© 2001-2002 Marco Kaas
von Marco Kaas
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Majestätisch bewegte sich der Schwarm aus Eis und Felsen durch die Schwärze des Weltraums, durch die Gesetze der Schwerkraft dazu gezwungen, für immer dem gleichen Weg zu folgen. Ein chaotisch anmutendes Feld aus Eis-, Metall-, und Steinklumpen umgab den Kopf des Kometen, Überbleibsel einer Kollision, die vor Äonen stattgefunden haben muss. Hier, etwas mehr als 100 Millionen Kilometer von seinem Stern entfernt, spie der Komet stetig einen Schweif aus kleinsten Fragmenten aus, der im Licht der Sonne und des Geschützfeuers schimmerte. Wie einen Konvoi eskortierten der Terranische und der Esialosche Träger den Kometen.
Der Terranische Jäger der Dragonfly-Klasse drehte beide Geschütze nach hinten und feuerte, als sich einer der schwarzen, keilförmigen und schutzschildlosen Esialo-Jäger direkt hinter ihn setzte.
"Hier Alpha fünf, da ist einer hinter mir!"
Der Esialo wich den Energieladungen geschickt aus und schoss eine Rakete ab, die sofort ins Kreuzfeuer des Terraners geriet. Das gab dem Esialo genug Zeit, ihn anzuvisieren und mehrere Schüsse abzugeben. Die Heckschilde der Dragonfly blitzten auf, genau im richtigen Moment wurde der Esialo-Jäger von hinten von einigen Energieladungen erwischt.
"Danke, Kumpel!" "Das ist ein Spaß!" freute sich der Pilot des Jägers, der gerade den Esialo außer Gefecht gesetzt hatte. "Hier Censic 2", meldete sich betreffender Esialo, "bin tot, ich verlasse das Übungsgebiet."
Der Commander grinste zufrieden und lehnte sich zurück. Der Admiral und die reptilienartige Esialo-Kommandantin, die hinter ihm an der Flugüberwachung auf der Brücke des Trägers standen, sahen sich kurz an. Es war offensichtlich, dass der Commander stolz auf seine Kadetten war. "Censic-Staffel, Code 11", befahl die Esialo ihren Kadetten.
Während der ausgeschiedene Esialo den Meteoritenschwarm um den Kometen verließ, gingen die beiden Terraner in Formation über und nahmen Kurs auf den Schweif des Kometen, an dem gerade einige Dragonflies entlang rasten, von einer Übermacht Esialos bedrängt.
"Hier ist drei", drang eine menschliche Stimme aus dem Kom, "meine Schilde sind zusammen gebrochen. Jetzt geht's ans Eingemachte!" "Keine Sorge, Gikuyu, wir kommen!" "Ich halt' ihn dir vom Hals!" versicherte ihm eine andere Stimme, Kadettin Celeste Johnson. "Zu spät... Scheiße! Sagt meinen Kindern, dass ich sie liebe!" "Du hast keine Kinder", widersprach ihm Celeste. "Woher willst du das wissen? Ich weiß es ja selber nicht so genau." "Mann, Gikuyu, kannst du nicht mal dann die Schnauze halten, wenn du tot bist?!" Gelächter, auch nicht-menschliches, war über die Koms zu hören.
Celeste manövrierte ihren Jäger hinter einen Esialo, der sofort versuchte, sie abzuschütteln, doch sie folgte seinem Kurs. "Hey, Krokodilkopf, du hast Gikuyu auf dem Gewissen! Ich stehe tief in deiner Schuld!" Sie feuerte. "Ups."
Fünf Terranische Jäger rasten direkt unter dem Schweif des Kometen entlang und verfolgten vier Esialos.
"Gikuyu, du bist tot, verzieh' dich aus unserer Formation!" "Spielverderberin..." Celeste feuerte auf einen weiteren einsamen Esialo-Jäger. "Na, wo sind denn eure Freunde?" lachte eine Terranerin.
Der Commander lehnte sich zurück und blickte zu seinem Vorgesetzten auf. "Ich wette, sie sind im Schweif", flüsterte er dem Admiral zu. "Was...?" "Ja, das machen sie jedes Jahr. Sie verstecken sich im Kometenschweif und fallen unseren Kadetten dann in den Rücken."
"Hey, ich werde von irgendwo beschossen", brüllte jemand, "das gibt's doch nicht! ... Ich bin tot." Celeste starrte ungläubig auf ihren Scannerschirm, als eine kleine Staffel Esialo-Jäger aus allen Rohren feuernd aus dem Schweif hervor stach. "Was soll das?!" "Der Schweif ist Tabu", pflichtete ihr jemand bei, "die bescheißen!" "Okay, Kadetten, was die können, können wir schon lange", meinte der Commander energisch. "Aye, Sir", antwortete die Staffel im Chor und zog ihre Schiffe nach oben, direkt in das Meer aus Kometenschutt.
Der Admiral raufte sich die Haare. "Nein", stieß er hervor, "verlassen Sie den Schweif!" "Aber Sir", widersprach ihm der Commander, "die haben auch..." "Halten Sie sich an die Regeln", zischte der Admiral, "Sie beide!" Die beiden Ausbilder bestätigten und gaben ihren Kadetten die entsprechenden Befehle. "Hey, das ist nicht fair!" rief Celeste, während sie den anderen wieder in freien Raum folgte. "Doch, das ist es", bestätigte der Commander, "Drei, Sie sind nicht ausgeschieden." "Das ist doch lächerlich", keifte der Staffelführer der Kadetten energisch, "kommt mit, Leute!" Er ließ seinen Jäger in die undurchsichtige Suppe gleiten, Celeste folgte ihm enthusiastisch. Vor ihrer Cockpitkuppel wurde es plötzlich finster, lediglich das matte leuchten der Schutzschilde, die unentwegt von harmlose Staubteilchen getroffen wurden, warf einen zwielichtigen Schimmer ins Cockpit. Der Scannerbildschirm flimmerte, doch das Bild war noch deutlich genug, um erkennen zu können, dass ihnen die anderen Kadetten nicht folgten. "Jetzt hab' ich aber genug!" brüllte der Admiral wütend. "Grouès, Johnson, kehren Sie zum Träger zurück und treffen Sie mich im Briefingraum! Sofort!" "Oh, verdammt..." flüsterte Grouès kleinlaut, kurz bevor ein ohrenbetäubendes Dröhnen durch die Koms fuhr.
Grouès Jäger wurde von seinen eigenen Schutzschilden regelrecht zurück katapultiert, als er den Asteroiden rammte, um wie ein Papierflieger im Wind durch den Schweif zu trudeln. Celeste reagierte zu spät auf den Kollisionsalarm. Das Schiff des anderen Kadetten wurde ihrem direkt entgegen geworfen und raste geradewegs durch dessen Backbord-Pylon. Die Flanke von Celestes Dragonfly wurde regelrecht zerfetzt, als das Heck von Grouès Jäger mit dem Pylon kollidierte und ihn mit sich riss.
Sämtliche Alarmsirenen hallten durch die kleine Kabine, die Staubschwaden außerhalb des Jägers schienen sich wirr zu drehen. "Johnson", redete der Commander auf sie ein, "stabilisieren Sie Ihre Fluglage. Setzen Sie die Nottriebwerke ein!" Wie hypnotisiert griff Celeste nach der kleinen Klappe unter dem Steuerknüppel, schob sie beiseite und presste den Finger auf den roten Knopf, um ihr Kabinenmodul aus dem Rumpf des Jägers zu sprengen.
"Und aus welchem Grund sind Sie ausgestiegen?" war die nächste kühle Frage des Admirals. Celeste saß ihm und dem Commander im Verhörraum gegenüber und kam sich wie eine Verbrecherin vor, während sie ausgefragt wurde. "Ich denke, es war eine Panikreaktion, Sir." Sie hatte die Hände auf den Tisch gelegt, um nicht in Versuchung zu kommen, mit ihren Fingern zu spielen. "Ihnen ist klar, dass Sie sich hätten umbringen können? Ein Eisfragment hätte über Ihnen sein können, oder Kadett Grouès." "Ich weiß, Sir. Sir, es war eine Krisensituation, darauf war ich nicht vorbereitet." Sie sah dem Admiral und dann dem Commander kurz in die Augen. "Das ist kein Problem. Noch sind Sie Kadett und können nicht allen Situationen korrekt gegenüber treten." Bevor sie erleichtert aufatmen konnte, fügte der Commander hinzu: "Und deswegen konfrontieren WIR Sie lediglich mit Situationen, denen Sie durch entsprechendes Training gewachsen sind. Ihr Verhalten jedoch war verantwortungslos. Sie hätten beide tot sein können. Wenn Sie leichtfertig mit Ihrem Leben spielen wollen, ist das Ihr persönliches Problem. Es ist jedoch nicht das Verhalten eines Space-Force-Offiziers, und auch nicht das eines Space-Force-Kadetten." Celeste schluckte. "Ich verstehe, Sir." Der Admiral seufzte und setzte etwas beruhigender fort: "Uns ist klar, dass die Situation unkonventionell war, und dass Grouès Ihnen als Staffelführer zugeteilt war und er daher die Hauptverantwortung trägt. Aber Sie haben trotzdem einen klaren Befehl eines höheren Vorgesetzten – meinen Befehl – ignoriert. Ein Militärgericht wird vermutlich zu dem gleichen Schluss kommen, und Sie können sich ausmalen, was das bedeutet. Hinzu kommt noch, dass Sie – ebenfalls entgegen Ihren Befehlen – ausgestiegen sind, obwohl Ihr Schiff noch manövrierfähig war." "Verstehe, Sir." "Verstehen Sie uns nicht falsch", setzte der Commander fort, "Sie sind eine hervorragende Kadettin. Ihr ganzer Jahrgang ist gut, und ich lasse nur ungern jemanden von Ihnen gehen." "Sie hatten in letzter Zeit soweit ich weiß ein traumatisches Erlebnis", meinte der Admiral, "das kann sich vielleicht positiv auf das Urteil auswirken, aber letztendlich wird es wohl doch bei der Entlassung bleiben. Selbst wenn Sie trotzdem eine Empfehlung mit auf den Weg kriegen, wird Sie das bei späteren Arbeitgebern wohl auch nicht beliebter machen. Wir wollen Ihnen also einen Vorschlag unterbreiten." Sie blickte auf. "Sir?" "Hören Sie mir bitte zu, bevor Sie sich entscheiden", nahm der Commander vorweg, "es wird Ihnen etwas seltsam erscheinen." "Ich höre, Sir." "Wie Sie wissen, ist Ihr Bruder, Sam Johnson, Akademiejahrgang '21, ein gesuchter Pirat. Unser Angebot lautet nun wie folgt: Sie locken ihn und seinen Komplizen zu uns und zeichnen sich dadurch ausreichend aus, um weiter auf der Akademie zu bleiben." "Niemals." Ihre Antwort kam spontan, aber ruhig. "Hören Sie", entgegnete der Admiral, "wir sprechen von dem Bruder, der Sie entführt hat, Ihnen eine Pistole an den Kopf gehalten und Sie einem Wesen überlassen hat, das mit Ihnen aus einem Fenster gesprungen ist. Der Bruder, der Ihnen Drogen verabreicht und Sie auf IG-25 an ein Rohr gefesselt hat, auf dass Sie irgendwann einmal jemand finden sollte." Celeste kaute auf ihrer Lippe herum. Vor zwei Monaten hätte sie eingewilligt, doch nach den Ereignissen im Cerrim-Nebel erschien ihr Sam irgendwie in einem anderen Licht, als vorher, als sie einfach nur gewusst hatte, dass er eben ein Krimineller, ein Pirat war. "Von uns aus wird natürlich niemand, der nicht im Kommando sitzt, erfahren, dass Sie ihn verraten haben", versicherte ihr der Kommandant. Sie seufzte. "Sehen Sie, ich... er ist mein Bruder. Ich kann es nun mal nicht." "Und es ist Ihr Leben, nicht nur Ihre Karriere bei der Space Force. Wenn Sie unehrenhaft entlassen werden, kriegen Sie niemals einen Job auf einem Raumschiff, und soweit ich weiß, stammen Sie praktisch aus einer Familie von Raumfahrern." "Und es wäre das Leben meines Bruders." "Nicht sein Gesamtes. Letztes Mal hat er 25 Jahre bekommen, nun, mit seinem Ausbruch, tippe ich auf 35 Jahre. Sie dürfen die Sache nicht zu sentimental sehen. Natürlich ist er Ihr Bruder, aber wir wollen es nicht beschönigen: Er ist ein Verbrecher. Er ist ein Pirat, ein Dieb, ein Kidnapper, er schadet Menschen, und nicht nur Menschen, mit voller Absicht, körperlich und selbstverständlich auch seelisch, nur um sich selbst zu bereichern. Das sind die Tatsachen." Sie ließ sich etwas tiefer in den Sessel sinken. Verdammt, der Commander hatte sicher recht. "Ihre Mutter ist bei Intertrans Cargo", fuhr er fort, "das ist doch richtig? Stellen Sie sich vor, das Schiff, auf dem sie arbeitet, würde von Piraten geentert und sie verletzt werden. Es wäre ja nicht nur körperlicher und materieller Schaden. Kadettin, ich habe viele Menschen getroffen und mit ihnen geredet, die Opfer eines Piratenangriffs waren. Diese Leute müssen zum Teil in psychiatrische Behandlung, die Folgen reichen von einfacher Flugangst über regelmäßige Alpträume bis hin zu schweren Traumas und Phobien. Ganz zu schweigen von den Piratenangriffen, bei denen Menschen ums Leben kommen – auch ungewollt. Sie können es nicht beschönigen, Sam Johnson verletzt Menschen tief. Es mag zwar egoistisch erscheinen, aber Sie sollten Ihre eigene Karriere wichtiger sehen als 35 Jahre seiner Freiheit. Sie können Menschen helfen. Und was das Leben Ihres Bruders angeht, eines Tages kriegen wir ihn sowieso. Wer weiß, was er sich bis dahin zu Schulden kommen lässt, vielleicht wird er dann den Rest seines Lebens hinter Schloss und Riegel verbringen müssen. Besser jetzt für 35 Jahre, als später für immer!" "Sir, ich... darf ich vielleicht eine Nacht drüber schlafen?" "Selbstverständlich. Sie können sich mit Ihrer Entscheidung Zeit lassen."
Am nächsten Morgen erschien Celeste nicht in der Kantine. "Wo ist Johnson?" wollte Gikuyu wissen. "Ich weiß nicht", antwortete ihre Zimmergenossin und setzte flüsternd hinzu: "Aber ich glaub', sie hat letzte Nacht geweint." "Der Rausschmiss hat sie wohl besonders schwer getroffen", vermutete Grouès, "schließlich ist ihr Vater Captain bei der Space Force."
"Und, wie lautet Ihre Entscheidung?" erkundigte sich der Commander sofort, als Celeste nach dem Aufstehen sein Büro betrat. Konnte er es nicht erwarten, zum Frühstück zu kommen? "Ich helfe Ihnen", meinte sie und bekräftigte es mit einem vorsichtigen Nicken. "Sie werden es nicht bereuen. Wenn Sie es geschickt einfädeln, werden weder Ihre Eltern noch Ihr Bruder selbst erfahren, wer ihn in die Falle gelockt hat." Sie nickte, obwohl die Bemerkung überflüssig war. Sie würde dazu stehen, das hatte sie sich geschworen. "Meinetwegen kann ich Ihnen gleich Ihr Briefing geben. Es ist wohl überflüssig, zu erwähnen, dass Sie nur dann auf der Akademie können, wenn Ihr Bruder auch wirklich verhaftet wird." "Klar." "Der Captain tippte an seinem MPC herum, als würde er etwas suchen, dann erschien die große, dreidimensionale Darstellung eines Planeten über dem Tisch, offensichtlich ein Ozeanplanet mit einigen dichten Inselgruppen. "Das ist Cilteres", kommentierte der Commander, "eine Kolonie der Vereinten Imperien." "DIE Vereinten Imperien?" "Ja, die Vereinten Imperien. Es ist – zumindest momentan noch – die einzige Kolonie der V.I., wie sie sich oft nennen, in der gesamten Lokalen Gruppe. Praktisch die politische und wirtschaftliche Anbindung der Vereinten Imperien an alle hiesigen Rassen, die V.I. scheinen jedoch ihre eigenen Vorstellungen von den wichtigsten Mächten zu haben. Der Name Cilteres, der von den V.I. selbst stammt, besteht aus den Anfängen von Cilthroiden, Terraner und Esialos. Der Planet selbst, der übrigens in der Nähe von IG-34 liegt, besitzt reiche Vorkommen des in der Milchstraße nicht existierenden Metalls Mylanium, und deshalb ist er auch für uns interessant. TCMT besitzt auf Cilteres ein Bergwerk, das im Moment ausgebaut wird, deshalb befindet sich noch über einen längeren Zeitraum ein Raumschiff der TCMT im Orbit des Planeten, das mit Maschinenteilen und Mylanium beladen ist. Fette Beute." "Was genau soll ich tun?" "Jetzt liegt es an Ihnen. Bringen Sie Ihren Bruder dazu, dieses Raumschiff zu kapern." "Und was passiert dann?" "Sagen wir einmal so: Da Mylanium Sensorenscans beeinträchtigt, ist es nicht möglich, zu erkennen, was in besagtem Raumschiff steckt. Wir haben einige Leute an Bord dieses Schiffs, die sich um ihren Bruder 'kümmern' werden." "Ein Trojanisches Pferd also?" "Eigentlich nicht, aber wir können es als solches verwenden." "Warum postiert die UTSF Offiziere auf einem Zivilschiff?" "Das braucht Sie nicht weiter zu interessieren, wichtig ist nur, dass es so ist. Irgendwie werden Sie Sam Johnson die Information zukommen lassen, dass dieses Schiff existiert und sicher stellen, dass er einen Kaperversuch unternimmt." "Ich bin nicht so zuversichtlich. Ich weiß nicht viel über die Vereinten Imperien, aber nach allem, was ich gehört habe, sind sie eine stolze Vereinigung von Kulturen. Sie werden es sich nicht gefallen lassen, wenn im Orbit ihres Planeten ein Raumschiff überfallen wird, und Sam weiß das auch. Er wird den Köder nicht schlucken, es wäre einfach zu gefährlich für ihn." "Tja, es ist leider die einzige Falle, die wir in nächster Zeit auftreiben können. Der Zweck heiligt die Mittel. Es wäre für einen Piraten viel Gewinn in Sicht, und er könnte sich leicht und schnell nach IG-34 absetzen. Das lockt natürlich. Vielleicht denken Sie sich dazu noch was aus, das Ihren Bruder überzeugen könnte, ich weiß es nicht. Es ist Ihr Job. Wir wollen Ihren Bruder, aber es wäre sicher nützlich, auch noch diesen Cilthroiden, mit dem er arbeitet, zu haben. Wir stellen Ihnen Mittel zur Verfügung, um Ihre Mission zu erfüllen und ich werde Ihre Aktionen auch absegnen, wenn sie nicht zu abwegig sind, also übertreiben Sie nicht."
Zwei Schüsse trafen die Zielscheibe praktisch in die Mitte, der dritte landete ziemlich verirrt in den Randbereichen. "Besser zielen kannst du damit auch nicht", stellte Yxo fest, während Sam den Blaster senkte. Der Mensch warf dem Cilthroiden einen gereizten Blick zu, was in Anbetracht seiner Spezies etwas lächerlich wirkte. Der zweieinhalb Meter große Cilthroide mit der weiß, orange und blau gefleckten Haut trat grinsend einen Schritt zurück, als Sam mit der Waffe in seine Richtung fuchtelte. "Du bist der Nächste", versprach er Yxo und musterte den Blaster. Der gut in der Hand liegende Schaft, die Speicherzellen und der Lauf gingen fließend ineinander über, der obere Lauf, mit dem EM-Impulse abgefeuert werden konnten, glühte von den Übungsschüssen fast, während der untere für die explosiven Projektile eiskalt war. "Ist das nicht schlecht für das Gehäuse?" fragte er den Cacalus, der in eine Robe gehüllt neben ihm stand. Sein fast schwarzes Gesicht mit den dunkelroten Augen bewegte sich nicht, als er antwortete: "Nein, das Material ist nicht sehr empfindlich. Ich garantiere Ihnen, diese Waffe hält nahezu jeder Belastung stand." "Ich nehme sie", beschloss Sam und warf einen Blick von vorne in den Lauf. "Hervorragende Wahl", freute sich der Cacalus, "es ist die letzte, alle anderen habe ich bereits verkauft. Hier sind noch einige Informationen zu Ihrer Waffe." Er hielt Sam sein MPC-Gerät entgegen, Sam zog seines aus dem Gürtel und berührte damit kurz das Kontaktfeld. "Normalerweise würde ich noch etwas dazu verlangen, aber ich gebe Ihnen den Blaster zusätzlich noch für Ihre Fracht, weil Sie es sind." "Sie sind kein guter Geschäftsmann", stellte Yxo fest. "Sie auch nicht", entgegnete der Verkäufer, "und das Beste ist, Sie wissen es gar nicht. Deswegen ist es mir auch jedes Mal solch eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen." "Danke. Sonst noch irgendwas? Irgendwas, das uns vielleicht interessieren könnte?" "Ja, fast hätte ich Sie gehen lassen, ohne Ihnen dieses Angebot zu unterbreiten: Zufällig weiß ich, dass sich in einiger Entfernung von hier noch über längere Zeit ein Raumfahrzeug aufhält, das durchaus als Ziel für Sie in Frage kommen könnte." "Wo?" fragte Sam interessiert nach. "Ich kann Ihnen die Information geben, sofern Sie sich einverstanden erklären, mir 20 Prozent des erzielten Gewinnes zu überlassen." "Nun, kommt darauf an", meinte Yxo, "wenn mir Ihr Ziel gefällt, dann schon." "Im Orbit des Planeten Cilteres, auf dem sich eine Kolonie der Vereinten Imperien befindet, kreist ein Frachtschiff der Terran Company for Mining and Transport, soweit ich weiß ein Schiff der Starlight-Klasse. In diesem Moment sind 46 Prozent des Frachtraumes mit Bergbaugeräten und 54 Prozent mit Mylanium beladen, wobei der Mylanium-Anteil immer weiter steigt, da besagte Firma mit den Bergbaugeräten ein Bergwerk auf dem Planeten erweitert. Das ist alles." "Hm", machte Sam. "Wie können Sie sicher sein, dass wir Ihnen auch wirklich den Anteil geben, wo wir jetzt doch die Information haben", wollte Yxo wissen. "Ich vertraue Ihnen, Yxo. Außerdem glaube ich, Sie möchten diese Raumstation weiterhin als Basis nutzen, ohne Angst um Ihre Gesundheit haben zu müssen." "Sie sind mir sympathisch", grinste Yxo. "Wir Cacalus sind allen sympathisch, die sich mental nicht ausreichend abschirmen können", erwiderte der Händler, verabschiedete sich und verließ den ansonsten leeren Trainingsraum der Handelsstation IG-25. "Was meinst du?" murmelte Yxo nachdenklich vor sich hin. Sam lehnte sich an die Wand und antwortete: "Ich meine, du siehst nicht so aus, als ob du dich mental ausreichend abschirmen könntest." "Und du siehst nicht so aus, als ob du dir solche Sprüche leisten könntest. Was hältst du von dem Schiff auf Cilteres?" "Ich weiß nicht. Klingt nicht unbedingt schlecht, aber es ist unvernünftig, direkt neben einer Kolonie, auf der ein technisch hochentwickelter Völkerbund sitzt, ein Raumschiff anzugreifen." "Eben. Aber ich denke, einen Blick ist's wert. Wir können es uns leisten, der Kolonie mal einen Besuch abzustatten. Und wenn sie zu gut bewacht ist... dann können wir uns auf dem Rückflug immer noch irgendwas Anderes suchen." "Wir könnten warten, bis Sod, Celtros und Svenia auf der Station sind und die fragen, ob sie mitmachen. Ein Kanonenboot als Unterstützung, das wäre doch was." "Keine Chance. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." "Wo hast du das jetzt wieder her?" "Hat mal ein Terraner zu mir gesagt, der im Starlight meinen Stammplatz an der Theke besetzt hatte. Ich hab' ihm klar gemacht, dass der Spruch so nicht ganz stimmt." "Aha."
