Der Wächter
© 2000-2002 Marco Kaas
von Marco Kaas
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Langsam kam die orangefarbene Sonne am Horizont zum Vorschein und ließ die fremdartig anmutenden Schatten von kilometerhohen Gebäuden über die Waldebene vor der Hauptstadt kriechen. Ein winziger, dunkler Punkt erhob sich aus dem Getümmel des Luftverkehrs und stieg weiter nach oben, raste dem Himmel entgegen.
Mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit jagte das längliche, stromlinienförmige Shuttle durch die Atmosphäre des Planeten, um schließlich in die Schwärze des Alls einzutauchen. Der Pilot nahm keine Notiz davon, dass er verfolgt wurde.
Nervös musterte Ilc, ein Chemysaner, dessen gedrungener, rundlicher Körper mit den klauenartigen Füßen und den beiden vorne am Körper anliegenden, mit Augenringen besetzten Hörnern ganz und gar nicht in die ohnehin unkomfortablen Sitze des Cilthroidschen Passagiershuttles passte, den Horizont des Planeten auf der anderen Seite des Fensters, was mit bloßem Auge eigentlich vollkommen sinnlos war. "Wir kommen gleich an der Anlegestelle an", erklärte eine Lautsprecherstimme den Passagieren.
Das Shuttle flog auf die gewaltige, diskusförmige Raumstation zu, die im Orbit um den Heimatplaneten der Cilthroidschen Rasse kreiste. Ein sachter Bogen brachte das kleine Pendelschiff auf einen Kurs direkt auf den schneeweißen Starliner zu, der an die Raumstation angedockt hatte und überhaupt nicht zu dem Grün-Grau der Cilthroidschen Raumfahrzeuge passte. Das Shuttle steuerte über den Andockarm zum Starliner hinweg, drehte dahinter eine Schleife und bremste gleichzeitig ab. Langsam näherte es sich der Gangway, um schließlich daran zu koppeln.
Ilc verließ das Pendelshuttle, passierte mit schnellen Schritten die Gangway zum Starliner, dann problemlos die Passkontrolle und machte sich auf den Weg zur Cocktailbar des gewaltigen Passagierraumschiffes.
Direkt neben dem Pendelshuttle dockten die Verfolger an die Gangway.
Drei Cilthroiden, große, kräftige Wesen mit orange-weiß-blau gefleckter Haut, in den grauen Wächter-Uniformen mit braunen Panzerungen betraten die Gangway über eine Schleuse und schritten auf die Passage zum Starliner zu. Die Leute, die sich vor der Passkontrolle angesammelt hatten, drängten sie zur Seite, was noch sehr rücksichtsvoll war, und blieben schließlich vor einem schimmernden Kraftfeld stehen. "Dieses Schiff fliegt unter Terranischer Flagge", erklärte eine freundliche, unbekümmerte Stimme, "Ordnungskräften der Cilthroiden ist es nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Terranischen Botschaft erlaubt, ..." Der Ranghöchste der Wächter zog seine Gravitonenpistole, zielte auf das Kraftfeld und feuerte. Unter Aufheulen von Alarmsirenen brach das Feld zusammen und die Cilthroiden setzten ihren Weg durch die freundlich hellen Gänge des Starliners zielstrebig fort, geführt von einem kleinen Scannergerät, das einer der Wächter in der Hand hielt.
Im Gedrängel, das nach dem Aufheulen der Sirenen in der Cocktailbar entstanden war, stieß Ilc einen anderen Chemysaner an. "Entschuldigung", murmelte er kurz, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder dem Eingang zu. Eine Stimme erklärte, dass alles in Ordnung sei und kein Grund zur Panik bestände, noch während die schwerbewaffneten Cilthroidschen Wächter den Raum betraten. Sie schubsten sich durch das Gedränge und packten schließlich den Chemysaner neben Ilc. "Na, haben wir dich..." "Es muss ein Missverständnis vorliegen", erklärte das Wesen verdutzt, "ich habe nichts..." "Schnauze! Du bist verhaftet!" Während der Chemysaner protestierte und schließlich begann, um sich zu schlagen, schleiften ihn die Wächter unbeeindruckt aus dem Raum.
"Was zum Teufel tun Sie hier auf meinem Schiff?!" brüllte die Kommandantin des Starliners rot vor Wut, als sie aus einem Lift heraus stürzte und sich mit zwei Männern des Schiffssicherheitsdienstes den Cilthroiden in den Weg stellte. "Beschwert euch doch bei der Botschaft", entgegnete der Oberwächter. Die drei Menschen machten den Cilthroiden allein vor Staunen wie selbstverständlich Platz, als diese mitsamt dem Chemysaner einfach weiter gingen, zurück zur Gangway.
Ilcs Mund formte sich zu etwas, das bei Chemysanern als triumphierendes Grinsen zu deuten war.
"Wir nähern uns der Quelle des Notrufs", meldete der Pilot des Terranischen Zerstörers "Kiew" der Kommandantin, Captain Kamore. "Gut. Krankenstation bereit halten." Sie beugte sich in ihrem Kommandosessel vor und strich sich die hellblaue Uniform-Kombi mit dem roten Captainskragen glatt. "Rückfall in den Normalraum."
Ein blendendes Licht blitzte auf, als das 150 Meter lange, stromlinienförmige Kriegsschiff mit den rochenflossenartigen Delta-Pylonen an Steuerbord und Backbord aus dem Hyperraum fiel. Einige Kilometer vor der Kiew schwebte regungslos ein deutlich kleineres Schiff im All, mit einem sich vorne verjüngenden, kantigen Rumpf und einem zangenförmigen Bug, sowie breiten, flügelartigen Streben, an deren Enden Raketenmagazine saßen.
Fragend blickte die Kommandantin zu der Offizierin an der Sensorenkontrolle. "Es ist eine Chemysanische Fregatte der Ayacham-Klasse", erklärte diese verwundert, "aber sie zeigt nicht die geringsten Spuren von Beschädigung auf." "Vielleicht bezog sich der Notruf auf irgendein anderes Problem", vermutete der erste Offizier. Captain Kamore zuckte mit den Schultern und wandte sich an den Kommunikationsoffizier. "Kanal öffnen." "Offen." "Hier spricht der Terranische Zerstörer 'Kiew'. Identifizieren Sie sich." Nach einer kurzen Zeit Stille forderte eine Stimme von der Fregatte: "Übergeben Sie uns Ihr Schiff, oder Sie werden die Folgen tragen!" "Das Schiff hat ein Hyperraum-Blockierfeld projiziert", meldete die Sensorenoffizierin, "wir können den Sub-Hyperantrieb nicht einsetzen." Kamore warf der Bordschützin einen fragenden Blick zu, woraufhin diese verdutzt mit den Schultern zuckte und flüsterte: "Einer Fregatte der Ayacham-Klasse sind wir an Feuerkraft normalerweise weit überlegen." "Normalerweise besitzen diese Fregatten aber auch keine Hyperraum-Blockierfeld-Generatoren", wandte der erste Offizier ein, woraufhin die Kommandantin tief durchatmete und befahl: "Gefechtsalarm! Kiew an unbekannte Fregatte: Ich hoffe, Sie wissen, dass Ihre Forderung geradewegs lächerlich ist. Wer sind Sie und was tun Sie hier? Handeln Sie im Auftrag der Chemysanischen Marine?" "Senken Sie Ihre Schilde und erwarten Sie unsere Entermannschaft!" forderte der Feind weiterhin. Langsam wurde Kamore wütend. "Dies ist ein Kriegsschiff der United Terran Space Force. Sie verschwenden unsere Zeit. Wir werden Ihren kindischen Forderungen nicht nachkommen, und wenn Sie sich nicht sofort identifizieren und ergeben, sind wir gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen!"
Ilc grinste. "Maßnahmen will sie ergreifen..." sagte er mitleidig und gab dem Chemysaner neben sich einen Wink.
Eine Rakete schoss aus einem der Magazine der Fregatte.
"Missile-Alarm!" rief die Schützin. "Dann knallen Sie es ab!" entgegnete Captain Kamore.
Aus dem Nebengeschütz oben am Rumpf des Zerstörers rasten glühend heiße Plasmaladungen direkt auf das heranfliegende Missile zu, das blitzschnell zur Seite auswich und dann wieder den alten Kurs aufnahm. Sofort nahm die Schützin die schweren Bugkanonen zu Hilfe und die Rakete damit unter Kreuzfeuer, doch das Missile glitt mit fataler Perfektion zwischen den Schüssen hindurch.
"Auf Aufschlag vorbereiten!" rief die Kommandantin, kurz bevor sie von den Füßen gerissen wurde. Schreie gellten durch den Raum, die Beleuchtung fiel aus.
Die gewaltige Explosion katapultierte den Bug der Kiew nach oben und schleuderte den Zerstörer regelrecht um seine eigene Achse.
Kamore stemmte sich vom Boden auf und rief in die ungefähre Richtung des Bordingenieurs: "Schäden?" Der Ingenieur musterte seinen Bildschirm, der hell in die Dunkelheit auf der Brücke strahlte und antwortete dann: "Schilde zusammen gebrochen, interne Energieversorgung fehlerhaft. Notbeleuchtung..." "Funktioniert nicht", vollendete sie den Satz und blickte dann in den Bildschirm der Schützin: "Lieutenant, Feuer erwidern! Knallen Sie ihn ab!"
Die Buggeschütze der Kiew feuerten noch zwei schlecht gezielte Plasmaladungen ab.
"Waffenkontrolle negativ! Verdammte Scheiße", fluchte die Schützin. "Sie sind einfach durchgebrannt!" erklärte der Ingenieur, noch bevor Kamore fragen konnte. "Ich habe auch keine Kontrolle mehr über das Schiff", rief der Pilot, "was zum Teufel ist hier los?!" "Sie nehmen Kurs auf unsere untere Dockluke", rief irgend jemand, "die wollen uns kapern!" "Captain an Bordinfanterie: Untere Schleuse sichern und besetzen!"
Ilc drehte sich um und warf dem Cilthroiden hinter sich einen befehlenden Blick zu. "Entermannschaft zusammen stellen!"
Ein Dutzend Infanteristen, mit Brustpanzern und Partikelgewehren ausgestattet, verschanzte sich in den Rahmen offener Türen und hinter Gangbiegungen, die Waffen auf die große Luke im Boden gerichtet. Die letzte Anweisung des Sergeant ging in der ohrenbetäubenden Explosion der Luke unter. Trümmer flogen durch den Raum, hagelten auf Wände ein, dann jagten Schüsse aus dem Qualm. Dutzende Chemysaner und Cilthroiden stürmten den Gang, lieferten sich ein Feuergefecht mit den Space-Force-Infanteristen. Schüsse zischten und blitzen durch den Korridor, Schreie waren zu hören, Sekunden dehnten sich zu einer Ewigkeit. Dann war alles vorbei. Die Eindringlinge überprüften Raum für Raum, ließen die Leichen, ihre eigenen und die der Bordinfanterie, liegen. Zuletzt kletterte Ilc aus der Schleuse im Boden und sah sich um. Hervorragende Arbeit. Er warf nur einen kurzen, bedauernden Blick auf den Cilthroiden, der die Kaperoperation leiten sollte und nun regungslos am Boden lag, dann begann er persönlich, den toten Space-Force-Infanteristen ihre Ausrüstung abzunehmen.
Der Bordarzt des UTSF-Zerstörers "Bloody Revenge" kniete sich vor dem Infanterie-Sergeant der Kiew auf den Boden, warf einen kurzen Blick auf sein kleines Diagnosegerät und schüttelte den Kopf. "Er ist schon zu lange tot." Der erste Offizier der Bloody Revenge seufzte. "Wenn ich auch nur einen von denen in die Finger kriege, die das getan haben..." murmelte er leise vor sich hin und sah sich angewidert um. Die Wände waren verkohlt, teilweise durchlöchert, Blut war im gesamten Korridor verschmiert. Leichen waren über den Boden verteilt, Menschen, Chemysaner und Cilthroiden. Dass die toten Menschen Infanteristen waren, ließ sich nur noch den Emblemen an ihren Uniformen entnehmen, sie waren ihrer gesamten Ausrüstung beraubt worden. Auch die Waffen ihrer eigenen Leute hatten die Angreifer wieder mitgenommen, genau wie so ziemlich die gesamte Außenbewaffnung der Kiew: Kein Geschütz und kein Missile befand sich mehr am Rumpf. "Doktor!" rief plötzlich eine Krankenschwester, die vor einem Cilthroiden hockte. "Können wir ihn reanimieren?" wollte der Arzt wissen und kniete sich vor den regungslosen, über zwei Meter großen Körper. "Ich denke schon." Sofort begann der Doktor, den Cilthroiden mit speziellen Zellwachstumsstimulatoren und Neuronenregeneratoren zu behandeln. Nach einigen Minuten kam der Tote wieder zu sich. Er stieß einen erstickten Schrei aus, dann atmete er tief durch. "Bleiben Sie liegen", befahl ihm der Arzt. "Doktor, hier spricht Weiß", drang plötzlich eine Stimme durch das Kom, "wir sind eben auf der Brücke angekommen. Wir können die Kommandantin reanimieren." Sofort packte der Arzt seinen Koffer zusammen. "Kümmern Sie sich um den hier", befahl er der Krankenschwester und machte sich über die Leiter im offenen Aufzugschacht auf den Weg zur Brücke. Der erste Offizier der Bloody Revenge sah den Cilthroiden verachtend an. Er atmete hörbar ein, wandte sich dann aber dem Aufzugschacht zu. Fast hätte er etwas getan, das er bereut hätte.
Das kegelförmige Terran Empire Building thronte mächtig vor der Bucht von Manhattan über 2000 Stockwerke weit in den wolkenlosen Himmel und glitzerte im Sonnenlicht.
"Ist es auch wichtig?" wollte die Präsidentin wissen, als sie den großen Konferenzraum betrat. In Anbetracht der anwesenden Personen war die Frage wohl überflüssig. Fünf der wichtigsten Männer und Frauen der Terranischen Raumfahrt, darunter Raumfahrtminister Suyin und Admiral Carter, saßen an dem großen, runden Tisch in der Mitte des Raumes. "Ich führe nämlich gerade persönlich einen Datenkrieg gegen unsere Botschaft bei den Cilthroiden, wir haben dort ein Heckmeck mit dem Wächter-Corps." Sie lächelte, was ihre negroiden Züge etwas mehr zum Vorschein brachte, wurde dann aber wieder ernst. "Also, was ist passiert?" Sie setzte sich. "Die Kiew wurde geplündert und die Hälfte der Besatzung umgebracht", erklärte Admiral Carter ohne Ausschweifungen. Die Präsidentin schluckte. "Wie viele haben überlebt?" "Der Bordarzt der Bloody Revenge konnte bisher 16 Crewmitglieder, darunter die Kommandantin, und einen der Piraten wiederbeleben. 16 von 30." "Wer hat das getan?" "Wir wissen es nicht", gab Minister Suyin zu, "die Flugschreiber der Kiew und die Aussagen der Überlebenden lassen aber auf Piraten schließen, die eine Chemysanische Fregatte einsetzten, welche mit einer besonderen Art EM-Impulsmissile ausgerüstet war. Viel mehr wissen wir nicht, der überlebende Pirat, ein Cilthroide, schweigt wie ein Grab. Außerdem fordern die Cilthroiden seine Auslieferung." "Den können sie ruhig haben", entgegnete die Präsidentin. Fast hätte sie noch hinzugefügt: "Bei denen kriegt er wenigstens, was er verdient." Sie setzte fort: "Aber verhören Sie ihn vorher noch so weit wie möglich. Was den Vorfall angeht, ich will so schnell wie möglich wissen, wer dafür verantwortlich ist und ihn zur Rechenschaft ziehen, mit oder ohne Hilfe des Gefangenen. Was hat es mit diesem EM-Missile auf sich?" "Es hat den gesamten Bordcomputer der Kiew lahm gelegt", erklärte eine Frau, "lediglich die Systeme, die auf unabhängige Datenbänke zugreifen, blieben in Betrieb." "Wenn ich einen Vorschlag machen darf", meldete sich jemand zu Wort, "wir sollten verstärkt gegen Piraterie vorgehen." "Das sagen wir schon seit Jahrzehnten", meinte ein Anderer kopfschüttelnd. "Aber wir haben auch Erfolge erzielt", wandte Carter ein, "zum Beispiel mit der Anti-Piraten-Einheit..." "... zu der auch die Kiew gehörte", vollendete die Präsidentin den Satz, "nein. Wir müssen mehr tun." Sie nickte nacheinander den anwesenden Personen zu. "Lacroix, Benett, Sie finden alles über dieses Super-Missile heraus. Setzen Sie sich mit dem Geheimdienst in Verbindung, legen Sie dem Hawking-Institut die Daten über die Beschädigung der Kiew vor, wie auch immer Sie vorgehen wollen, aber ich will Ergebnisse! Wedenjapin, Sie fragen bei den Chemysanern nach, legen Sie Ihnen die uns bekannten Daten der Fregatte vor, und fragen Sie auch nach Schiffen, die sie in letzter Zeit irgendwie verloren haben. Carter, Suyin, Sie bleiben hier. Also Leute, an die Arbeit!" Lacroix, Benett und Wedenjapin verließen den Raum. Dann wandte sich die Präsidentin an Admiral Carter und Minister Suyin. "Wir haben die Piratenabwehr bisher als eine Art lästigen Nebenjob betrachtet. Das wird sich jetzt ändern. So lange das friedliche Klima wenigstens innerhalb der Milchstraße gewährleistet ist, werden wir Schiffe auch von der Erdverteidigung abziehen und in die Anti-Piraten-Einheit abkommandieren. Ich meine richtige Schiffe." "Das ist nicht so leicht..." wandte Suyin ein. "Ich weiß. Aber wir müssen mehr tun. Wir brauchen in dieser Einheit mehr gute Schiffe UND mehr gute Leute." "Ich hätte da schon einen Vorschlag", meldete sich Carter. "Lassen Sie hören." "Wir könnten Captain Shiragami in die Einheit abkommandieren." "DEN Captain Shiragami?" "Ja, DEN Captain Shiragami." "Halten Sie das für eine gute Idee", erkundigte sich Suyin unsicher, "er ist nicht sehr erfahren." "Aber er ist gut", entgegnete Carter, "und allein darauf sollte es uns im Moment ankommen. Er ist der jüngste Captain der Space Force." "Eben", widersprach der Minister. "Eben", bestätigte sich der Admiral. "Also gut", nickte die Präsidentin, "es wäre ein Anfang. Wir geben ihm den leichten Kreuzer 'Nova'." Suyin hob die Stimme, um einen Einwand vor zu bringen. "Die Präsidentin des Terranischen Imperiums hat gesprochen", kam ihm selbige zuvor.
