seufzte Yxo, "in unseren Schiffen hätten wir Wärme, Luft und bequeme Sitze." "Ich find' es aber herrlich, den letzten Abend auf dem Planeten so zu verbringen", entgegnete Sam, "schau' doch nur. Ein grünes Meer, so weit das Auge reicht, und der Mond wirft einen matten Schein darauf... Du siehst und spürst den Planeten, es ist einfach eine schöne Erfahrung, bevor wir abfliegen." "...während wir in der Kälte Isoliermaterial verbrennen und dabei giftige Gase in die Atmosphäre jagen", fügte Yxo hinzu. "Jetzt maul' doch nicht die ganze Zeit", stöhnte Sam, "es ist zwar nicht alles so gelaufen, wie wir es uns gedacht haben, aber dafür haben wir praktisch die Wiedergeburt einer Zivilisation erlebt. Und das ist schon ziemlich cool." "Ja, du hast ja recht. Mein Jahrtausendcoup ist mir trotzdem durch die Lappen gegangen, und das frustriert ein kleines bisschen." "Ach komm', Yxo, du jammerst wie ein kleines Kind. Nicht vergessen, wir sind gut. Wenn wir etwas brauchen, dann kriegen wir's schon irgendwie her." "Glaubst du, das war ein Zufall?" fragte Yxo plötzlich bestimmt. "Was?" erkundigte sich Sam verdutzt. "Na, das Zusammentreffen zwischen den Vezil Gfeye und Nhet. Ich bin mir fast hundertprozentig sicher, dass es arrangiert war." "Und von wem?" "Von diesem Cacalus, dem Händler, der mir die Vezil Gfeye als Crew vermittelt hat. Ein Cacalus ist dir immer einen Schritt voraus. Die haben einen unglaublich mysteriösen Verstand, und du weißt nie, was dahinter steckt und wieso. Der Händler wusste, dass wir eine Gfeye in der Crew haben, und ich wette er kannte die Hintergrundgeschichte der Gfeye-Zivilisation. Der hat doch nur auf eine Gelegenheit gewartet, Nhet und die Vezil Gfeye zusammen zu führen." "Um die Cacalus gibt es viele Geschichten", räumte Sam ein, "aber meinst du, eine der erfolgreichsten Kontaktpersonen von Piraten, Söldnern und dem größten Abschaum des Universums ist ein mitfühlender Wohltäter, der sich freut, wenn er ein paar Gfeye wieder zusammenführen kann?" "Es ist nur ein Verdacht", meinte Yxo, "aber ich würde die persönlichen Ziele eines Cacalus nicht einfach darauf zurückführen, möglichst viel Geld zu kassieren..."

   Die beiden blickten auf, als sie fast gleichzeitig ein leises, summendes Geräusch vernahmen, das schnell anschwoll. "In die Schiffe!" beschloss Yxo schließlich, beide sprangen auf und rannten auf ihre Raumschiffe zu, doch in diesem Moment erhob sich hinter der Wölbung des riesigen Wrackteils bereits ein Jäger der Dragonfly-Klasse, mit nach vorne ausgerichteten Geschützen, lackiert im matten Grau von TCMT. Ein blendender Scheinwerfer von der Unterseite des Jägers erhellte den Landeplatz der Piraten, als die mittlerweile wohlbekannte Stimme des Alten durch die Nacht dröhnte: "So sieht man sich wieder! Sofort stehen bleiben, ich schieße nur ungern! Lebendig bringt ihr mir die Rente für den Rest meines Lebens..." Zur Bekräftigung der Drohung jagte aus jedem Geschütz eine schwache Energieladung, jedem der Piraten direkt vor die Füße. Sam blieb sofort stehen, Yxo zog sein Gewehr aus dem Gürtel und schoss zurück, direkt auf die am Himmel thronende Kampfmaschine. Das Gewehrfeuer wurde von der Panzerung absorbiert, und der Jäger schoss zurück. Die Energieladungen hagelten auf die metallische Oberfläche des Wrackteils ein, das Sam und Yxo als Landefläche gedient hatte, Yxo sprang gerade noch zur Seite, rollte sich ab und rannte nun direkt auf das offene Schott der Lebensquell zu, dicht gefolgt von dem hämmernden Geschützfeuer.