Gvath sah auf die Uhr in seinem Kragen. Wenn diese Terranerin nicht bald kommen würde, würde er gehen, jetzt wartete er bereits seit einer halben Stunde in diesem kleinen Etablissement, das sich Bistro nannte, und er kam sich zwischen all den Terranern komplett fehl am Platze vor. Außerdem, wieso hatte diese Frau darauf bestanden, sich hier zu treffen? IG-25 war eine gewaltige Handelsstation, es gab unzählige Plätze, die besser geeignet gewesen wären, als das hier. In diesem Augenblick setzte sich Celeste an seinen Tisch. "Guten Tag", murmelte Sie kurz, "sind Sie Privatdetektiv Gvath?" "Ja. Ich bin wohl auch der einzige Eniles hier." Er lächelte kurz und hoffte, dass das Wesen ihm gegenüber sich dadurch nicht bedroht fühlte. "Sie haben mich kontaktiert?" wollte er zur Sicherheit wissen. "Ja, ich bin Lieutenant Peters von der United Terran Space Force", behauptete Celeste, "der Ort ist vielleicht ungeeignet für dieses Treffen, aber ich muss sicher gehen, dass mir bestimmte Personen nicht zufällig über den Weg laufen..." "Ich verstehe. Was kann ich für Sie tun, Lady?" "Soweit ich weiß, haben Sie Ihr eigenes Raumschiff, richtig?" "Naja, in ein paar Jahren. Momentan gehört es noch zum größten Teil der Bank. In meinem Job ist es ganz sinnvoll, ein Schiff zu haben." "Gut. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, starten in Kürze zwei Raumschiffe ohne amtliche Kennung in Richtung Cilteres, ein Terranischer Jäger, von einem Menschen namens Sam Johnson gesteuert, und ein Cilthroidscher Transporter unter dem Cilthroiden Yxo. Sie müssen sowieso nach Cilteres?" "Ja, mein neuer Arbeitsplatz sozusagen. Ich mache hier nur einen Zwischenstopp." "Gut. Hören Sie, die Reisegeschwindigkeit der beiden Raumschiffe wird um die 180 000 Lichtjahre pro Tag betragen. Ich bin überzeugt, dass Ihr Schiff schneller ist. Irgendwann während der Reise überholen Sie die beiden Schiffe, Sie fliegen dabei Ihren Kurs nach Cilteres ganz normal weiter. Wenn es bei den Eniles üblich ist, können Sie sogar eine von diesen 'Guten Tag, ist bei Ihnen auch alles in Ordnung'-Botschaften senden." "Gehe ich richtig in der Annahme, dass ich einen Überfall zu erwarten habe?" "Ja, so ist es zumindest geplant." "Ähm... Ich weiß nicht, ob ich der Richtige für diesen Job bin..." gatzte der Eniles herum. "Ich habe finanzielle Mittel zur Verfügung", entgegnete Celeste. "Nun", überlegte Gvath, "reden Sie weiter." "Wenn Sie sofort, wenn Sie abgefangen werden, kapitulieren, wird Ihnen und Ihrem Schiff nichts geschehen, keine Sorge." "Auch nur, wenn alles nach Plan verläuft?" "Nein, Sie brauchen keine Angst haben. Folgendes: Im Orbit um Cilteres befindet sich ein Terranischer Zivilfrachter der TCMT. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber jemand irgendwo im Hintergrund will, dass der Frachter seine Mission abbricht. Das darf nicht zu offensichtlich geschehen, also werden diese Piraten für uns die Drecksarbeit übernehmen." "Wieso will jemand den Frachter los werden und was soll ich tun?" "Ersteres kann ich Ihnen nicht beantworten. Ich weiß nicht, wer, und wenn ich es wüsste, Sie können zweimal raten, ob ich es Ihnen sagen dürfte. Jedenfalls werden Sie den Piraten einen Vorschlag machen: Sie sagen denen, dass es Ihr momentaner Auftrag sei, besagten Frachter aus sonstirgendwelchen Gründen irgendwie aus V.I.-Gebiet zu kriegen, und dass sie Ihnen helfen sollen. Sie bieten Ihnen sozusagen den Frachter an, das ist alles." "Moment, wäre das nicht ein bisschen dünn? Wieso sollte ich Piraten, die dabei sind, mich auszurauben, einen Gefallen tun?" "Ich kann mir vorstellen, dass es Leute gibt, die alles tun würden, um sich in einer Krisensituation zu schützen - auch einen Pakt mit dem Teufel schließen. Lassen Sie sich was einfallen. Denken Sie sich meinetwegen eine Story aus, warum Sie den Frachter beseitigen müssen - wie Sie Ihren Job machen, ist Ihre Sache. Sie werden gut bezahlt." "Wie gut?" "Gut genug. Kontaktieren Sie meine Vorgesetzten. Rufen Sie bei der UTSF an und erkundigen Sie sich nach Lieutenant Peters und einer Operation 'Purge'." Der Eniles kratzte sich am Schnabel. "Toll, der erste Auftrag hier, der erste Selbstmordauftrag", seufzte er, "wie erreiche ich Ihre Vorgesetzten?"
Der Commander zog die Augenbrauen hoch, während er Celestes Bericht durchlas. "'Operation Purge'", grinste er, "der Einfall ist nicht schlecht. Allerdings..." Celeste biss die Zähne zusammen und sah den Commander unsicher an, bevor er weiter sprach. "...allerdings bezweifle ich, dass diese Show den gewünschten Effekt haben wird. Die Information über den Cacalus-Waffenhändler auf IG-25 haben Sie vom Geheimdienst?" "Ja, Sir. Ohne Ihre Unterstützung wäre ich vor verschlossenen Türen gestanden." "Sicher, aber das ist es eben. Wir haben selbst Mittel und Wege, kriminelle Subjekte irgendwo hin zu locken, eigentlich hatte ich gedacht, dass Sie die Tatsache, dass Sam Johnson Ihnen vertraut, irgendwie benutzen würden." "Die Ausführung meines Plans ist ja erst in der Anfangsphase." "Ich hoffe, Sie wissen, was Sie tun. Ich hoffe es für Sie, denn erst wenn Sam Johnson verhaftet ist, ist Ihnen Ihr Job wieder sicher." "Ja, Sir. Ich verstehe." Der Commander verabschiedete sich militärisch und der Bildschirm verdunkelte sich. Celeste lehnte sich zurück und seufzte. In den letzten Tagen hatte sie sich des öfteren krampfhaft einzureden versucht, dass sie das Richtige tat, dass sie anderen Menschen half. Aber sie war in ihren Überlegungen immer nur bei der traurigen Feststellung angelangt, dass ihr ihre Kariere offenbar wichtiger war, als ihr eigener Bruder.
"Ziele bewegen sich", meldete der Computer freundlich, woraufhin Gvath kurz brummte und sich in seinem Pilotensitz wälzte. "Ziele bewegen sich", wiederholte der Computer etwas energischer. Gvath schreckte auf. "Wohin?" wollte er wissen. "Standart-Abflugvektor", antwortete der Computer. "Sensorenkontakt halten", befahl Gvath und suchte den Weltraum vor den Sichtfenstern nach den beiden Schiffen ab. Die Hälfte des Sichtfeldes war von dem gewaltigen, metallischen Rumpf der Station IG-25 verdeckt, und der Himmel war von sich bewegenden, leuchtenden und blinkenden Punkten geradezu gespickt, also musterte Gvath die Zielschiffe auf dem Sensorenschirm. Sie flogen in Reiseformation, das eine war ein langes, stromlinienförmiges Transportschiff Cilthroidscher Bauart und das andere ein Terranischer Jäger. Die Kontakte waren mit Lebensquell beziehungsweise Savage Eagle überschrieben. "'Jertwihs Strand' an IG-25 Flight Control", sprach Gvath, "erbitte Starterlaubnis." "IG-25 Flight Control an 'Jertwihs Strand'. Koppeln Sie ab und bleiben Sie auf Warteposition, bis wir Ihnen einen Abflugvektor zuweisen." "Verstanden." Gvath widmete sich den Flugkontrollen, dockte sein Schiff ab und steuerte es einige hundert Meter von der Station weg. Er bewegte nervös seine Strahlungsfühler, als die beiden Piratenschiffe den Normalraum verließen und in den Sub-Hyperraum eintraten. "Hier Jertwihs Strand, erbitte Starterlaubnis", wiederholte er. "Jertwihs Strand", erwiderte die Stimme des Flight Controllers gereizt, "warten Sie, bis wir Ihnen einen Abflugvektor zuteilen." Die Piratenschiffe entfernten sich immer weiter. Gvath schätzte, dass er jetzt außer Reichweite ihrer Scanner war, und bald würden auch seine Sensoren die Schiffe verloren haben. "IG-25, halten Sie mir Abflugvektor Nummer 17 frei!" forderte er nach einem kurzen, abschätzenden Blick auf den Sensorenschirm und beschleunigte.
Das kleine, kantige Schiff machte einen Satz nach vorne und ließ die gigantische Metallkonstruktion hinter sich.
"Jertwihs Strand, hier spricht IG-25 Flight Control! Was zum Teufel tun Sie da, kommen Sie sofort zurück!" "Ich hab's eilig", entschuldigte sich Gvath knapp, schaltete das Kom ab und aktivierte seinen Sub-Hyperantrieb. Ein Lichtblitz erhellte das enge Cockpit für Sekundenbruchteile, dann lehnte sich der Eniles zufrieden in seinen Pilotensessel zurück und schlug den gleichen Kurs ein, wie die Piraten.
Wenn Sam etwas hasste, dann waren es einige bestimmte Personen und mehrere Tage allein auf der Savage Eagle zu verbringen, mit der Lebensquell als einzigem mitreisenden Schiff. Er lehnte in seinem Pilotensessel, hatte die Beine auf die Navigationskontrolle gelegt und überließ dem Computer die Kontrolle, während er sich auf seinem MPC die Informationen zu seiner neugekauften Waffe durchlas. In der einen Hand hielt er den MPC, mit der anderen spielte er an dem Blaster herum. "'Beim Abfeuern von Explosivprojektilen je nach Art des Ziels mindestens fünf bis vierzig Meter Sicherheitsabstand zum Ziel einhalten.' Toll." Er blätterte noch etwas in der Datei herum, fand jedoch keine genauere Erklärung, welcher Abstand zu welcher Art von Ziel passte. Er steckte den MPC wieder ein, im gleichen Moment, in dem das Kom piepste. "Was ist los?" "Ein Schiff nähert sich uns direkt von achtern", meinte Yxo, "scheint auch von IG-25 zu kommen und nach Cilteres zu wollen." Nach einigen Sekunden erschien das kleine Raumschiff auch auf Sams Scannerbildschirm. "Ja, ich hab's auch auf den Schirmen." "So ein Schiff hab' ich noch nie gesehen", gab Yxo zu, "scheint ein Kurier oder leichter Transporter zu sein. Vielleicht weiß dein UTSF-Computer weiter." Sam fragte die verfügbaren Daten ab. "Viele Informationen gibt es nicht: 'Wahrscheinliche Klassenbezeichnung: Quadronix; vermutlich als leichtes Transportschiff konspiziert; manchmal in verschiedenen Konfigurationen und unter Kontrolle verschiedener Rassen in Randbereichen des Terranischen Imperiums angetroffen;' Mehr steht nicht da." "Was meinst du? Klingt doch teuer." Sam konnte Yxos Grinsen regelrecht vor sich sehen. "Klingt auch riskant", gab der Mensch zu bedenken. "Hier die Jertwihs Strand", drängte sich jemand in den Kom-Kanal, "wir haben scheinbar dasselbe Flugziel. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?" "Okay, du hast recht", stimmte Sam Yxo zu, "aber darf ich diesmal?" "Meinetwegen. Lass' dir aber was Gutes einfallen." "Sicher", grinste Sam, "Jertwihs Strand, bei uns ist nicht alles in Ordnung." "Wo liegt das Problem?" erkundigte sich die Jertwihs Strand. "Ihre Anwesenheit belästigt uns." "Ich verstehe nicht so recht..." "Sehen Sie, wir sind so neidisch, wir können es nicht sehen, wenn jemand ein größeres Raumschiff hat, als wir. Tun Sie uns einen Gefallen? Sie könnten in die Normalraum zurück fallen, so dass wir uns Ihr Schiff nehmen können, ohne es beschädigen zu müssen." "Wollen Sie mir drohen?" Die Stimme klang unsicher. "Nein, Unsinn, ich drohe Ihnen nicht. Ich mache Ihnen ein großzügiges Angebot." "Hören Sie... Ich bin bewaffnet!" "Ich bin besser bewaffnet." "Und ich noch besser", ergänzte Yxo. "Ach ja", fügte Sam noch hinzu, "und wir mögen es auch nicht, wenn jemand Notsignale aussendet. Und lange Diskussionen mögen wir auch nicht. Sie verstehen?" "Okay. Okay. Ich deaktiviere jetzt meinen Sub-Hyperantrieb." "Wie vernünftig."
Die Jertwihs Strand tauchte mit einem grellen Lichtblitz im Normalraum auf, wie auch die Lebensquell und die Savage Eagle einige Sekunden später. Mit ungefähr 30 Metern Länge war die Jertwihs Strand etwas kleiner als die Lebensquell und doppelt so groß, wie die Savage Eagle. Das Schiff des Eniles hatte im Grunde die Form eines flachen, länglichen Quaders, mit abgerundeten Kanten, einem etwas flach zulaufenden Bug und den ein oder anderen Erhebungen und Vertiefungen im Rumpf. Am Heck saßen vier Triebwerke, kreuzweise aufeinander montiert.
Gvaths Strahlungshaare bewegten sich unruhig, während er sein Spiegelbild in einem Bildschirm beobachtete. "Ich muss den Frachter loswerden, weil... er eine unnatürliche Lichtquelle am Nachthimmel darstellt und den Pflanzenwuchs beeinträchtigt. Nein." Er dachte kurz nach, dann murmelte er wieder vor sich hin: "Ich muss den Frachter loswerden, weil..." "Jertwihs Strand, wir docken jetzt an Ihr Schiff an. Entwaffnen Sie sich und erwarten Sie uns an Bord." "Ich habe verstanden."
Die beiden Piratenschiffe näherten sich langsam der Jertwihs Strand, um an ihr anzudocken, die Lebensquell an der Ober-, die Savage Eagle an der Unterseite.
"Das war fast ein bisschen einfach", stellte Sam fest, als sich sein Schiff mit einem Ruck an der Jertwihs Strand verankerte. "Wer weiß, was für ein Wesen da im Cockpit sitzt", meinte Yxo, "wahrscheinlich ist der froh, wenn wir sein Schiff nehmen und ihn in der Rettungskapsel hier lassen. Ach ja, übrigens Sauerstoff-Stickstoff-Atmosphäre. Also, wir gehen jetzt an Bord." Sam nahm seine Waffe, die er während des Andockmanövers abgelegt hatte, entsicherte den Impulslauf und öffnete die Luke in der Kuppel über sich. Er begutachtete die Luke im Rumpf der Jertwihs Strand, die mit seinem Schiff durch den kurzen, ausfahrbaren Schleusenkanal der Savage Eagle verbunden war, und öffnete sie schließlich mit einem einfachen Knopfdruck. Ein Zischen ertönte, Sam riss den Mund auf, um dem plötzlichen Druck in seinen Ohren entgegen zu wirken. "Der Luftdruck ist drüben übrigens höher", warnte ihn Yxo über das Kom, "etwas 1,2 bar." "Danke", presste Sam gereizt hervor und kletterte durch die Luke nach oben. Es war schon beim Öffnen der Schleuse wärmer geworden, doch nun glaubte er, gegen eine Wand zu laufen. Er atmete tief durch, dann zog er seine Pilotenjacke aus und warf sie in die Schleuse zurück. Er zog ein Kom-Gerät aus dem Gürtel und keuchte: "Hier hat es mindestens 50 Grad." "Nein, nur 34,6", versicherte ihm Yxo, "aber die Luftfeuchtigkeit beträgt 98 Prozent." "Na dann ist ja alles okay..." Der Mensch sah sich um. Er stand in einem kurzen Korridor, der auf der einen Seite in einem großen Schott endete, wahrscheinlich führte es zum Frachtraum. Auf der anderen Seite führte eine Leiter nach oben, links und rechts war je eine Tür in der Wand. "Soll ich mich hier unten Mal umsehen?" "Ja, ich geh' von oben in den Frachtraum, schau dir den Rest des Decks an." "Klar." Die Türen ließen sich problemlos öffnen, der eine Raum war vermutlich das Privatquartier des Piloten, im anderen befand sich eine kompliziert aussehende technische Anlage. "Hier unten sind seine Kabine und das Lebenserhaltungssystem. Wie sieht's im Frachtraum aus?" "Nur Vorräte und Ersatzteile für das Schiff. Keine Fracht. Wahrscheinlich nehmen wir uns das ganze Schiff mit, auch wenn's etwas aufwendig ist. Ist der Pilot unten?" "Nein, wahrscheinlich noch auf der Brücke." "Dann gehen wir jetzt dahin." "Verstanden."
Einige Sekunden später trafen sich die beiden vor der Tür zum Cockpit. Sie pressten sich rechts und links davon an die Wand und nickten sich zu. "Aufmachen!" befahl Yxo. Er wusste nicht so recht, ob der Computer oder der Pilot auf seinen Befehl reagierte, jedenfalls glitt das Schott in die Wand und die beiden sprangen mit vorgehaltenen Waffen auf die kleine Brücke, wo der Pilot bereits mit erhobenen Händen stand. Sam dachte kurz nach und kam zu dem Schluss, dass es ein Eniles sein musste. Er hatte noch nie einen gesehen, aber die dunkelblaue, äußere Knorpelhülle, der schnabelartige Mund, die großen, roten, mandelförmigen Facettenaugen und die vier haarartigen Strahlungsfühler am Kopf waren allen Beschreibungen nach typisch für Eniles. Außerdem waren die dünnen Gliedmaßen und die drei Finger pro Hand mit Schwimmhäuten auffallend, sowie die vogelartigen Füße, mit einer nach hinten abstehenden, langen Zehe. Des Weiteren war die saloppe, arm- und beinlose Kleidung des Eniles auffällig, die aus Pflanzenmaterial zu bestehen schien. Hätte Sam es nicht besser gewusst, hätte er diesem Wesen eine sehr primitive technische Entwicklungsstufe zugeschrieben, doch die Eniles gehörten zu den Gründervätern der Vereinten Imperien. Und hier lag das Problem. Dieses Schiff flog offensichtlich unter der Flagge der V.I., nun konnten sie sich den Besuch auf Cilteres also abschminken. "Ich bin Gvath, Kommandant des Zivilschiffes Jertwihs Strand. Was wollen Sie?" "Wo ist deine Ladung?" wollte Yxo wütend wissen und richtete sein Gewehr auf den Eniles. "Ich habe keine Fracht an Bord", antwortete der Eniles kleinlaut. "Dann geht's umso schneller. Du hast fünf Minuten, um in deine Rettungskapsel zu steigen und zu verschwinden!" Gvath öffnete seinen Schnabel, um etwas zu sagen. "Vier Minuten und 58 Sekunden." Sam stieß Yxo den Ellenbogen in die Seite. "Komm' mit." "Was?" Während Gvath irritiert zusah, zerrte der Mensch den Cilthroiden in den Gang zurück und flüsterte: "Das ist ein Eniles." "Ja und?" "Die Eniles sind Mitglieder der Vereinten Imperien", zischte Sam, "Cilteres können wir vergessen, wenn wir den Typen überfallen." Yxo warf wieder einen Blick auf den Eniles, worauf dieser erschrocken zusammen zuckte. "Was soll's", flüsterte der Cilthroide, "die Beute, die uns auf Cilteres – vielleicht – erwartet, ist auch nicht gerade das Vermögen schlechthin." "Ja, aber ein leeres Kurierschiff auch nicht." "So, und was sollen wir jetzt deiner Meinung nach machen? Sollen wir sagen: 'Entschuldigen Sie vielmals die Störung, Sie können weiterfliegen, wir haben gedacht, Sie wären jemand Anderes. Ach ja, wir fliegen übrigens auch nach Cilteres.'?" Gvath kratzte sich am Schnabel, sofort riss Yxo sein Gewehr hoch. "Keine Bewegung!" brüllte er. "T'schuldigung", stieß der Eniles sofort hervor und räusperte sich unsicher. "Ähm, ich weiß ja nicht, was Sie gerade planen, aber... tun Sie's bitte nicht! Hören Sie, ich bin nicht versichert, das Schiff gehört praktisch der Bank, und ich kann doch nicht ewig die Raten für ein Raumschiff zahlen, das ich gar nicht mehr habe, was soll ich denn..." "Schnauze." "Sicher." "Was machen Sie hier überhaupt?" wollte Sam plötzlich interessiert wissen und tat einige Schritte auf Gvath zu. Der Eniles musterte kurz Yxo und sein Gewehr. "Was soll die Frage bitte?" "Ich meine, jeder Tramp-Frachter-Kapitän versucht, Leerflüge zu vermeiden. Ihr Laderaum ist aber leer." "Ich bin ja auch kein Tramp-Frachter-Kapitän." "Was dann? Ist das hier ein Spazierflug?" "Nein, ich... Ich bin Privatdetektiv." "Los, in die Rettungskapsel!" befahl ihm Yxo sofort. "Hey", jammerte Gvath, "nein, ich... Ja! Das ist es!" Mittlerweile wurde auch Sam ungeduldig. "Genau das ist es", meinte Yxo, "los jetzt, in die Rettungskapsel!" "Nein, ich meine... Wir könnten ins Geschäft kommen. Sie sind doch Geschäftsleute, oder?" Yxo näherte sich dem Eniles mit gehobener Waffe. "Soll ich dich zu deiner Rettungskapsel eskortieren? Mach' ich gerne." "Hey, Moment!" Sam drängte sich zwischen die beiden und sah Gvath abschätzend an. "Hören wir uns doch mal an, was er zu sagen hat." "Yxo seufzte und lehnte sich an die nächstbeste Wand. "Also, was ist, Eniles?" "Sie..., also ich... also, ich habe im Moment einen Auftrag. In einer Umlaufbahn um Cilteres kreist ein Terranisches Raumschiff..." Er sah Sam einen Moment an. "Sie sind doch auch Terraner." "Nein, ich bin auf einer Kolonie im Beteigeuze-System geboren... Ach, reden Sie weiter!" "Ein Terranischer Frachter umkreist also Cilteres. Die Betreiberfirma besitzt auf dem Planeten ein Mylanium-Bergwerk und erweitert es gerade, deshalb bleibt das Schiff im Orbit und lädt die Teile für das neue Bergwerk ab. Der frei werdende Frachtraum wird mit Mylanium beladen. Mylanium blockiert aber Sensorenscans, weshalb wir nicht sehen können, was sich im Inneren des Schiffes befindet. Mein Auftraggeber hat offensichtlich einen driftigen Grund zu der Annahme, dass die Crew diese Sensorenabschirmung ausnutzt, um Schmuggelware auf ihrem Schiff zu lagern. Mein Job ist es, das Schiff irgendwie dazu zu bringen, seine Mission abzubrechen." "Wer ist Ihr Auftraggeber?" erkundigte sich Sam sofort. "Ein hohes Tier von Space Metallics, einem Bergbau- und Transportkonzern der Vereinten Imperien." "Was geht es Space Metallics an, ob jemand anderes Schmuggel betreibt?" wollte Yxo wissen. "Das liegt doch auf der Hand. Space Metallics will selbst ein wenig steuerfreies Geld verdienen, außerdem will die Firma den lästigen Konkurrenten aus dem Weg haben." "Wieso wendet sich Space Metallics nicht an die Behörden?" "Es gibt keine Beweise, zumindest keine offiziellen. Die Beweise, die existieren, würden zu kriminellen Subjekten führen, die wiederum zu Space Metallics Kontakt haben. Das wäre zu riskant. Hören Sie, das ist doch was! Sie kapern den Frachter für mich, dafür darf ich mein Schiff behalten. Was halten Sie davon?" Sam zog die Augenbrauen hoch und sah Yxo an. Yxo gab einen undefinierbaren Laut von sich. "Wieso lässt du dich mit Leuten wie uns ein, wo du doch auf der Seite der braven Bürger stehst?" "In meinem Job muss man sich manchmal am Rande der Legalität bewegen. Und man kann sich dort sogar noch viel besser bewegen, wenn einem irgendwelche Piraten nicht das Schiff gestohlen haben. Sie verstehen?" "Ich verstehe", lächelte Yxo, "nur leider haben wir diese Information bereits. Zum wievielten Mal sag' ich dir jetzt schon, dass du deinen Blauarsch in die Rettungskapsel schieben sollst? Keine Sorge, wir werden deinen Job schon erledigen." "Er kann uns nützlich sein", fuhr Sam dazwischen. "Hmm", machte Yxo, "kannst du dafür sorgen, dass wir auf dem Planeten landen können?" "Sicher, kein Problem", versicherte Gvath den Piraten. "Wenn du uns wegen Piraterie anzeigst, hast du ein paar von diesen Fühlern weniger, kapiert?" "Kapiert." "Na also, dann führ' uns nach Cilteres!"