Das erdnussförmige Schiff, das sich langsam um seine eigene Achse drehte, zog eine gewaltige Kühlmittelfahne hinter sich her, die aus einem klaffenden Leck im Heck des Raumschiffes stammte. An der Ober- und Unterseite hatten zwei kleinere Schiffe angedockt, ein Terranischer Jäger der Dragonfly-Klasse, dessen grüner Rumpf mit einem Adler bemalt war, und ein Cilthroidscher Sicherheitstransporter in einer platten Stromlinieform.
Per Knopfdruck öffnete Sam Johnson das Schott zum Maschinenraum. Er sprang in den mit Bildschirmen gespickten Raum, drehte sich mit seiner Impulspistole in beiden Händen im Halbkreis und starrte dem grünlichen, tentakelbewehrten Wesen, das auf ihn zu gesprungen kam, genau in die Augen. Sam verkrampfte die linke Hand um den Schaft seiner Pistole, als ihn das Wesen von den Füßen riss und gab einen Schuss ab. Die Konsolen an der Wand schlugen Funken, als sie getroffen wurden, während Sam mit dem gesamten Gewicht des Angreifers auf sich rücklings am Boden Aufschlug. Er schrie unter Schmerzen auf, gleichzeitig griff das Wesen mit einer Tentakel nach seiner Waffe. Es verkrampfte schmerzerfüllt das lapprige Gesicht, als es mit beiden Fingern den glühend heißen Lauf der EM-Pistole packte, ließ aber nicht los. Die zweite Tentakel klatschte es Sam immer wieder ins Gesicht, allerdings nicht sehr kräftig. Der Mensch feuerte willkürlich mehrmals die Pistole ab, obwohl er Gefahr lief, sie leer zu schießen, doch er erzielte den gewünschten Effekt. Die Lebensform schrie auf, als der Lauf endgültig zu heiß wurde, ließ die Waffe los und krümmte sich. Der nächste Schuss war besser gezielt - bewusstlos sackte das Wesen zusammen. Mühsam befreite sich Sam von dem riesigen, grünen Berg aus Tentakeln und raffte sich auf. Er seufzte und blickte das Wesen ein wenig mitleidig an, rückte dann seine Pilotenjacke aus orangefarbenem Plastikmaterial zurecht, richtete den Jackenkragen und zog ein kleines Kom-Gerät aus dem Gürtel. "Ich hab' den Maschinenraum gesichert." "Okay. Komm' rauf, ich bin gleich auf der Brücke."
Yxo, ein Cilthroide, hob sein schweres Gewehr und zielte direkt auf die Tür zur Kommandozentrale. Er feuerte, der blendende, sich zerstreuende Strahl zerfetzte das kleine Schott auf ganzer Höhe. Yxo schaltete die Waffe weiter herunter, sprang mit einem Satz durch den Qualm hindurch auf die Brücke und schoss auf den Tentakel-Grünling, der direkt vor ihm stand. Sofort wurde der Cilthroide von beiden Seiten attackiert, auf der rechten Seite wehrte er den Angreifer mit einem kräftigen Ellenbogenstoß ab, während er nach links herum wirbelte und zweimal schoss. Noch während die beiden Wesen ohnmächtig zusammen sackten, drehte er sich um und feuerte auf ein weiteres Wesen. Das, welches den Ellenbogenstoß abbekommen hatte, versuchte am Boden liegend vergeblich, Yxo von den Beinen zu reißen. Er versetzte ihm einen Tritt, worauf es bewusstlos liegen blieb. "Ich habe die Brücke gestürmt", sprach Yxo in das Kom-Gerät an seinem Gewehr, "wir haben das Schiff unter Kontrolle." "Alles klar." Yxo stellte sich an eine der Konsolen, spielte ein wenig an den vollkommen fremdartigen Schaltflächen herum, erzielte aber keinen Erfolg. "Dann müssen wir den Frachtraum eben aufbrennen", murmelte er vor sich hin. "Womit du ja keine seelischen Probleme hast", stellte Sam fest, der auf den Trümmern der Tür stand. "Ich weiß nicht, ob ihr Cilthroiden schon so fortschrittlich seid, aber es gibt da so Knöpfe, da muss man nur draufdrücken, und wie durch ein Wunder geht die Tür auf." "Sehr witzig, Terraner. Sehen wir uns erst mal den Frachtraum an, danach lach' ich vielleicht..."
Der Frachtraum war tatsächlich zum Lachen, das Schiff war neben praktisch wertlosem genetischen Material mit einem einzigen Container Maschinenteile Beladen. Sehr ertragreich war der Überfall nicht, aber besser als überhaupt nichts.
Langsam schoben die Manövertriebwerke Yxos Schiff "Lebensquell", den Cilthroidschen Transporter, von dem steuerlosen Frachter weg, auch Sam beschleunigte seinen Jäger "Savage Eagle".
"Bereit zum Sub-Hyperraumflug?" fragte Yxo über das Kom. "Bereit", bestätigte Sam, "Kurs auf IG-25 gesetzt."
Direkt hintereinander erhellten zwei Blitze den Weltraum, als die beiden Piratenschiffe in den Hyperraum starteten und auf die politisch neutrale Handelsstation zurasten.
"Hey, ich habe etwas auf Sensor", meldete sich Yxo keine zwei Minuten später. "Was ist es?" wollte Sam wissen. "Es sieht aus... Scheiße." "Was?" "Es ist ein Terranischer Kreuzer." "Ein Terranischer Kreuzer?" Sams Computer gab ein warnendes Piepsen von sich, als etwas auf dem Scannerschirm erschien. "Ja, jetzt sehe ich ihn auch. Es ist ein leichter Kreuzer der Columbia-Klasse, auf Abfangkurs... Mit dem werden wir unmöglich fertig. Ich schlage Plan F vor." "Plan F?" fragte Yxo nach. "Ja, F wie Flucht." "Gute Idee, Terraner", bestätigte der Cilthroide. Er vermutete, dass in der Terranischen Sprache zwischen F und Flucht irgendein Zusammenhang bestand, doch so weit konnte sein Übersetzungsimplantat nicht denken.
Gespannt saß Captain Shiragami in seinem Kommandosessel. "Die beiden Zielschiffe haben den Kurs geändert und bewegen sich von uns weg", meldete die Offizierin an der Sensorenkontrolle, die den Rang eines Lieutenant bekleidete und mit knappen 30 trotzdem beträchtlich älter war, als der Captain. "Verfolgung aufnehmen", befahl Shiragami, "schalten Sie den Status der Piraten auf das Head-Up." In der Mitte des großen, breiten Sichtfensters erschienen zwei kleine Punkte, umringt von Zahlen, die Angaben zu Entfernung, Masse und allem Möglichen machten. "Sie bewegen sich beide mit 185 000 Lichtjahren pro Tag", stellte die Sensorenoffizierin fest. Shiragami nickte. "Pilot?" "Wir nähern uns, momentane Geschwindigkeit: 190 000." "Schütze?" "Wir sind noch außer Reichweite." "Feuern Sie ein Fusionsmissile auf jeden ab, sobald wir in Reichweite sind." "Aye." "Maschinenraum, können wir nicht mehr aus der Kiste rausholen?" "Unmöglich", antwortete die Chefingenieurin und gleichzeitig erste Offizierin über das Kom, "sie läuft schon am äußersten Limit." Der Captain seufzte, dann befahl er: "Kanal zu den Piratenschiffen öffnen." Als er das bestätigende Piepsen des Koms hörte, sprach er: "Ich bin Captain Shiragami vom Terranischen Kreuzer TSS Nova. Ergeben Sie sich und deaktivieren Sie Antrieb, Schilde und Waffen!"
"Wir antworten nicht", beschloss Yxo. "Und was machen wir jetzt? Wir sind hoffnungslos unterlegen, dieses Mal können wir uns nicht so einfach stellen." "Seien Sie doch nicht so stur", drang die Stimme dieses Captain Shiragami wieder aus dem Kom, "Sie haben nicht die geringste Chance. Wir werden Sie kriegen, so oder so."
"Keine Antwort", meinte der Kommunikationsoffizier kopfschüttelnd. Shiragami seufzte. "Schütze?" "Noch ein paar Sekunden", murmelte dieser vor sich hin und starrte seine Kontrollen an. "Feuern, wenn bereit", wiederholte Shiragami seinen vorherigen Befehl, dann starrte er aus dem Sichtfenster. "Raketen abgefeuert!" meldete der Schütze schließlich, als zwei glühend weiße Punkte von der Nova aus in die Ferne schossen.
"Missile-Alarm", stellte Sam fest, "das sind die gleichen Sprengköpfe, wie meine Raketen. Wenn die uns treffen..."
"Pilot, halten Sie sich bereit, gleichzeitig mit den Zielen aus dem Hyperraum zu fallen." Der Steuermann bestätigte, während der Schütze vor sich hin zählte. "10 Sekunden bis Zielaufschlag. 9... 8... 7... 6..."
"Zurück in den Normalraum fallen", beschloss Yxo, "sofort!"
"4... 3... 2..." Der typische Rückfallblitz zuckte durch die Brücke. "Was ist passiert?" wollte der Captain wissen. "Die Piraten sind selbstständig zurück gefallen." "Vielleicht wollen sie sich ja doch ergeben", vermutete der Schütze. "Das finden wir schnell heraus. Kanal öffnen!" "Ist geöffnet." "Hier ist die Nova. Dies ist Ihre letzte Chance, zu kapitulieren!"
"Wir haben eine höhere Beschleunigung, als ein Kreuzer, vielleicht können wir ihnen entkommen", hoffte Sam. "Dann versuchen wir das schnellstens", bestätigte der Cilthroide.
"Die Piraten ergreifen die Flucht", meldete die Sensorenoffizierin. "Dann geht es eben nicht anders", stellte Shiragami fest. Er atmete tief ein, bevor er sagte: "Alle Geschütze, Feuer frei!"
Ein Feuerwerk aus grün leuchtenden Plasmaladungen schoss durch den Weltraum und nahm die Savage Eagle und die Lebensquell ins Kreuzfeuer.
Der kleine Jäger vibrierte. Schüsse rasten in so dichten Abständen an ihm vorbei, dass es aussah, als wäre er in einem grünen Nebel gefangen, sämtliche Alarmsirenen dröhnten durch das Cockpit. "Ich bin unter Beschuss!" rief er ins Kom. "Ach, wirklich? Kann ich gar nicht verstehen, ich halte hier fröhlich ein Picknick!"
"Der verursachte Schaden ist nicht sehr groß", erklärte die Sensorenoffizierin, "sie sind vermutlich zu weit entfernt." Der Captain schnaufte. "Feuer einstellen. Pilot, fliegen Sie einen Vierzehner!"
Der grüne Vorhang lichtete sich, auch die Alarmsirenen stoppten teilweise. Erst jetzt warf Sam einen Blick auf seinen Schadenskontrollbildschirm. "Die Ladungen haben kaum was angerichtet", stellte er fest, "zumindest, wenn man die Umstände bedenkt. Die Heckschilde sind zusammen gebrochen und der Rumpf hat leichte Schäden." "Das gleiche gilt für mich", erwiderte der Cilthroide, "deswegen kann ich eure Space Force nicht verstehen, mit ihren ach so gepriesenen Plasmawaffen. Die Reichweite ist erbärmlich, weil sie so schnell abkühlen." "Aber auf geringe Entfernung ist die Durchschlagskraft... Hör mal, wir haben jetzt andere Probleme, als uns über taktische Systeme zu streiten!" "Ja, ja. Der Typ da hinten dreht übrigens ab." Sam musterte seinen Scannermonitor. Das verfolgende Schiff begann, eine Schleife zu drehen. Das kannte Sam doch, von der Akademie. "Der dreht nicht ab, der fliegt einen Vierzehner", stellte er schließlich fest. "Einen was?" "Das ist ein simples Manöver. Pass' auf, sobald ich es dir sage, starten wir in den Hyperraum!" Yxo brachte ein "a..." hervor, dann unterbrach ihn Sam: "Kapiert?" "Ja... Sir." Der Terraner glaubte, Yxos Grinsen regelrecht sehen zu können, doch ihm war weniger zum Lachen. Er beobachtete genau den Bogenflug der Nova. Erst hatte sie um etwa 45° abgedreht, jetzt wandte sie den Bug um 90° zurück. So würde sie nämlich nach dem Vierzehner mit Heck im 45°-Winkel zu den Piraten stehen und könnte bereits die vorderen Geschütze einsetzen. Die Scanner zeigten einen Energieanstieg. "Jetzt!" rief Sam.
Gleichzeitig traten alle drei beteiligten Raumschiffe in den Hyperraum ein. Der Unterschied war nur, dass die Piraten weiter flogen und die Nova gleich wieder in den Normalraum zurück fiel, kurz vor der Position, an der sich vorher noch die beiden kleinen Raumschiffe befunden hatten. Noch während der Eintrittsblitz der Piraten leuchtete, erschien das mächtige Kriegsschiff, im Blau der UTSF lackiert, stromlinienförmig und mit insgesamt vier nach unten gebogenen, flügelartigen Pylonen, die vorderen am Bug viel länger und breiter, als die am Heck. Raketenmagazine und Geschütze hingen unter den Pylonen, während oben am 300 Meter langen Rumpf gewaltige Aufbauten in die Höhe ragten. Alle Geschütze richteten sich auf den gleichen Punkt, doch sie feuerten ins Leere.
"Wo sind sie?" Shiragami sprang auf. "Sie sind wieder in den Sub-Hyperraum gestartet", erklärte die Sensorenoffizierin hastig. "Verfolgung aufnehmen", befahl der Captain und setzte sich wieder, "langsam dürfen wir uns guten Gewissens verarscht fühlen..."
"Wir trennen uns jetzt", beschloss Yxo. "Das können wir nicht machen", widersprach Sam, "mein Schiff ist viel schneller, als die Lebensquell." "Eben, so hast wenigstens du eine Chance, zu entkommen." "Das ist..." "... die einzige Möglichkeit. So machen wir's, und du hältst deine Terranische Klappe!" "Aye. Sir."
"Die Piraten teilen sich auf!" "Die halten sich wohl für besonders schlau..." Shiragami sprang schon wieder auf. "Captain an Jägerstaffel, Alarmstart direkt aus dem Hyperraum. Ziel ist ein flüchtender Dragonfly, aber Beeilung! Pilot, Sie fliegen dem Dragonfly nach, bis unsere Jäger gestartet sind, dann verfolgen Sie weiter den Cilthroiden." Er grinste. "Ihr entkommt uns nicht."
Das Hangardeck der Nova war erfüllt von hektischem Geplapper, dem Geräusch anlaufender Maschinen und dem Getrampel der Uniformstiefel auf dem Boden. Fünf Jäger der Dragonfly-Klasse waren nebeneinander aufgereiht, mit angedockten Laufstegen, während die Piloten auf das Deck hasteten. Einer war noch gerade dabei, seine Fliegerjacke anzuziehen, während Techniker noch an den Triebwerken herum fuhrwerkten. Die Staffelführerin sprang ins Cockpit, die obere Luke schloss sich. Ein Techniker rannte vorne am Bug vorbei, mit einem kleinen Scannergerät, dann hielt er den Daumen nach oben. Das gleiche beim nächsten Schiff und so weiter. Noch während die Techniker vom letzten Jäger davon rannten, heulte das Warnsignal und eine Stimme drang durch das Hangardeck. "Hangartor wird geöffnet." Die Tür schloss sich hinter den letzten flüchtenden Technikern, Sekundenbruchteile später entwich die Luft zischend aus dem sich öffnenden Hangartor.