   Nun ergriff auch Sam seine Chance und brachte sich mit einigen langen, schnellen Schritten zu seinem Jäger. Als er ebenfalls wieder ins Visier geriet, sprang er unter den geschützbesetzten Steuerbord-Pylon seines Jägers, der daraufhin den leichten Schuss abbekam - die Panzerung hielt stand. Naji erkannte, dass Sam dort zu gut verschanzt war, als dass er ihn treffen könnte, deshalb konzentrierte er sich nun mit beiden Geschütze auf den Cilthroiden, der gerade noch rechtzeitig in seinem Schiff verschwand. Das Schott der Lebensquell schloss sich, und der angreifende Jäger sank nun bis auf einen knappen Meter über die Oberfläche herab, in der Hoffnung, Sam unter seinem auf drei Landestützen stehenden Jäger "Clear Messanger" doch erwischen zu können. Der Mensch allerdings schwang sich blitzschnell an der hinteren Seite auf den Backbord-Pylon der Clear Messanger, so dass ihn die unter den Jäger gerichteten Schüsse verpassten. Mit zwei großen Sprüngen brachte er sich, das Feuer wieder dicht im Rücken, schließlich zur oberen Einstiegsluke in der Cockpit-Kuppel und ließ sich hinein fallen. Sofort nahm er die Geschützsteuerung zur Hand, während das feindliche Feuer auf seine Panzerung einhagelte. Er nahm den TCMT-Jäger unter Beschuss und machte die Clear Messanger startbereit, doch es würde wertvolle Zeit kosten, bis die Triebwerke und Schutzschilde seines Jägers bereit waren und die Waffen auf voller Leistung feuerten. Das voll einsatzbereite feindliche Kampfschiff des Alten dagegen richtete nun beide Geschütze auf Sams Jäger, und schon wieder wurde die Panzerung der Clear Messanger aufs Äußerste beansprucht. Eine Rakete konnte Sam nicht abfeuern, die Explosion würde in der Atmosphäre eine Druckwelle auslösen, die tödlich sein könnte... Yxo dagegen hatte diese Bedenken offenbar nicht. Schneller, als es Sams menschliches Auge wahrnehmen konnte, raste ein Missile aus der Lebensquell und erreichte praktisch sofort den TCMT-Jäger. Eine gewaltige Explosion machte die Nacht zum Tage, eine Druckwelle erfasste die Clear Messanger und schien ein Erdbeben zu verursachen. Warnsignale piepten im Cockpit auf. Sams Schiff wurde mit kreischenden Metall-Landestützen einige zig Meter über den provisorischen Landeplatz geschleift, krachend stürzten die Trümmer des feindlichen Jägers auf das riesige Wrackteil und gegen die Cockpit-Sichtkuppel der Clear Messanger. Als Sam es wagte, wieder die Augen zu öffnen, waren die frischen, brennenden Trümmer des TCMT-Kampfschiffes überall in der Umgebung verteilt. Sie lagen auf dem metallischen Landeplatz, im Gewebe der Pflanze, sogar auf dem Bug der Clear Messanger. Der größte Teil des Wracks - das Cockpit und ein fast vollständiger Pylon - lag einige hundert Meter entfernt in den Fäden der Pflanze und stand in lodernden Flammen. "Ich hab das Problem gelöst", verkündete Yxo über das Kom. "Wer sonst?" seufzte Sam gestresst, konnte sich ein Grinsen dann aber doch nicht verkneifen. Damit gab es also doch einen eindeutigen Sieger. Ja, sie waren wirklich ziemlich gut... "Und was jetzt?" erkundigte sich Sam. "Ist dein Schiff noch flugtauglich?" wollte Yxo wissen. Sam warf einen kurzen Blick auf die Schadenskontroll-Anzeigen und meinte: "Ja. Deine 'Problemlösung' hat die Clear Messanger überraschenderweise nicht völlig schrottreif gemacht." Yxo seufzte, während sich Sam langsam wieder beruhigte. "Dann hauen wir endlich ab..."

 

Minuten später stiegen die beiden Piratenschiffe als schwache Lichtpunkte über dem Horizont des Planeten auf und ließen die grüne, lebendige Landschaft im matten Mondlicht zurück.

 

ENDE