Die Reise nach Cilteres verlief ohne Zwischenfälle. Kein Raumschiff kreuzte mehr den Kurs der drei, und Gvath unternahm auch keine Fluchtversuche. Der Eniles schien sich mit seiner Situation abgefunden zu haben und bedankte sich im Laufe des Fluges mehrmals dafür, dass sie sein Schiff verschont hatten, und dass sie ihm bei seinem Auftrag halfen. Die beiden Piraten konnten von Gvath einiges über die V.I. erfahren, das eventuell nützlich sein könnte. "Wie groß sind eigentlich die Vereinten Imperien", wollte Sam über das Kom wissen, "ich meine, sie unternehmen keine großen Anstrengungen, sich in der Lokalen Gruppe weiter auszubreiten, obwohl hier noch unbeanspruchtes Territorium ist. Haben die V.I. es nicht nötig, oder haben sie im Moment nicht das Potential?" "Das sage ich Ihnen lieber nicht. Sehen Sie, je weniger Informationen Andere über uns besitzen, desto besser. Aber ich bin überzeugt, Cilteres wird hier auf Dauer nicht die einzige Kolonie bleiben." "Glauben Sie, auch in diesem Teil des Weltraums Mitglieder anwerben zu können?" "Was weiß ich denn, ich bin doch kein Politiker. Aber ich denke, die Eniles suchen eher nach Rassen, die in die Vereinten Imperien aufgenommen werden können, während die Kal'gem den Machtbereich der V.I. vermutlich eher auf wirtschaftlichem Wege erweitern wollen und zum Teil sogar militärische Konflikte provozieren." "Cool", kommentierte Yxo, "wer sind die Kal'gem?" "Die zweite Gründerrasse der V.I. Kal'gem, Eniles und Quep sind im Grunde die Vereinten Imperien, alle anderen Rassen sind die Fußabtreter. Vielleicht sind die Lhertseg noch erwähnenswert, weil sie Freunde der Eniles sind und ganz passable organische Raumschiffe bauen. Aber im Grunde haben auch die Lhertseg wenig zu sagen, wie alle, außer den genannten drei. " "Diese V.I. sind mir allmählich sympathisch", grinste Yxo. "Mir als Eniles auch." "Solange sie hier keine militärischen Konflikte provozieren", meinte Sam, "sind sie mir ziemlich relativ." "Sich mit den Cilthroiden oder Terranern anlegen? Das wäre kein Konflikt, sondern ein Krieg. Wir sind doch keine Barbaren, ich bezweifle ernsthaft, dass irgendjemand in den V.I. so weit gehen würde." "Und wenn doch?" "Es gibt kein wenn doch, sicher nicht." "Ich meine theoretisch. Wie wären die Chancen verteilt, wenn ihr jemanden von uns angreifen würdet?" "Der Andere würde sich mit den V.I. verbünden, und das Opfer hätte keine Chance", vermutete Yxo. "Richtig", stimmte Gvath zu, "dann würden die V.I. siegen, wären noch mächtiger und würden auch noch den Anderen 'integrieren'. Theoretisch." "Schön", seufzte Sam, "richtig beruhigend."
Einige Stunden später erreichten die drei Raumschiffe das Cilteres-System. Die Ankunft in einem Sonnensystem war immer wieder ein beeindruckender Anblick, der in Zeiten der Generationsraumschiffe so nie möglich gewesen wäre. Das erst allmähliche, dann immer schnellere Anwachsen eines Sterns von einem fernen, matten Lichtpunkt zu einem gewaltigen Feuerball, einer richtigen Sonne, gehörte zu den richtig atemberaubenden Erscheinungen des Universums, wenn auch lange nicht zu den besten. Die Sonne von Cilteres war ein orangefarbener, mittelgroßer Stern, Sol nicht unähnlich. "Hier spricht Cilteres City Tower, ich rufe die Jertwihs Strand und ihre beiden Begleitschiffe. Wir übermitteln Ihnen Koordinaten für den Rückfall in den Normalraum, bleiben Sie dort auf Warteposition. "Verstanden, Tower", antwortete Gvath. "Hey, wer hat dir erlaubt, was zu sagen?" schnauzte ihn Yxo an. "Der Tower." Rückfallblitz, dann schwebten der Stern und die ihn umgebenden Lichtpunkte scheinbar bewegungslos im Raum. "Tower an die beiden unidentifizierten Schiffe. Geben Sie Schiffsbezeichnungen, Fracht und Flugziel an und geben Sie Ihre ID-Kennung durch." "Lebensquell und Savage Eagle", antwortete Yxo, "keine Fracht, Cilteres." "Was ist mit Ihrer Kennung? Bei Ihren Regierungen sind Raumfahrzeuge zulassungspflichtig, wir brauchen eine offiziell ahnerkennbare Bestätigung, wer für Sie verantwortlich ist." "Niemand ist für uns verantwortlich, wir können auf uns selbst aufpassen." "Das ist aber schön, vor allem kann ich damit so viel anfangen!" "Hier spricht die Jertwihs Strand, ich übernehme die Verantwortung." "Warten Sie einen Augenblick, Jertwihs Strand." Ein kurzes Knacksen verriet, dass der Kontakt unterbrochen wurde. "Geht das?" wollte Sam irritiert wissen. "Die Verantwortung für euch übernehmen? Das ist schon möglich, zumindest bei den Eniles. Ob es für Kolonien unter der Kontrolle der gesamten Vereinten Imperien ebenfalls gilt, weiß ich nicht, aber der Tower wird jetzt mit der Sicherheitsberaterin der Kolonie sprechen, und wenn die hört, dass es um mich geht, seufzt sie gereizt, verflucht mich und sagt dann 'Ja, alles in Ordnung.'. Und wenn ihr eueren Job erledigt habt, kann ich immer noch sagen, dass ihr mich erpresst habt." "Cilteres City Tower an Jertwihs Strand", meldete sich die Stimme wieder, "wir haben die Situation abgeklärt. Alles in Ordnung. Bleiben Sie auf Warteposition, bis wir Ihnen einen Anflugvektor zuteilen." "Verstanden. Jertwihs Strand, Ende. Na, wie hab' ich das gemacht." "Hervorragend", antwortete Yxo wenig überzeugend, "sehen wir uns mal die Situation an." Er sah aufmerksam seinen Scannerschirm an. "Ein Starliner und ein paar Transporter im Orbit, darunter auch ein Terranischer Klipper. Meine Sensoren haben Schwierigkeiten, ihn genauer zu identifizieren." "Sehen wir uns mal die ID-Kennung an", beschloss Sam, "SS Sénégal, Starlight-Klasse. Zivilschiff unter Flagge des Terranischen Imperiums, Heimathafen: Erde. Eigentümer: Terran Company for Mining and Transport. Standart-Besatzungsstärke: Acht. Mission: Transport. Das scheint unser Schiff zu sein, hier ist zusätzlich noch ein Hinweis: 'Sensorenstörende Fracht'." Nach einigen Sekunden fügte er hinzu: "Der Hinweis stimmt. Meine Scanner können gerade noch erkennen, dass sie zur Starlight-Klasse gehört. Starten wir jetzt einen Blitzangriff, schnappen uns das ganze Schiff und verschwinden wieder?" "Nein", widersprach Yxo, "wir landen erst auf dem Planeten und sehen uns dort um. Wenn wir jetzt angreifen und die planetare Abwehr schnell genug reagiert, sind wir dran. Wir müssen erst auschecken, zu welchen Zeiten die Verteidigung wie schnell einsatzbereit ist, außerdem sollten wir dann angreifen, wenn besonders viele Besatzungsmitglieder auf dem Planeten sind. Und wenn jetzt irgendjemand die Koms abhört, können wir's sowieso vergessen. Wir landen jedenfalls zuerst am Raumhafen." "Einverstanden." Yxo seufzte. "Hey, Terraner, schalt' den Kom-Kanal zu dem Eniles ab." "Wieso?" wollte Gvath wissen. Vielleicht hätte er noch mehr wissen wollen, aber er konnte es nicht mehr äußern, weil die beiden Piraten die Verbindung zu ihm nun unterbrochen hatten. "Wir sollten den Eniles liquidieren, bevor er Ärger macht." Sam brauchte einige Sekunden, um zu verarbeiten, dass Yxo das wirklich gesagt hatte, und dann noch einmal so lange, um zu begreifen, warum er das gesagt hatte. "Ganz meine Meinung", antwortete er schließlich, "wir knallen ihn hier und jetzt ab, schnappen uns den Frachter mit dem Mylanium und machen uns davon." "Bestätigt, ich hab' den Blauarsch im Visier. Feuer frei." Die Jertwihs Strand tat nichts, um sich zu schützen. "Okay, der plaudert friedlich mit dem Tower", stellte Sam fest, "der hätte nicht die Nerven, die Schutzschilde unten zu lassen, wenn er jetzt mitgehört hätte. Also, um was geht's?" "Ganz einfach: Die Sache stinkt." "Inwiefern?" "Überleg' doch mal. Zuerst erfahren wir von der fast perfekten Beute. Wir machen uns also auf den Weg, um uns die Sache anzusehen, und treffen auf jemanden, der uns bereitwillig noch einmal über die Beute informiert, um ganz sicher zu gehen, dass wir sie angreifen." "Naja, ich weiß nicht. Dieser Gvath scheint mir nicht gerade der typische Verschwörer zu sein. Was aber den Cacalus auf IG-25 angeht..." "Dem vertraue ich. Nicht, weil er ein Cacalus ist und ich ein unerklärliches Vertrauen empfinde, sondern weil er es sich einfach nicht leisten kann, seine Kunden zu verraten. Und Gvath... naja. Wenn, dann hat jemand im Hintergrund irgendetwas vor." "Jemand im Hintergrund? Hör' mal, wir sind zwei billige kleine Piraten, wer würde schon gegen uns besonders komplizierte Pläne schmieden?" "Ich weiß nicht. Vielleicht wird man bei dem Job ja auch wirklich nur etwas paranoid. Aber irgendwie gefällt mir das nicht." "Du meinst also, die Sénégal ist ein Trojanisches Pferd?" "Nein, ich meine, die Sénégal ist ein getarntes Polizeischiff, das Truppen an Bord hat." "Ja, eben." "Ja." "Gut. Landen wir trotzdem zuerst auf dem Planeten, dort dürften wir sicher sein. Wir sammeln Informationen, und unser blauärschiger Freund kann uns dabei behilflich sein." "Tower an Lebensquell und Savage Eagle. Sie erhalten jetzt die nötigen Anflugdaten. Folgen Sie der Jertwihs Strand, und machen Sie keinen Ärger." "Aber wir doch nicht", versicherte Yxo dem Fluglotsen unschuldig.
Mit atemberaubender Geschwindigkeit rasten die drei ankommenden Raumschiffe durch die Atmosphäre des Planeten, gelenkt von Cilteres City Tower. Der Himmel über der Stadt war klar, die Sicht reichte kilometerweit über die Kolonie Cilteres City. Das Stadtbild war geprägt von kantigen, hunderte Meter hohen Gebäuden, die sich in den Himmel erhoben, andererseits auch von flachen, kuppelartigen und kunstvoll miteinander verbundenen Niedrigbauten. So verschieden die beiden Architekturstile auch waren, sie waren so geschickt miteinander kombiniert, dass die Stadt trotzdem einen einheitlichen, sehr ausdrucksvollen Anblick bot. Großflächige Parks, die sich in einem strengen Muster mitten in der Stadt teilweise über mehrere Quadratkilometer erstreckten, vervollständigten das Gesicht der Kolonie. Die gigantischen Landefelder des Raumhafens lagen am Rande der Kolonie an der Küste, reichten teilweise mehrere hundert Meter in die von Bergen gesäumte Bucht hinein. Der Anflug in die Bucht sah schwierig aus, war für einen Navigationscomputer allerdings nicht viel komplizierter, als jeder andere Anflug auch.
"Ist die Kolonie gewachsen, oder war sie von Anfang an so geplant?" fragte Sam interessiert. "Sie ist gewachsen, aber jeder weitere Ausbauschritt war sorgfältig geplant. Am Anfang war es ein politischer und Handels-Außenposten mit einer Bevölkerung von etwa 700 000, jetzt hat die Kolonie zwei Millionen Einwohner. Eine schöne Stadt, nicht wahr?" "Ja, wirklich wunderbar", seufzte Yxo gelangweilt, "und wie sinnvoll es doch ist, sämtliche Gebäude so zu verkorksen." "Ihr Cillys habt keinen Sinn für Ästhetik", kommentierte Sam. "Doch: Wie verbiege ich am eindrucksvollsten das Rückgrat eines Terraners, der mich eben Cilly genannt hat?" Vermutlich wäre es nun zu einem langwierigeren verbalen Gefecht gekommen, wenn nicht in diesem Augenblick ein kleines, bauchiges Raumschiff am Horizont aufgetaucht und über die Stadt hinweg gerast wäre, auf dessen Flanken groß die Buchstaben "TCMT" prangten. "Hey, seht euch das Schiff an", rief Yxo. Sam rief die ID-Kennung des kleinen Schiffes, das offensichtlich ein Kurzstreckentransporter war, ab und führte selbst einen kurzen Scan durch. "'SS Dakar'. Es ist das Beiboot der Sénégal, eine Frachtfähre, und sie ist auch absolut undurchsichtig." "Sie scheint das Mylanium von den Bergwerken zur Sénégal zu transportieren", vermutete Yxo, "aber warum landet die Sénégal nicht selbst und lässt sich beladen, anstatt kleine Boote auf den Planeten zu schicken?" "Das kommt ganz darauf an", versuchte Sam zu erklären, "wie schwer Mylanium ist. Schiffe der Starlight-Klasse sind nun mal keine Jäger, sondern Frachter. Bei der Starlight ist mehr Wert auf Frachtraum gelegt, als auf Triebwerke, eine schwer beladene Starlight, die am Boden steht, bleibt auch am Boden." "Klingt einleuchtend."
Mittlerweile waren die Schiffe in einen Landeanflug auf ihre jeweiligen Stellplätze übergegangen. Der Raumhafen, offensichtlich für große Mengen an Starts und Landungen ausgelegt, war nicht gerade überfüllt, trotzdem wurde die kleine Gruppe auf etwas voneinander entfernte Landeplätze verwiesen, vielleicht eine Vorsichtsmaßname, um den beiden Piraten eine eventuelle Flucht zu erschweren, vielleicht aber auch reine Bürokratie. Der Fluglotse ließ sich noch dazu herab, den beiden Nicht-V.I.s einige knappe Informationen über die Raumhafengebühren und das Transportsystem des Raumhafens zu geben, dann überließ er die drei Schiffe ganz seinem Computer.
Langsam sank die Lebensquell auf das beschichtete Landefeld nieder, fuhr vier spinnenbeinartige Landestützen aus und federte damit den Bodenkontakt ab. Eine Gruppe von grauhäutigen Technikern mit je fünf Gliedmaßen wartete um das Feld bis zum Touchdown und stürzte sich dann regelrecht auf das Schiff, um es mit Messgeräten zu untersuchen, der Cheftechniker wartete vor der unteren Schleuse auf den Piloten. Nach wenigen Sekunden stürzte sich Yxo aus der Luke, sah sich wütend um und fixierte seinen Blick dann auf den Cheftechniker. "Was soll das?!" "Sie gestatten doch, dass wir Ihr Schiff auf Fehler untersuchen." "Nein, stellen Sie sich vor, aber das kann ich selbst." Yxo packte den Techniker an seinem Iso-Overall, dieser warf einen kurzen Blick auf seinen Kragen und erklärte dann unbeeindruckt: "Ein Schiff dieser Klasse stand den V.I. noch nie zur genaueren Untersuchung zur Verfügung, es ist unser Job, es zu klassifizieren. Außerdem kriegen Sie einen kompletten Check Ihres Schiffes, dafür zahlen sie ja auch die Raumhafengebühren. Indem Sie hier gelandet sind, haben Sie unsere Gesetzte akzeptiert, ich weiß nicht, der wievielte Sie schon sind, zu dem ich das sagen muss." Yxo gab einen missbilligenden Laut von sich und ließ den Techniker los, der sich sofort seinen Overall wieder zurecht zupfte. "Wenn danach etwas kaputt ist, oder irgendetwas fehlt, dann bist du nirgendwo in der Lokalen Gruppe vor mir sicher, kapiert?" Der Cilthroide musterte kritisch die Techniker, die den Rumpf seines Schiffes mit Scannergeräten umschwärmten, dann machte er sich auf den Weg zu der kleinen Kabine neben dem Landeplatz, die wohl zum raumhafeninternen Personentransportsystem gehörte und ihn zu den Gebäuden bringen sollte. "Bevor Sie Probleme mit der Sicherheit kriegen..." rief ihm der Cheftechniker nach und deutete auf das Gewehr, das Yxo am Gürtel trug. Der Cilthroide drehte sich um, zog seine Waffe und gab sie dem Techniker. "Ich lege es zurück in Ihr Schiff", versicherte er ihm. "Das solltest du auch." "Ach ja, die in Ihrem Stiefel auch", ergänzte das Wesen, als Yxo zum zweiten Mal gehen wollte, worauf er sich bückte, die kleine Pistole aus seinem rechten Stiefel zog und sie dem Techniker zuwarf. "Schönen Aufenthalt", grinste das Wesen. "Vielen Dank", stieß Yxo hervor, ballte die Fäuste und machte sich dann schnell auf den Weg zur Transportkabine, um nicht doch in Versuchung zu kommen, dem Techniker etwas anzutun.
Ein paar Minuten später hatten sich alle drei in der gewaltigen Empfangshalle des Raumhafens wieder gefunden. Der Architekturstil der weitflächigen Halle war simpel, jedoch beeindruckend, vielleicht, weil Überflüssiges fehlte. Trotzdem gab es alles, was zur Bequemlichkeit nach einer längeren intergalaktischen Reise unerlässlich war, darunter auch die klassischen Sitze, die sich an die entsprechende Person anpassten. Gvath, Sam und Yxo hatten sich gesetzt, um erst einmal zu beraten. "Also, was machen wir jetzt zuerst?" wollte Sam wissen. "Essen", schlug Gvath vor. Yxo überhörte die Bemerkung und meinte: "Gute Frage. Wir sollten auf jeden Fall nicht hier darüber sprechen. Außerdem benutzen wir hier am Raumhafen auch nicht mehr die Koms unserer Schiffe, wenn wir über die Sénégal reden, ich trau' diesen Technikern nicht." Ein freundlicher Gong kündigte eine Durchsage an, und Sam kam sich kurzzeitig wie in einem Bus vor. "Der Eniles Gvath, Staatsbürgerregistrierung 33847912, wird gebeten, sich am Ausgang sieben zu melden." Die Durchsage wurde noch einmal exakt wiederholt, Gvath sah die beiden Piraten mit seinen Facettenaugen an, wahrscheinlich war es ein fragender Blick. "Er wird uns schon nicht verpfeifen", dachte Yxo laut nach, "dazu ist ihm sein Auftrag zu wichtig." "Vielen Dank." "Wir rufen Sie an, wenn wir Sie brauchen", rief Sam dem Eniles nach, während sich dieser auf dem Weg zum Ausgang machte. "Wir gehen auch nach draußen", beschloss Yxo.
Als Gvath die Halle verließ und auf die Promenade hinaus trat, erkannte er sofort, warum nach ihm verlangt wurde. Auf dem Weg stand ein großer, weißer Aerojet, auf dessen Flanke das Emblem der Republik Eniles lackiert war, ein Planet mit einem Ringsystem, über dessen Horizont zwei Sonnen strahlten. Gvath sah sich kurz um und lief dann auf das Fahrzeug zu. Als er sich näherte, öffnete sich die Luke, er kletterte hinein und setzte sich auf die Rückbank neben eine Eniles, deren Uniformoberteil das Rot hoher Offiziere trug. "Hallo", begrüßte sie ihn knapp und bot ihm einen kleinen Würfel voll Sumpfbaum-Fruchtmus an. "Nein, danke." "Also, was soll das?" erkundigte sie sich. "Was?" "Das mit diesen beiden Subjekten. Ich hab' das durchgecheckt, die beiden werden von fünf verschiedenen Regierungen als Piraten gesucht, der eine sogar von noch mehreren. Wieso bringst du sie hier auf die Kolonie mit?" "Das hat mit einem Auftrag zu tun." "Du hast schon einen Auftrag?" "Ja, ich kann dir leider nicht mehr sagen." "Dir ist doch hoffentlich klar, dass du es mir zu verdanken hast, dass den beiden Landeerlaubnis erteilt wurde." "Das habe ich mir gedacht, danke." "Bitte. Aber du kannst nicht alles haben, nur weil ich die Sicherheitsberaterin der Kolonie bin. Du bist verantwortlich für die zwei." "Selbstverständlich. Sie werden keinen Ärger machen." Gvath überlegte sich kurz, was wohl die Folgen sein könnten, wenn die Piraten tatsächlich den Frachter erobern würden. Nun, er brauchte dringend Geld, und das Angebot der Terranerin war das Risiko wert. "Sie werden keinen Ärger machen?" bohrte die Eniles nach. "Keinen Ärger." "Ich bin nur etwas skeptisch, weil der Cilthroide eine knappe Minute nach der Landung bereits einen Calano provoziert hat." "Das wird nicht wieder vorkommen", versicherte ihr Gvath. "Gut. Dann noch eine Sache: Wenn du wieder Ärger machst, kannst du ihn dieses Mal alleine ausbaden." "Ich?" fragte Gvath scheinheilig. "Ja, du. Auf dieser Kolonie wird nicht mit Handfeuerwaffen auf startende Raumschiffe geschossen, deren Crews überhaupt nichts verbrochen haben." Gvath stöhnte. "Es war doch ein Versehen, jemand hatte mir falsche Informationen gegeben. Aber wenn es dich beruhigt, ich werde nie wieder mit Handfeuerwaffen auf startende Raumschiffe schießen." "Das will ich auch hoffen. Allmählich werde ich schon mit jedem Mist, den du verzapfst, in Verbindung gebracht." Sie lehnte sich zurück. "Willst du irgendwo hin?" erkundigte sie sich. "Willst du mich nicht fragen, ob ich schon weiß, wo ich wohne?" "Ganz recht, ich will dich nicht fragen." "Na gut, dann bring' mich zum nächsten Hotel... Das heißt, nein, bring' mich erst einmal zu Deman... Falls er hier noch wohnt." "Meinst du den Deman, der wegen dir vier Jahre abgesessen hat und seinen VR-Schusstrainer mit Abbildern von dir programmiert?" "Genau der." "Wenn du meinst..."
Der Jet erhob sich fast Geräuschlos vom Boden und stieg in den wolkenlosen Himmel auf.
Einmal mehr bewunderte Sam die Stadtplanung der Vereinten Imperien, als er die Promenade vor den Raumhafengebäuden betrat. Der breite, von Pflanzen gesäumte Weg, auf dem sich verschiedenste Wesen tummelten, führte in beide Richtungen in die Stadt hinein und schien lediglich Fußgängern zugänglich zu sein. Ein einziger Aerojet parkte im Moment auf der Promenade, schien jedoch irgendein Nutzfahrzeug zu sein, und kein Privatjet oder Taxi. "Es ist zwar ganz nett hier, aber ich vermisse einen Taxistand", beschwerte sich Sam. "Dafür ist da drüben ein Infoterminal", stellte Yxo fest. Von dem Terminal erfuhren die beiden von einer Jetvermietung, wo sich herausstellte, dass das Mieten eines Jets bei den V.I. ungefähr ein Zehntel dessen kostet, was man auf Terranischen Kolonien dafür bezahlt, obwohl die Jets der V.I. im Durchschnitt deutlich größer waren. Mit einem Einstieg und einem geräumigen Innenraum ähnelten sie eher kleinen Shuttles, als Aerojets.