"Alpha 1, Startfreigabe!"
Der stromlinienförmige Jäger raste in die Schwärze des Weltraums.
"Alpha 2, Startfreigabe!"
"Wir verlieren den Cilthroiden gleich von den Schirmen", presste die Offizierin an der Sensorenkontrolle hervor. "Gleich, gleich..."
"Alpha 5, Startfreigabe!"
Der letzte Dragonfly schoss hinaus ins All.
"Hart Backbord", rief der Captain, "nehmen Sie die Verfolgung des Cilthroiden wieder auf!" "Aye."
Gleichzeitig mit dem Eingang der Meldung erschienen die fünf Jäger auf Sams Scannerschirm: "Hier spricht die Alpha-Staffel der Nova. Ergeben Sie sich, wir sind Ihnen überlegen." Sam atmete tief durch, dann öffnete er ebenfalls einen Kanal. "Tja, nur Pech, dass unsere Schiffe gleich schnell sind..."
"Nur habe ich noch ein paar Tricks auf Lager." Die Staffelführerin strich nervös über den Feuerknopf für das Hyperraum-Missile.
"Ich auch." Sam hackte auf seinen Konsolen herum, ließ sich noch einmal durch den Kopf gehen, was er seinem Raumschiff da antat, und tippte dann kurz etwas in die Maschinenkontrollen ein. Das Licht erlosch, sämtliche verfügbar Energie wurde in den Sub-Hyperantrieb geleitet, Sam riss den Steuerknüppel zurück. Das Schiff vibrierte.
"Verdammt!" brüllte die Staffelführerin, wir haben ihn verloren. Sie atmete tief durch. "Ich mache das gleiche wie er, ihr haltet den Kurs!" Die Pilotin schaltete ebenfalls die gesamte entbehrliche Energie in den Hyperantrieb und beschleunigte. Nichts erschien auf ihrem Scanner.
Sam konnte nichts auf dem Scannerschirm sehen. "Jetzt fliegen wir also beide blind..." murmelte er vor sich hin.
Mit atemberaubender Geschwindigkeit glitt die Savage Eagle knapp über der Kugel entlang, die den Scannerradius von Alpha 1 darstellte, und Alpha 1 knapp unter dem Scannerradius der Savage Eagle. Dann hielt Sam nach Gutdünken den Kurs.
Nach einer knappen Stunde entschied er sich, wieder Kurs auf IG-25 zu setzen.
Für ein Schiff wie die Nova war es Präzisionsarbeit, an einen kleinen Transporter wie die Lebensquell anzudocken, besonders, wenn dieser Transporter durch austretendes Kühlmittel in leichte Rotation versetzt wurde. Der Kreuzer wartete, bis sich wieder die Oberseite des Cilthroidschen Schiffes ihm zugewandt hatte, dann saugten sich die Andockklammern des Terranischen Kriegsschiffs an der oberen Luke der Lebensquell fest, ein Andockschlauch schmiegte sich um den gewölbten Rumpf des kleinen Schiffes.
Krachend schlugen die Teile der irisartigen Luke am Boden auf, dann sprangen die zwölf Bordinfanteristen der Nova der Reihe nach in den röhrenförmigen Gang der Lebensquell. Der Infanteriekommandant sah sich kurz um, warf einen Blick auf den in sein Gewehr integrierten Scanner und winkte dann seine Leute hinter sich her, als er den Gang entlang rannte. Vor einer Tür blieb er stehen, presste sich mit dem Rücken an die Wand daneben und hielt sein Gewehr bereit. Einem Corporal signalisierte er mit einer Handbewegung, dasselbe zu tun. Der Kommandant legte seinen Finger auf den Türöffner, nickte dem Infanteristen neben sich zu und stürmte dann gleichzeitig mit ihm auf die Brücke. Ein Schlag ins Gesicht ließ ihn zu Boden stürzen, Yxo richtete sein Gewehr auf den zweiten Infanteristen, ein Schuss zischte. Der Cilthroide gab ein röchelndes Geräusch von sich, sank auf die Knie und brach schließlich bewusstlos zusammen. Der Corporal atmete die vorher angehaltene Luft laut hörbar aus, dann bückte er sich und half seinem Vorgesetzten auf die Beine. Dieser wischte sich das Blut vom Kinn, das aus einem Mundwinkel rann, zog sein Kom-Gerät aus dem Gürtel und sprach: "Wir haben das Schiff unter Kontrolle."
"Also, fangen wir noch einmal von vorne an", seufzte Captain Shiragami und ließ den Kopf in die Hände sinken, "Name?" Yxo, der ihm in dem kleinen Verhörraum direkt gegenüber saß, zwischen zwei bewaffneten Infanteristen, lehnte sich zurück. "Sie kennen meinen Namen." Yxo antwortete gedrungen ruhig. Aufgewacht war er in einer Zelle, bis sie ihn nach mindestens einer Stunde hierher gebracht hatten, um immer und immer wieder das gleiche Verhör durch zu führen. "Ich will ihn aber noch einmal von Ihnen hören." "Pech!!" platzte Yxo hervor und sprang auf, sofort richteten die beiden Infanteristen ihre Gewehre auf ihn. Der Cilthroide atmete tief durch und setzte sich wieder. "Also, dann eben anders. Sind Sie für die Überfälle auf die Terranischen Zivilschiffe 'Altair', 'Francfort' und 'Serenity' verantwortlich?" Yxo erinnerte sich an diese Terranische Geste, streckte dem Captain den mittleren der drei Finger entgegen. Shiragami atmete tief durch. "Wissen Sie, wir hatten schon kooperativere Gefangene. Aber es kann Ihnen ja eigentlich sowieso egal sein, weil das Cilthroidsche Imperium einen Auslieferungsantrag stellen wird. Wenn Sie allerdings hier die Aussage verweigern, haben wir überhaupt nichts, zumindest nichts, dass Sie irgendwie entlasten könnte." Yxo blickte den Kommandanten der Nova finster an. "Wenn Sie so stur sind", entgegnete dieser bedauernd, "dann ist das wirklich nicht mein Problem." Der Captain stand auf und machte Anstalten, zu gehen, da fragte Yxo: "Sie werden mich ja sowieso ausliefern. Das ist doch längst beschlossen." Shiragami antwortete nicht. Er machte sich schnurstracks auf die Brücke, um alles nötige einzuleiten, vom Zerstörer Bloody Revenge abzukoppeln und um Kontakt mit der "Tixem" aufzunehmen.
Als Yxo wieder in die Zelle geführt wurde, erlebte er eine Überraschung: In der Nebenzelle saß, von einem Kraftfeld eingeschlossen, ein weiterer Cilthroide. Der Wärter, der Yxos fragenden Blick wohl erkannt hatte, erklärte: "Der ist eben angekommen." Yxo betrat freiwillig seine eigene Zelle - jeder Versuch der Infanteristen, ihn hinein zu stoßen, wäre wohl gescheitert - und setzte sich auf die unbequeme Bank. "Wer bist du?" fragte er den Neuankömmling, ohne ihn durch die Panzerwand, welche die beiden Zellen trennte, sehen zu können. "Geht dich das irgendwas an?" "Ja", behauptete Yxo. "Dein Problem. Die treffen sich bald mit einem unserer Schiffe." "'Unserer'?" wollte Yxo wissen. "Mit einem Kreuzer des Cilthroidschen Imperiums, die bringen uns..." Er lachte wie geisteskrank, bevor er vollendete: "...weg." Yxo atmete tief durch, dann stand er auf und rief dem Wärter zu: "Hey, ich will noch ein Telefonat führen! Das darf man bei euch doch, oder? Hey!" Der Wärter legte seinen Computer beiseite und aktivierte das Kom. "Captain, einer der Gefangenen will jemanden anrufen." Nach ein paar Sekunden Schweigen entschied sich der Captain: "Meinetwegen. Dort, wo er hingeht, gibt es sowieso keine Koms."
Eine knappe Stunde später hatte die Nova an den Cilthroidschen Kreuzer Tixem angedockt. Das gewaltige Raumschiff war gut 200 Meter länger, als die Nova, sah aus, wie ein auf zwei langen, stromlinienförmigen Modulen liegendes, achtseitiges Prisma mit einem halbrunden Bug. Im Heck leuchteten fünf eckige Öffnungen der Gravitonentriebwerke.
Mit einem Gewehrwink verabschiedete sich der Cilthroidsche Wächter von den Terranischen Infanteristen, die nun über eine Bodenluke wieder den Kreuzer verließen und auf die Nova zurück kehrten. Der Cilthroide wandte sich an die beiden Gefangenen, die von der Nova übergeben wurden, deutete in einen Korridor und brüllte: "Geht!!" Mit gehobenem Gewehr folgte er Yxo und dem anderen Gefangenen, bis sie in der dunklen Arrestzelle der Tixem waren.
Majestätisch schwebte die gigantische Raumstation IG-25 in den Tiefen des Weltraums, zwischen der Milchstraße und der Andromeda-Galaxie, umschwärmt von unzähligen Raumschiffen.
"IG-25 Flight Control an Savage Eagle. Sie haben Andockerlaubnis an Dock 72." "Verstanden, Flight Control", bestätigte Sam knapp und nahm mit seinem Jäger Kurs auf die gewaltige Konstruktion. Dann aktivierte er noch einmal das Kom und sprach: "Savage Eagle an Flight Control. Hat an der Station ein amtlich nicht registrierter Cilthroidscher Transporter der ST-300 Klasse angedockt?" Es herrschte eine kurze Stille, dann antwortete der Flight Controller: "Negativ." Sam lehnte sich zurück, seufzte und strich sich nervös durchs Haar. "Und ein Terranisches Kanonenboot, Orca-Klasse?" wollte Sam noch wissen. "Positiv. Name: 'Rattlesnake II', mehr kann ich Ihnen aus Gründen des Datenschutzes leider nicht sagen." Sam atmete auf. Wenigstens das, dachte er. "Trotzdem danke, Flight Control." "Nichts zu danken." Sam wusste zwar noch nicht, wie ihm das helfen sollte, oder besser, wie Yxo das helfen sollte, aber irgendwas würden sie sich schon einfallen lassen. "Savage Eagle an Rattlesnake II, bitte kommen. Sod, Svenia, Celtros! Macht schon, meldet euch!" "Ja, ja, schrei nicht so", drang die Stimme des Oren Celtros aus dem Kom. "Ich glaube, sie haben Yxo erwischt", begann Sam ohne Ausschweifungen. "Ich weiß", erwiderte der Oren. Sam machte ein verdutztes Gesicht, was Celtros wohl ahnte, jedenfalls erklärte er: "Yxo hat vor ein paar Stunden hier angerufen. Die Menschen übergeben ihn an die Cilthroiden." Sam schluckte. "An die Cilthroiden? Aber das heißt..." "Lebenslänglich im Arbeitslager", vollendete Celtros den Satz. Sam atmete tief durch. "Wo sind Sod und Svenia?" Sam wusste eigentlich nicht so recht, warum er diese Frage stellte. "Sod ist hier neben mir und Svenia im Maschinenraum. Warum?" "Nur so... Yxo bekommt dort doch nie eine faire Gerichtsverhandlung!" "Wie, fair? Wenn du dich auf das Terranische Rechtssystem beziehst, mit Anwälten und so Zeug, dann nicht." Sam lehnte sich zurück, dann fasste er einen Entschluss. "Ich fliege auf die Cilthroidsche Heimatwelt." "Was?" war Sods Stimme zu vernehmen. "Ich sagte, ich fliege zur Cilthroidschen Heimatwelt. Ich muss heraus finden, was mit Yxo passiert." "Wie stellst du dir das vor? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du irgend etwas erfährst..." "Und wenn ich hier nur herum telefoniere, oder einfach nur Däumchen dreh', erfahre ich erst recht nichts. Kommt jemand von euch mit?" Stille. "Na gut", meinte Sam nach einer Weile, "ich kann's euch nicht verübeln." "Was ist, wenn du auch verhaftet wirst?" wollte Svenia wissen, die jetzt offenbar auch auf der Brücke der Rattlesnake II war. "Wieso verhaftet? Dem Cilthroidschen Imperium habe ich nichts angetan, zumindest noch nicht. Nicht einmal die können mich grundlos festnehmen." Svenia seufzte, dann meinte sie: "Nun gut. Und wie stellst du dir das vor? Willst du mit der Savage Eagle da einfach so rein schippern?" "Nein, natürlich nicht, ich werd' mit einem Starliner fliegen, oder mit einem Frachter. Vom Terranischen Imperium krieg' ich zwar garantiert kein Einreisevisum, aber von IG-25 bestimmt." "Na gut..." seufzte Sod, "ich halte das zwar für eine ziemlich bescheuerte Idee. Aber wenn irgendetwas ist, wir stehen immer voll hinter dir." "Danke, Leute." Die Savage Eagle wurde durchgeschüttelt, als sie automatisch mit der Station dockte. "Ach ja, könntet ihr vielleicht auf mein Schiff aufpassen, während ich weg bin." "Klar", bestätigte Sod. "Der Zugangcode ist 42279", erklärte Sam. "42279", wiederholte Sod, "kann man sich merken." "Dann viel Glück", wünschte ihm Svenia. "Hoffentlich."
Langsam schob sich der unförmige, kastenartige Passagierfrachter "Evening Star" vom Andockarm weg und beschleunigte schwerfällig. Sod, der Esialo mit dem reptilienartigen Schädel, Svenia, die Terranerin und Celtros, der Oren mit der grünen Hautfarbe, der wulstigen Nase und dem Radiowellenempfänger-"Auge" an der Stirn, standen, zusammen mit einigen Schaulustigen oder Angehörigen der Passagiere, vor den Panoramafenstern und beobachteten den Start des Raumschiffs, das sich nun immer weiter von IG-25 entfernte und schließlich zu einem hellen Punkt zusammen schrumpfte. Mit einem blendenden Eintrittsleuchten verschwand es schließlich im Hyperraum, mit Kurs auf die Andromeda-Galaxie. "Was bezweckt er damit?" fragte sich Celtros laut. "Keine Ahnung, Terraner machen oft ziemlich merkwürdige Sachen", gab Sod zu und erntete einen feindseeligen Blick von Svenia. "Anwesende natürlich ausgenommen", fügte er noch schnell hinzu. "Sam ist kein Terraner", sagten Svenia und Celtros wie im Chor. "Ich weiß, ich weiß, Beteigeuze City..."
Unsanft stieß der Offizier Yxo den Gewehrkolben in den Rücken und bedeutete ihm damit, schneller zu gehen. Der Cilthroide warf einen düsteren Blick nach hinten, dann lief er zügig weiter, bis er und die Wache in einem kleinen, spärlich beleuchteten Raum ankamen. Yxo setzte sich auf Anweisung der Wache auf den harten Stuhl, der sich in der Mitte des Raumes befand, woraufhin eine verzerrte Computerstimme zu hören war. "Yxo, das Gericht hat ein Urteil gefällt. Wir beschuldigen Sie der Piraterie in 16 Fällen und erachten Sie auch für schuldig, wollen Sie trotzdem etwas davon abstreiten?" "Nein", knurrte Yxo. "Dann tritt folgendes Urteil gegen Sie in Kraft." Die Stimme machte eine längere, bedeutungsvolle Pause, bevor sie sagte: "40 Jahre Zwangsarbeit in der Goldabbaueinrichtung Een II. Die Tixem erhält hiermit den Auftrag, Sie umgehend dort abzuliefern." Das war alles. Yxo wurde wieder aus dem Raum geführt, zurück in die Zelle, mit dem Wissen, in frühestens 40 Jahren wieder in Freiheit zu sein. Wenn überhaupt.
Irgendwo zwischen den Galaxien fiel die "Evening Star" aus dem Hyperraum, begleitet vom leichten Kreuzer Nova.
Sam blickte von seinem kreditkartengroßen MPC-Computer auf und sah aus dem Panoramafenster seiner engen Touristenklasse-Kabine. Das Schiff war ganz eindeutig in den Normalraum zurück gekehrt, und das beunruhigte ihn. Wahrscheinlich war es irgendein technisches Problem, aber Sam wollte auf Nummer sicher gehen, also stand er vom Bett auf, kramte in seiner Reisetasche nach der EM-Pistole und steckte sie sich in den Gürtel. Endlich war die Stimme des Captains zu vernehmen. "Sehr geehrte Damen und Herren, hier spricht Ihr Captain. Wir müssen aufgrund technischer Probleme einen kurzen Zwischenstopp einlegen, der allerdings nur wenige Minuten in Anspruch nehmen wird. Wir bitten Sie, Ruhe zu bewahren, wir werden unseren Flugplan problemlos einhalten können." Technische Probleme, die ein Raumschiff dazu zwingen, aus dem Hyperraum zu fallen, aber in ein paar Minuten behoben werden können? Nicht sehr glaubwürdig. Nervös atmete Sam aus und ein, dann stand er auf, ging ins geradezu winzige Badezimmer und tastete den Boden nach der Wartungsluke ab. Als er die Naht gefunden hatte, steckte er die Fingernägel hinein und tastete nach dem Öffnungsmechanismus. Ein Zischen, dann schob sich die Luke zur Seite und offenbarte eine enge Röhre, die unter den Kabinen entlang führte. Sam vergewisserte sich, dass an seinen Händen keine verräterischen Schmutzflecken waren, dann legte er sich wieder aufs Bett und las weiter.