"Also, was tun wir jetzt?" fragte Sam, während er sich an den Kontrollen des Jets zu schaffen machte, die sich auf individuelle Wünsche einstellen ließen, und beantwortete seine eigene Frage gleich mit: "Wir sollten logisch nachdenken. Ich glaub' nicht, dass alle acht Crewmitglieder der Sénégal sich andauernd an Bord des Schiffs aufhalten. Wie finden wir heraus, wann am wenigsten Leute an Bord sind?" "Und vor allem, wie finden wir heraus, wie es mit der Bereitschaft der planetaren Verteidigung aussieht? Hast du im Orbit eine Basisstation gesehen?" "Nein." "Also scheint die Verteidigung von der Oberfläche aus zu operieren. Das können wir zum Vorteil ausnutzen, aber wann wir die Sénégal angreifen, hängt davon ab, wie schnell die V.I.-Schiffe einsatzbereit sein können." "Du meinst, wir greifen so an, dass wir genau auf der anderen Seite des Planeten sind, wenn die Verteidigung gestartet ist?" "Ganz genau. Das dürfte uns genug Zeit geben. Was schätzt du, wie lange unser Angriff dauern wird?" "Schwer zu sagen", erwiderte Sam, seufzte und atmete lange aus. "Wir wissen nicht, wie die Sénégal bewaffnet ist", fing er an, "aber gehen wir einmal von normaler Starlight-Bewaffnung aus. Vom ersten Anzeichen, dass wir angreifen wollen, bis wir die Starlight geknackt haben, vergehen bestimmt fünf Minuten. Dann das Andockmanöver, zwei Minuten, wenn wir schnell sind. Ab dann kommt es extrem darauf an, wie viele Crewmitglieder an Bord sind." "Ja, davon hängt es auch ab, ob wir überhaupt erfolgreich sind. Ich denke, wir legen die Crew schlafen und hauen mit der Sénégal ab in den Hyperraum, mit Kurs auf IG-34, noch während unsere beiden Schiffe angedockt sind." "Wie lange dauert die Kaperoperation etwa?" "Zwischen fünf und zehn Minuten." "Also insgesamt eine Viertelstunde", stöhnte Sam, "mindestens! Außerdem schafft die Standard-Ausführung der Starlight nur 100 000 Lichtjahre pro Tag. Wir würden davon kriechen." "Stimmt, aber das Gebiet direkt außerhalb des Cilteres-Systems ist Territorium irgendeiner kleinen Abfallfresser-Rasse. Bis die V.I. die Genehmigung haben, uns dorthin zu folgen, vergehen Stunden, und dann sind wir über alle Berge. Das sollte kein Problem sein, aber es ist die Geschwindigkeit, mit der wir den Angriff abwickeln. Am besten, wir suchen erst einmal nach TCMT-Leuten, vielleicht erfahren wir von denen sogar irgendwas." "Klingt einleuchtend. Aber wie willst du in einer Zwei-Millionen-Stadt jemanden finden, den du suchst?" "Wir sollten logisch nachdenken", wiederholte Yxo Sams Worte von vorher, "wo finden wir an einem Abend eine Terranische Raumschiff-Crew, die Landgang hat? Die Frage kommt mir ja selber dämlich vor."
Die Raumhafenbar in der Nähe des Frachtverladebereichs erfüllte schon fast das Klischee der typischen Raumhafenbar. Die Einrichtung war alles Andere als teuer, an den Wänden schimmerten Holographien von Raumschiffen oder Raumschiffteilen und die Gäste stammten aus den verschiedensten Teilen des Weltraums. Yxo, Sam und Gvath saßen an einem unauffälligen Tisch in einer Ecke und lasen sich die Speiseliste durch, die ihnen direkt auf ihre MPCs kopiert wurde. "Merkwürdig, kaum eine Alltagstätigkeit wird bei verschiedenen Rassen so oft in der Öffentlichkeit verrichtet, wie Essen", merkte Gvath an. "Wirklich merkwürdig", stimmte Yxo uninteressiert zu, "was soll das hier unter 'Eniles-Gerichte'? Sumpfbaumfrucht, Sumpfbaumsaft, Sumpfbaumblätter, in den verschiedensten Variationen. Gibt's bei euch nichts Anderes als Sumpfbäume zu essen?" "Ihr seid Allesfresser, nicht wahr?" vermutete Gvath. "Ich bin mit keinem Stück Eniles-Kultur so vertraut, wie mit Sumpfbaumtee", grinste Sam, "ob der hier viel anders schmeckt, als auf IG-25?" "Erwartest du auf die Frage ernsthaft eine Antwort", entgegnete Yxo, "auf IG-25 merkt man doch nicht mal einen Unterschied zwischen C'al und Salamisandwich." "Das ist aber in jeder Raumhafenbar so", meinte Sam. "Ich hasse das Essen in Raumhafenbars", beschwerte sich Gvath, "wieso musste ich hier überhaupt mit?" "Es ist immer ganz gut, dich dabei zu haben", erklärte Yxo, "weil du dich mit der Kultur auskennst. Sofern so etwas hier existiert." Sam presste seine Lippen fest aufeinander, um nicht laut aufzulachen, als ausgerechnet der Cilthroide diese Bemerkung machte. "Ruhe", spuckte Yxo aus. "Ist da jemand gereizt?" "Ja, außerdem kommen gerade TCMTs rein." Sam und Gvath, die Yxo gegenüber saßen, drehten sich kurz zum Eingang um. Fünf Menschen und ein größeres, vierarmiges Wesen mit einer Art Tätowierung oder Brandmarke auf der flachen Stirn betraten das Lokal und suchten sich einen Tisch aus. Alle trugen über Zivilkleidung graue Westen aus unempfindlichem Plastikmaterial, auf deren Rücken TCMT stand. "Was ist der Vierarmige für ein Wesen?" flüsterte Sam Gvath zu. "Ein Fsal. Die Fsal sind V.I.-Mitglieder, Fußabtreter-Ebene. Der hier ist ein kleines Exemplar." "Verdammt", fluchte Yxo, "der gehört garantiert nicht zur Sénégal, wahrscheinlich arbeitet er im Bergwerk. Wir müssten wissen, wie viele überhaupt von der Sénégal sind." Einer der Menschen sah zu den dreien herüber. Sam und Gvath taten sofort so, als wäre nichts los, Yxo warf einen abfälligen Blick zurück und musterte den Terraner. "Was willst du?" rief der Mensch und tat einige Schritte auf den Cilthroiden zu. Yxo stand auf und streckte das Kinn nach vorne. "Ihr seid doch die Penner von dem Terranischen Schrotthaufen im Orbit." "Und wenn?" entgegnete der Mensch eher gleichgültig, während eine Terranerin weiter nach vorne trat und provozierend fragte: "Hast du eben Schrotthaufen gesagt?" Zwei Terraner folgten ihr. So weit, so gut, die drei gehörten also zur Crew der Sénégal, dann waren noch höchstens fünf an Bord. Das fand Yxo an Menschen so witzig, man konnte sie beleidigen, man konnte ihre Freunde und Familie beleidigen, aber niemals das Schiff, auf dem sie dienten. Sam machte sich bereit, schnell aufzustehen, denn Yxo schien es darauf anzulegen. "Ihr seht ja noch viel beschissener aus, als euer Kahn", stieß Yxo hervor, "den Rest der Woche will ich euch hier nicht mehr sehen." "Vielleicht wollen wir aber den Rest der Woche auch herkommen", sagte jemand aus der Sénégal-Crew, "kann doch sein." Der Rest der Gruppe stimmte ihm murmelnd zu und schloss zu den dreien auf. Yxo konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen: Menschen waren so wunderbar leicht zu manipulieren. Aber nun hatte er, was er wissen wollte, und auch wenn es ihm Spaß gemacht hätte, es war jetzt taktisch klüger, einer Schlägerei aus dem Weg zu gehen. Mit den Worten "Euer Problem", wollte er abschließen, doch die Terranerin von der Sénégal ließ nicht locker. "Und wir wollen dich den Rest der Woche nicht mehr hier sehen, dreckiger Cilly", spuckte sie aus. Yxo trat nun direkt an sie heran, sah ihr von oben herab wütend in die Augen. "Du hast fünf Sekunden, um das zurück zu nehmen." "Dreckig?" grinste sie. "Nein, Cilly." "Und wenn ich's nicht zurücknehmen will?" "Dann passiert das", antwortete Yxo und unterstützte die Erklärung, indem er ihr in die Magengrube boxte und sie dann mit einem vorsichtigen Kinnhaken zu Boden schlug. Sam und Gvath sprangen auf. Jedes vernünftige Wesen hätte nun den Rückzug angetreten, doch die TCMTs rasteten aus und griffen die Gruppe an. Drei Terraner attackierten Yxo, eine ging auf Gvath los und der Fsal griff Sam an. Die letzten beiden waren die Vernünftigeren. Den ersten Angreifer schlug Yxo mit einem heftigen Ellenbogenstoß auf die Nase K.O., für den zweiten nahm er sich mehr Zeit, rammte ihm die Faust in den Magen, packte ihn an der Weste und schleuderte ihn von sich, so dass dieser unsanft auf einem einige Meter weiter stehenden Tisch landete. Sam wehrte den angreifenden Fsal mit einem Karatetritt ab, sprang dann hastig auf das sich krümmende Wesen zu, das jedoch sofort die Initiative ergriff und Sam ins Gesicht schlug. Das Wesen packte den Terraner mit den beiden unteren Armen an der Jacke und prügelte mit den anderen kräftig auf ihn ein. "Scheiß-Situation, nicht wahr?" grinste es, kurz bevor Yxo, der gerade seinen dritten Angreifer außer Gefecht gesetzt hatte, dem Fsal einen Kinnhaken versetzte und ihn damit zu Boden schmetterte. "Danke", stöhnte Sam und sank keuchend auf die Knie, raffte sich dann aber doch wieder auf und setzte den Fuß auf den Brustkorb des am Boden liegenden Fsal. "Scheiß-Situation, nicht wahr?" grinste Sam und schlug zu. Währenddessen schlugen Gvath und die Terranerin aufeinander ein, ohne den anderen jedoch außer Gefecht setzen zu können. Eniles hatten ein unterstützendes Außenskelett, Menschen waren stärker. Yxo untersuchte die Situation mit einem kurzen Blick, dann beschloss er, Gvath zu helfen, auch wenn er ihn viel lieber festgehalten hätte. Hinter ihm sprang die Terranerin von der Sénégal, die nur auf die Situation gewartet hatte, wieder auf und versetzte Yxo einen Tritt zwischen die Beine. Der Cilthroide drehte sich unbeeindruckt um. "Terraner", sprach er deutlich und zeigte auf einen ihrer Kollegen, der sich am Boden krümmte. "Cilthroide", setzte er fort, während er auf sich zeigte. "Das funktioniert vielleicht bei Terranern", meinte er und setzte den Menschen, der gerade versuchte, aufzustehen, entsprechend wieder außer Gefecht, "aber für mich musst du dir was Anderes einfallen lassen." Nun war sein Kinnhaken nicht so leicht und vorsichtig. Er packte sie am Kragen, noch bevor sie von der Wucht des Schlags herumgewirbelt werden konnte und warf sie einem ihrer Kollegen nach, auf den Tisch. Dann drehte er sich zu Gvath um, packte die Terranerin, mit der sich der Eniles gerade prügelte, und warf sie ebenfalls außer Reichweite. "Vielen Dank", keuchte Gvath. "Keine Ursache." Yxo sah auf Sam herab. "Terraner, das reicht", beschloss er. Sam hörte nicht zu, sondern prügelte weiter auf den Fsal ein, also packte der Cilthroide den Menschen und zerrte ihn von dem Wesen. "Aber wir Cilthroiden sind ja so aggressiv", grinste Yxo sarkastisch. "Tut mir leid, aber ich hab' mein Gebiss eben gerne so, wie's normalerweise ist." Der Terraner wischte sich Blut von der Nase und vom Kinn, bücke sich und schmierte es an dem Fsal ab, dann sah er Yxo und Gvath an, die keine sichtbaren Verletzungen hatten. "Ihr habt gut reden." Das pfeifende Geräusch von scharf gemachten Waffen ließ die drei sich zur Tür umdrehen. Drei kleine, mit Gewehren bewaffnete, uniformierte Wesen mit grauer Haut, lang auswachsenden Hinterköpfen und Rüsseln unter den beiden bunt schillernden Augen waren in den Raum gestürmt. Der eine richtete seine Waffe auf die Gruppe, die anderen folgten damit ihren Blicken über die am Boden liegenden TCMTs, die sich zum Teil benommen herumwälzten. Die übrigen Gäste flüsterten miteinander, schadenfroh, entsetzt oder interessiert. "Die Polizei", flüsterte Gvath den Piraten zu, "die drei sind Kal'gem." "Was ist hier passiert?!" wollte einer der Uniformierten wütend wissen. Yxo seufzte. Normalerweise genoss man in Raumhafenbars Narrenfreiheit. Den Vereinten Imperien schien die Sicherheit in ihren Einrichtungen sehr am Herzen zu liegen, außerdem waren die beiden Polizisten sehr schnell aufgetaucht. "Ich kann das erklären", versuchte Yxo, die Kal'gem zu beschwichtigen. "Das will ich auch hoffen", entgegnete ein Polizist, während ein anderer über ein Kom-Gerät Meldung erstattete, "und halten Sie Ihre Hände so, dass ich Sie sehen kann. Sind Sie dafür verantwortlich?" "Ist er", kam ihm eine Terranerin mit der Antwort zuvor. Es war die von der Sénégal, die in provoziert hatte. Sie richtete sich schwerfällig auf, stützte sich an einem Tisch ab und erklärte gespielt großzügig: "Ich verzichte allerdings trotzdem darauf, Anzeige wegen Körperverletzung zu erstatten." Der Kal'gem, der die Frage gestellt hatte, offenbar der Ranghöhere, machte ein undefinierbares Geräusch. "Sie können ihr dankbar sein", meinte er zu Yxo. Der Cilthroide überlegte sich, was er ihr antun würde, wenn sie ihm außerhalb von V.I.-Gebiet einmal über den Weg laufen sollte und presste ein wütendes "Aber sicher" hervor. "Dann werden wir wohl auch darauf verzichten", lächelte Sam gekünstelt. "Pah", ächzte der Fsal und stützte sich benommen auf alle Ellenbogen, "wir haben Nothilfe geleistet!" Sam riss den Mund auf und stieß ein Lachen hervor. "Ruhe", fuhr der Polizist dazwischen, "das können Sie uns alles auf dem Revier erzählen. Sie kommen mit, alle." Die Kal'gem eskortierten sie nach draußen, wo bereits ein großes, mit dem spiralgalaxienförmigen Zeichen der Vereinten Imperien beschriftetes Luftfahrzeug stand, offenbar ein Gefangenenbus. "Was ist mit unserem Jet?" wollte einer der TCMTs gereizt wissen und deutete auf einen Kleintransporter Terranischer Bauart mit dem TCMT-Schriftzug an der Flanke. "Den können Sie hier morgen wieder abholen. Aber die Nacht verbringen Sie in einer Zelle, damit Sie nicht noch einmal auf dumme Gedanken kommen, das kann ich Ihnen versprechen." Alle blickten nach oben, als die Landescheinwerfer eines Jets den Parkplatz hell erleuchteten. "Was macht der hier?" rief der Einsatzleiter wütend, während der Jet direkt neben dem Polizeibus aufsetzte. "Funken Sie ihn an und sagen, er soll woanders landen!" Erst jetzt konnte man das Zeichen der Republik Eniles an der Flanke erkennen. Gvath fluchte still in sich hinein. "Nein, vergessen Sie meinen Befehl!" Die Luke öffnete sich, ein Eniles sprang heraus und lief auf den Kal'gem-Einsatzleiter zu. "Sicherheitsabteilung", sagte er knapp und zeigte seinen MPC vor, "wir übernehmen den Eniles!" "Meinetwegen." Er sah Gvath an und führte eine kurze Bewegung seiner Strahlungsfühler durch, was wohl eine Art Nicken war, woraufhin dieser dem anderen Eniles in den Jet folgte. "Was zum Teufel ist da los?" wollte Sam von Yxo wissen. "Ich weiß nicht, irgendwas hat mich an diesem Gvath ja gleich gestört."
Gvath setzte sich neben die Sicherheitsberaterin auf die Rückbank, während der Jet abhob. Die Eniles sah ihn mit einem gereizten, zur Erklärung auffordernden Blick an. "Naja, also..." "Die beiden werden keinen Ärger anzetteln, hä? Lass mich raten: Ab jetzt werden sie sich absolut friedlich verhalten, nicht wahr?" "Es ist nicht so, wie es aussieht, die Menschen haben den Cilthroiden provoziert." "Ach so, na dann ist ja alles gut." "Hör mir bitte zu, ich brauche diese beiden, um meinen Auftrag zu erfüllen." "Das trifft sich ja gut, manche Leute sagen sowieso, dass die Kolonie zu spießig ist, lassen wir die Piraten die Stadt ein wenig aufmischen..." "Ich habe den Eindruck, dass du mich nicht ernst nimmst." Die Sicherheitsberaterin seufzte: "Pass auf: Wenn du mir nicht einen vernünftigen, gemeinnützigen Grund lieferst, warum ich den Piraten die weitere Anwesenheit gestatten sollte, dann rufe ich jetzt den Einsatzleiter dort unten an und sage ihm, dass er die beiden gleich am Raumhafen absetzen kann." Gvath bewegte nachdenklich seine Strahlungshaare, dann grinste er. "Du weißt, ich bin ein guter Privatdetektiv, oder?" "Geht so." "Und ein guter Privatdetektiv kann viel gegen Kriminalität unternehmen. Wenn dieser Privatdetektiv allerdings seinen ersten Job versaut, dann wird ihn niemand ernst nehmen. Er bekommt keine weiteren Jobs mehr und kann nicht gegen Kriminalität vorgehen." "Ist das dein Grund?" fragte sie unbeeindruckt. "Ja. Jachih, bitte, ich brauche das Geld! Gib mir noch eine Chance." "Seien wir realistisch. Wie viele Chancen meinst du wirklich?" "So viele, wie nötig sind? Bitte." "Vielleicht. Warten wir's ab." "Danke", strahle Gvath und nahm glücklich ihren Kopf zwischen die Hände. "Lass mich bitte los, ich bin die Sicherheitsberaterin." "Selbstverständlich. Ach ja, es erweckt den Eindruck, als ob du der Polizei Befehle erteilen könntest." "Kann ich. Warum?" "Ich habe doch meinen Auftrag erwähnt, und ich hab' mir gedacht, du könntest mir einen Gefallen tun..."
Der Kal'gem hatte sein Versprechen gehalten. Alle hatten die Nacht in einer Zelle verbringen müssen, außer Gvath. Neben den zwei Piraten und den TCMTs war noch ein nervtötender Kal'gem in der Zelle gewesen, der sich als Deman vorgestellt hatte und offenbar wegen Verdachtes auf Schmuggel verhaftet worden war. "Und, wie läuft das Geschäft bei euch?" hatte er die TCMTs gefragt, die allerdings keine Ahnung hatten, wovon er sprach, oder keine Ahnung haben wollten. Deman hatte außerdem erwähnt, Space Metallics würde nun den Job kriegen, und er hatte den beiden Piraten ein Angebot gemacht, das mit Waffenschmuggel zu tun hatte, woraufhin Yxo ihm einen Knoten in den Rüssel gemacht hatte.
Am nächsten Tag empfing Gvath die beiden gutgelaunt vor dem Revier. "Wo warst du?" schnauzte ihn Yxo an. "Die Sicherheitsberaterin der Kolonie hat etwas gegen euch. Ich konnte sie jetzt ein zweites Mal davon überzeugen, dass ihr hier bleiben dürft, allerdings glaube ich nicht, dass ich es noch einmal kann, falls ihr wieder Ärger anzettelt." "Die Sicherheitsberaterin", fragte der Cilthroide misstrauisch nach, "klingt wichtig, wieso gibt sie sich mit dir ab?" "Sie ist eine alte Freundin. Aber die Frage ist berechtigt." Er grinste, Yxo schien sich aber nicht komplett mit der Antwort zufrieden zu geben. Wunderbar, die Geschichte über den Schmuggel und Space Metallics hatte er geschluckt, und jetzt wurde er misstrauisch, wegen etwas, das gar nichts zu sagen hatte? "Wo ist der Stützpunkt der planetaren Verteidigung?" wollte er plötzlich wissen. "Nördlich der Kolonie in den Bergen, in der Nähe der hydroponischen Farmen. Warum?" "Wir müssen irgendwie erfahren, was die planetare Verteidigung wie schnell gegen uns aufbringen kann", erklärte Sam, "sind die Militärs dieses Planeten allesamt bodengestützt?" "Ja. Alle paar Wochen taucht ein Kreuzer der Kal'gem hier auf und sieht nach dem Rechten, aber sonst ist nur die Basis da. Im Orbit würde sich die Verteidigungsstaffel bewegen und müssten noch mehr Energie aufwenden, um schnell in die andere Richtung zu kommen, als wenn sie vom Planeten aus jede beliebige Umlaufbahn einschlagen kann." "Weißt du, was die Kolonie zu bieten hat, und vor allem, wie schnell?" fragte Yxo. "Ich weiß nicht genau. Eine kleine Staffel von Kal'gem-Raptoren, das sind mittlere Korvetten, ein paar Eniles-Wirbelstürme, leichte Zerstörer, und ein – das ist kein Geheimnis mehr – experimentelles organisches Raumschiff der Lhertseg, das wohl kaum gegen Piraten eingesetzt werden wird." "Und du meinst trotzdem, unsere Aktion würde gelingen", fragte Yxo nach, "du bist optimistisch?" "Klar." Yxo sah sich kurz um, dann packte er den Eniles am Kragen, hob ihn hoch und presste ihn fest gegen die nächste Mauer. "Was soll das?" keuchte Gvath. "Das sieht mir etwas zu rosig aus", meinte Yxo. Sam verschränkte die Arme und sah sich um, vergewisserte sich, dass auch niemand etwas unternehmen würde und niemand nah genug stand, um etwas zu verstehen. "Wir hatten heute Nacht eine Unterhaltung mit einem Kal'gem, der zufällig in der gleichen Zelle saß, wie wir, und zufällig etwas mit der Verschwörungsgeschichte zu tun hatte, die du uns aufgetischt hast", erklärte ihm der Terraner kalt. "Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen", röchelte Gvath. "So, weißt du das nicht", presste Yxo hervor, "bestimmt sieht dein Schädel ohne die vier Haare da besser aus, soll ich mal sehen?" "Nein, bitte nicht!" "Dann sag' uns die Wahrheit", forderte ihn Sam auf, "seit wir von der Sénégal erfahren haben, passiert alles nur Erdenkliche, um uns das Schiff schmackhaft zu machen, und um uns zu zeigen, dass alles in Ordnung ist." "Okay, okay, okay, es gibt keinen Schmuggelskandal. Deman ist von mir bezahlt und Sicherheitsberaterin Jachih hat ihn in eure Zelle einschleusen lassen. Der wahre Grund, warum ihr das Schiff kapern sollt, ist der, dass eine Lieutenant Peters von der United Terran Space Force es so will. Die UTSF ist mein Auftraggeber, sie wollen im Rahmen einer Operation "Purge" die Sénégal los werden, mehr weiß ich nicht, ich schwöre es!" Yxo ließ Gvath unsanft fallen. "Operation Purge..." wiederholte Sam, "das riecht mir verdammt nach einem Trojanischen Pferd." "Also ein getarntes Space-Force-Schiff", fügte Yxo zur Sicherheit halb fragend hinzu. "Garantiert." "Sie glauben, die UTSF hat mich belogen?" wollte Gvath wissen, während er sich wieder aufraffte und seine Kleidung abputzte. "Nein", versicherte ihm Sam, "weißt du, die erzählen jedem die Wahrheit, auch einem kleinen Privatdetektiv, der so verschwiegen ist, wie die Großmutter der Präsidentin. Du kannst Lieutenant Peters anrufen und ihr sagen, sie kann uns mal kreuzweise." "Ja, aber wenn die Sénégal kein TCMT-Schiff ist, wer war dann in der Bar? Wäre es nicht etwas übertrieben, nur zur Tarnung mehrere Offiziere verprügeln zu lassen?" "Er hat recht", stimmte Yxo zu, "es ist komplizierter." Sam grinste. "Du bist doch so ein guter Privatdetektiv. Find's raus!" "Jedenfalls wird unser Angriff auf die Sénégal vorläufig zurück gestellt", beschloss Yxo, "und zwar so lange, bis wir wissen, was die Sénégal wirklich ist." Er blickte Gvath durchdringend an. "Und wenn du irgendjemandem sonst von unserem Plan erzählst, werd' ich dich finden, kapiert?" "Kapiert."