Keine zwei Minuten später piepte die Türklingel. Sam schluckte, legte den MPC hin und öffnete die Tür. Vor ihm standen drei Space-Force-Offiziere, einer davon, ein Asiate, war offensichtlich Captain, der andere ein Infanterist und eine dunkelhäutige Frau die erste Offizierin. Trottel, dachte sich Sam, warum hast du überhaupt erst aufgemacht? "Sind Sie Sam Johnson?" fragte der Captain. "Nein", behauptete Sam, woraufhin sich die drei Offiziere vielsagend anblickten. "Sie meinen wahrscheinlich den Typen in der Kabine gegenüber", erklärte Sam und grinste verschwörerisch, "ich habe ja gleich gewusst, dass mit dem irgendwas nicht stimmt!" "Und wer sind Sie dann?" seufzte der Captain nicht sehr überzeugt. Toll, echt toll. Und was jetzt? "Ich gebe ihnen einen Tip", sagte Sam schließlich, drehte sich zum Fenster um, griff unauffällig nach seiner Pistole und tat so, als würde er nachdenken. "Hören Sie", meinte die erste Offizierin der Nova ungeduldig, "Sie glauben doch nicht etwa, uns hier verarschen zu können. Sie werden jetzt mit uns kommen." "Verstehe", gab Sam zu, drehte sich langsam um und schoss auf den Infanteristen. Die EM-Ladung traf den Brustpanzer, umhüllte ihn mit einem elektrischen Flimmern und wurde absorbiert. Sam stürzte sich mit einem Satz ins Badezimmer durch die Bodenluke. Mit einer Handbewegung schickte Captain Shiragami die erste Offizierin dem Flüchtenden nach, dann wandte er sich an den Infanteristen. "Alles in Ordnung?" "Ja, ja." "Dann kommen Sie mit!" Die beiden verließen die Kabine, um Sam den Weg abzuschneiden.
In der Wartungsröhre schien Zwielicht, es roch nach Schmiermittel und es war so eng, dass man nur mit Mühe kriechen konnte. Nach wenigen Metern traf Sam auf einen vertikalen Schacht mit einer Leiter in der Mitte, die nach oben und unten führte. "Halt!" schrie die Offizierin, die hinter ihm in die Wartungsröhre gesprungen war. "Ich bin doch nicht lebensmüde!" erwiderte Sam, stieß sich nach vorne ab und klammerte sich an die Leiter, die Verfolgerin legte ihre Pistole auf ihn an. "Hey, wenn Sie jetzt auf mich schießen", rief Sam und sah nach unten in die Tiefe, "falle ich etwa 30 Meter tief! Das wäre nicht sonderlich gut für Ihren Personalbericht!" Die UTSF-Offizierin legte den Kopf schräg und zog die Augenbrauen hoch. "Pech." Sie feuerte die Pistole ab. Sam ließ die Leiter los, konnte noch die Spannung fühlen, als der Schuss knapp über seiner rechten Hand in die Leiter einschlug. Keinen Meter tiefer ergriff er wieder die Leiter, rutschte mit der linken Hand ab und schlug sich den linken Fuß an einer Sprosse an. Er unterdrückte einen Schrei, ergriff mit beiden Händen die Leiter und ließ den schmerzenden Fuß frei hängen. "Was für eine beschissene Situation..." presste er hervor, dann sah er einen Meter unter sich in der Wand einen Zugang zu einer weiteren Wartungsröhre. "Wenigstens etwas", murmelte er vor sich hin, nahm auch den zweiten Fuß von der Leitersprosse und schwang sich hin und her. "Das ist nicht der Zeitpunkt für Turnübungen", rief die Offizierin, die nun aus der Luke der Wartungsröhre über ihm sah. Klugscheißerin. Sie hob wieder ihre Pistole, Sam ließ los. Erneut wurde die Leiter getroffen, der Mensch prallte mit dem bereits schmerzenden Fuß gegen die Wand knapp unter dem Zugang zum nächsten Wartungsschacht, dann riss er die Hände hoch und klammerte sich dort fest. Er atmete tief durch, blickte 30 Meter nach unten, zog sich mühsam herauf und kletterte in die Luke, um dann den Schacht entlang zu kriechen. Er zog wieder seine Pistole, behielt sie in der Hand und blickte immer wieder nach hinten. Als irgendetwas Hellblaues auftauchte, schoss er nach Gutdünken, kroch aber sofort weiter. Ein Zischen war zu hören, dann das Fluchen der Offizierin. Viel schien er nicht bewirkt zu haben. Dann entdeckte er undeutlich die Konturen einer Luke über sich. Er gab noch einen Schuss nach hinten ab, dann stellte er seine Pistole auf höchste Stufe und feuerte auf die Luke. Funken stoben, von einer Sekunde auf die nächste erfüllte der Gestank von verschmorten Kabeln den Schacht. Mit einem kräftigen Stoß rückte Sam die Luke zur Seite und sprang nach oben, kurz bevor ein weiterer Schuss an ihm vorbei raste. Nun betrat auch die Offizierin die Wartungsröhre und folgte Sam.
Der Verfolgte fand sich in einem gebogenen Korridor des Raumschiffs wieder, der in hellem Weiß strahlte. Schwerfällig humpelte Sam in irgendeine Richtung und hoffte, dass seine Verfolgerin die andere wählen würde. Nach ein paar Sekunden kam ihm ein kleiner, kastenförmiger Roboter mit einem Tablett auf dem Dach entgegen gefahren. "Wünschen Sie etwas Sir?" wollte er in verräterischer Lautstärke wissen. "Nein", schnauzte ihn Sam an und humpelte weiter. "Aber unser Service bietet..." "Ich wünsche ab jetzt keine frischen Handtücher mehr in Kabine 17!" "Sehr wohl."
Die erste Offizierin, mittlerweile ebenfalls im Korridor, blieb stehen. Kamen die Stimmen eben nicht aus der anderen Richtung? Im gleichen Moment öffnete sich eine Tür und eine ältere Dame kam aus ihrer Kabine, sie lächelte. "Ach, das ist ja eine Überraschung! Sind Sie von der Space Force?" Die Frau in Uniform nickte nur kurz und machte Anstalten, weiter zu gehen. "Mein Enkel ist auch bei der Space Force", plapperte die alte Dame munter drauf los, "ist das nicht schön?" "Ja, das ist wirklich furchtbar schön, aber..." "Naja, man hofft halt, das ihm nichts passiert. Man kann ja nie wissen, bei den ganzen Kommunisten, die überall im Weltraum sind... Warum sind Sie denn hier?" "Ich versuche, einen flüchtigen Kriminellen zu verfolgen!" presste sie gereizt hervor. "Ach, wie spannend!" Sie tätschelte der Offizierin auf die Schulter. "Passen Sie dann aber gut auf sich auf, mein Kind, vielleicht ist das ja ein Kommunist, ..." "Hören Sie auf, mit Ihren scheiß Kommunisten, und lassen Sie mich meine Arbeit machen, und ich bin verdammt nochmal nicht Ihr Kind!" Sie rannte weiter.
Langsam fing Sam an, sich zu fragen, was das eigentlich sollte. Wo sollte er hin rennen, auf einem Raumschiff, er konnte es ja schlecht kapern. Er beschloss, um eine Gangbiegung zu gehen, oder besser, zu humpeln, in der Hoffnung, seine Verfolgerin so abhängen zu können, dann stand er direkt Captain Shiragami und einem guten Dutzend Infanteristen gegenüber. "Überraschung", meinte der Captain. Sam atmete tief durch und ließ sich auf den Boden sinken. "Das ist Ihnen wirklich gelungen..." Wenige Sekunden später kam die erste Offizierin der Nova außer Atem an der Gangbiegung an, und Sam sah mit einem schadenfrohen Grinsen zu ihr auf. Wenigstens hatte sie ihn nicht erwischt. "Walten Sie Ihres Amtes", befahl der Captain ihr schließlich, woraufhin sie Sam am Arm packte, aufrecht stellte und ihm Handschellen anlegte. "Sie sind hiermit verhaftet. Sie haben das Recht zu schweigen, wenn Sie das nicht tun, kann und wird alles, was Sie..." "Ja, ja", knurrte Sam, "ich kenn' den ganzen Schwachsinn, gegen mich verwendet, Anwalt und so weiter..."
Langsam sank die Tixem auf die Oberfläche des Planeten Een II nieder. Landescheinwerfer leuchteten den gewaltigen, gepanzerten Platz unter dem einen halben Kilometer langen Raumschiffrumpf aus, das Heulen der Gravitonentriebwerke lag in der dichten, braunen Luft, die größtenteils aus toxischen Gasen bestand. Wenige hundert Meter über der Oberfläche fuhren eine ganze Reihe von Landestützen aus der Unterseite des Kreuzers aus, um wieder mehrere Meter weit in den Rumpf zurück zu sacken, als das massige Raumschiff schließlich aufsetzte. Das Geräusch der Triebwerke verklang langsam, und aus dem Landefeld schob sich ein Tunnel nach oben, um an die Tixem zu docken.
Von zwei bewaffneten Cilthroidschen Offizieren bewacht, fuhren Yxo und der Mitgefangene in einem großen Fahrstuhl nach unten. Als der Aufzug nach mehreren Minuten endlich anhielt, schätzte Yxo die Tiefe auf mehrere Kilometer unter der Oberfläche. Langsam schob sich das schwere, dick gepanzerte Schott zur Seite und offenbarte den Einblick in eine Höhle von unglaublichen Ausmaßen. Die Decke war gut 100 Meter über der Aufzugtür, und von der Fläche her war die Ausdehnung unschätzbar. Die Höhle war nur etwa 50 Meter breit, aber es mussten Kilometer in der Länge sein. Im Gestein leuchteten Goldadern von unfassbaren Ausmaßen, und die Wände waren dicht mit Stegen bebaut und vermutlich auch gestützt, auf denen Wesen der verschiedensten Spezies arbeiteten und das Gold aus den Adern brannten. Der Boden der Höhle, der noch einmal 200 Meter tiefer lag, war eine riesige Fläche, die praktisch vollkommen von Gold bedeckt war. Hin und wieder fuhren Sammelmaschinen durch das Feld und luden das Gold auf, vermutlich, um es auf Frachtschiffe zu verladen und weg zu bringen.
Ein unsanfter Stoß mit dem Gewehrkolben bedeutete Yxo, weiter zu gehen. Die Cilthroiden gingen einen Steg entlang, der sich weiter hinten irgendwo in dem Gewirr aus Leuten und anderen Stegen verlor. An den Wänden saßen, knieten oder standen unterschiedlichste Lebewesen, die mit Laserbrennern Gold aus den Wänden schnitten und dann auf den Boden warfen, so entstand vermutlich das Feld. Nur sehr wenige der Gefangenen waren Cilthroiden, offenbar kam das Wächter-Corps keinen Auslieferungsanträgen nach. In regelmäßigen Abständen waren kleine Tunnel mit Nischen in den Fels eingearbeitet, in denen Gefangene schliefen. An einer Stelle der Felswand mussten einige Gefangene einer krallenbewehrten Spezies ganz ohne Hilfsmittel arbeiten. Hin und wieder sahen die Zwangsarbeiter unauffällig zu den Neuankömmlingen auf, manche mitleidig oder interessiert, die meisten sahen aber einfach nur die Offiziere Hasserfüllt an. Überall standen Wärter herum und überwachten die Arbeit mit Staubschutzmasken. Nach einem Marsch von gut 15 Minuten, vorbei an Szenarien, die nur einen milden Vorgeschmack des Lebens in diesem Lager boten, befahlen die Offiziere Yxo und dem anderen Cilthroiden, stehen zu bleiben. Der Ranghöhere machte mit seinem Gewehr eine deutende Geste, welche ein etwa zehn Meter breites Wandstück umfasste. "Das ist euer Arbeitsbereich, bis euch euer Wärter etwas Anderes sagt." Er zog zwei Laserbrenner aus dem Gürtel und drückte den beiden Gefangenen je einen in die Hand. "Gold rausschneiden, Gold über das Geländer werfen." Dann deutete er auf einen Tunnel etwa 20 Meter weiter. "Da drinnen könnt ihr schlafen, wenn gerade Platz ist. Es gibt dort auch einen Essensverteiler, den ihr benutzen könnt, wenn ihr Hunger habt, und ein Klo. Wenn irgendwas nicht in Ordnung ist, sagt ihr es dem Wärter." Eine weitere Geste zeigte auf einen Cilthroiden mit gepanzerter Uniform und einer Atemmaske, der etwas weiter weg stand. "Er ist es auch, der die Konsequenzen ziehen wird, wenn ihr nicht arbeitet, oder überhaupt irgendwas macht, das er zum Fressen findet. Wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt, die Leute hier kennen sich aus." Ein Mensch, der ein paar Meter weiter arbeitete, blickte auf und sah den Offizier bösartig an. Der Rangniedere der Cilthroidschen Offiziere ging in die Hocke und flüsterte Yxo zu. "Wenn du arbeitest, machst, was der Wärter will und keinen Ärger anzettelst, kommst du hier nach vierzig Jahren auch wirklich wieder raus. Viel Glück." Mit diesen scheinbar ernst gemeinten Worten stand er wieder auf und folgte seinem Vorgesetzten zurück zum Aufzug. "Hey", schrie Yxos neuer Arbeitskollege, "und jetzt haut ihr einfach ab?!" "Schnauze halten", zischte der Mensch, dessen Arbeitsbereich direkt neben denen der beiden Cilthroiden war. "Was willst du?" fragte der Cilthroide herblassend und sah den Menschen an. Als dieser nur mit einem warnenden Blick antwortete, brüllte er ihn an. "Hä, sag! Was willst du? Soll ich dir das Genick brechen?!" "Du sollst die Schnauze halten", wiederholte Yxo die Worte des Menschen, woraufhin der Cilthroide herum fuhr und auch ihn anschnauzte. "Und du?! Ach richtig, du hast ja nur 40 Jahre. Wieso solltest du dich auch aufregen? Wir sitzen ja nur auf einem riesigen Felsbrocken und müssen Gold aus Wänden schneiden, ohne, dass ein Ende in Sicht wäre, aber das ist ja alles nicht so..." Er verlor fast das Bewusstsein, als ihn etwas am Hinterkopf traf. Er kippte nach vorne und schlug sich die Stirn am Fels an, nach ein paar Sekunden richtete er sich benebelt wieder auf die Knie auf und drehte sich um. "Hast du Probleme mit der Arbeit hier?" fragte der Wärter langsam und presste ihm das Gewehr direkt gegen die Stirn. "Du willst mich wohl verarschen?!" Yxo zuckte zusammen, als der Wärter mit voller Wucht seinen Stiefel in den Bauch des Aufständischen rammte. Der Gefangene gab einen stöhnenden Laut von sich und kippte nach hinten, wieder schlug sein Kopf gegen den Felsen. Ohnmächtig blieb er liegen. "Hast du auch Probleme mit der Arbeit?" wollte der Wärter von Yxo wissen. Als dieser verneinte, setzte der Wärter seinen Kontrollgang fort. Yxo sah den bewusstlos am Boden Liegenden entsetzt an. "Du sollst arbeiten!" brüllte der Wärter von weiter weg, woraufhin Yxo hastig seinen Laserbrenner einschaltete und begann, damit in der Wand herum zu schneiden. Als ein paar kleine, glühende Nuggets heraus fielen, trat er diese den Steg herunter. "Warum bist du hier?" fragte der Mensch plötzlich. Es wäre sinnlos gewesen, mit einer dummen Antwort zu kommen, also gab Yxo zu: "Piraterie. Und ich heiße übrigens Yxo. Und du?" Der Mensch grinste humorlos. "Spionage. Ich bin... oder eher, ich war Agent beim Terran Empire Secret Service. Special Agent Arthur Sejong." "Dumm gelaufen. Schick' deinen Leuten doch einen Prospekt von hier." Der Mensch grinste. "'Besuchen Sie das faszinierende Höhlensystem von Een II. Für Feinde des Cilthroidschen Imperiums ist der Eintritt frei.' Das wäre doch perfekt zum Ausspannen." Ein Stöhnen verriet, dass der zweite Cilthroide wieder zu sich kam. Er stemmte sich auf den Ellenbogen auf und sah sich um. "Ihr... Schleim..." "Wenn wir hier zurecht kommen wollen, müssen wir zusammen arbeiten und einander helfen", unterbrach ihn ein Cacalus, der neben dem Menschen arbeitete. Außer ihm waren noch drei weitere Cacalus anwesend, alle waren sie in graue Roben gehüllt, die lediglich das braune, ovale, quer gerippte Gesicht frei ließen, dessen einzige Körperöffnungen die beiden roten Augen waren. Der Cilthroide stieß ein Lachen hervor. "Mit DIR zusammen arbeiten?" "Nicht direkt. Wir müssen nur die anderen respektieren und uns nicht gegenseitig verletzen." Er sprach langsam und seine Stimme klang irgendwie beruhigend, zumindest für Yxo. Die Cacalus strahlten irgendwie etwas Friedliches aus, das auf den anderen Cilthroiden aber entweder überhaupt nicht oder provokant wirkte. "Och, nicht verletzen", äffte er das Wesen nach. Er drehte sich kurz um, doch der Wärter war nicht zu sehen. Dann ging er auf den Cacalus zu. "Bitte, las mich in Frieden", sprach das Wesen, woraufhin der Cilthroide wortlos wieder zu seinem Platz zurück kehrte. Yxo sah erst ihn, dann den Cacalus ungläubig an, dann ersuchte er mit einem fragenden Blick bei Arthur Sejong um Rat. "Es sind eben Cacalus", antwortete dieser nur knapp, dann wandte er sich an den nun friedlich arbeitenden Cilthroiden. "Aber wenn es dich beruhigt, es zeugt von viel Willenstärke, gegen die auch nur bösartige Gedanken zu hegen, wenn sie in der Nähe sind." Yxo sah weiterhin seinen gezähmten Artgenossen an, schließlich wandte er sich an den Menschen. "Ich weiß, dass Cacalus irgendwie Mystik-Freaks sind, und dass sie auch Fähigkeiten und Sinne haben, die über unsere hinaus gehen, aber dass es so extrem ist... Ich habe sogar schon einmal mit einem verhandelt..." "Nein, er hat dich nicht übers Ohr gehauen", beantwortete der Mensch die noch nicht gestellte Frage, "Cacalus verwenden ihre Fähigkeiten gegenüber 'primitiven'..." - er betonte das Wort wie ein Zitat - "...Rassen nur, wenn es nötig ist. Und zu Gedankenbeeinflussung in dieser Form ist ein einzelner Cacalus nicht fähig, das geht nur in der Gruppe." "Du scheinst dich mit diesem Volk auszukennen." "Ich war zwei Monate auf Cacalus. Ich sollte... etwas 'heraus finden', über den wurmlochunterstützten Hyperantrieb." Er grinste. "Die Cacalus haben eine Spionageabwehr, von der unsere Regierungen nur träumen können."
Die beiden arbeiteten weiter. Während Yxo versuchte, ein widerspenstiges Stück Gold aus der Wand zu trennen, merkte er nicht, wie der Cilthroide neben ihm tief durchatmete. Schließlich sprang dieser auf, in einem gewaltigen Satz über den Menschen hinweg und stürzte sich auf den Cacalus. "Du wäschst nicht noch mal mein Gehirn!" brüllte er und drückte auf die Kehle des Cacalus ein. Seine Artgenossen tauschten ruhig ein paar Laute aus, die der Übersetzer merkwürdigerweise nicht erkannte, dann konzentrierten sie sich auf den Cilthroiden. Doch zu dritt waren sie nicht geistesstark genug. Der Angreifer brüllte auf und verkrampfte seinen Griff um den Hals des Cacalus nur noch mehr. Yxo starrte entgeistert auf das Szenario, bevor er auf seinen Artgenossen zu sprang und versuchte, ihn von dem Wesen zu reißen. Der Cacalus gab japsende Laute von sich, und Yxo erstaunte es, wie enorm widerstandsfähig das Wesen war. Etwas zischte. Der Cilthroide verdrehte die Augen, dann erschlaffte der Körper in Yxos griff. Er zerrte den schweren Leib von dem Cacalus herunter, der seinen Laserbrenner in der Hand hielt und das Gerät mit einem nicht zu deutenden Blick ansah. Cilthroidsches Blut klebte am Emitterkristall. "Was ist hier los?" brüllte der Wärter, als er mit gezogenem Gewehr angerannt kam. Yxo sah erst den Wärter, dann den Körper, den er noch immer gepackt hielt, ungläubig an. Der Wärter warf einen Blick auf den blutverschmierten Laserbrenner, dann auf die Leiche. "Holen Sie einen Arzt!" rief Yxo, woraufhin der Wärter nur lachte. "Arzt..." Er wandte sich an den Cacalus, der sich gerade wieder aufraffte. "Was ist hier passiert?" "Wieso", fragte das Wesen ruhig, "es ist doch alles in Ordnung." "Aber selbstverständlich", stimmte der Wärter zu und sah Yxo an, der erst jetzt entgeistert den leblosen Körper auf den Steg fallen ließ. "Mitkommen!" befahl er ihm. Yxo grinste humorlos. Das musste ein schlechter Witz sein, oder zumindest ein Alptraum. "Mitkommen, habe ich gesagt!" brüllte der Wärter und richtete sein Gewehr auf Yxo. Erst jetzt bestätigte er mit einem mürrischen "Mhm" und ging vor dem Offizier dem Offizier den Steg entlang. Der Mensch starrte die Gruppe von Cacalus an. "Na los, macht schon! Helft ihm!" "Es tut uns leid", erklärte einer von ihnen, "aber er gehört nicht zu uns." Sejong setzte zu einem hysterischen Gebrülle an, doch dann begriff er, was die Wesen meinten. Sie konnten Aggressionen nur gegen sich selbst abbauen.
"Also, noch einmal", begann Captain Shiragami erneut, "Name?" "Sie wollen schon wieder meinen Namen wissen?" beschwerte sich Sam, der im Verhörraum am gleichem Platz saß, wie Yxo zuvor. "Nein, den Namen Ihrer Großmutter!" "Evelyn." Der Captain schnaubte, dann atmete er wieder tief ein. "Also, Sie wollten wahrscheinlich sagen 'Sam Johnson'. Sind Sie mit verantwortlich für den Angriff auf das Terranische Zivilschiff 'Serenity'?" "Langsam fühl' ich mich hier verarscht, ich sage jetzt überhaupt nichts mehr, ohne einen Anwalt." Sam lehnte sich zurück. "Nun gut", seufzte Shiragami und stand auf. "Wir werden für Sie einen Anwalt finden, vielleicht können wir schon übermorgen mit dem Prozess beginnen." Mit großen Schritten verließ der Captain den Verhörraum. Nachdem sich die Tür geschlossen hatte, atmete er tief durch und lehnte sich neben der ersten Offizierin an die Wand. "Sie scheinen keine große Erfahrung mit polizeilichen Aktionen zu haben", stellte sie fest. "Commander?" "Sir?" "Ich will wieder zurück zur Erdverteidigung!"
"Warten Sie hier", befahl die Wache Yxo und verließ den Raum. Nun war Yxo endgültig sprachlos. Was hatte das alles zu bedeuten? Der Wärter hatte ihn auf einen Befehl hin einem Offizier der Tixem übergeben, und nun befand er sich wieder auf dem Kreuzer, in einem großen, prunkvoll eingerichteten Raum. Er saß auf der einen Seite eines Schreibtisches, die Wände waren mit faszinierenden Mustern aus wertvollen Pflanzensäften verziert. In der Decke befand sich eine wabernde Flüssigkeit unter der Beleuchtung, wodurch der Raum in ein tanzendes Schattenspiel gehüllt wurde. Es war ganz eindeutig das Büro eines ranghohen Offiziers. Und Yxo war allein, natürlich fiel ihm nicht im Traum ein, hier einfach nur zu warten. Er stand auf und sah sich ein wenig um. Hier und da erschienen beim Vorbeigehen Holographien einiger hoher Cilthroidscher Offiziere oder ruhmreicher Raumschiffe, einige offene Glaskästen waren mit wohlriechenden, fluoreszierenden Substanzen gefüllt. In einer Ecke stand eine Flasche edelstes C'al. Schließlich öffnete sich die Tür und ein Offizier betrat das Zimmer. Sein Uniformoverall war silbern schillernd, und anstatt des üblichen Brustpanzers trug er eine braune Weste, die mit bunten Edelsteinen geschmückt war. Hier war also der Kommandant des Raumschiffs Tixem. "Setzen Sie sich", forderte er Yxo auf, allerdings eher in freundschaftlichem Tonfall. Yxo kam der Aufforderung nach und nahm wieder vor dem Schreibtisch platz, dahinter der Kommandant. "Ich bin Prä-General Lax, Kommandant des Cilthroidschen imperialen Kreuzers Tixem." "Und ich bin Yxo, Gefangener des Cilthroidschen imperialen Arbeitslagers Een II." Prä-General Lax ignorierte diese für einen Cilthroidschen Militär eigentlich unfassbare Respektlosigkeit und fuhr fort: "Ich habe Befehl, Sie zum militärischen Hauptquartier zu bringen." Vom einen Moment auf den nächsten änderte sich Yxos Gesichtsausdruck von Misstrauen zu Verdutzen. Er starrte den Prä-General ungläubig an. "Zum militärischen Hauptquartier...?" "Zum militärischen Hauptquartier. Dort werde ich Ihnen alles Weitere erklären, der Flug wird sowieso nur zwei Stunden dauern." Dann stand Lax wieder auf und machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen. "Warum?" fragte Yxo. "Ich sagte doch eben, ich werde Ihnen noch alles Weitere erklären. Warten Sie bitte in meinem Büro, bis wir angekommen sind, Sie dürfen das Terminal benutzen." Yxo wollte noch etwas sagen, schließlich ließ er den Prä-General aber doch gehen. Er drehte den Bildschirm zu sich und tippte ein wenig darauf herum. Nichts Interessantes, das Meiste war verschlüsselt. Yxo lehnte sich zurück und beobachtete die Flüssigkeit in der Decke.
"Ja, sie bringen mich wahrscheinlich nach 0-4-7, wenn ich schuldig gesprochen werde", erklärte Sam. Er hatte auf eine visuelle Verbindung verzichtet und lieber ein Telefon gewählt. "Doch, ich werde bestimmt schuldig gesprochen werden. Mom, ich habe... Ja, sicher. Natürlich werden Besuche teuer, aber sie halten die Haftanstalt auf Beteigeuze City nicht für sicher genug, für einen Piraten... Nein, es ist ja auch noch nicht ganz sicher. Das letzte Wort hat der Haftrichter... Mhm." Er hörte eine Weile zu. "Mom, es ist mein Leben... Ja, okay, es war mein Leben. Ich werde sicher nicht über 15 Jahre kriegen." Er überlegte kurz. Scheiße, da war ja auch noch das mit der Fahnenflucht. "Oder irgendwas in der Größenordnung", fügte er hinzu. Die Person am anderen Ende sagte wieder etwas Längeres. "Ja, Mom, es gibt ja ein Telefonat pro Tag... Was? Nein, ich möchte nicht mit meiner Schwester sprechen... Ja, ich liebe dich auch. Bis bald." Er tippte auf den Unterbrechungsknopf und biss sich auf die Lippe. Verdammt, sie war seine Mutter. Wie musste sie sich jetzt fühlen?
Zwischen tausenden Felsbrocken in der Größe ganzer Städte fiel die Tixem aus dem Hyperraum. Langsam setzte sich das gewaltige Raumschiff in Bewegung und steuerte auf einen besonders großen Asteroiden zu, der mit Gebäuden, Türmen und Werftanlagen übersäht war, die teilweise kilometerhoch in den Weltraum ragten. Langsam überflog der Kreuzer den Planetoiden, bis schließlich eine monströse, kastenartige Strebenkonstruktion direkt vor ihm auftauchte. Der Steuermann bremste noch weiter ab und korrigierte den Kurs um ein paar Bogensekunden, bis die Tixem schließlich direkt in den Kasten hinein schwebte. Drinnen kam sie schließlich vollkommen zum Stillstand, fuhr die Landestützen aus und erhielt Bodenkontakt. Unzählige Andockarme fuhren an den Kreuzer und klammerten sich fest.
Endlich öffnete sich die Tür wieder. Yxo hätte eigentlich nicht damit gerechnet, im Büro des Kommandanten eingesperrt zu werden, aber ihm sollte es recht sein. Besser, als eine Zelle. "Sind wir da?" wollte er von Lax wissen. "Ja, wir sind da. Kommen Sie bitte mit." "Wo geht's denn jetzt hin?" fragte Yxo und stand auf. Er rechnete nicht ernsthaft mit einer Antwort, und die erhielt er auch nicht, aber langsam machte ihm diese Heimlichtuerei irgendwie Spaß. Sie zog das Cilthroidsche Militär irgendwie ins Lächerliche, und das gefiel ihm. Er folgte also dem Prä-General, durch die Gänge der Tixem, durch einen Verbindungstunnel und schließlich in einen Fahrstuhl. Es kam Yxo wieder in den Sinn, zu fragen, wo sie hin gingen, aber er schwieg weiterhin. Als die Kabine anhielt und sich die Tür öffnete, blickte Yxo in ein weiteres Büro, nur war dies nicht so geschmückt, wie das des Kommandanten. Vielleicht war es weniger ein Büro, als viel mehr ein Besprechungszimmer, zumindest war der Tisch in der Mitte etwas größer, und vier Leute fanden auf den Sitzen Platz. Zwei waren bereits anwesend, nämlich ein hoher Offizier in einer ähnlichen Uniform, wie Lax, und ein weiterer Cilthroide in der gepanzerten Wächter-Uniform. "Da sind Sie ja endlich", stellte der Ranghohe Offizier fest, "setzen Sie sich." Die beiden kamen der Aufforderung nach. "Ich bin General Toz, Leiter des zweiten Cilthroidschen imperialen Wächter-Corps, und das hier ist Zeel, Wächter vierter Klasse." Nun wandte sich wieder Lax an Yxo. "In Anbetracht der Umstände haben wir Ihnen ein... interessantes Angebot zu unterbreiten." "Und das wäre?" "Wenn diese Unterlagen hier Stimmen, dann waren Sie, bevor Sie sich entschlossen haben, Piraterie zu betreiben, Wächter dritter Klasse", meinte General Toz und sah sich einige Daten auf einem Bildschirm an, "ist das korrekt?" "Das ist korrekt." "Sie haben damals eine wirklich nette Show abgezogen. Ich darf Sie doch zitieren: 'Das Wächter-Corps ist eine Bande von perversen, krüppelgesichtigen...'" "Bitte, es ist nicht nötig, dass Sie mich zitieren", unterbrach ihn Yxo, "ich weiß selbst noch, was ich gesagt habe." "Wie Sie wünschen. Nun, ich denke, Sie hätten in dieser Bande noch eine vielversprechende Karriere vor sich gehabt, und das ist nicht als persönliche Beleidigung in Bezug auf Ihr Zitat gedacht. Es ist schade um diese Karriere." Toz tippte auf den Monitor vor sich, woraufhin die Wand hinter ihm zu einem gewaltigen Bildschirm aufleuchtete. Er zeigte die Grafik einer taktischen Rakete, deutlich waren Sprengkopf, Computer und Antrieb zu erkennen. "Wissen Sie, was das ist?" fragte Toz. "Ein Missile. Mit einer Art elektromagnetischem Sprengkopf." "Nicht schlecht, Sie haben auf der Akademie aufgepasst", lobte Prä-General Lax und setzte gleich fort: "Allerdings ist es kein gewöhnliches EM-Missile. Dies ist ein Q-997, die neueste Entwicklung im Bereich der Waffentechnik. Bei der Detonation erzeugt es einen Impuls, der nicht nur die Schilde, sondern auch die Computer des Zieles lahm legt. Außerdem sind im Computer einige ausgefeilte Ausweichmanöver gegen Abschuss einprogrammiert. Das Terranische Imperium hat einige ähnliche Sprengköpfe entwickelt, die aber alle nicht gegen Schutzschilde wirken. Uns ist der Durchbruch gelungen. Theoretisch könnte ein solches Missile einen Dreadnought der New-York-City-Klasse vollkommen außer Gefecht setzen." Yxo neigte den Kopf zur Seite. "Ich bin sicher, das Cilthroidsche Imperium wird alle seine Feinde besiegen und zu Ruhm und Macht im gesamten Universum gelangen, aber was hat das alles mit mir zu tun?" "Die Pläne dafür wurden gestohlen", sagte Toz frei heraus. "Nicht von mir." "Ich weiß. Die Täter sind vermutlich eine Piratenorganisation aus Cilthroiden und Chemysanern, und sie verwenden das Missile nun für ihre eigenen Zwecke." "Pech, würd' ich sagen." "Wir geben Ihnen nun die einmalige Chance, wieder in Ihren Dienst als Wächter dritter Klasse zurück zu kehren", erklärte Lax, "aber unter einer Bedingung: Sie finden die Piraten und diese Pläne." "Wieso ausgerechnet ich?" "Weil Sie auch Pirat waren. Sie müssten sich doch eigentlich auskennen." "Aber sicher doch. Wissen Sie, einmal in der Woche treffen sich nämlich alle Kriminellen des Galaxienhaufens zum Essen und tauschen ihre neuesten Gemeinheiten aus..." "Wenn Sie sich der Aufgabe nicht gewachsen fühlen", erklärte Toz, "dürfen Sie auch gerne wieder zurück nach Een II." "Moment, Moment. Okay. Was springt für mich dabei raus?" "Ein neues Leben. Im Wächter-Corps des Cilthroidschen Imperiums. Eine Karriere." Toz atmete tief durch, dann deutete er auf den Wächter, der neben ihm saß und bis jetzt kein Wort gesagt hatte. "Zeel hier wird Ihr Adjutant sein. Wir geben Ihnen eine Korvette, und Sie werden mit allen Vollmachten eines Wächters ausgestattet nach den Piraten suchen. Wir werden Sie natürlich überwachen." Der General holte einen Plastikbeutel aus dem Gürtel, in dem sich eine Art Chip befand, und legte ihn Yxo vor. "Das hier werden wir Ihnen in den Arm einpflanzen, damit wir Sie überwachen können. Außerdem wird Zeel ein Auge auf Sie werfen, damit Sie keinen Unsinn machen. Wenn Sie die Piraten gefunden haben, wird die Tixem zur Stelle sein, und zwar in wenigen Minuten. Wenn irgendetwas schief läuft, wird die Tixem in zehn Minuten bei Ihnen sein, egal, wo Sie sich gerade befinden." Prä-General Lax bestätigte das mit einem selbstsicheren Grinsen. "Sind Sie einverstanden", fragte Toz schließlich. "Unter einer Bedingung", entgegnete Yxo. "Sie sind nicht in der Position, Bedingungen zu stellen", widersprach Toz. Yxo beugte sich vor und sah dem General in die Augen. "So? Ich tue es aber doch."