"Ich muss zugeben, ich bin sehr enttäuscht von Ihnen", entgegnete Celeste, "ich hätte mehr von Ihnen erwartet." "Ja, es tut mir ja leid", entschuldigte sich Gvath, "aber sie haben mich durchschaut. Der Terranische Pirat lässt übrigens ausrichten, sie könnten ihn mal kreuzweise, was auch immer das bedeuten mag." Celeste konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, zog aber schnell wieder ihre Offiziersmiene auf. "Was glauben Sie, haben die Piraten jetzt vor?" fragte sie. "Ich weiß es nicht genau. Sie wollen genaueres über den Terranischen Transporter herausfinden, weil sie glauben, er sei ein Trojanisches Pferd, so nannte es zumindest der Mensch." "Nun, Ihnen ist wohl klar, dass Sie für diese Leistung nicht bezahlt werden." "Aber, ich habe wenigstens..." "Auf Wiedersehen." Celeste unterbrach die Kom-Verbindung, schnaufte und legte ihr Kinn in die Hände. Ihr war von ihrem ersten Gespräch an klar gewesen, dass dieser Eniles den Job nicht erledigen konnte, und bis jetzt verlief alles nach Plan, doch war das gut oder schlecht? Sie seufzte einmal mehr. Nun würde der für sie schwierigste Teil ihres Plans kommen, sie musste persönlich mit Sam sprechen, ihm ins Gesicht lügen und ihn in eine hinterhältige Falle locken.
In der Zelle hatte Sam nicht sehr viel schlafen können, also hatte er es sich auf der Liege in seinem Jäger bequem gemacht und war sofort eingeschlafen. Natürlich piepste nach wenigen Minuten das Kom. Er blinzelte und hoffte, dass das Piepsen durch ein Wunder aufhören würde, doch als er begriff, dass dies nicht passieren würde, stand er auf, setzte sich in den Pilotensitz und öffnete die Verbindung. "Wer stört?" Es war eine visuelle Verbindung: Auf dem Kom-Bildschirm erschien zu seiner Überraschung das Porträt seiner Schwester. "Celeste?" "Hallo." "Hi, ist irgendwas los?" "Ja, kann man wohl sagen. Ich weiß etwas." "So, tolle Neuigkeit, aber hättest du mir das nicht auch sagen können, wenn..." "Sehr witzig, pass' auf: Bist du gerade auf Cilteres?" "Ja, woher weißt du das?" "Ich hab' von was Wind gekriegt, von einer Operation Purge. Jemand auf der Akademie kennt jemanden, der damit zu tun hat, und ihr seid mit drin." Sam zog die Augenbrauen hoch. "Ich weiß. Oder eben nicht. Zumindest hab ich's nicht geglaubt." Celeste grinste. "Euch haben sie nicht verarscht, he?" "Nein, aber den vollen Durchblick haben wir nicht wirklich. Was ist mit der Sénégal?" "Sie muss aus dem Weg. Ich weiß nicht genau warum, aber TCMT hat wohl wieder mal irgendwo die Nase mit drinstecken, und jemand von oben hat was dagegen." Er lehnte sich nachdenklich zurück. "Worauf willst du hinaus?" "Ich will darauf hinaus, dass sie jetzt eine andere Bande an der Angel haben. Sie nennen sich irgendwas mit Dragons, und sie sind auf dem Weg zu euch, um sich die Sénégal zu schnappen. Es sieht so aus, als wäre der Frachter eine leichte Beute, wenn ihr ihn euch zuerst holt, aber passt trotzdem auf. Das Ganze kommt mir ein bisschen seltsam vor." "Allerdings. Denkst du, es stimmt?" "Ich weiß es nicht. Ich vertraue meiner Quelle jedenfalls. Ich hab' aber keine Ahnung, wie's bei euch aussieht: Bevor ihr euch von den Vereinten Imperien schnappen lasst, haltet euch lieber zurück." "Sicher. Ich werd' mit Yxo darüber reden. Danke." "Für was? Hab' ich dich etwa angerufen?" "Nein, Ma'am. Ciao." "Ciao. Viel Glück." Der Bildschirm erlosch.
Celeste atmete tief durch, dann schlug sie die Faust auf den Tisch ihres Hotelzimmers auf IG-25. Jetzt hast du's also wirklich übers Herz gebracht, du Miststück, dachte sie sich, dein eigener Bruder. Offiziersleben und Familienleben, das hatte sich noch nie vertragen. Schließlich war Militär ursprünglich zu keinem anderen Zweck erfunden worden, als zum Verrat gegen die Menschlichkeit. Sie musste unwillkürlich grinsen. Sie dachte schon wie einer von diesen telepathischen Philosophen. Aber so war es nun einmal. Von wegen Ehrenkodex. Ein UTSF-Offizier muss repräsentativ für seine Spezies stehen, er muss sich vorbildlich verhalten, sein Wort halten, und der ganze Kram eben. Sie hätte gelacht, wäre ihr die Situation nicht so zuwider gewesen. Dann musste sie noch einmal grinsen, doch dieses Mal war es ernst gemeint. Na klar, das war die Idee. Ein UTSF-Offizier musste sein Wort halten... Sie befahl dem Computer, eine Verbindung zu Gvath aufzubauen.
Der hochgelegene Steg verband die beiden Kuppelspitzen des Freizeitcenters miteinander, führte über einen Park und bot einfach einen atemberaubenden Ausblick auf das Stadtviertel. Hunderte Lebewesen schlenderten über den zum Teil bepflanzten und mit klassischen Gehe-hin-und-kaufe-dort-Geschäften bebauten Steg, darunter auch Sam, Yxo und Gvath, der nun wieder als eine Art Kulturattachée fungieren musste.
"Irgendwo in dieser verdammten Stadt müsste man doch etwas Genaueres über die Bestückung der Militärbasis erfahren können", maulte Yxo, "aber nein, hier gibt's auch nur spießige kleine Läden." "Du bist also auch dafür, unsere Aktion mit der Sénégal weiter zu führen?" fragte Sam nach. "Ja. Ich glaube nicht, dass deine Schwester uns belügen würde, nach allem, und schon gar nicht dich." "Vielleicht ist ihre Quelle nicht ganz sauber." "Das hört sich verdammt kompliziert an. Terraner, ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sich die Space Force irgendwas Aufwendiges ausdenken würde, nur um zwei billige Piraten wie uns in eine Falle zu locken." "Das ist es!" rief Sam plötzlich und blieb vor einem Schaufenster stehen. "Das ist ein Spielzeugladen", kommentierte Gvath etwas irritiert. "Ich weiß", antwortete Sam, während er in das Geschäft rannte, "ich bin gleich wieder da." Yxo und Gvath starrten ihm einige Sekunden verdutzt nach, dann ergriff Gvath das Wort: "Ist er immer so?" "Frag' mich nicht. Jedes Mal, wenn ich glaube, die Menschheit verstanden zu haben, kommt irgendsowas."
Wütend stürmte der General, ein Kal'gem, in den Kontrollturm. Die meisten dort arbeitenden Offiziere waren Eniles oder Kal'gem, aber es waren auch einige andere Wesen dabei. Draußen leuchteten Suchscheinwerfer in den Himmel, die Crew der Militärbasis Cilteres rannte wild, scheinbar ziellos, umher. "Was zum Teufel geht hier vor?" wollte der General wissen. "Nicht-genehmigter Überflug über die Basis, Sir", meldete eine Eniles, "es ist ein leichter Aerojet. Sir, auf den Befehl hin, den Luftraum über der Basis zu verlassen, haben sie geantwortet, wir sollten uns nicht so aufregen, sie wollten nur eine Abkürzung nehmen." "Verflucht, wo sind wir denn hier? Pressorstrahlen einsetzen, holen Sie ihn vom Himmel!" Der General starrte nach draußen, als vier Pressorstrahlen aus den Ecken des Haupt-Landefeldes in den Nachthimmel schossen und sich exakt in einem Punkt schnitten, dort wo ein kleines, leuchtendes Flugobjekt schwebte. Das Objekt hielt sofort an, dann wurde es von den Pressorstrahlen nach unten gezogen. "Halten Sie am Landefeld ein paar Soldaten bereit", befahl der General, während der kleine Jet immer tiefer sank, eingeschlossen von den schimmernden Gravitonenfeldern der Pressorstrahlen, von allen Seiten durch Flutlichtanlagen beleuchtet. "Das ist Terranisch", stellte jemand fest, als die Schriftzeichen an der Flanke des Jets erkennbar wurden. "Ich kann zwar kein Terranisch", meinte der General, "aber das sind die Zeichen von diesem Bergbaukonzern. Im gleichen Augenblick schien unter dem Bug des Schiffes etwas zerstört zu werden, eine winzige Explosion, dann stürzten einige kleine Wrackteile in die Tiefe. "Was war das?" "Irgendein kleines technisches Gerät, das am Bug angebracht war, wurde zerstört", antwortete der Kal'gem an einer der Sensorenstation. Der Jet setzte auf, die Pressorstrahlen erloschen. "Sichern Sie das Flugobjekt!" befahl der General den Soldaten, die sich auf dem Landeplatz postiert hatten.
"Verstanden", bestätigte der Infanterie-Kommandant, ein Eniles, und gestikulierte seinen Leuten, den Jet zu umstellen. Die fünf Soldaten positionierten sich um das kleine TCMT-Luftfahrzeug, richteten ihre Gewehre darauf. "Steigen Sie mit erhobenen Händen aus dem Jet!" dröhnte eine Stimme über das Gelände. Die Türen öffnete sich, und nacheinander verließen fünf Terraner und ein Fsal den Jet. "Flach auf den Boden legen!" befahl der Kommandant der Truppe und nickte einem seiner Leute zu. "Untersuchen Sie das Flugobjekt!" Während sich die Insassen zögerlich hinlegten und sich dabei gegenseitig beschimpften, kletterte der Infanterist in ihren Jet. Nach wenigen Sekunden kam er mit einem Gerät in der Hand wieder heraus. "Das habe ich unter einem Sitz gefunden." Sein Vorgesetzter musterte das Spielzeug. Es war ein Kommunikationsgerät für kleine Kinder, bestehend aus einem Bildschirm, einer Kamera und einem kleinen Kasten daran. "Was zum Teufel ist das?" wollte einer der verhafteten Menschen wissen und blickte auf.
"Also, was wissen Sie?" erkundigte sich der General und sah den Cheftechniker sowie den Kommandanten der Infanterie-Einheit an, die ihm gegenüber in seinem Büro saßen. "Es ist tatsächlich ein Kinderspielzeug", ergriff der Techniker das Wort, "ein einfacher Quantenkommunikator. Eine Reihe von Quantenpaaren sind auf die Geräte aufgeteilt, eines enthält immer das Gegenstück zum anderen. Ein kleines System überträgt das Bild der Kamera in Quantenbewegungen, die sich auf die Quanten im Gegenstück übertragen und als Bild auf dem Bildschirm erscheinen. Wir vermuten, dass der Quantenkommunikator unter dem Sitz das Gegenstück zu dem zerstörten Gerät war. Sie haben offensichtlich versucht, mit einem unter ihrem Bug angebrachten Gerät unsere Basis zu filmen, und um es dann zu vertuschen, haben sie es zerstört, als wir sie gestoppt haben." Der Infanterie-Kommandant seufzte. "Die TCMTs sind nicht sehr gesprächig. Sie behaupten lediglich steif und fest, nichts von den Quantenkommunikatoren zu wissen." "Wieso waren sie im Luftraum der Basis?" "Sie sagen, ein Mensch und ein Cilthroide hätten sie zu einem Rennen von der Kolonie zu den hydroponischen Farmen aufgefordert, und um eine Abkürzung zu nehmen, hätten sie eben die Basis überflogen." "Gab es in der Nähe denn wenigstens irgendeine Spur von einem zu schnell fliegenden Jet?" "Nein. Wir haben uns mit der Verkehrüberwachung in Verbindung gesetzt, alles war ruhig. Es befinden sich im Moment zwar ein Terraner und ein Cilthroide auf dem Planeten, aber die waren, als wir die TCMTs festgenommen haben, nachweislich auf ihren Schiffen am Raumhafen." Der General stand auf. "Tja, es ist also klar: Stecken Sie die TCMTs in Beugehaft, irgendwann werden sie schon die Wahrheit sagen. Wegtreten."
Yxo schloss die Luke hinter Gvath, als er die Lebensquell betreten hatte. "Hast du es?" wollte er wissen. "Sicher", bestätigte der Eniles stolz und hielt ihm und Sam den Quantenkommunikator entgegen, das eigentliche Gegenstück zu dem Gerät, das am Jet der TCMTs angebracht war, "ich habe in einem waghalsigen Rennen mein Leben riskiert, während Sie es sich hier bequem gemacht haben." "Dafür wirst du ja auch bezahlt, dass du unser Alibi sicherst", entgegnete Yxo, "als du noch deine eigenen Interessen hattest, warst du billiger. Also, zeig' her." Der Eniles hielt seinen MPC an das Gerät und ließ die gespeicherte Aufnahme ablaufen. "Das Bild ist nicht sehr scharf", kommentierte Gvath, "die Auflösung beträgt maximal zwei Millimeter." "Wie schrecklich", bedauerte Sam sarkastisch. Das kleine Display zeigte eine Reihe von kleinen Lagereinheiten, zu klein, um Hangars zu sein, die schnell vorbei zogen. Dahinter begann ein großes Landefeld, von einer Reihe kompakter Türme gesäumt. "Flakgeschütze", stellte Sam fest, "und was für welche... Leute, seht euch nur diese Festung an!" Das Bild bewegte sich immer weiter, zeigte patrouillierende Soldaten, ein Wartungsfahrzeug und schließlich eine Reihe aus drei Raumschiffen, vermutlich Zerstörern, jeder etwa einhundert Meter lang. "Eniles-Zerstörer, Wirbelsturm-Klasse", merkte Gvath an. Die schneeweißen Wirbelstürme mit roten Erkennungsstreifen an den Flanken waren keilförmig, ihre kantigen Linien erinnerten etwas an zu pfeilspitzen geschliffene Steine. Bei zwei der Wirbelstürme liefen im Bugbereich aus Öffnungen im Rumpf, wahrscheinlich Wartungsluken, Kabel und Leitungen und verschwanden im Landefeld. Hinter den Wirbelstürmen stand eine einzige kleine Korvette, mit langen, auslaufenden Pylonen, ein Kal'gemianischer Raptor, wie Gvath erklärte. Der Raptor war nicht an Leitungen angeschlossen und schien wie einer der Wirbelstürme völlig autark. "Die beiden Wirbelstürme laufen auf externer Versorgung und sind erst innerhalb von etwa 20 Minuten nach Einsatzbefehl startklar", erklärte Gvath auf Yxos Blick hin, "aber der dritte und der Raptor sind beide – fast - sofort startbereit. Bei der Triebwerksleistung der Schiffe kann davon ausgegangen werden, dass sie beide innerhalb von höchstens fünfzehn Minuten nach Startbefehl komplett einsatzbereit mit geladenen taktischen Systemen an jedem Punkt im Orbit sein können." "Höchstens", wiederholte Sam beunruhigt. Lichter blendeten die Kamera, gigantische Suchscheinwerfer leuchteten in den Himmel. Das Bild wurde undeutlich, doch etwas konnte man noch hin und wieder deutlich erkennen: Eine gigantische, graue Stromlinienform, mit rauer Oberfläche und von sehnenartigen Merkmalen durchzogen, hauptsächlich längs, zum Teil aber auch quer über den Rumpf. Das Gebilde wurde regelrecht umschwärmt von Technikern, die allesamt grüne, wurmähnliche Körper mit nur zwei Gliedmaßen besaßen. Danach kamen noch einige Gebäude ins Sichtfeld, das Landefeld schien hier zu Ende, das Bild verwackelte. Hin und wieder ließ sich noch die riesige, lebendig wirkende Masse erkennen, und Sam hätte schwören können, dass sie nun kleiner war und hin und wieder zuckte. Dann fiel das Bild aus. "Was zum Teufel war das?" wollte Sam wissen. "Das war offensichtlich das organische Schiff. Die Lhertseg bauen seit jeher organische Fahrzeuge, auch Raumfahrzeuge, und setzen sie erfolgreich ein, doch dieses hier soll der Durchbruch schlechthin sein: Fast keine konventionellen Bauteile mehr, ein zentrales Nervensystem, das mit weniger Energieaufwand so effektiv arbeitet, wie jeder Computer, Abfallstoffe werden in Antimaterie umgewandelt und decken den Energiebedarf, Raumzeit-Kompensations-Antrieb!" Yxo und Sam sahen den Eniles etwas unsicher an. "Soweit zumindest die unbestätigten Gerüchte", fügte er hinzu. "Und warum befindet sich so ein großartiges Experimentalschiff ausgerechnet hier auf Cilteres?" lautete Yxos Frage. "Die Erklärung des V.I.-Rates lautet, weiter im Inneren des V.I.-Territoriums sei die Gefahr von Spionage zu groß. Es ist eigentlich logisch: Hier draußen ist es übersichtlicher, der interstellare Verkehr ist leichter kontrollierbar. Und vor allem gibt es sehr viel Platz für Testflüge." "Aber das Schiff ist hier doch niemals so gut zu schützen, wie im Herzen der Vereinten Imperien", warf Sam ein. "Versuchen Sie doch einmal, in die Basis einzudringen. Sie werden viel Spaß dabei haben. Und überhaupt, die gesamte Entwicklung findet doch unterirdisch statt. An die Oberfläche kommt das Schiff nur, um es für einen Testflug startklar zu machen. Dann verschwindet es während des Fluges in seinem persönlichen kleinen Hyperraum und taucht nur zur Landung wieder auf. Und man sagt, es hätte für die Etappen, in denen es unabgeschirmt ist, tonnenweise Mylanium an Bord. Nicht, dass schon einmal irgendjemand versucht hätte, es zu scannen..." "Das organische Schiff ist jetzt unwichtig", schnitt Yxo ab, "wann greifen wir die Sénégal an?" "Moment, Moment..." unterbrach Sam, "ist das nicht etwas voreilig?" "Wieso voreilig? Wir wissen, was wir wissen wollen. Und die TCMTs sind jetzt noch im Knast, das heißt höchstens fünf Terraner an Bord der Sénégal. Besser könnte die Situation gar nicht sein." "Naja... Meinetwegen. Wir müssen nur den richtigen Zeitpunkt abpassen, was die Umlaufbahn betrifft. Die V.I.-Schiffe müssen so lange zu uns brauchen, wie möglich." "Das dürfte nicht weiter schwierig sein."
"Cilteres City Tower an Lebensquell, Startfreigabe erteilt." "Verstanden, Tower." "Cilteres City Tower an Savage Eagle, Startfreigabe erteilt." "Verstanden, Tower." Sam bestätigte seine Kurseingaben per Tastendruck und startete die Triebwerke.
Der Gravitonenemitter am Heck der Savage Eagle leuchtete hell auf, langsam erhob sich der Jäger von seinem Stellplatz. Der Bug richtete sich etwas weiter nach oben, dann wurde das kleine Schiff gen Himmel katapultiert. Wenige Kilometer über der Oberfläche schwenkten die Savage Eagle und die Lebensquell in Formation.
"Genauer, bitte!" forderte Sicherheitsberaterin Jachih Celeste auf. "Ich kann es Ihnen nicht genauer erklären", entgegnete die Terranerin auf dem Bildschirm, die sich als ein Space-Force-Commander vorgestellt hatte, "ich kann Ihnen nur sagen, dass die SS Sénégal UTSF-Personal an Bord hat. Ich kann es Ihnen nicht beweisen, aber es sieht verdammt so aus, als wäre das Errichten eines Bergwerks nicht die einzige Mission der Sénégal." Ohne der Sicherheitsberaterin Zeit zum Antworten zu lassen, schaltete Celeste das Kom ab und hoffte, den gewünschten Effekt erzielt zu haben. Sie hatte schnell und hastig gesprochen, als hätte sie nicht viel Zeit, aber mit eiskalter Miene. Die Frage war nur, ob das für Eniles irgendeine Bedeutung hatte. Sie stützte den Kopf in die Hände und rieb sich die Schläfen. Ein UTSF-Offizier sollte ehrlich sein, und der Commander war lange genug ihr Ausbilder gewesen, dass sie ihn als sehr guten UTSF-Offizier einschätzen konnte. Er hatte bei mehreren Gelegenheiten erwähnt, ihr Bruder müsse auch wirklich verhaftet werden, damit ihr Auftrag erfolgreich erfüllt war, aber ob sie ihren Job UND Sam seine Freiheit behalten konnte, lag jetzt daran, dass Sam und die V.I. ein gutes Timing hatten. Gvath hatte Celeste rechtzeitig angerufen, als Sam und Yxo gestartet waren, wie sie es ihm aufgetragen hatte, hoffentlich hatte sie die Sicherheitsberaterin rechtzeitig kontaktiert. Und hoffentlich nicht zu früh. Sie würde jetzt jedenfalls den nächsten Starliner nach IG-34 nehmen.
"Wir müssten jetzt eigentlich Kurs auf die Sénégal haben", meinte Yxo, während die beiden Piratenschiffe mit höchster Beschleunigung um den Planeten rasten.
"Verbindung zu Cilteres Militärbasis", sprach Jachih, woraufhin der Bildschirm in ihrem Jet erneut aufflammte. "Sicherheitsberaterin", gatzte die 3-D-Darstellung des Kal'gem-Offiziers etwas überrascht, "was wünschen...?" "Den General, ich muss den General sprechen." "Der General überwacht gerade den Start der 'Stern von Lhertseg', heute ist wieder ein Testflug angese..." "Ich sagte, ich will den General sprechen, es ist wichtig!" "Sofort."
"Situation?" fragte der Captain die Offizierin an der Scannerkontrolle. "Startvorgang ist eingeleitet", meldete die Offizierin, irgendein Lieutenant, soweit sich Kommandantin Nesporow erinnern konnte. Der Captain wollte noch einige genauere Informationen haben, dann setzte er sich in den Sessel, den er sich extra hatte einrichten lassen. Auf ihrer Brücke! Nesporow hasste Militärs, ihre unsinnige Rangordnung, ihre kitschblauen Uniformen, das andauernde "Aye, Sir" und ihre Arroganz. Sie hatte es bisher immer geschafft, niemals einen Offizier auf ihr Schiff zu lassen, doch TCMT hatte in den letzten Monaten wieder einmal am Gehalt gespart, trotz Warnstreiks, also hatte Nesporow eingewilligt, als die Firma ihr diesen Spezialauftrag im Dienste der Regierung angeboten hatte, denn es war gutes Geld. Jetzt wünschte sie sich wieder auf irgendeine Flugroute, denn wenn sie eines noch mehr hasste, als Militärs, dann waren es Militärs, von denen sie Befehle entgegen nehmen musste, auf ihrem Schiff. Die UTSF-Leute ruinierten die ganze Stimmung an Bord. Auf ihrem Schiff, mit einer Rumpfcrew von fünf Personen, weil drei auf dem Planeten im Knast saßen. Ein richtig beschissener Tag. Was konnte jetzt noch Schlimmeres passieren... "Die Aufzeichnung wird schlechter", meldete die Offizierin an den Sensoren, "die Mineralvorkommen von Insel 34-B sind zwischen uns geraten, wir sollten den Orbit um, sagen wir, 0,3 Grad nach oben korrigieren." Der Captain nickte kurz und wandte sich an Kommandantin Nesporow: "Korrigieren Sie die Bahn um 0,3 Grad nach oben." Als die Kommandantin nichts tat, begann er energisch: "Sie sollen Ihrem Piloten sagen..." "Zum dritten Mal: Korrigier' den Kurs um 0,3 Grad nach oben", murmelte sie vor sich hin. "Schon getan", erwiderte der Pilot. Sie sah den Captain an. "Aha", grinste sie, "mein Pilot denkt also mit, und macht nicht nur stur das, was man ihm sagt."