Von zwei Bordinfanteristen der Nova sowie dem Captain und der ersten Offizierin bewacht stand Sam in einem großen, offenbar für Konferenzen gedachten Raum. Vor ihm befand sich ein riesiger Bildschirm in der Wand, auf dem die Porträts mehrerer Personen zu sehen waren, darunter der Richter und der Sprecher der Geschworenen. "Sind Sie zu einem Urteil gekommen?" fragte der Richter. "Sonst wären sie ja kaum aus dem Zimmerchen draußen", murmelte Sam so vor sich hin, dass es keiner hören konnte, außer den im Raum anwesenden Offizieren, woraufhin ihn Shiragami tadelnd ansah. Eigentlich war Sam ein wenig enttäuscht. Nach wenigen Minuten hatten die Geschworenen schon ein Urteil gefällt, und wie das ausfiel, war ja wohl nie die Frage gewesen. "Wir befinden Sam Johnson der Fahnenflucht für schuldig." Er verzog das Gesicht. Man hätte ja doch noch auf ein Wunder hoffen können. "Des weiteren befinden wir ihn des Diebstahls von Staatseigentum, der Piraterie und der schweren Körperverletzung für schuldig." Sam schluckte, dann atmete er tief durch und bat: "Herr Richter, ich möchte noch etwas sagen, bevor Sie das Strafmaß festsetzen." Eine kurze Mitteilung seiner Anwältin über den Empfänger im Ohr ließ Sam zusammen zucken. "Ich meine natürlich Euer Ehren... Euer Ehren, ich möchte noch etwas..." "Ja, ja..." Der Richter seufzte. "Was wollen Sie mir sagen?" Sam biss die Zähne zusammen. "Ach, nichts. Nichts, dass Sie interessieren würde." "Nun gut." Der Richter schnaufte, bevor er verkündete: "Mister Johnson. Ich verhänge hiermit eine Freiheitsstrafe von 25 Jahren über Sie. Die Strafe muss von Haftantritt bis zu Ihrem Ende abgesessen werden." Der Schlag des Hammers auf den Holztisch ließ Sam zusammen zucken. Das durfte doch nicht war sein. Es musste alles ein Traum sein, es KONNTE doch nicht war sein. Jetzt war es also vorbei. Seine Anwältin erzählte irgendwas, aber das interessierte Sam nicht mehr. Er nahm den Empfänger aus dem Ohr, warf ihn achtlos auf den Boden und wollte Captain Shiragami vorwurfsvoll ansehen, doch daraus wurde nur ein stiller Hilferuf.
Wenige hundert Kilometer über der Nachtseite des Planeten 0-4-7 schwebte die Nova. Unter ihr schienen die Lichter der Terranischen Kolonie gleichsam einer riesigen Spinne und offenbarten den perfekt geplanten, symmetrischen Aufbau der Stadt. Irgendwo in diesem Lichtermeer befand sich eines der sichersten Gefängnisse des Spiralarmes.
"Die Strafvollzugsanstalt berichtet die Ankunft des Gefangenen", meldete der Kommunikationsoffizier der Nova. "Sehr gut", nickte Shiragami, "dann können wir ja wieder auf Patrouille gehen. Pilot, setzen Sie wieder unseren Patrouillenkurs entlang der Handelsroute Milchstraße - Andromeda-Galaxie. 100 000 Lichtjahre pro Tag." "Kurs gesetzt." "Sir, ich empfange einen Notruf!" platzte der Kommunikationsoffizier dazwischen. "Herkunft?" "Er stammt vom Frachter 'Rhine'. Das Schiff wird angegriffen... von einer Chemysanischen Fregatte! Die Position der Rhine ist auf der Handelsroute, 30 000 Lichtjahre von hier." Der Captain drehte seinen Sessel wieder in Richtung Pilot. "Kurs setzen, Höchstgeschwindigkeit!" "Kurs gesetzt, vermutliche Ankunft in 3,8 Stunden."
Der leichte Kreuzer drehte in einem engen Bogen um, und verließ mit einem leuchtenden Blitz den Normalraum.
"Wir nähern uns der letzten bekannten Position der 'Rhine'", meldete der Pilot. Rückfallblitz. "Sie ist nicht da", stellte die Sensorenoffizierin fest, "aber ich Orte eine Chemysanische Fregatte der Ayacham-Klasse!" Shiragami sprang auf. "Das war eine Falle! Gefechtsalarm für das gesamte Schiff! Schilde auf Maximum, Waffen bereit halten, auf Ausweichmanöver vorbereiten. Kanal zur Fregatte öffnen!" "Ist offen", bestätigte der Kommunikationsoffizier. "Hier spricht der Terranische Kreuzer TSS Nova. Wir verlangen sofort Ihre bedingungslose Kapitulation, oder wir eröffnen..." "Sie haben ein Missile abgefeuert!" rief die Sensorenoffizierin. "Ausweichmanöver, schießen Sie es ab."
Etwas schwerfällig schien die Nova zur Seite zu kippen, doch die Rakete, die ihr direkt entgegen geflogen kam, folgte dem Manöver. Ein Hagel aus Plasma ging auf die Rakete nieder, doch das Geschoss wich aus. Es raste weiter auf den Kreuzer zu, um wenige hundert Meter davor unter dem Geschützfeuer zu explodieren.
"Volltreffer!" jubelte der Schütze. "Sie drehen ab!" Shiragami, der sich zum Schutz vor dem Aufprall gesetzt hatte, stand sofort wieder auf. "Verfolgung aufnehmen. Visieren Sie die Triebwerke der Fregatte an! Schießen Sie sie manövrierunfähig."
Dicht gefolgt von der Nova raste die Fregatte durch die Dunkelheit des Weltraums. Eine Salve Plasmaladungen raste von dem Kreuzer auf die Fregatte zu, das kleine Raumschiff zog den Bug nach oben und entging den meisten der Schüssen. Einige weitere Schüsse hagelten direkt auf die hinteren Schutzschilde ein. Sofort riss das Schiff den Bug herum, direkt auf die Nova zu, um ihr den stärkeren Bugschild zuzuwenden. Die Nova feuerte weiter, mehrere Treffer ließen die Fregatte ins Trudeln geraten.
"In ein paar Sekunden haben sie ihren Hyperantrieb bereit", stellte die Sensorenoffizierin beunruhigt fest.
Unter dem Dauerbeschuss brachen die Schilde des schwachen Schiffes zusammen, mehrere Plasmaladungen trafen auf den Pylon für die Raketenmagazine und trennten ihn einfach vom Rumpf ab. In einem grellen Blitz verschwand das Piratenschiff im Hyperraum, zurück ließ es die Splitter und Trümmer seines Steuerbord-Pylons, mit einem vollkommen intakten Raketenmagazin am Ende.
"Verfolgung aufnehmen!" "Aye, Sir, aber die fliegen mit 220 000 Lichtjahren pro Tag." Shiragami seufzte. "Dann hat es keinen Zweck." Er setzte sich wieder hin, dieses Mal für längere Zeit. "Ein Zerstörer kann vielleicht später die Hyperraum-Spur verfolgen. Bis dahin... Machen Sie ein Beiboot startklar. Wir sammeln diese Trümmerstücke auf, vielleicht sind noch intakte Missiles im Magazin..."
"Johnson, Besuch für dich!" rief der Wärter und deaktivierte das Kraftfeld der Zelle. Sam trat aus dem kleinen Raum heraus und folgte dem Wärter wortlos zum Besucherraum.
Auf der anderen Seite der unzähligen mit Panzerglasscheiben nach draußen hin geschützten Kammern befand sich ein Raum, in dem jeder ein und aus gehen konnte, wie es ihm passte. Sam fand das irgendwie frustrierend. "Es ist deine Schwester", merkte der Wärter an, als sie die Gefangenenseite des Besucherraumes betraten. Sam klappte die Kinnlade nach unten. Da hat die Familie das Geld aufgetrieben, jemanden hierher fliegen zu lassen, und wen suchen sie aus? Niemanden. Sam starrte fassungslos auf die Person, die auf der anderen Seite der Glasscheibe wartete und sich offensichtlich als seine Schwester ausgegeben hatte. Svenia Huygens. Er setzte sich auf den unbequemen Stuhl und sah sie fragend an. "Das ist deine Schwester?" kam ihr der Wärter zuvor. Er sah erst Sam an, bei dem mindestens ein Großelternteil dunkelhäutig gewesen sein musste, und dann zweifelnd Svenia, die so blass war, dass man glaubte, sie hätte noch nie unter einer richtigen Sonne gelebt. Sam begegnete dem Blick des Wärters mit einem ironischen Grinsen. "Sie wissen doch, wie die Frauen sind. Jeden Morgen zwei Stunden lang pigmentieren, und so Zeug." "Aha." Der Wärter nickte, aber nicht sehr überzeugt, und wandte sich dann einem anderen Gefangenen zu. "Was machst du hier", flüsterte Sam, "sind Sod und Celtros auch da?" "Ja, wir wollten sehen, was los ist." "Sie sah sich erst um, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte, und flüsterte dann: "Glaubst du, dass man hier irgendjemanden, ich will jetzt mal keine Namen nennen, mit Waffengewalt rausholen könnte." "Raus schon, aber nicht vom Planeten weg, die Kolonie hat mindestens zwei Verteidigungsstaffeln. Wahrscheinlich würde man es nicht mal bis zum nächsten großen Landeplatz schaffen." "Schöne Scheiße." Sie schien kurz nach zu denken, dann meinte sie. "Darf ich dich mal was fragen." "Ja." "Es ist wichtig." "Ja." Sie atmete tief durch. "Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll..." "Sag's einfach." "Kriegen wir die Savage Eagle?" "Nein", kam die prompte Antwort. "Warum nicht? Du kannst sie sowieso in nächster Zeit nicht mehr fliegen." Sam seufzte. "Okay. Aber wehe, in 25 Jahren ist da auch nur ein einziger Kratzer drin!" "Danke. ich komm' später noch mal, wir müssen beraten, was wir sonst machen können. So schnell wird nicht aufgegeben." Sam grinste. "Aber beeil' dich, das Essen schmeckt, wie dieses Cilthroidsche C'al riecht." Das sagte er bewusst laut. "Ich werd' mich beeilen." "Ach, ja, Svenia", rief er ihr hinterher. "Ja?" "Danke. Sag' das auch den Anderen." Sie nickte, dann ging sie. Sam saß noch eine Weile da und dachte nach, ob sie wirklich einen Weg finden würden, ihn hier raus zu holen, bis ihn der Wärter in seinen Gedanken unterbrach. "Na, Familienkonferenz beendet?" Er erntete einen feindseeligen Blick von Sam, kurz bevor sein Kom-Gerät piepste. Er zog es aus dem Gürtel und hörte sich die Meldung an. "Ja, verstanden", bestätigte er und sah den Gefangenen an. "Da ist noch jemand für dich." Sam hätte mit jemandem aus seiner Familie gerechnet, mit seinen Eltern oder seinem Bruder, vielleicht sogar wirklich mit seiner Schwester, sogar Granny hätte er in Erwägung gezogen, oder vielleicht jemanden von seiner alten Staffel, aber nie und nimmer denjenigen, der nun den Besucherraum betrat. Fast hätte er Yxo gar nicht erkannt. Der Cilthroide trug einen braunen, wie ein Brustkorb gerippten Brustpanzer, einen grauen Overall, Stiefel, deren Panzerung sich nach oben fortsetzte und die ganzen Beine schützte, Handschuhe mit der selben Funktion und ein riesiges Gewehr im Gürtel, das wie eine etwas zu klein geratene, futuristische Bazooka aussah. Hinter ihm ging noch ein weiterer Cilthroide, der allerdings an Armen und Beinen nicht gepanzert war und nur eine einfache Pistole trug. Irgendetwas konnte hier doch nicht so ganz stimmen. Die anderen Leute und Gefangenen redeten wild durcheinander, schließlich marschieren nicht alletage zwei Soldaten einer Spezies durch die Gegend, die von vielen Menschen immer noch als der Feind betrachtet wird. Und noch seltener ist der Ranghöhere der beiden Soldaten zufällig jemand, der vor wenigen Tagen zu 40 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. "Öhm..." machte Sam. "Lass' mich raten", flüsterte ihm der Wärter zu, "das ist dein Cousin, stimmt's?"
Svenia bog um die Ecke in eine Seitenstraße und hätte fast Sod überrannt, da sie immer noch über ihre Schulter auf den Eingang zum Gefängnis starrte. Es war eine faszinierende Konstruktion, von hier aus konnte jeder beliebig ein und aus gehen, wenige Meter weiter hinten verwandelte sich der Verwaltungsbau in eine riesige Festung. "Ist es bei euch Terranern verboten, aufzupassen, wo man hin läuft?" wollte der Esialo gereizt wissen. "T'schuldigung, aber da ist eben ein Cilthroidscher Wächter rein gegangen..." "Ja und? Wird halt irgendein armer Irrer aufgeliefert." "..., der genauso aussah, wie Yxo", setzte Svenia unbeirrt fort. Sod und Celtros sahen sie misstrauisch an. "Doch, wirklich. Er hat mich sogar so komisch angeschaut." "Schauen Cilthroiden nicht jeden komisch an?" fragte Celtros rhetorisch. "Außerdem sehen die doch alle gleich aus." Svenia atmete tief durch. "Okay, ich mach' euch einen Vorschlag. Ihr geht da jetzt beide rein und überzeugt euch, dass Yxo da drinnen ist, und zwar in Wächter-Uniform und mit einem Untergebenen!" "So was nennt man Adjutant", verbesserte sie Sod. "Ist doch scheißegal!" "Vielleicht hat Yxo ja einen Zwillingsbruder", versuchte Celtros, sie zu beruhigen. "Nein, das ist garantiert kein Zwillingsbruder von Yxo", presste sie hervor, "weil mir mein primitives menschliches Spatzenhirn sagt, dass es irre unwahrscheinlich ist, dass der Zwillingsbruder von jemandem, der eben wegen Piraterie verurteilt wurde, in ein Gefängnis auf einer Terranischen Kolonie kommt, in dem sich zufällig der ehemalige Partner des Piraten befindet, der ebenfalls verurteilt wurde, und auf dem Weg in das Gefängnis eine ehemalige Piratenkollegin des Piraten, die allerdings nicht verurteilt wurde, dämlich angrinst, die daraufhin zu ihren Partnern geht, die auch Piraten sind und auch nicht verurteilt wurden, und sich mit ihnen darüber streitet, ob es jetzt so ist, oder nicht!" Den letzten Teil des Satzes bellte sie regelrecht hervor. Celtros erstarrte. "Ich beiß' dich schon nicht", entschärfte sie die Situation. "Da drüben", meinte er knapp mit einer Handbewegung auf den Eingang des Besucherraumes, wo gerade Yxo, Sam und ein weiterer Cilthroide das Gefängnis verließen. "Das ist wirklich Yxo", stellte Sod entgeistert fest. "Aber", grinste Svenia, "wie wollt ihr euch so sicher sein, dass es nicht ein Zwillingsbruder von ihm ist?"