"Was gibt mir die Ehre, mit Ihnen zu sprechen?" lächelte der General. "Sparen Sie sich das", sagte die Sicherheitsberaterin, "ich habe einen Tipp von einer Terranischen Offizierin erhalten, angeblich befindet sich Militärpersonal an Bord des Terranischen Frachters im Orbit." "Das klingt verdächtig." "Allerdings, das könnte unsere Vermutungen, was die Terraner angeht, bestätigen. Ich will nichts riskieren, starten Sie umgehend eine Aufklärungseinheit." "Ich werde sofort einen Wirbelsturm in den Weltraum schicken, der das Schiff unter die Lupe nehmen wird", versicherte ihr der General, "im Notfall wissen Sie ja, dass der Kreuzer sehr bald wieder zu seiner Visite hier sein wird."
Ein heller Lichtpunkt stieg am gekrümmten Horizont von Cilteres auf. "Sénégal auf Sensor", rief Yxo gleichzeitig, "los jetzt. Waffen laden, Schilde rauf, du die rechte Flanke, ich die linke Flanke, Triebwerk nicht beschädigen!" "Klar", bestätigte Sam, "wir docken an, sobald die Schilde der Sénégal unten sind. Das wird schwierig, wenn sie noch manövrierfähig ist." "Ich weiß. Wie heißt's so schön: Feuern nach eigenem Ermessen!"
Dar schneeweiße Eniles-Zerstörer erhob sich vom Landefeld und stieg in den Himmel auf, überholte unterwegs das organische Raumschiff, dessen Start langsam und perfekt protokolliert ablief.
"Zwei kleine Schiffe nähern sich uns von Achtern", rief der Pilot der Sénégal plötzlich, "mit erhobenen Schilden!" Nesporow riss den Mund auf, biss sich dann aber auf die Zunge, als sie der Captain drohend ansah. Bei der Ausbildung hatte man es ihr eingetrichtert: "Schilde rauf, Fluchtkurs, Notruf aussenden." Heute aber durfte sie nichts ohne die Erlaubnis des Captains befehlen, und schon gar nicht zulassen, dass V.I.-Truppen auf die Sénégal kommen würden, wenn auch nur zur Unterstützung gegen Piraten. Ihr Pilot, der Captain und die Offizierin des Captains plapperten wild durcheinander, schließlich setzte sich der Captain durch. "Halten Sie die Scanner auf das alte Ziel fixiert, die Startphase ist das Interessanteste. Und Sie fahren die Schilde hoch und laden die Waffen! Was sind das für Schiffe?" "Sir", machte sich die Offizierin unruhig bemerkbar, "ein V.I.-Zerstörer ist eben von der Basis gestartet." "Was zum Teufel ist da los?" rief der Pilot. "Diese beiden Schiffe – es sind eine Dragonfly und ein Cilthroidscher ST-300 – werden uns doch hier nicht etwa angreifen...!"
Erst begann Yxo zu feuern, dann Sam. Die grell blitzenden Energieladungen hagelten geradezu auf die Schutzschilde der Sénégal ein, der Frachter hatte keine Chance, und die Piratenschiffe hätten keine Chance gegen den Wirbelsturm, der in wenigen Minuten eintreffen würde, und erst recht keine Chance gegen den Kal'gem-Kreuzer, der in diesem Augenblick wenige Millionen Kilometer entfernt aus dem Hyperraum fiel.
Die Sénégal vibrierte, Alarmsirenen dröhnten durch die Brücke. "Schilde fallen...", rief der Pilot, "wir..." "Danke für die genaue Information", schnauzte ihn der Captain an, "wie viel Prozent?" "Ze... Null Prozent!"
Die beiden Piratenschiffe konzentrierten sich nun auf die kleinen Geschütze an den Flanken, zerstörten sie innerhalb weniger Sekunden.
"Der Beschuss hat aufgehört!" stellte die Offizierin fest, als das Schiff wieder ruhig schwebte und das Stimmengewirr der Crew aus den Koms drang. Und dafür brauchst du eine Akademieausbildung... dachte sich Nesporow. "Schilde komplett zusammen gebrochen", meldete der Pilot hektisch, "Waffensysteme zerstört. Diese beiden Schiffe versuchen, an unserer oberen Luke anzudocken!" "Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen in verschlossenen Sicherheitsräumen bleiben", forderte der Captain Nesporow auf, "Lieutenant, wie ist der Status des Scannersystems?" "Intakt." "Hervorragend!" "Hervorragend?!" platzte Nesporow hervor. "Die versuchen, uns zu entern!" "Ruhig bleiben. Captain an Space-Force-Crew: Machen Sie sich bereit, das Schiff vor einem Enterversuch zu schützen, und Sie, Pilot, Sie fliegen Ausweichmanöver, machen wir's ihnen so schwer, wie..." "Die V.I.s rufen uns", unterbrach ihn der Angesprochene, "und zwar der Zerstörer... Und der Kal'gem-Kreuzer." "Welcher Kreuzer... Informieren Sie mich gefälligst, wenn ein Kreuzer der Vereinten Imperien in diesem System auftaucht! Lassen Sie hören..." "Hier spricht General Tasen, ich bin der Kommandant des Kreuzers. Sie werden angegriffen, unternehmen Sie nichts, bis wir bei Ihnen sind!" "Ich bin Kapitän Chelkh von der Eniles-Flotte", drang sich noch jemand in die Koms, "General, mein Zerstörer wird vor Ihnen eintreffen, wir werden an den Terranischen Frachter andocken. Terranischer Frachter, bleiben Sie auf Kurs, wir werden zu Ihnen an Bord kommen und Ihr Schiff inspizieren!"
"Verdammt, wir müssen uns beeilen", rief Sam und warf noch einmal einen Blick auf den Scannerschirm. Das Dockmanöver wäre gleich abgeschlossen gewesen, hätte die Sénégal nicht plötzlich ihren Rumpf um 180 Grad gedreht. "Ihr dreckigen Erdlinge", stieß Yxo hervor, "ich schieß' euch die Köpfe weg..."
"Die Piratenschiffe starten ein neues Andockmanöver", stellte der Pilot fest, "soll ich uns noch einmal drehen?" "Nein, besser nicht", beschloss der Captain, "lassen Sie sie an Bord kommen und verhaften, bevor die V.I. ankommen."
Die Savage Eagle und die Lebensquell verankerten sich an den oberen Dockluken der Sénégal. "Endlich", meinte Yxo, "dann los, wir haben ein Schiff zu kapern..." Sam zog seine neue Waffe unter dem Pilotensessel hervor, aktivierte sie und öffnete die Luke über sich. Vor ihm befand sich die Luke der Sénégal, die er per Knopfdruck öffnete. So weit, so gut. Er sprang nach oben und drehte dabei einen Salto, um im entgegen gesetzten Schwerkraftfeld der Sénégal auf den Füßen aufzukommen, während sein Magen sich noch eine Weile weiter drehte. Er hatte sich gerade etwas gefangen, da sprang auch Yxo mit seinem Gewehr in die Schleusenkammer. Der Cilthroide nickte Sam zu, woraufhin sich beide an die Wand pressten und Yxo den Finger auf die Schaltfläche zur Öffnung der Schleusentür legte. Das schwere Schott fuhr nach oben, doch keine Schüsse peitschten in die Schleusenkammer. Sam nickte kurz, dann sprangen beide mit vorgehaltenen Waffen aus der Schleuse. Niemand war da, nur ein leerer Korridor war zu sehen. "Ich komm' mir bei so was immer so verarscht vor", kommentierte Sam und ging hinter Yxo den Korridor entlang, "irgendwas stinkt hier." "Ja, es ist ein Terranisches Schiff mit Terranern an Bord, natürlich stinkt hier irgendwas", bestätigte Yxo, hob die Hand und blieb stehen. Er deutete kurz auf die Tür zum Fahrstuhl, hinter der eben eindeutig ein Geräusch zu hören war. Sie sollten ihnen also direkt in die Arme laufen, wunderbar. Sam sah sich kurz nach der Wartungsluke um, die es hier normalerweise auf jeder Starlight dieses Typs geben müsste, und bemerkte sie relativ gut zwischen den anderen Bodenplatten versteckt. "Wir gehen über den Frachtraum", flüsterte er, krallte die Finger in den Spalt und hob die Platte an. Yxo hielt die andere Seite des Metallteils fest, so dass sie es lautlos zur Seite tragen konnten. "Terrans first", meinte Yxo und deutete in den dunklen Schacht. "Danke, aber ich bin kein Terraner", knurrte Sam leise, zwängte sich durch die Öffnung im Boden und kletterte die Leiter hinunter. Er hatte ernsthafte Bedenken, ob Yxo überhaupt in den Schacht passen würde, doch der Cilthroide folgte ihm problemlos. Der Schacht führte direkt in den Frachtraum, Sam sprang auf einen Metallsteg, der oben an der Wand der gigantischen Halle angebracht war, und blieb regungslos stehen. "Beeil' dich gefälligst", forderte ihn Yxo auf, noch während er im Schacht war, entdeckte dann aber selbst, was Sam so faszinierte: Im vorderen Bereich des Frachtraums lagerten einige Maschinenteile, die tatsächlich zum Bau eines Bergwerks zu gebrauchen waren, doch es gab hier keine Mylanium-Container. Hier befand sich lediglich eine gigantische, kugelrunde Struktur, mindestens 30 Meter im Durchmesser, durch unzählige Verstrebungen mit dem Innenrumpf verbunden. Sie füllte fast den gesamten Frachtraum aus, und Flächen von blankem Mylanium bedeckten die Innenwände des Laderaumes, vermutlich, um zu verhindern, dass irgendjemand von außen die kreisrunde Struktur entdeckte, und um einem Außenstehenden glaubhaft zu machen, das Schiff transportiere tatsächlich Mylanium. "Wow", brachte Sam hervor, "das ist der merkwürdigste Erzcontainer, den ich je gesehen hab'." Yxo grinste. "Das hätte ich wirklich nicht von euch Terranern gedacht... Ein gigantisches Sensorensystem. Die Sénégal ist kein Erzfrachter, sie ist ein verdammtes Spionageschiff! Cool." "Der Cilly ist wirklich clever!" Sam und Yxo blickten nach unten, auf die andere Seite des Frachtraumes, wo sich eine komplette Terranische Infanterieeinheit postiert hatte, ein Dutzend bewaffneter Menschen in gepanzerten UTSF-Infanterie-Uniformen. Ein Dutzend auf die beiden Piraten gerichtete Impulsgewehre. "Scheiße", merkte Sam an. "Werft die Waffen vom Steg!" befahl der Kommandant, mit dem Rang eines Infantry Lieutenant. Sam sah Yxo unsicher an. Der Cilthroide legte sein Gewehr vorsichtig auf dem Steg ab, Sam folgte seinem Beispiel. Die Einheit stürmte vorwärts, die eine Hälfte kletterte nach oben, während die andere Hälfte weit genug weg blieb, um die Piraten in ihrem Schussradius zu haben. Oben angekommen, bedeutete der Lieutenant Sam und Yxo mit einem Gewehrwink, etwas weiter zurück zu treten und hob dann ihre Waffen auf. "Sie sind hiermit verhaftet. Alles, was Sie... Ach, was soll's: Valborel an Brücke. Sir, wir haben Sie."
"Verstanden, Valborel, ich bin gleich bei Ihnen", log der Captain und widmete sich dann wieder dem Eniles-Kommandanten, der gerade auf einem anderen Kanal wartete. "Haben Sie das gehört, Kommandant? Wir haben Sie Situation voll und ganz unter Kontrolle." "Wir möchten aber trotzdem an Bord kommen", beharrte der Eniles. "Darf man auch Fragen, warum?" erkundigte sich der Captain etwas weniger freundlich. "Nein, darf man nicht", antwortete ihm der Eniles kalt, "sagen Sie Ihrer Kommandantin, wir docken jetzt an Ihr Schiff an, erwarten Sie uns an Bord!" Nesporow lächelte den Captain künstlich an. "Der Zerstörer startet ein Andockmanöver", meldete der Pilot. "Drehen Sie uns!" befahl der Captain, woraufhin der Pilot Nesporow unsicher ansah. "Oh, ich habe nichts zu sagen, ich bin ja nur die Kommandantin..." Unsicher wandte sich der Pilot wieder seinen Kontrollen zu und ließ die Sénégal eine Rolle drehen. Als Reaktion vibrierte das Schiff, eine Alarmsirene schrillte auf.
Yxo stolperte nach vorne und nutzte die Gelegenheit, um dem Lieutenant einen Kinnhaken zu versetzen, der ihn gegen die Brüstung des Stegs prallen ließ, stürzte sich nach vorne und entriss ihm sein eigenes Gewehr. Ein Schuss zischte, Yxo sank benommen auf die Knie und ließ das Gewehr fallen. Eine Infanteristin ergriff sofort die Waffe, begab sich dann aber wieder in sichere Entfernung, als Yxo trotz des leichten Betäubungsschusses nicht ganz umkippen wollte. "Versuchen Sie's gar nicht erst", keuchte der Lieutenant und zog sich an der Brüstung wieder nach oben.
"Sie schießen auf uns!" rief der Captain. "Ich warne Sie", sprach der Eniles-Kommandant, "dies ist eine polizeiliche Aktion. Lassen Sie uns umgehend an Ihrer unteren Luke andocken, oder wir werden Ihr Schiff mit Waffengewalt manövrierunfähig machen!" Der Captain biss sich auf die Lippe. "Verstanden. Docken Sie an." Dann sah er Nesporow an, die gemütlich in ihrem Sessel lehnte. "Sie fühlen sich wohl, oder was?" "Ja", grinste sie bis über beide Ohren, "und wenn ich in Kriegsgefangenschaft gehe... Sie gehen mit!"
Der Lieutenant stellte sich wieder aufrecht und richtete sein Gewehr auf Yxo, bohrte ihm den Lauf in den Bauch. Er blickte dem Cilthroiden wütend in die Augen, dann drehte er sich um und winkte mit dem Gewehr in Richtung der Leiter nach unten. "Ladies first", lächelte er die beiden Piraten an. Yxo hätte wahrscheinlich wieder versucht, ihm etwas anzutun, aber in Anbetracht dessen, was er vorher zu Sam gesagt hatte, erschien es ihm einfach lächerlich. Er stieg die lange Leiter hinab, gefolgt von Sam und den Infanteristen. "Wir warten hier unten auf den Captain", beschloss der Lieutenant. "Ihr Captain ist gerade beschäftigt", erklärte ihm der Eniles, der mit einer Überzahl an bewaffneten Soldaten gerade den Frachtraum betrat. Sofort legten die Terraner auf die Eniles an, die Eniles legten auf die Terraner an, doch der Kommandant widmete seine gesamte Aufmerksamkeit der riesigen Kugel im Zentrum des Raumes. "Nette Konstruktion. Unsere Mylanium-Behälter sind etwas anders konstruiert, sie ähneln nicht so sehr gigantischen Spionagesystemen. Ich gratuliere Ihnen, eine faszinierende Technologie. Hätten wir nicht von Ihnen gedacht." Er lächelte den Lieutenant an. "Nehmen Sie doch bitte Ihre Waffen herunter, sonst gibt es hier noch ein Blutbad." Der Terranische Infanteriekommandant nickte kurz, ließ die Eniles jedoch nicht aus den Augen, während seine Leute ihre Waffen einsteckten. "Auf den Boden legen", befahl der V.I. "Hören Sie, Sie machen..." "...meinen Job. Es hat keinen Sinn, zu diskutieren. Waffen ablegen." Der Lieutenant schnaubte, dann befahl er: "Macht, was er sagt!" Seine Leute legten zögerlich ihre Gewehre auf den Boden, und traten etwas zurück, woraufhin die V.I.s ihre einsteckten. "Dann können Sie mich jetzt ja zu Ihrem Captain führen", stellte der Eniles zufrieden fest. Sam und Yxo warfen sich gegenseitig einen Blick zu. Jetzt oder nie. Beide stürzten sich auf den Boden, ergriffen ihre Waffen und rannten, Sam wirbelte herum und schoss ein Projektil direkt auf die Scannerkugel ab. Lautlos und unsichtbar raste der Sprengkörper durch den Raum und detonierte in einer gewaltigen Explosion an der Hülle des Scanners, die Infanteristen beider Seiten, die eben dabei waren, ihre Waffen zu ziehen beziehungsweise aufzuheben, warfen sich auf den Boden, als eine Hitzewelle durch die Halle fuhr und Trümmer herab regneten, Kühlmittel schoss aus der Kugel. Während sich der untere Teil des Laderaumes mit Kühlmitteldampf füllte und die Infanteristen sich in Deckung begaben, sprangen Yxo und Sam bereits auf die Leiter und kletterten sie hinauf. "Nette Show", lobte Yxo. Ein EM-Impuls aus einem Terranischen Gewehr raste direkt über Yxos Kopf zwischen den Leitersprossen hindurch, Sam, dessen Blaster handlicher war, als Yxos Gewehr, ließ mit einer Hand die Leiter los und schoss nach Gutdünken in den undurchsichtigen Nebel, kletterte dann sofort weiter. Oben angekommen, warf Yxo einen Blick nach unten und stellte fest, dass bereits mehrere schlecht gezielte Schüsse aus dem immer dichter werdenden Nebel blitzten, er richtete sein Gewehr in die Suppe und deckte den Bereich mit einem Hagel aus Schüssen ein. Wahrscheinlich hatten sich die Infanteristen jetzt besser verschanzt, denn niemand schoss mehr.
Yxo folgte Sam weiter bis zur Luftschleuse, schließlich betraten sie ihre Schiffe. "Nichts wie weg hier!" rief Sam, schloss die Luke und koppelte ab.
"Die Piraten haben abgedockt", stellte der Pilot fest. Der Captain fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. "Das gibt's doch nicht, diese verfluchten V.I.s!" In diesem Moment öffnete sich die Tür zur Brücke, zwei Eniles in Infanteriepanzerung sprangen mit vorgehaltenen Partikelgewehren in den Raum und richteten ihre Waffen auf den Piloten und die Offizierin. "Aufstehen! Weg von den Terminals!" Vorsichtig erhoben sich die beiden Menschen von ihren Sitzen, worauf die Eniles sofort ihre Plätze einnahmen und zwei weitere Infanteristen die Brücke betraten, gefolgt von ihrem Kommandanten. "Ein eindrucksvolles Schiff haben Sie hier", stellte der Eniles fest und lächelte Nesporow an, blickte aber gleich zu dem Captain. "Oder ist es IHR Schiff? Welche Funktion hat dieses Terminal?" Er deutete auf den Platz, an dem vorher die Offizierin gesessen hatte. "Es ist eine technische Station, Maschinenkontrolle", erklärte der Captain. "Und das stimmt sogar", antwortete der Eniles, der sich dort nieder gelassen hatte, "nur werden damit die Maschinen UNSERES Experimentalschiffes überwacht. Diese Menschen haben verblüffende Scannerdaten über die 'Stern von Lhertseg' gesammelt." Der Kommandant grinste. "Das wird doch nicht mit der überdimensionalen Bowlingkugel in Ihrem Frachtraum zusammen hängen... Ich muss zugeben, das fasziniert mich. Sie haben tatsächlich einen Weg gefunden, einen Tachyonenscanner durch Mylanium hindurch Daten sammeln zu lassen. Es wird Ihnen doch nichts ausmachen, wenn die Vereinten Imperien sich diese Technologie einmal genauer ansehen." "Während Sie hier Ihr Spielchen spielen", brauste der Captain auf, "flüchten diese Piraten!" "Keine Sorge, unser Kreuzer wird sie schon aufhalten." Der Eniles sah sich kurz auf der Brücke um, dann beschloss er: "Das Schiff ist beschlagnahmt, Sie und Ihre Crew sind verhaftet."
"Wow, was war das?" wollte Sam wissen, während er darauf wartete, dass sein Sub-Hyperantrieb endlich betriebsbereit war. "Was meinst du", fragte Yxo nach, "den Spionagescanner, die Terranische Infanterie, die Verhaftung, die V.I.-Infanterie oder die diplomatische Krise?" "Alles." "Ich hab' ja gewusst, dass irgendwas faul ist... Operation Purge... Pah!" "Kann durchaus sein, dass es eine Operation Purge gibt", warf Sam ein, "ein klassischer Fall, in dem die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut." "Gib's auf, Terraner: Deine Schwester hat uns in eine Falle gelockt. Und zwar verdammt raffiniert." "Das kann ich mir nicht vorstellen... Aber darüber können wir später diskutieren, mein Hyperantrieb ist bereit." "Dann, ab!" Sam aktivierte den Sub-Hyperantrieb. Dann kaute er auf seiner Lippe herum und versuchte noch einmal, den Sub-Hyperantrieb zu aktivieren. Wieder geschah nichts. Nach einigen Sekunden drängte sich die Stimme eines Kal'gem in die Koms. "Hier spricht General Tasen. Unser Hyperraum-Blockierfeld verhindert, dass Sie den Normalraum verlassen, Sie sind nicht in der Lage, zu flüchten. Deaktivieren Sie Ihre Unterlicht-Antriebe und taktischen Systeme und erwarten Sie, geentert zu werden. Sie sind verhaftet." "Toll, das ist heute schon das zweite Mal", kam Yxos prompte Antwort, "allmählich wird's unglaubwürdig." "Seien Sie vernünftig! Sie haben keine Chance, oder wollen Sie Ihr Glück gegen einen schweren Kreuzer versuchen?" "Yxo", meinte Sam, "das Ding kann mit unserer Beschleunigung mithalten. Das ist der schnellste Kreuzer, den ich je gesehen hab'!" "Und euer Blockierfeld stört unseren Sub-Hyperantrieb, hm?" wollte Yxo wissen. "Nein, wissen Sie, das sagen wir nur so und in Wahrheit haben wir am Raumhafen ein paar Sumpfbaumfrüchte in Ihre Kühlmittelleitungen gestopft!" Sam dachte kurz nach. Was hatte Gvath gesagt, "...dann verschwindet es während des Fluges in seinem persönlichen kleinen Hyperraum..."? Der Mensch sah auf seinen Scannerbildschirm, auf dem auch das Experimentalschiff der V.I. zu sehen war, das sich langsam vom Planeten entfernte. Ja, sie könnten es schaffen, bevor der Kreuzer in Waffenreichweite wäre. "Yxo, ich hab' eine Idee." "Schieß' los." "Eben. Der Rumpf dieses Experimentalschiffes sah doch flexibel aus... organisch eben." "Weiter." "Wir schießen zwei Löcher rein, schlüpfen durch, steigen aus, schießen auf jeden zerstreuten Wissenschaftler, der uns in den Weg kommt und flüchten mit dem Schiff. Raumzeit-Kompensations-Antrieb, du erinnerst dich?" "Ja... Direkter Kurs auf das organische Raumschiff!"
Die Lebensquell und die Savage Eagle änderten ihren Kurs um einige Grade und hielten direkt auf das Schiff der Lhertseg zu. In diesem Augenblick verkürzte sich die schlanke Masse aus biologischem Material gut um 20 Prozent, verhielt sich genau, wie ein Muskelstrang und verdichtete damit seine Außenhülle zum Schutz. Die Piraten warteten nicht länger, jeder gab eine Salve Schüsse auf den Rumpf des Experimentalschiffs ab. Die Energieladungen verbrannten das Gewebe, rissen riesige Löcher in die Masse, die sich innerhalb weniger Sekunden wieder schlossen.
"Planänderung", beschloss Yxo, "wir feuern so lange aus allen Rohren, bis wir drin sind." "Hier spricht Tasen", meldete sich der Kal'gem-General aufgebracht, "stellen Sie sofort das Feuer ein!"
Natürlich stellten die Piraten nicht das Feuer ein. Jedes der beiden Schiffe feuerte seine Geschütze ab, immer wieder, hielt die jeweilige Öffnung im Rumpf des Bioschiffes gerade groß genug, um hinein fliegen zu können.
"Okay, langsamer jetzt, sonst wird das eine harte Landung", stellte Sam fest, als das Lhertseg-Schiff vor der Sichtkuppel immer größer wurde. Er bremste sein Schiff, wie auch Yxo, konzentrierte sich dabei voll darauf, die beschädigte Stelle des Bioschiffs zu beschießen, so dass er komplett übersah, dass der Kreuzer in Reichweite seiner Waffen kam.
Die Savage Eagle wurde vom konzentrierten Geschützfeuer des Kriegsschiffes getroffen, die beinahe lichtschnellen Partikelladungen regneten auf die Schutzschilde ein und ließen das Schiff vom Kurs abkommen, der Jäger drehte sich unkontrolliert, die Lebensquell wich dem ersten Feuer aus, konnte konzentrierteren Salven allerdings auch nicht entkommen und geriet ins Trudeln, beide Piratenschiffe kollidierten mit dem heilenden Rumpf des Experimentalschiffes, rissen das Gewebe auf und rasten fast ungebremst durch die Hülle, die zweite Schicht Gewebe bremste die Raumschiffe schon stärker ab, beide rissen auch die nächste Membran auf, die Savage Eagle jedoch verfing sich in der klebrigen Biomasse, die Lebensquell wurde erst von der letzten Schicht aufgehalten, der gegenüberliegenden Außenhülle.
Nach einigen Sekunden ohne Reaktion des Piloten startete der Computer der Savage Eagle eine akustische Schadensanalyse. "Beschädigungen: Schilde funktionsunfähig. Diverse leichte bis mittelschwere Risse in den äußeren Hüllenschichten. Keine durchgehenden Lecks. Sub-Hyperspule ausgefallen." Allmählich kam Sam wieder zu sich. Er stöhnte und schlug die Augen auf. Er saß zurückgelehnt in einem Pilotensitz, doch das Blut am Bildschirm, über den nun die Schadensmeldungen flimmerten und der Schmerz in seiner Nase verrieten ihm, dass dies nicht den ganzen Flug lang so gewesen war. Er tastete sich ins Gesicht und wischte sich etwas Blut vom Mund, dann aktivierte er das Kom. Es schien noch zu funktionieren. "Sam an Yxo." "Ja, ich bin schon noch da..." antwortete der Cilthroide, "ist alles in Ordnung bei dir?" "Mein Schiff hat einiges abgekriegt, und ich hab' die zweite gebrochene Nase in dieser Woche. Aber ansonsten hab' ich's gut überstanden." "Bei mir hier drüben könnte es auch besser aussehen. Aber soweit ist alles klar. Wir sollten jetzt besser schnell irgendwas unternehmen. Wir ziehen uns die Raumanzüge an und suchen die Brücke." "Klar." Sam zog die Ausrüstungskiste unter seinem Sitz hervor, dann stand er auf, versuchte, ein aufkommendes Schwindelgefühl zu unterdrücken und legte den Raumanzug an, aber nicht, ohne vorher den Zellwachstumsstimulator einige Sekunden über seine Nase zu halten. Er nahm seine Waffe, saugte die Atmosphäre aus der Kabine und öffnete dann die Luke über sich. Als er herauskletterte, machte er sich darauf gefasst, in sonstirgendeine Richtung zu fallen, doch er schien Glück zu haben: Die Savage Eagle war so gelandet, das unten auch wirklich unten im Schwerefeld des Bioschiffs war. Sein Schiff hing mitten in einer Art Gewebe fest und war mittlerweile darin eingewachsen. Hier und dort lagen einige glitzernde Mylaniumbrocken, die offensichtlich in die Außenhülle des Schiffes eingearbeitet worden waren, gegen Spionageversuche. Ein Blick auf die Kontrollanzeige im Armband des Raumanzuges verriet Sam, dass bereits wieder eine Atmosphäre hergestellt worden war, allerdings mit einem Kohlenstoffdioxid-Gehalt, der jeden Menschen umgebracht hätte. Die Regenerationsfähigkeiten dieses Organismus waren beeindruckend. Sam sprang auf den Waffenpylon seines Schiffes und bückte sich nach unten, um das hellbraune bis grünliche Gewebe daneben zu berühren. Es schien fest zu sein, auch wenn er durch die Handschuhe des Raumanzuges nicht unbedingt perfekt tasten konnte. Dann trat er vorsichtig auf die Membran, erst mit einem Fuß, dann mit dem anderen. Die Masse hielt ihm stand, gab nicht einmal nach. Es schien so eine Art Deck zu sein. "Hey, hinter dir!" rief Yxo über das helminterne Kom, worauf Sam nach hinten wirbelte und seine Waffe zog. Doch es war nur Yxo, der über eine Art Leiter von einem weiter unten liegendem Deck kam. "Das ist cool", stellte er fest, "dein Schiff hängt mitten im Deck!" Sam ignorierte den Kommentar. "Was ist das hier wohl für ein Raum?" fragte er sich laut. "Wahrscheinlich ein leerer Frachtraum, oder ungenutzter Platz. Weiter unten ist jedenfalls eine Art Ersatzteillager, die Lebensquell liegt mitten in schleimigen Dreckklumpen und einigen technischen Teilen." "Es ist irre", meinte Sam und sprang ein paar Mal auf und ab, "dieses Gewebe ist absolut solide, aber ab einem gewissen Belastungsgrad gibt es nach." "Das ist mit den meisten Dingen so", kommentierte Yxo und deutete mit seinem Gewehr auf ein Schott, das fast metallisch aussah. "Der einzige Ausgang, gehen wir, bevor der General sich irgendwas ausdenkt." Die beiden Piraten rannten durch den riesigen Raum zu dem Schott und pressten sich rechts und links davon gegen die Wand. Sam fand den Öffnungsknopf auf seiner Seite und betätigte ihn. Sofort blitzte ein Schuss auf und traf die Savage Eagle, die in der Mitte des Raumes regelrecht havariert war. Er wurde von der Panzerung absorbiert. Yxo hob sein Gewehr und setzte an, um in den Gang zu stürmen, doch der Schatten, der in den Raum fiel, ließ es ihn sich anders überlegen. Wer auch immer geschossen hatte, näherte sich jetzt der Tür. Bestimmt kein Infanterist oder Offizier, denn diese Person hatte es irritiert, dass niemand vor der Tür stand, und sie würde nun den Raum betreten. Das grünhäutige, wurmartige Wesen mit seinen zwei langen, dünnen Armen, von denen einer eine Pistole trug, kroch langsam in den Raum, von links und rechts wurde ihm je eine Waffe an den knollenförmigen Kopf mit einem Auge gehalten. Es kam von selbst auf die Idee, seine Pistole fallen zu lassen. "Aktion kein Sinn großes bewaffnetes Raumschiff zusammengeschlossen in kurzer Zeit", sagte das Wesen, wahrscheinlich ein Lhertseg, tonlos, zumindest für Yxos Ohren. Das war eindeutig der Versuch seines Übersetzungsimplantats, eine Sprache zu übersetzen, über die erst ein Grundvokabular bekannt war. "Sprich die Sprache der Eniles", forderte Sam den Lhertseg auf, der wohl ähnlich wenig verstanden hatte. "Ich sagte, das ist sinnlos, der Kreuzer hat bald angedockt", wiederholte das Wesen. "Wollen wir doch mal sehen", meinte Yxo, "bring' uns zur Brücke, und zwar sofort!" "Okay... aber tun Sie nichts unüberlegtes." Vorsichtig robbte das Wesen zurück, drehte sich mit erhobenen Händen um und kroch den Gang entlang, gefolgt von den beiden Piraten. "Keine Tricks, oder euer organischer Freund hier findet raus, wie es ist, von innen mit einem Impulsgewehr beschossen zu werden. "Nicht, dass jetzt Ihr Weltbild zusammen bricht, aber dies ist nicht mein Freund, sondern ein Raumschiff." Als Yxo nichts sagte, fügte es erklärend hinzu: "Ein Raumschiff kann keine Schmerzen empfinden, falls Sie das noch nicht wissen..." "Ja, Klugscheißer!" Das Wesen führte Sam und Yxo eine Leiter nach oben und schließlich in einen Raum, in dem sich zwei weitere Lhertseg befanden und an nicht-organischen Kontrollkonsolen arbeiteten. In der einen Wand befand sich ein riesiger Bildschirm, der den freien Weltraum zeigte. Die Crew sah ihren Kollegen erwartungsvoll an und zuckte zusammen, als nach ihm die Piraten in den Raum kletterten. "Wer ist der Kommandant?" wollte Yxo wissen. "Ich", antwortete eines der Wesen entschlossen, und bevor es weitersprechen konnte, schoss Yxo nacheinander auf die anderen beiden, die von den Ladungen zurückgeworfen wurden und betäubt liegen blieben. "Was soll das? Sie sind ja verrückt!" schrie der Kommandant und warf sich vor einen seiner Kollegen, tastete etwas an seinem Kopf herum. "Tasen an Stern von Lhertseg", ertönte die Stimme des Generals, "wir starten jetzt das Andockmanöver." Yxo richtete sein Gewehr direkt auf den Lhertseg. "Halt' ihn davon ab." Das Wesen stellte seinen Körper noch weiter aufrecht. "Oder was? Schießen Sie dann auch auf mich?" "Das nicht", ergriff Sam das Wort und richtete seinen Blaster in die Luke, durch die sie gekommen waren, "aber ich wette, irgendwann treffe ich etwas Wichtiges. Er feuerte und tat dann hastig einige Schritte zurück. Etwa eine Sekunde lang tat sich nichts, dann vibrierte der Boden, eine Hitzewelle drang in den Raum ein, schließlich stieg Rauch durch die Luke nach oben. "Sie sind wahnsinnig", brüllte der Kommandant, "Sie können uns alle umbringen, wenn Sie so weiter machen!" "Du weißt, wie du ihn davon abhalten kannst", merkte Yxo an. Der Lhertseg blähte sich kurzzeitig auf, dann resignierte er. "Stern von Lhertseg an Tasen. Wir haben ein Problem mit unserer Dockmembran! Warten Sie noch." Eine kurze Pause. "Ist sonst alles in Ordnung bei Ihnen?" "Sicher, wie immer." "Verstanden. Tasen – Ende. "Du stinkender Regenwurm", brüllte Yxo den Kommandanten an, "das war ein Code!" "Und wenn schon?" Sam trat zwischen Yxo und den Lhertseg, bevor Yxo etwas tun konnte, das er bereuen würde, und sah kurz die beiden am Boden Liegenden an. "Ist das die gesamte Crew?" "Vielleicht." "Bring' uns mit dem Raumzeit-Kompensations-Antrieb hier raus!" "Wieso sollte ich?" Sam zog wieder seine Waffe, und erst, als er erneut in die Luke geschossen hatte, glaubte der Kommandant, dass er nicht bluffte. Wieder vibrierte das Deck. "Sie Irrer!" Als Antwort wurde der Blaster auf den Lhertseg gerichtet. "Ich sagte: Bring' uns hier raus!" schrie Sam. Der Kommandant gatzte, blickte in den Lauf der Waffe und wendete sich dann einem der beiden Terminals zu. Er gab etwas in die fremdartigen Kontrollen ein, das dünn gesäte Sternenfeld auf dem Bildschirm veränderte sich in sein eigenes Negativ, die Sterne begannen, sich zu bewegen.
"Verdammt, sie sind weg!" fluchte General Tasen.
"Siehst du, es geht doch", grinste Sam, "jetzt kannst du mir in aller Ruhe erklären, wie die Steuerung funktioniert."
"IG-34 Flight Control an das Bioschiff. Sie haben Andockerlaubnis an Dock 2." Der Flight Controller klang etwas irritiert. "Verstanden, Flight Control", bestätigte Sam und widmete sich nun voll und ganz der Navigationskontrolle des Lhertseg-Schiffs. Er leitete den Andockvorgang ein, wie er es von dem Lhertseg gelernt hatte, der nun zusammen mit dem Rest seiner Crew in einer Rettungskapsel zwischen IG-34 und Cilteres schwebte. "Ich hoffe nur, wir kriegen die Savage Eagle wieder da raus", seufzte Sam. "Keine Sorge, das dürfte das kleinere Problem sein. Das größere ist, wie wir diese Riesenmücke hier möglichst ertragreich loskriegen." "Das ist eine IG-Station. Hier gibt's bestimmt den ein oder anderen Informanten, der uns nützlich sein könnte." "Wir können nur hoffen, dass wir einen halbwegs akzeptablen Betrag kriegen", meinte Yxo, "der Cacalus auf IG-25 wird nicht sehr erfreut sein, wenn er für seine Information nichts kriegt." "Ach ja, den gibt's ja auch noch... Okay, mit etwas Glück docken wir jetzt an."
Das biologische Raumschiff näherte sich dem neutralen Weltraum-Posten IG-34. Die Station war ein kleines, heruntergekommenes Bauwerk mit wenigen Decks und einigen Docks, an mehreren Stellen waren Ersatzteile angebracht, die absolut nicht zum restlichen Stil der tellerförmigen Station passten. Knapp ein halbes Dutzend relativ kleiner Schiffe hatte angedockt, im Vergleich zu IG-25 war die Basis ein winziges Spielzeug. Das Bioschiff steuerte auf einen schmalen Pylon zu, der unten aus dem Zentrum der Basis ragte, bremste ab und koppelte schließlich an den Pylon an.
"Jachih, ich kann dir alles erklären", versicherte Gvath der Sicherheitsberaterin, als er immer tiefer in die Rückbank ihres Jets versank. "Schnauze", lautete ihre deutliche Antwort. "Klar." Sie kramte in ihrer Tasche nach einem MPC, rief darauf einige Daten ab und hielt ihn Gvath vor den Schnabel. "Das ist die Liste aller Straftaten, die deine friedliebenden Piraten hier begangen haben." Sie tippte einige Male auf eine Schaltfläche, um weiter zu blättern. "Kann doch jedem mal passieren", entgegnete Gvath kleinlaut. Sie presste ihre Strahlungshaare beherrscht gegeneinander. "Wenigstens diese Passage hier, 'Fälschen von Beweismaterial', 'Aufforderung zu einer Straftat' und 'Ausspionieren einer militärischen Einrichtung', ist nicht hundertprozentig sicher", meinte sie. "Na, wenigstens etwas." Er lächelte künstlich. "Ich habe ernsthaft in Erwägung gezogen, Ermittlungen gegen dich in die Wege zu leiten, wegen Beihilfe zu allem Möglichen", erklärte Jachih, "aber ich fürchte, du wirst mir dann wieder die Fühler voll heulen, ich soll dir noch eine Chance geben und so weiter. Bitte, versteh' mich nicht falsch, ich will nur sagen: Diese Stadt gehört mir. Du kannst es drehen und wenden, wie du willst, aber es meine Stadt, ich kann hier tun, lassen und befehlen, was mir gefällt. Und wenn du in meiner Stadt noch einmal irgendwie auffallen solltest, wenn du nur falsch parkst, dann wirst du hier deines Lebens nicht mehr froh, kannst du das nachvollziehen?" "Ich denke schon." "Gut." Sie lächelte. "Dann wollen wir doch mal sehen, ob wir die Situation wenigstens noch halbwegs retten können..."
Das Erste, was Sam und Yxo taten, war ihre Schiffe aus der biologischen Masse befreien zu lassen. Die Stationsingenieure hatten glücklicherweise wenig Arbeit damit, das Gewebe aufzubrennen, so dass die beiden kleinen Raumschiffe nach draußen fliegen konnten, bevor die Membranen wieder verheilten.
Danach unternahmen sie eine kleine Besichtigung der Basis, stellten vor Allem die Lage der Frachtanlagen fest und luden sich eine Art Informationsbroschüre auf ihre MPCs. Anschließend besuchten sie die Bar der Station.
Während Sam und Yxo an der Theke der Bar auf ihre Getränke warteten, las sich Sam die Informationsdateien durch. Das Lokal war mit dem Starlight auf IG-25 nicht zu vergleichen, und nur vereinzelte Gäste waren anwesend. Das kleine Etablissement vermittelte durch die blanken Wände und zweckmäßige Einrichtung irgendwie einen sterilen und ungemütlichen Eindruck, wie auch der ganze Rest des Stationsinneren. "Das hier ist interessant", meinte Sam, "obwohl die Basis IG-Status hat, steht sie unter der Schirmherrschaft einer Rasse, die sich Tralan nennt. Das Territorium der Tralan umfasst nur drei Systeme und diese Station, und weil so eine kleine Zivilisation politisch keine Bedeutung hat, haben sie sich als absolut neutral gegenüber anderen Rassen erklärt." "Und deswegen zählt auch die Station als neutral", vermutete Yxo, während die Getränke aus Fächern in der Theke auftauchten. "Ganz genau." Sam blickte auf und sah sich um. "Die Technik der Tralan ist scheinbar nicht unbedingt sehr fortschrittlich, noch vor 200 Jahren benutzten sie Generationsraumschiffe." "Dass die Technik nicht sehr fortschrittlich ist, hätte ich dir schon früher sagen können", grinste Yxo, hob sein Glas hoch und nahm einen Schluck. Es schmeckte scheußlich. "Das Zeug kann man nicht trinken", stellte er fest und knallte das Glas auf die Theke zurück. Sam grinste, nahm aber probehalber einen Schluck von seinem Sumpfbaumtee. Ganz abgesehen davon, dass er nicht einmal lauwarm war, der Tee hatte absolut keinen Geschmack. "Das ist irgendwie synthetisch hergestellt", vermutete Sam, "und zwar absolut schlecht." "Hey, ihr!" Plötzlich setzte sich ein kleinwüchsiges Wesen mit orangefarbener Haut und Knochenvorsprüngen an Augen und Mund zu den beiden. "Was willst du?" schnauzte Yxo den Unbekannten an. "Ihr seid doch die mit dem Bioschiff. Wollen wir nicht woanders hin gehen?" Yxo sah sich kurz um. Es waren nicht viele Leute hier, aber genug. "Meinetwegen", stimmte er zu, berührte mit seinem MPC das Zahl-Kontaktfeld und stand auf, genau, wie Sam. "Kommen Sie", forderte das Wesen die beiden auf und führte sie nach draußen und durch die Gänge, bis in einen schmalen Korridor, dessen Türen offensichtlich zu Frachtanlagen führten. "Auf Cilteres entwickeln die V.I. zufällig ein ganz ähnliches Schiff", erklärte es, "aber das wurde vor Kurzem leider entführt. Wissen Sie bereits, was Sie mit Ihrem Exemplar tun werden?" "Ja", antwortete Yxo, "verkaufen." Das Wesen schien etwas überrascht, als wäre das nicht die Antwort, die es erwartet hätten, zeigte sich aber doch kooperativ. "Dabei könnte ich Ihnen durchaus helfen." "Ich will eine Million Trenomien dafür, keine Trenomie weniger", sagte Yxo gerade heraus. "Das ist mir egal. Ich kann Ihnen nur sagen, wer Ihnen das Schiff abkaufen könnte." "Wer?" "Ich will 50 V.I.-Geldeinheiten dafür", forderte das Wesen. Yxo sah das Wesen verständnislos an. "Eine V.I.-Geldeinheit ist mehr als 100 Trenomien wert", meinte Sam, nachdem er kurz auf seinem MPC nachgesehen hatte. Damit forderte das Wesen mehr als 5000 Trenomien. Peanuts im Vergleich zu dem, was sie für das Bioschiff kriegen würden, aber eine unverschämte Forderung für eine derartige Information. "Du kriegst 20, und mehr nicht", beschloss Yxo. "30", forderte sein Gegenüber. "20", beharrte Yxo kalt, "oder nichts." "25" "Nein, 20." "Sie sind beharrlich", stellte das Wesen fest. "Ich bin nicht beharrlich, ich bin einfach nicht blöd." "Na gut, 20." Der Informant hielt Yxo seinen MPC entgegen. "Sonst noch Wünsche?" maulte ihn Yxo an. "Tut mir leid", entgegnete das Wesen, "erst das Geld, dann die Information." Yxo gab den Betrag in seinen MPC ein und hielt ihn an den des Wesens. "Jetzt zufrieden?" "Sehr", lächelte das Wesen nach einem kontrollierenden Blick auf seinen Computer, "es ist Folgendes: In wenigen Tagen wird an dieser Station der Tramp-Frachter 'Flammenpfeil' einreffen. Die Crew des Schiffs besteht aus Fsal, es besteht unter Anderem Verdacht auf Schmuggel, doch im Grunde macht der Frachter ehrliche Transportflüge, ein normales Tramp-Schiff eben. Tatsache ist allerdings, das die Crew eine Bande von Söldnern ist, die alle möglichen Auftrage erfüllt und Kontakt zu Deserteuren, Piraten und Staatsfeinden jeglicher Art hat, angeblich sogar zu feindlichen Spionen. Wenn die Ihnen Ihr Bioschiff nicht abkaufen, dann niemand, das kann ich Ihnen garantieren. Wenn Sie irgendwas von denen wollen, das Passwort lautet: 'Ich kann V.I.s nicht ausstehen, besonders die Falschen.' Das war's für die 20 Geldeinheiten, sonst noch Wünsche?" "'Ich kann V.I.s nicht ausstehen, besonders die Falschen'", fragte Sam noch einmal nach, "was soll das bitte sein?" "Was weiß ich, ich hab's mir schließlich nicht ausgedacht. Keine weiteren Wünsche?" "Nein, keine", meinte Yxo. "Kein 'Danke'?", grinste der Informant. "Mein 'Danke' ist auf Ihrem MPC", entgegnete Yxo und ging zurück in den Hauptgang, gefolgt von Sam.
Ungeduldig wartete Celeste mit ihrer Reisetasche an der Luftschleuse des Passagierschiffes, bis es endlich an IG-34 angedockt hatte. "Danke, dass Sie mit Esialo Spaceways geflogen sind", flötete der Steward-Roboter fröhlich, als sich die Schotts öffneten. "Danke, ich flieg' gerne in umgebauten Frachtern", meinte Celeste und betrat die Station, um sich anzumelden und sich eine Kabine zu mieten. Eine teure Kabine, schließlich reiste sie auf Staatskosten.
Allmählich konnte Sam diese Bar nicht mehr sehen, und erst recht nicht das, was sie hier Nahrung nannten. Jeden Abend der gleiche trostlose Ort, heute waren die beiden Piraten sogar die einzigen Gäste. "Hoffentlich tauchen diese Fsal irgendwann hier auf", seufzte er, "sonst krieg' ich noch eine Lebensmittelvergiftung." "Keine Sorge", entgegnete Yxo, "der orangefarbene Zwerg wird schon intelligent genug gewesen sein, uns die Wahrheit über diese Söldner zu sagen." In diesem Moment öffnete sich die Tür, und eine der wenigen Personen trat ein, die weder Sam noch Yxo irgendwie hier erwartet hätten: Celeste Johnson. Sie sah sich kurz um und blickte die beiden dann etwas unsicher an, während Yxo bereits aufsprang. "Hey, nichts überstürzen!" rief ihm Sam nach und folgte ihm. "Ich weiß, was ihr jetzt vielleicht denkt", begann Celeste, kam jedoch nicht weiter, denn Yxo packte sie am Kragen und hob sie hoch. "Ich kann alles erklären", keuchte sie. "Das hoffe ich für dich!" stieß Yxo hervor. "Lass' sie los!" schnauzte Sam den Cilthroiden an. "Nicht, bevor ich diese Erklärung gehört hab'." "Du sollst verdammt noch mal meine Schwester loslassen!" "Pah", machte Yxo und ließ sie unsanft auf den Boden fallen, sie federte den niedrigen Sturz jedoch ab. Vorsichtshalber drängte sich Sam zwischen seine Schwester und den Cilthroiden und sah sie auffordernd an. "Also, was ist los? Und erzähl' mir jetzt nichts von einer Operation Purge!" Celeste seufzte resignierend und erzählte den beiden die ganze Geschichte, von ihrem Unfall und der Drohung des Commanders, von Gvath, der ihnen eine unglaubwürdige Geschichte auftischen sollte, um dann ihre eigene glaubhafter zu machen und von ihrem Telefonat mit der Sicherheitsberaterin der Kolonie. "Ich wollte, dass die Truppen der Vereinten Imperien zum richtigen Zeitpunkt einschreiten, nach eurer Verhaftung, aber nicht zu spät. Ihr solltet entweder in der allgemeinen Aufregung eine Chance zur Flucht haben, oder von den V.I.s verhaftet werden. Dann hätte ich später auftauchen können, um eure Auslieferung zu fordern und euch zu 'überführen', auch wenn Letzteres wahrscheinlich etwas kompliziert gewesen wäre, zumindest im Rahmen des Legalen." Ihr Bruder und Yxo sahen sie vorwurfsvoll an. "Es hat doch bestens funktioniert. Ihr habt sogar noch fette Beute gemacht." "Ja, aber wir wären fast von den V.I. verhaftet oder sogar abgeschossen worden", erwiderte Sam, "es war verdammt knapp." Er versuchte, seine Schwester zu verstehen, nachzuvollziehen, was sie jetzt dachte und was sie sich gedacht hatte, als sie auf das Angebot der UTSF eingegangen war, doch es gelang ihm nicht. "Verdammt, Celeste, hat das sein müssen", meinte er, fast schon verzweifelt. Im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür und sieben Fsal traten nacheinander ein. Sie drängten sich durch die Gruppe, die praktisch direkt vor der Tür stand, hindurch. Yxo überlegte kurz, dann hielt er einen der Fsal an der Schulter fest und rief: "Hey, passt gefälligst auf!" "Hast du ein Problem?" wollte der Fsal wissen. "Ja", schnauzte ihn Yxo an, "ich kann V.I.s nicht ausstehen, besonders die Falschen." Der Fsal an der Spitze der Gruppe drehte sich sofort hellhörig um. "Bist du dir da ganz sicher?" wollte er wissen. "Ja, sicher", bestätigte er und deutete auf Sam, "und er ist auch ganz meiner Meinung." "Die Terranerin nicht?" erkundigte sich der Fsal. Celeste sah ziemlich verdutzt in die Gesichter der Anwesenden. "Nein, die Terranerin nicht." "Dann kommt mal mit, ihr beiden", forderte sie der Fsal auf, der offensichtlich der Anführer war. Yxo, Sam und die restlichen Fsal folgten ihm nach draußen und ließen Celeste zurück. Sie öffnete den Mund, um noch eine Frage zu stellen, doch da hatte sich die Tür bereits hinter der Gruppe geschlossen. "Tja", murmelte sie vor sich hin, "dann ist mein Job wohl erledigt." Sie würde dem Commander erklären, dass sie nach der Flucht von Sam und Yxo noch einmal persönlich nach IG-34 gereist war, um sie irgendwohin zu locken, wo sie eine Verhaftung vornehmen könnte, dass es ihr allerdings nicht gelungen sei. Der Commander würde ihr natürlich nicht glauben, aber er hätte absolut keine Beweise dagegen. Ganz im Gegenteil, er musste – ob er wollte, oder nicht – sogar annehmen, dass Celeste bereits mehr versucht hatte, als er ihr aufgetragen hatte. All das würde sie ihm irgendwie vermitteln, aber jetzt setzte sie sich erst einmal an die Theke und bestellte sich am Bar-Terminal einen Drink. Auf Staatskosten.