Sam war Yxo wortlos gefolgt. Der Cilthroide hatte mit den Gefängniswärtern geredet, irgendetwas mit einem MPC-Gerät gemacht, und ohne weitere Probleme hatten ihm die Wärter seine Sachen und ihn in Yxos Obhut gegeben. Der Mensch starrte Yxo mit offenem Mund an, dann den anderen Wächter. "Ist okay, du kannst reden", versicherte ihm Yxo mit einer Kopfbewegung in Richtung seines Adjutanten, "Zeel hier gehört zu mir." Der Cilthroide hinter ihm trug weiterhin eine steinharte Miene. Sam brachte ein "Äh..." hervor, dann unterbrach Yxo sein Gestammel: "Du willst sicher fragen, wie ich hierher komme, wie ich dich hier heraus holen konnte, warum ich die Aufmachung trage, was jetzt passiert und was zum Teufel hier überhaupt vorgeht, stimmt's?" "Ja, das ist so ungefähr das, was ich in ein paar Minuten auch formuliert hätte." "Ich erzähl's dir auf dem Schiff." "Auf der Lebensquell?" fragte Sam unsicher. "Nein, auf der AA-419." "AA-419", wiederholte Sam ironisch ahnungsvoll. "Das ist eine Korvette." "Na, auf die Erklärung bin ich gespannt!" "Hey", sagte Yxo plötzlich, "da drüben sind Sod, Svenia und Celtros. Svenia hab' ich beim Reingehen schon gesehen." "Ja, ich auch. Sie hat gesagt, sie wollten sich überlegen, wie sie mich rausholen könnten." "Das hat sich ja jetzt erübrigt."
Von der anderen Straßenseite winkte Yxo den dreien zu. Sod hob vorsichtig die Hand und winkte mit einem unsicheren Grinsen zurück. "Seht mal, Yxos Zwillingsbruder kennt uns", stellte Svenia interessiert fest. Yxo hob den Kopf ein wenig und deutete nach oben. Die drei Piraten suchten alle drei den Himmel ab, aber außer dem dichten Gewimmel des städtischen Luftverkehrs war nichts zu sehen. Schließlich sah Celtros in die Runde. "Ihr Idioten, er meint, wir sollen starten."
Yxo, Sam und Yxos Adjutant Zeel gingen zu Fuß zum Landeplatz der AA-419. Auf dem Weg versuchte Yxo, stark frequentierte Wege zu meiden, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber ganz gelang ihm das nicht immer. Sie gingen durch eine Seitengasse, deren Bild wie der Rest der Kolonie von schlichten Niedrigbauten von höchstens zehn Stockwerken geprägt war. Ein alter Mann stand auf dem Balkon und brüllte Yxo an. "Ihr Cillys braucht es gar nicht zu versuchen! Wir haben in der Schlacht von Altair glorreich gesiegt, und wir werden es auch dieses Mal tun! Diesen Planeten kriegt ihr nicht!" Dann verschwand er hastig in seiner Wohnung und schloss die Balkontür. Sam sah Yxo an, als ob er gleich in einen Lachanfall ausbrechen würde, der Cilthroide ließ sich aber nichts anmerken. Wenn Sam wüsste, wie recht, oder besser gesagt, unrecht der alte Mann vielleicht hatte...
Die AA-419, eine Korvette der Lichtschein-Klasse, wie Yxo erklärt hatte, war wirklich ein beeindruckendes Schiff. Es war nur um weniges kleiner, als ein normaler 50 mal 50 Meter-Landeplatz, und besaß zumindest in der vorderen Hälfte den Ansatz einer Stromlinienform. Danach setzte ein kastenförmiges Modul an, an dem sich drei Pylonen befanden, einer zeigte nach oben, und je einer nach Backbord beziehungsweise Steuerbord. Wenn Sam die eckigen Gebilde an den Enden der Pylonen richtig identifizierte, dann waren es riesige Raketenmagazine. Als Yxo sich näherte, öffnete sich eine Luke in der Unterseite des Schiffes, wahrscheinlich durch einen automatischen Sicherheitsscan. Langsam war Sam auf die Erklärung wirklich gespannt.
Sam folgte Yxo durch die engen, grünlich-grauen Gänge der AA-419. "Lass' mich raten, der Klassenname 'Lichtschein' hat irgendwas mit der Cilthroidschen Mythologie zu tun, stimmt's?" "Du hast es erfasst." Nach wenigen Sekunden kamen sie im Cockpit der Korvette an. Es war eng, wie auch der Rest des Schiffes, aber trotzdem beeindruckend. Fast die gesamten Wände bestanden aus Eingabeflächen, der Pilotensitz ganz vorne ähnelte eher einem Wohnzimmersessel. "Nettes Schiff", merkte Sam an. "Danke." Der Mensch lehnte sich an eine Wand, hoffte, damit nicht aus Versehen die Selbstzerstörung auszulösen und trommelte mit dem Fuß auf den Boden, während Yxo sich an den Flugkontrollen zu schaffen machte und Zeel an der gegenüber liegenden Kontrolltafel stand. "Jetzt erzähl' endlich, was los ist!" rief Sam nach ein paar Sekunden. Yxo grinste. "Also, ich will ja nichts gegen eure ach so tolle Demokratie sagen, aber keine öffentliche Stelle hat eine Ahnung von irgendwas." Langsam fühlte sich Sam verarscht. "Ja, ja", drängte er, "eure Diktatur ist eben die einzig wahre Regierungsform, also was ist jetzt los?" "Ich habe eine A-12-Genehmigung vom Terranischen Außenministerium, dich aus dem Gefängnis in Cilthroidsches Gewahrsam zu überführen", erklärte er, ohne von seinen Kontrollen auf zu blicken. "Wie...?" "Natürlich wirst du nicht in Cilthroidsches Gewahrsam überführt, wir liefern dich auf IG-25 ab, wenn du willst." "Jetzt noch mal ganz langsam, von vorne. Warum bist du nicht in irgendeinem Arbeitslager?" Yxo seufzte. "Also, von vorne. Ich bin freigelassen worden, unter einer Bedingung: Ich finde eine bestimmte Piratenorganisation." "Warum?" warf Sam ein. "Weil ich selbst Pirat war und mich angeblich besser in andere Piraten hinein versetzen kann, und weil ich schon einmal beim Wächter-Corps war und denen meine Arbeit gefallen hat. Ich muss nun allerdings den Rest meines Lebens Wächter bleiben und hab' ein nettes kleines Spielzeug im Arm, womit das Kommando jederzeit meinen Aufenthaltsort bestimmen kann." "Rührend." "Ja, nicht wahr? Jedenfalls hab' ich ebenfalls eine Bedingung gestellt, nämlich, dass ich meine Vollmachten als Wächter nutzen darf, um dich zu befreien." Sam grinste, was wohl so eine Art Dank sein sollte. "Ich hab' beim Cilthroidschen Außenministerium einen Auslieferungsantrag für dich gekauft..." "Gekauft?!" "So was nennt man Korruption. Und ich erwarte, das Geld von dir wieder zu kriegen." "Mhm", machte Sam etwas perplex. "Die Bestätigung dieses Antrages, eben die A-12-Genehmigung, hab' ich selbst gefälscht. Damit haben sie mich - als Cilthroidschen Soldaten, wohlgemerkt - quer durch die halbe Milchstraße und dich frei gelassen. Tolle Sache, hm?" Sams Kinnlade klappte nach unten. "Einfach so, quer durch die Milchstraße, ohne Probleme mit der UTSF?" "Doch, ein Patrouillenboot hat mich aufgehalten, weil der Kommandant davon überzeugt war, dass die A-12 ungültig ist, aber irgendwie hat sich das wieder eingerenkt. Ich will ja nichts sagen, Terraner, aber wenn es einmal zum Krieg kommt, wird euch eure Bürokratie zum Verhängnis!" Und das EM-Missile auch, fügte er in Gedanken hinzu.
Dröhnend liefen die Gravitonentriebwerke der Korvette an und erhoben das kleine Raumschiff in Sekundenschnelle vom Landefeld. Der Bug richtete sich auf einen Punkt irgendwo in der Unendlichkeit aus, dann raste das Raumschiff in den grünlichen, wolkenverhangenen Himmel.
"Ein Terranisches Kanonenboot nähert sich uns von Achtern", meldete Zeel, während sich die AA-419 langsam von der grünlich schillernden, auf der dunklen Seite hell beleuchteten Sichel des Planeten entfernte. Yxo warf einen kontrollierenden Blick auf seine Anzeigen und identifizierte das Raumschiff als die Rattlesnake II. "Alles in Ordnung. Das sind Freunde." "Bei allem Respekt, Sir, wir sind hier nicht zur Besichtigungstour mit Bekannten, wen wollen Sie denn noch alles...?" "Ich sagte, es ist alles in Ordnung", unterbrach ihn Yxo scharf. "Ja, Sir", presste Zeel hervor. "Rufen Sie das Kanonenboot", befahl Yxo. "Ja, Sir." "Hallo, Leute", begann Yxo, "ein kleiner Ausflug nach 0-4-7, mit Besichtigung der Strafvollzugsanstalt?" "Haben wir gerade hinter uns", entgegnete Sod, "ist echt interessant. Als Abrundung des Ausflugs wär' 'ne Erklärung toll, was um alles im Galaxienhaufen hier vorgeht."
Yxo erzählte den dreien alles über die zweite Chance und den gefälschten A-12.
"Also, passt auf", setzte er fort, "kurz, bevor ich hier angekommen bin, wurde die Nova von der Chemysanischen Fregatte angegriffen, die wahrscheinlich den Piraten gehört." "DIE Nova?" wollte Sam wissen. "Ja, DIE Nova", bestätigte Yxo und erklärte weiter: "Die Nova hat die Fregatte in die Flucht geschlagen, konnte ihr aber nicht folgen, weil sie zu schnell war. Soweit weiß die Cilthroidsche Aufklärung bescheid. Bevor wir nach IG-25 fliegen, müssen wir deswegen zum Ort des Geschehens fliegen, vielleicht find' ich..." Er sah Zeel mit einem halb entschuldigenden, halb verachtenden Seitenblick an und verbesserte sich: "Vielleicht finden wir Hinweise auf die Piraten." "Ist die Savage Eagle überhaupt noch auf IG-25?" wollte Sam hastig wissen. "Keine Sorge", versicherte Svenia, und Sam glaubte, sie bis über beide Ohren grinsen zu sehen. "Du kannst bei uns mitfliegen", bot Sod an, "so geht's schneller." Yxo atmete tief durch, dann sagte er es: "Eigentlich hab' ich gedacht, dass ihr mir helfen könntet." "Helfen? Wie?" wollte Sod wissen. "Ihr könntet uns außerhalb der normalen Sensorenreichweite begleiten und im Notfall eingreifen", erklärte Yxo und ignorierte Zeels hysterischen Gesichtausdruck. Selbstverständlich war dieses Argument aus den Fingern gesogen, und ein Schiff wie die Rattlesnake hätte in einem Notfall überhaupt nichts ausrichten können, aber Yxo hoffte eindeutig auf eine Gelegenheit, wieder in richtige Freiheit zu kommen. "Sie sind ja verrückt!" keuchte Zeel. "Und Sie hätten sich die Karriere ruiniert, hätten Sie das zu irgendeinem anderen Vorgesetzten gesagt", schnauzte Yxo seinen Adjutanten an, "entweder, Sie hören auf, mich in Frage zu stellen, oder Sie dürfen Ihr Leben lang die Stiefel von Vorgesetzten sauber lecken, habe ich mich klar ausgedrückt?!" "Ja, Sir", murrte Zeel. "Ich habe Sie nicht verstanden!" "Ja, Sir!" brüllte er. Yxo überlegte sich, ob er vielleicht sagen sollte: "Noch einmal", entschied sich dann aber doch für: "Schon besser." "Daran könnte ich mich gewöhnen", flüsterte er Sam zu, behielt aber immer noch den drohenden Gesichtsausdruck bei. "Also", meinte er und entspannte sich etwas, "es ist nur eine Bitte. Helft ihr mir?" "Okay", erwiderte Sod nach einem kurzen Gemurmel. "Sehr gut. Passt auf, wir gehen folgendermaßen vor: Ihr bleibt immer mindestens 100 Lichtjahre hinter uns, wir halten ständig verschlüsselt Verbindung miteinander, um zu wissen, wo der Andere ist. Wir halten auch diese Audio-Verbindung." "Einverstanden. Dann mal los!"
Zuerst verschwand die Korvette im Hyperraum, dann die stromlinienförmige Rattlesnake mit ihren beiden langen Hyperraum-Strukturbrecher-Kanonen an den Pylonen, und einem mit knallbuntem Graffiti bemalten, schwarzen Rumpf.
"Nähern uns der letzten bekannten Position der Piraten-Fregatte", meldete Zeel, kurz bevor der Rückfallblitz durchs Cockpit zuckte, "es ist nur noch die Nova anwesend." "Bleibt außer Sensorenreichweite", befahl Yxo der Rattlesnake II. "Und was ist das hier?" fügte er in scharfem Tonfall hinzu, an Zeel gerichtet, und deutete auf das Schiff am Scannerschirm, das sich in Richtung der Nova bewegte. "Das ist ein UTSF-Beiboot", antwortete Sam und fragte sich, warum die Nova nicht einmal eine Begrüßungsbotschaft sendete, "wahrscheinlich gehört es zur Nova." "Scannen", befahl Yxo knapp. "Es ist ein Terranisches Beiboot", stellte Zeel fest, "an Bord befinden sich zwei Menschen und eine Art Wrackteil, die Struktur des Trümmerstücks ist Chemysanisch." "Vielleicht haben sie die Fregatte gar nicht einmal so unwesentlich beschädigt", grübelte Yxo. "Sir", fügte Zeel hinzu, "in dem Wrackteil befindet sich noch einmal etwas." Er atmete tief durch, bevor er sagte: "Es ist der Sprengkopf eines der EM-Missiles, und er ist noch intakt." Yxo wollte etwas sagen, doch Sam kam ihm zuvor. "Was für ein EM-Missile?" "Das geht Sie nichts an", ermahnte ihn Zeel. "Es handelt sich um ein bedeutendes technologisches Geheimnis, das die Piraten haben, aber nicht haben sollten, deswegen ist es dem Cilthroidschen Imperium auch so wichtig, sie zu erwischen." "So, so", meinte Sam unzufrieden, begriff aber, dass Yxo ihm eben schon viel mehr verraten hatte, als es ihm eigentlich erlaubt war. "Ach ja, wo wir gerade bei Cilthroidscher Technologie sind", fügte Sam dann doch noch hinzu, "diese Korvette ist mit einer Tarnkappe ausgestattet, richtig? Sonst hätte die Nova uns schon längst entdeckt, und dich hätte die Space Force auch mit der gefälschten A-12-Genehmigung nicht durch die halbe Milchstraße gelassen, hab' ich recht?" "Zugegeben. Aber bevor du mich fragst, ich weiß auch nicht so recht, was die Geheimniskrämerei soll, ist jedenfalls nicht meine Schuld." "Nettes Imperium habt ihr Cillys, wirklich", seufzte Sam. Yxo und Zeel übergingen die Beleidigung. "Ich hoffe Ihnen ist klar, was passiert, wenn ein intaktes Exemplar dieses Sprengkopfes in die Hände des Terranischen Imperiums fällt", meinte Zeel, wieder fiel Sam Yxo ins Wort. "Das Kräftegleichgewicht, das schon seit 20 Jahren für Frieden zwischen unseren beiden Rassen sorgt, wird aufrecht erhalten", entgegnete er. Yxo machte Sam gegenüber die Andeutung eines Nickens und sah dann wieder Zeel an. "Und was sollen wir Ihrer Meinung nach tun", fragte er. "Wir müssen das Beiboot zerstören, bevor es die Nova erreicht", verlangte Zeel. "Sie sind ja verrückt", rief Yxo. "Wenn Sie einen besseren Vorschlag haben..." "Wir werden unter keinen Umständen auf dieses Boot feuern!" "Warum nicht, ich dachte, Sie haben Erfahrung darin, auf wehrlose Schiffe zu schießen!" "Das reicht!" Yxo sprang von seinem Sessel auf. "Ich muss mir das nicht mit anhören. Sie gehen jetzt in Ihr Quartier, Zeel, und Sie bleiben dort, bis ich Ihnen etwas Anderes sage!" "Nein, Sir." Zeel stand ebenfalls auf und starrte Yxo herausfordernd in die Augen. "Sie haben nicht die geringste Ahnung von diesem Job", sagte er kalt, "Sie kommen hierher, weil ein paar hohe Tiere der Meinung sind, man müsste Ihren Arsch retten, und weigern sich, eine unumgängliche Amtshandlung zu vollführen!" "Das ist also die Ermordung Unschuldiger, eine unumgängliche Amtshandlung? Ich werde Ihnen etwas sagen. Wenn wir auf dieses Boot schießen, fangen wir Krieg an!" "Wir fangen keinen Krieg an! Wir geben einen Schuss ab und sind weg, ehe diese Terraner auch nur begreifen, was passiert ist." "Und glauben Sie, diese Terraner stellen keine Nachforschungen an? Sie werden heraus finden, dass eine Cilthroidsche Waffe ihr Beiboot..." "Und wenn schon, dann fangen wir eben Krieg an! Glauben Sie denn, dieses EM-Missile wurde entwickelt, nur um damit zu protzen?!" Yxo atmete tief durch und starrte seinen Adjutanten entsetzt an. Sam, der die Auseinandersetzung angespannt beobachtet hatte, warf einen kurzen Blick auf den Scannerbildschirm. Das Beiboot landete gerade im Hangar der Nova. "Sie sind wahnsinnig", stellte Yxo fest. "Nein, ich bin nicht wahnsinnig, Sie sind wahnsinnig." Ein greller Blitz verriet, dass die Nova in den Hyperraum eingetreten war und sich entfernte. "Sie kommen hierher, glauben, Sie seien der Big Boss, schleppen irgendwelche Zivilisten mit sich, verraten Zivilisten militärische Geheimnisse, und verweigern Ihre Pflicht! Yxo, Sie haben es versaut!" Plötzlich verschwamm alles vor Yxos Augen. Er spürte einen stechenden Schmerz im rechten Arm, taumelte rückwärts durch die Brücke und sank in die Knie. Zeel riss ihm seine Waffe vom Gürtel, und schleuderte Sam mit einer raschen Armbewegung die Faust in die Magengrube, als dieser versuchte, Yxo zu helfen. Der Mensch gab einen röchelnden laut von sich, prallte rücklings gegen die Wand und blieb benommen liegen. Langsam konnte Yxo wieder klar sehen und begriff, dass das Implantat in seinem Arm mehr als nur ein Positionssender war. Sam hustete heftig und griff nach seiner Waffe, doch er trug noch immer den Sträflingsoverall. "Keiner von euch beiden macht eine Bewegung!" befahl Zeel. "Damit kommen Sie nicht durch", stöhnte Yxo. "Ich?! Wollen wir doch einmal sehen, wie Prä-General Lax darüber denken wird."