Yxo atmete erleichtert auf, als sie das Lokal verlassen hatten. Wenigstens war Celeste vernünftig genug gewesen, in Zivil hier aufzutauchen, sonst hätten sie das Geschäft mit den Fsal vergessen können. Die Söldner führten sie in einen Dockbereich, an dessen Wänden Lagereinheiten abgestellt waren, und der wahrscheinlich unbeobachtet war. "Also, was wollt ihr?" fragte der Söldnerführer. "Geld", entgegnete Yxo, "und zwar eine Million Trenomien. 10 000 V.I.-Geldeinheiten." "Doch sicher nicht einfach so?" "Ist euch das Bioschiff aufgefallen, das an der Station angedockt hat und dem Experimentalschiff der Vereinten Imperien unheimlich ähnlich sieht?" "Ja, ich hab' auf meiner Brücke den ein oder anderen Kommentar dazu gehört. Ihr wollt uns dieses Schiff verkaufen, richtig?" "Richtig." Der Fsal drehte sich um und ging nachdenklich einige Schritte auf und ab. "Das klingt mir nach einem vernünftigen Angebot. Über den Preis lässt sich doch sicher reden, oder?" "Nein", antwortete Yxo kalt. "Die beiden haben das Schiff von den Vereinten Imperien gestohlen", vermutete einer der Fsal, "hältst du es für eine gute Idee, das Ding zu kaufen?" "Halt die Klappe. Natürlich." "Keine moralischen Bedenken?" Der Anführer sah den anderen Fsal verständnislos an. "Wie bitte?" In diesem Augenblick erkannte Yxo den Fsal, und damit wusste er mehr, als der Söldnerführer. "Wenn ihr euch selbst nicht einig werden könnt, vergesst es", meinte der Cilthroide etwas zu überstürzt, "wir gehen." Das Schott der Luftschleuse öffnete sich schwerfällig, in der Schleusenkammer des angedockten Schiffes kam eine ganze Einheit Eniles-Infanterie zum Vorschein. "Ihr geht nirgendwohin", beschloss die Eniles, die scheinbar die höchste Offizierin war, während ihre Infanteristen aus der Kammer stürmten und einen Halbkreis um die Gruppe bildeten. "Darf ich mich vorstellen, Sicherheitsberaterin Jachih, von der Cilteres-Kolonie. Gute Arbeit", lobte sie. "Danke", grinste der Anführer der Söldnerbande, "hier haben Sie Ihre Piraten." Die Eniles grinste zurück. "Yxo und Sam Johnson, Sie sind wegen Piraterie verhaftet." Ihr Grinsen wurde breiter, als sie den Söldnerführer ansah und hinzufügte: "Und Sie ebenfalls, außerdem kommt bei Ihnen noch aller möglicher Kram dazu. Und fangen Sie jetzt bitte nicht mit so einem Unsinn an, wie politische Neutralität einer IG-Station. Abführen!" Alle redeten wild durcheinander, als die Infanteristen die Verhafteten in das Schiff führten. Lediglich die Sicherheitsberaterin grinste zufrieden, als der Fsal neben sie trat, der schon in der Bar auf Cilteres gewesen war. Er hätte beweisen sollen, dass die Sénégal ein Spionageschiff war, doch durch den Anruf dieser Terranischen Offizierin hatte sich das erübrigt. Als die Piraten entkommen waren, hatte Jachih ihn auf diese Fsal-Terroristen angesetzt. Jetzt hatte sie nicht nur die Piraten und die Terranischen Spione, sondern auch noch eine Gruppe Terroristen, und sie fand, dass sie sich jetzt irgendetwas zum Essen verdient hatte. Was, war ihr egal, sie beschloss, mal zu sehen, was es in der Bar der Station vom Sumpfbaum gab.
Gelangweilt saß Celeste an der Theke, alleine, noch immer war sonst niemand im Raum. Sie hatte sich vorgenommen, hier zu warten, in der Hoffnung, Sam und Yxo würden früher oder später zurück kommen. Das alles war etwas schnell gegangen, sie müsste Sam alles noch einmal in Ruhe erklären, möglichst ohne diesen Cilthroiden. Sie warf einen kurzen Blick zur Tür, als diese sich öffnete, doch es waren nicht die beiden, sondern nur eine kleine Gruppe Eniles, also starrte sie wieder abwesend in ihren Drink, denn die Eniles schienen sich auch nicht für sie zu interessieren. Die Eniles trugen Uniform, wahrscheinlich waren es irgendwelche Patrouillen von Cilteres, die sich hier einen schönen Nachmittag machen wollten. Die Offiziere kamen an die Bar, gaben ihre Bestellungen auf und diskutierten untereinander über persönliche Probleme. Als ihr Essen fertig war, nahmen sie es mit nach draußen, sie waren vermutlich im Dienst und konnten nicht sehr lange bleiben. Celeste sah den Eniles nach und stellte nebenbei anhand des etwas längeren Schnabels fest, dass der höchste Offizier weiblich war. Sie trug eine rote Uniform. So wie Sicherheitsberaterin Jachih der Cilteres-Kolonie, fuhr es Celeste durch den Kopf. Sie blickte noch einmal zur Tür, doch die Gruppe war bereits weg. Mach dich doch nicht lächerlich, dachte sie sich, was würde die Sicherheitsberaterin denn hier wollen? Wenn sie es gewesen wäre, hätte sie die Terranerin bestimmt erkannt. Allerdings war es oft schwierig, Gesichter anderer Spezies zu unterscheiden, und hinzu kam, dass Celeste nun zivil trug, und nicht ihre Uniform. Langsam machte sich ein unruhiges Gefühl in ihrer Magengegend breit. Sam und Yxo waren noch immer nicht da, V.I.-Truppen befanden sich auf der Station... Sie beschloss, der Sache nach zu gehen. Sie trat in den Korridor, sah sich um und entdeckte einen Techniker einer ihr nicht geläufigen Spezies, der gerade an einem Schaltkreis hinter der Wand hantierte. "Entschuldigung", sprach sie ihn an, "haben Sie hier einen Haufen Fsal, einen Cilthroiden und einen Menschen gesehen?" Der Techniker hob den Kopf und starrte sie mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck an, er schwieg. "Fsal, Cilthroide und Mensch", wiederholte sie. "Nein", lächelte er und machte sich wieder an die Arbeit. "Keine Ursache", seufzte Celeste und blickte sich nach dem nächsten Info-Terminal um.
"Wir haben Starterlaubnis." "Hervorragend, koppeln Sie von der Station ab. Kurs auf Cilteres", befahl Jachih.
Celeste aktivierte das Terminal. "Guten Tag, ich bin Infocom, Ihr selbstständig denkendes Informationsterminal. Was kann ich für Sie tun?"
"Wie man so schwachsinnig sein kann, einen V.I.-Spion in die eigenen Kreise aufzunehmen", beschwerte sich Yxo bei den Fsal, "jetzt sitzt ihr in eurer eigenen Zelle auf eurem eigenen Raumschiff!" Die Gefangenen befanden sich alle in einer engen, düsteren Zelle mit kahlen Metallwänden. "Das hilft uns jetzt auch nicht weiter", entgegnete Sam, "dieser Kerl hat alle getäuscht, auch die TCMT." Ein leichter Ruck fuhr durch das Schiff, es hatte abgekoppelt. "Ich sag's ungern, aber die Vereinten Imperien haben gewonnen", stellte Yxo fest.
"Ich bin Celeste Johnson. Welche Schiffe haben seit meiner Ankunft angedockt oder abgekoppelt?" Das Display zeigte eine Liste, und der Computer las vor: "Ankünfte: Leichter Starliner 'Esialo Spaceways Flug 98-473'; leichter Frachttransporter 'Flammenpfeil'; leichter V.I.-Frachttransporter 'Cugaa-Te'. Abflüge: Leichter Frachttransporter 'Flammenpfeil'; unbekanntes Raumschiff aus lebender Biomasse. Haben Sie sonst noch irgendwelche Wünsche?" "Ja. Was transportierte die Cugaa-Te bei ihrer Ankunft und was die Flammenpfeil bei ihrer Ankunft und bei ihrem Abflug." "Fracht der Cugaa-Te bei Ankunft: Unbekannt; Fracht der Flammenpfeil bei Ankunft: keine; Fracht der Flammenpfeil bei Abflug: Unbekannt. Haben Sie sonst noch..." "Wo befinden sich die Stationsgäste Sam Johnson und Yxo?" "Unbekannt." "Wo befanden sie sich zuletzt?" "Dock 3. Haben..." "Welches Schiff hatte zu dieser Zeit an Dock 3 angedockt?" "Leichter Frachttransporter Flammenpfeil. Haben Sie sonst noch irgendwelche Wünsche?" Celeste antwortete nicht, sondern rannte zu ihrer Kabine.
In ihrer Kabine angekommen, stürzte sich Celeste sofort zur Kom-Einheit. Sie hatte sich das soweit zusammen gereimt: Die V.I.-Truppen hatten Sam und Yxo offensichtlich verhaftet und holten sich nun das Bioschiff zurück. Die Verhafteten flogen sie mit einem anderen Schiff aus, als das, mit dem sie gekommen waren, um kein Aufsehen zu erregen. Und dieses Schiff war die Flammenpfeil. "Verbindung zur Flammenpfeil aufbauen!" befahl sie dem Computer. "Sie können von dieser Kom-Einheit aus lediglich einzelne Personen direkt anrufen." Celeste fluchte und sprang hastig in den Gang zurück. Was sollte sie jetzt tun? Sie kramte in ihrer Tasche nach ihrem MPC, während sie zu dem Dock zurück rannte, an dem der Starliner angekoppelt hatte, mit dem sie gekommen war. Die Esialos waren zwar nicht das Terranische Imperium, aber sie waren Freunde und sie waren vernünftig...
"Wir haben abgekoppelt, Sub-Hyperantrieb auf 50 Prozent", meldete einer der Eniles auf der Brücke der Flammenpfeil. Die Sicherheitsberaterin lehnte sich zufrieden zurück.
Im Passagierschiff angekommen, suchte sich Celeste den nächsten Service-Roboter. "Hey, du", rief sie und zeigte ihren MPC vor, "ich muss auf die Brücke. United Terran Space Force." "Bitte berühren Sie mit Ihrem MPC das Kontaktfeld in meinem Kopfbereich", forderte sie die kleine, rundliche Maschine auf. Celeste tat, was ihr gesagt wurde, woraufhin der Roboter ein paar Sekunden still dastand, bevor er sagte: "Obgleich Sie den Rang Kadett besitzen, handeln Sie auf Befehl eines Offiziers mit dem Rang Commander, ist das korrekt?" "Das ist korrekt, kann ich jetzt..." "Sie dürfen die Brücke betreten, die Brückencrew wird informiert." "Danke."
Eine knappe Minute später tauchte Celeste im kleinen Kontrollraum des Starliners auf, wo sie von einem verwunderten Kommandanten empfangen wurde, der alleine war. "Ms. Johnson, was ist hier bitte los?" erkundigte sich der reptilienähnliche Esialo. "Ich habe nicht viel Zeit für Erklärungen, dieses Schiff dort" – sie zeigte auf die Grafik am Scannerschirm, welche die Flammenpfeil darstellte, ein schwerfällig anmutendes Schiff mit Ecken und Kanten – "ist mit V.I.-Truppen besetzt, die auf IG-34 illegal eine Verhaftung vorgenommen haben. Das verstößt gegen das interstellare Recht, ich muss Ihr Kommunikationssystem benutzen, bitte." Der Esialo sah sie abschätzend an. "Meinetwegen. Ich habe mich mit der UTSF in Verbindung gesetzt, Ihre Aktionen sind von weiter oben abgesegnet. Wenn diese V.I. gegen Verträge verstoßen, tun Sie Ihre Pflicht." "Vielen Dank." Celeste setzte sich an den Platz des Copiloten und stellte eine visuelle Verbindung auf. "Sicherheitsberaterin, schön Sie wieder zu sehen." Jachihs Porträt erschien auf dem Kom-Bildschirm. Die Eniles sah sie durchdringend an. "Sie sind doch... ja, wir haben schon einmal miteinander gesprochen", stellte sie fest. Und Celeste wusste, dass die Sicherheitsberaterin noch immer glaubte, jemanden vom Rang Commander vor sich zu haben. "Allerdings. Sie haben Verhaftungen auf einer Einrichtung mit IG-Status vorgenommen. Bringen Sie die Gefangenen sofort zurück zur Station." "Wie bitte? Ich habe mich wohl verhört! Sie wissen wohl nicht, dass wir es hier mit gefährlichen Terroristen zu tun haben." "Es wird diplomatische Folgen haben, wenn Sie diese Leute gefangen halten. Ich wiederhole, geben Sie sofort die Gefangenen Sam Johnson und Yxo frei."
Jachih lehnte sich überrascht, aber mit kühlem Gesichtsausdruck zurück. Das wurde hier also gespielt – diese Terranische Offizierin wollte nur den Menschen und den Cilthroiden. Jachih hatte eigenmächtig gehandelt. Sie hatte keine Angst vor diplomatischen Krisen, aber wenn die hohen Tiere der Vereinten Imperien erfahren würden, dass sie ohne Erlaubnis eine illegale Verhaftung vorgenommen hatte, würde ihr das Probleme bereiten. Sie würde die Terroristen niemals freilassen, da würde sie sogar eine Degradierung oder Entlassung riskieren, doch diese beiden Piraten waren, milde ausgedrückt, wertlos. Allerdings konnte sie nun nicht einfach nach IG-34 zurück kehren, das würde Aufsehen erregen.
Celeste sah, dass die Eniles nachdachte, und das gefiel ihr. "Hören Sie", meinte die Sicherheitsberaterin schließlich, "ich stimme zu, aber ich werde nicht extra zur Station zurück kehren. Holen Sie sich Ihre Gefangenen hier ab." "Einverstanden", beschloss Celeste, "Kommandant, schließen Sie bitte den Kanal." Der Esialo sah sie etwas verwundert an und unterbrach dann selbst die Verbindung. "Das war nötig gewesen", erklärte Celeste, "damit sie sich im Klaren ist, dass jemand zugehört hat. Ansonsten wäre sie vielleicht auf die Idee gekommen, mich in eine Falle zu locken und mich verschwinden zu lassen." "Einleuchtend." Er blickte auf den Scannerschirm. "Ihre Freunde haben übrigens Ihre Triebwerke deaktiviert." "Sehr gut. Wie komme ich jetzt wohl am Besten dort rüber? Vielleicht mit irgendeinem Beiboot..." Der Kommandant gab einen Laut von sich, der wohl als Seufzer zu deuten war. Celeste grinste. "Bitte, tun Sie's als Zeichen intergalaktischer Einigkeit..."
Wenige Minuten später saß sie im Beiboot des Starliners.
Schleifend raste das Schott in die Decke und gab den Blick aus der Zelle auf eine Gruppe Infanteristen frei. "Terraner, Cilly, mitkommen!" rief einer der Eniles. Yxo und Sam standen zögerlich auf und verließen wortlos die Zelle, Yxo aber nicht, ohne dem Infanteristen einen drohenden Blick zuzuwerfen. "Folgen Sie uns!"
Celeste trommelte mit den Fingern auf das Kontrollpult des Esialo-Beiboots, nachdem sie an die Flammenpfeil angedockt hatte. Ein Schiff, dessen plumpe Form überhaupt nicht zu seinem Namen passen wollte. "Commander", meldete sich die Sicherheitsberaterin über das Kom, und Celeste musste über diese Anrede grinsen, "wir übergeben Ihnen nun die Gefangenen." Celeste wünschte sich, eine Waffe dabei zu haben, als sie dem Schleusenschott den Befehl gab, sich zu öffnen. Zuerst wurde Sam in die Kabine des Beiboots gestoßen, dann betrat Yxo das Schiff. Ein Eniles in Infanterie-Uniform sah nach drinnen und erblickte Celeste. "Hier sind die beiden. Sind Sie unbewaffnet?" fragte er, ein wenig besorgt. "Könnte man fast glauben", lächelte sie zurück, "soll aber so aussehen." Der Eniles bewegte seine Strahlungshaare ein wenig, vielleicht ein verabschiedendes Nicken, und verließ dann wieder das Beiboot. Nachdem Celeste das Schott geschlossen hatte, klappte Sam die Kinnlade nach unten. "Wie...?" "Das ist eine verdammt lange Geschichte", lachte seine Schwester, "wir fliegen jetzt erst mal wieder zurück zur Station." Sie sah Yxo an. "Und dann erwarte ich ein 'Danke, Ma'am' von euch beiden!"
Der Commander seufzte, rutschte in seinem Sessel herum und blickte Celeste, die ihm gegenüber in seinem Büro saß, in die Augen. "Also wenn wir den Aussagen dieses Eniles-Privatdetektivs und des Kommandanten des Starliners glauben können, haben Sie wirklich alles in Ihrer Macht Stehende unternommen, um diese Piraten festzunehmen." Er zog die Augenbrauen hoch. "Habe ich Ihren Bericht korrekt verstanden, während Sie die beiden im Beiboot des Starliners zurück nach IG-34 bringen wollten, haben diese Sie überwältigt? Wie war das möglich?" "Sir, sie waren immerhin zu zweit, und ich hatte keinerlei Dinge wie Handschellen dabei, nur eine kleine Handwaffe." Und auch das war gelogen. "Während des Andockmanövers an die Station war ich wohl nicht aufmerksam genug, und der Cilthroide hat mich niedergeschlagen." "...woraufhin die Piraten eigenmächtig an die Station abdockten, um ihre Schiffe wieder zu besetzen und zusätzlich das Beiboot des Starliners abzuschleppen", ergänzte der Commander, aus Celestes Bericht vorlesend. Er legte auf dem Tisch die Hände übereinander und beugte sich vor. Ich muss Ihren Bericht so wohl glauben, und ich erinnere mich auch daran, gesagt zu haben, dass Ihnen mit der Verhaftung der Piraten Ihr Posten bei der Space Force wieder sicher wäre. Nun, einmal wurden die Piraten von der Infanteriecrew der Sénégal verhaftet, und einmal von Ihnen persönlich, also bleiben Sie nun bei der United Terran Space Force. Allerdings werden Sie zusammen mit Kadett Grouès in den nächsten sechs Monaten jeden Tag drei zusätzliche Simulatorstunden nehmen, bis Sie wissen, wie man sich richtig verhält, damit sich ein Unfall wie der bei diesem Kometen nie wieder ereignet. Habe ich mich klar ausgedrückt?" "Ja, Sir." Celeste starrte auf den Boden, entschied sich dann aber dazu, dem Commander direkt in die Augen zu sehen. "Sir, und aus welchem Grund hat Kadett Grouès seine Ausbildungsstelle noch, wenn ich fragen darf? Hat er auch einen Bruder, der Pirat ist?" Der Commander lächelte und lehnte sich in seinen Sessel. "Sagen wir einmal so: Die United Terran Space Force ist eine Behörde, um Frieden und Ordnung aufrecht zu erhalten, und nicht, um ihre Kadetten zu erpressen. Aber manchmal kann ein kleiner Schwindel diesen Kadetten gegenüber nicht schaden. Wegtreten, Kadett!"
"Es ist ganz toll", seufzte Sam sarkastisch, während die gute alte Raumstation IG-25 auf dem Scannerbild immer näher kam, "wir sind nach Cilteres geflogen, haben uns einen Quadronix als Beute entgehen lassen, haben uns mit TCMTs geprügelt, haben unsere Schiffe beschädigen lassen und Waffenenergie und Kühlmittel verschwendet, ganz zu schweigen von unserer Zeit und unserem Geld. Und wofür? Für ein Beiboot! Ein kleines, altes Beiboot eines Passagierschiffs, das noch nicht mal Überlichtgeschwindigkeit erreichen kann!" "Aber du kannst nicht sagen, dass es nicht Spaß gemacht hat", entgegnete Yxo über das Kom, "und solange uns der Verkauf des Beiboots ausreichend entschädigt, hat es sich noch immer gelohnt." "Wow... Nicht vergessen, 20 Prozent davon kriegt immer noch dieser Cacalus. Ich möchte sein Gesicht sehen, wenn er erfährt, dass er höchstens zehn Trenomien oder irgendwas in der Größenordnung kriegt..." "Gut, dann kannst du ihm ja die frohe Botschaft überbringen. Er wird sich bestimmt bei dir bedanken." "Hey", grinste Sam, "er weiß doch, dass es die Wahrheit ist. Und zwar, ohne dass ich es ihm überhaupt erzählen muss!"
"Und", erkundigte sich Gvath, als er sich neben Jachih auf die Rückbank fallen ließ, "habt ihr sie jetzt endlich gefasst?" "Fliegen Sie los", forderte die Sicherheitsberaterin den Piloten nur auf, "mein Begleiter hier möchte gerne in 5000 Metern Höhe aussteigen." "Hey, es war ja nur eine Frage", verteidigte sich der Eniles. "Gvath?" presste Jachih mit geschlossenem Schnabel hervor. "Ja?" "Bitte, frag' nicht." "Klar." Er starrte aus dem Fenster. "Was ist mit der Crew des Spionageschiffs?" erkundigte er sich. "Die haben wir mittlerweile gegen eine großzügige Geldspende an die Kolonie wieder den Terranern übergeben. Und bevor du fragst, das Terranische Bergwerk haben wir beschlagnahmt, die Erdlinge müssen ihr Mylanium jetzt wohl woanders her kriegen." "Aha." Sie gab einen knurrenden Laut von sich. "Ist das alles? Bist du gekommen, um mich das zu fragen?" "Nein." "Weshalb dann?" "Ich hätte da wieder einen Auftrag, und ich dachte mir, du könntest mir vielleicht einen Gefallen tun." "Gleich fliegst du wirklich hier raus!" "Jachih... Bitte." Sie sah ihn missbilligend an. "Also, um was geht es?"