Das Kom piepste. "Hier ist die Rattlesnake", meldete sich Sod, "unsere Scans zeigen an, dass die Nova die Gegend verlassen hat. Können wir jetzt kommen und das Kühlmittel aufnehmen?" "Kühlmittel?" flüsterte Zeel Yxo wütend zu. Dieser begriff sofort. "Ich habe ihnen versprochen, ihnen etwas Kühlmittel zu übergeben, als Belohnung, für ihre Hilfe", erklärte dieser. Zeel sah ihn misstrauisch an. "Okay, lass' sie docken", beschloss er dann. "Sod, hier ist Yxo, ihr könnt jetzt kommen und an uns andocken." Zeel deaktivierte mit einem Knopfdruck die Tarnkappe. Ihm war selbstverständlich klar, was die drei vor hatten, dass sie beim offenen Kanal jedes Wort und jeden Laut auf der Brücke der Korvette mitgehört hatten, und den dreien war vollkommen klar, dass Zeel kein Vollidiot war, es war nichts weiter, als eine schlechte Farce, aber Zeel konnte sich die Chance nicht entgehen lassen, die Rattlesnake zu kapern. Er würde diese drei Zivilisten, die von dem Missile wussten, dem Prä-General regelrecht als Zugabe präsentieren können. Sie waren in der Überzahl, aber Zeel hatte die Geiseln, und Zeel war ein Cilthroide. "Zur Dockluke!" befahl er seinen beiden Geiseln und winkte mit der Waffe in Richtung Tür.
Langsam, scheinbar behutsam, näherte sich die Rattlesnake der AA-419. Eine blitzartige 180-Grad-Drehung, die gar nicht zum vorherigen Bewegungsmuster passen wollte, richtete das Kanonenboot in die gleiche Richtung aus, wie die Korvette, dann sank das kleine Raumschiff langsam auf die AA-419 herab. Das Kanonenboot berührte schließlich den Rumpf der Korvette, ein Dockschlauch fuhr aus der Rattlesnake und schmiegte sich um den Rumpf des anderen Schiffes.
Die Luke in der Decke öffnete sich, nacheinander sprangen Sod, Celtros und Svenia in den Gang der Korvette, jeder von ihnen hatte eine Waffe gezogen. Zeel starrte die drei an und richtete Yxos Waffe hin und wieder auf eine andere seiner beiden Geiseln. "Waffe fallen lassen!" brüllte Sod ihn an und zielte genau auf ihn wie auch Celtros und Svenia. "Falsch! Ihr lasst eure Waffen fallen!" Einige quälend lange Sekunden standen sie so da, die Waffen aufeinander gerichtet, jede Sekunde schussbereit. Drohend blickte Zeel nacheinander allen dreien in die Augen, dann richtete er seine Waffe wahllos in die Gruppe. Das war ein Fehler. Sam erkannte sofort die Chance. Im gleichen Moment, in dem er auf Zeel zusprang, erkannte er, wie vollkommen idiotisch diese Aktion war, er würde den Cilthroiden allerhöchstens etwas aus dem Gleichgewicht bringen können. Zeel wirbelte herum. Wie in Zeitlupe konnte Sam sehen, wie sein Finger den Abzug durchdrückte und etwas hell leuchtendes an der Mündung der Waffe aufblitzte. Die Ladung prallte den Menschen wieder zurück an die Wand, Zeel wirbelte herum zu Yxo, drückte ab, noch während Schüsse aus drei verschiedenen Waffen regelrecht auf ihn einhagelten. Yxo riss die Arme nach oben und duckte sich, um sich vor den Trümmern zu schützen, die aus der getroffenen Wand barsten. Als er wieder aufblickte, lag Zeel vor ihm, auf der anderen Seite der Wand lag Sam, umgeben von der Rattlesnake-Crew. In seiner Magengrube klaffte eine tiefe, verkohlte Fleischwunde. "Alles in Ordnung?" fragte Sod Yxo knapp. Er bejahte und hockelte sich vor Sam hin. "Was ist mit ihm?" "Ich weiß nicht", antwortete Svenia, "aber er muss auf eine Krankenstation! Dort dürfte man das behandeln können." "Seid da nicht so sicher." Svenia blickte ihn fragend an. "Die Knarre hier wird nicht umsonst erst an Wächter ab dritter Klasse ausgegeben..." Sie atmete tief durch. "Okay. Sod, hol' den Erste-Hilfe-Kasten, aber meinen für Menschen, schnell!" Der Esialo sprang auf die Leiter und kletterte hastig zurück in die Rattlesnake. "Ich geh' ins Cockpit und starte die Kiste", erklärte Yxo, "in wenigen Minuten taucht hier nämlich ein schwerer Kreuzer auf, daran wage ich nicht zu zweifeln." Yxo verschwand auf einer anderen Leiter. "Kann man Wunden bei Terranern nicht irgendwie abbinden oder so?" wollte Celtros hilflos wissen. "Ja, oder so."
Yxo ließ sich in den Pilotensitz fallen und begann, am Terminal herum zu hacken. Er riss entsetzt die Augen auf, dann gab er seinen Zugriffscode ein. "Zugriff verweigert", leuchtete in riesigen Buchstaben über den Bildschirm. Er tippte noch ein paar Mal wahllos auf ein paar Knöpfe, den knallte er die Faust gegen das Schaltpult. "Verdammt!"
"Sie startet nicht!" rief Yxo. "Was?!" "Ich sagte, sie startet nicht. Das Schiff nimmt meinen Code nicht an, dieser Zeel hat wirklich an alles gedacht! Wir müssen mit der Rattlesnake fliehen." "Na gut", stimmte Svenia zu. Sie packte Sams Arme, Celtros die Beine. "Sod, wieder rein!" befahl Yxo, als der Esialo mit einem Erste-Hilfe-Kasten gerade die Leiter nach unten kletterte. "Wir haben umdisponiert!"
Sod und Yxo setzten sich auf die Plätze im Cockpit der Rattlesnake. "Mach' schnell", forderte Yxo den Piloten auf, der sich an der Flugkontrolle zu schaffen machte. "Gleich, gleich." Nach wenigen Sekunden stürmten Svenia und Celtros auf die Brücke. "Wir haben ihn eingefroren, als nächstes müssen wir unbedingt Kurs auf IG-25 nehmen", erklärte Celtros. "Ja, ja. Ich starte jetzt."
Die Manövertriebwerke des Kanonenboots brachten das Gespann Rattlesnake - AA-419 in eine leichte Rotation, doch die beiden Schiffe lösten sich nicht voneinander.
"Was ist jetzt schon wieder los?!" keifte Sod hilflos. "Diese Korvette hat ihre Dockklammern verankert, um uns fest zu halten", stellte Svenia fest. Sod schnaufte. "Celtros, Svenia, ihr geht runter in die Luftschleuse und sorgt dafür, dass wir hier weg kommen, wie, ist mir egal!" Die beiden verließen hastig die Brücke. Sod lehnte sich zurück. "Scheiße, scheiße, scheiße!" Dann blickte er Yxo an. "Du bist dir sicher, mit diesem schweren Kreuzer?" "Ich bin mir hundertprozentig sicher! Wenn wir hier nicht gleich weg kommen, dann machen wir alle einen unbezahlten Urlaub auf Een II."
"Was jetzt?" fragte Celtros ratlos und starrte auf die geschlossene Luke. "Wir können unmöglich noch mal raus gehen", warf Svenia ein, "wir müssen das Problem von hier lösen." "Vielleicht können wir die Elektronik des Docksystems stören, indem wir gezielte elektromagnetische Impulse..." "Red' nicht, tu's!" Celtros stellte die Werkzeugkiste hin, die er mitgenommen hatte und holte ein kleines, handliches Gerät hervor. Er stellte etwas daran ein, und richtete es auf die Luke, worauf das Gerät mehrere kurze Impulse abgab, die aber nicht nützten. "Dieses Ding bringt nichts!" stellte er fest. Svenia trat auf die Luke ein. "Du Scheiß-Teil!"
"Klingt nicht so, als seien sie sehr zuversichtlich", stellte Yxo fest. Sod wollte etwas sagen, da piepste die Sensorenkontrolle. "Ein Schiff nähert sich mit Sub-Hyperantrieb", stellte er fest, "es ist..." Er schluckte. "...es ist ein Cilthroidscher Kreuzer." "Macht schneller", rief Yxo und meinte damit die beiden Techniker, "wir kriegen Besuch!" "Sie werden sich was einfallen lassen", sagte Sod, "sie sind die besten Techniker, die ich überhaupt kenne!"
Svenia hatte aufgehört, auf die Luke einzuprügeln, und sah Celtros hoffnungsvoll an. "Vielleicht war der Impuls des Geräts einfach nicht stark genug", vermutete sie. "Ach, Blödsinn, das mit den Impulsen ist eine bescheuerte Idee, das nutzt überhaupt..." Er stockte, als sie ihre Waffe zog. "Los, wir versuchen es mit den Impulsblastern." "Was?!" "Mach' schon!" Celtros gab auf, zog die Waffe und feuerte auf die Luke, immer und immer wieder.
"Dein Bekanntenkreis ist nicht sehr groß", stellte Yxo halb fragend fest, als das Zischen von Impulswaffen über die Lautsprecher hallte, "weißt du, allmählich verlier' ich an Zuversicht..." Ein Ruck fuhr durch das Schiff. "Wir sind frei!" rief Sod. "Wir sind wirklich frei, wir haben's geschafft!" "Natürlich haben wir's geschafft, was dachtest du denn?"
Im gleichen Moment, in dem die Rattlesnake startete, fiel die Tixem aus dem Hyperraum. Das Schiff schwebte einige Sekunden regungslos im All, dann verließ über ein Schott am Bug ein kleines Beiboot das Schiff und steuerte auf die Korvette zu, um sie zu bergen. Kaum war das Boot abgesetzt, startete der Kreuzer wieder in den Hyperraum, um die Verfolgung aufzunehmen.
"Die Tixem ruft uns", stellte Sod fest, gleich darauf erklang die Stimme von Prä-General Lax. "Stoppen Sie sofort Ihre Maschinen und lassen Sie uns an Bord kommen. Yxo, sind Sie an Bord?" Er schüttelte den Kopf, als Sod zu einer Antwort ansetzte, und schaltete das Kom ab. "Kannst du mir ein paar taktische Informationen über dieses Schiff geben", wollte Sod von Yxo wissen, "oder ist das Hochverrat?" "Kreuzer der Tixem-Klasse", erklärte Celtros, der gerade mit Svenia die Brücke betreten hatte, nach einem kurzen Blick auf den Scannerschirm, "Bewaffnung: Zwei Typ-IV-Hyperraum-Strukturbrecher vorne, zwei achtern, das ganze Schiff ist gespickt mit hyperraumfähigen Energiegeschütz-Bänken, die uns mit einem Schuss in Fetzen reißen könnten." "Ich hätte es nicht besser sagen können", gab Yxo zu, "woher weißt du das?" "Das weiß doch jeder." "Aha."
"Ich habe sie im Visier", meldete der Bordschütze und Steuermann der Tixem dem Prä-General, "soll ich feuern?" Lax lehnte sich zurück. "Nein." "Sir?" "Ich habe nein gesagt", wiederholte Lax in schärferem Tonfall, "drehen Sie ab." Der Steuermann atmete tief ein und starrte den Prä-General ungläubig an, doch dann wandte er sich hastig wieder seinen Kontrollen zu und führte den Befehl aus. "Yxo hat einen Auftrag, und wir geben ihm die Chance, ihn zu erfüllen", erklärte der Kommandant knapp der Brückencrew, "auch, wenn er es auf seine Art tut."
"Die Tixem ändert den Kurs und entfernt sich!" jubelte Sod. "Warum das?!" wollte Yxo wissen, woraufhin Sod grinste. "Ich habe ja gleich gewusst, dass es im ganzen Universum niemand wagt, gegen meine Flugkünste anzutreten. "Aus irgendeinem Grund lassen sie uns gehen", stellte Yxo fest, ohne Sod zu beachten, "das muss etwas heißen." "Und was?" fragte Svenia "Ich weiß nicht. Aber das Intelligenteste, was ich jetzt tun kann, ist, meinen Auftrag zu erfüllen." "Das Intelligenteste, was du jetzt tun kannst, ist, abzuhauen", widersprach Sod. "Gerade nicht. Sie werden mich wieder finden, aber wenn ich wirklich noch etwas für sie tue, dann lassen sie mich vielleicht gehen." "Wer würde so einen Blödsinn machen?" widersprach Svenia kopfschüttelnd. "Wir Cilthroiden sind zwar etwas merkwürdig, aber ehrenvoll." "Ach, ist es ehrenvoll, jemandem in die Magengrube zu schießen?" "Zeel war ein Arschloch." "Ach ja, das hab' ich mir gleich gedacht." Yxo ignorierte den sarkastischen Tonfall und wandte sich an Sod. "Kurs auf IG-25", forderte er ihn auf. "Auf diesem Schiff bin ich der Boss", entgegnete der Esialo, "aber ich fliege trotzdem nach IG-25, weil ich sozial bin." "Auf diesem Schiff bist du überhaupt nicht der Boss", widersprach Svenia. Celtros pflichtete ihr bei. "Wer denn dann?" "Leute, Leute", fiel Yxo dazwischen, "regelt das am besten, wenn ich weg bin, okay?"
Als Sam aufwachte, war ihm so schlecht, dass er sich am liebsten erbrochen hätte. Er schlug die Augen auf und blickte in die Gesichter von Yxo, Sod, Svenia und Celtros. "Na toll", seufzte er, "jetzt muss ich wirklich kotzen." Er brachte ein ungewolltes Grinsen hervor. "Wir freuen uns auch, dass es dir wieder gut geht", pflichtete ihm Yxo bei. Der Stationsarzt von IG-25, Doktor O'Hare, betrat den kleinen Raum der Krankenstation, warf einen kontrollierenden Blick auf die Instrumente und wandte sich dann an Sams Besucher. Besonders eindringlich sah er Sod an, bevor er sagte: "Sind Sie nicht der von neulich mit den Brandverletzungen?" Dann blickte er Yxo an. "Und Sie sind der mit dem komischen Implantat im Arm. Sie gehören also zusammen." "Wann kann er gehen?" wollte Yxo wissen und sah dabei Sam an. "Vielleicht schon morgen, die Wunde heilt gut." Er blickte Sam fragend an, und dieser wusste sofort, was jetzt kommen würde: "Na, wie geht es uns denn heute?" Sam konnte es sich nicht verkneifen zu sagen: "Wie es Ihnen geht, weiß ich nicht, weil ich nicht Sie bin, und wie es mir geht, wissen Sie viel besser, weil Sie der Arzt sind." Doktor O'Hare seufzte, machte sich kurz an dem Gerät zu schaffen, das Sams gesamten Unterleib umhüllte und sah dann wieder seinen Patienten an. "Die Waffe, die Sie getroffen hat, hatte einen destruktiven Effekt auf die DNS-Stränge der Zellen ausgelöst, die um die Wunde liegen, die Waffe war eindeutig dazu konspiziert, einem Opfer so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Allerdings ist die Wunde wirklich sehr gut verheilt." Noch ehe Sam fragen konnte, antwortete der Arzt: "Sie sind seit zwei Tagen hier." Dann blickte er Sod und Yxo an. "Ich weiß ja nicht, was ihr Leute so beruflich macht, und es geht mich auch nichts an, aber... seien Sie bei was auch immer bitte etwas vorsichtiger, das ist gesünder." Der Doktor stand auf und machte Anstalten, zu gehen. "Ich komme später noch einmal", erklärte er und ging in den Nebenraum, um dort wahrscheinlich einem anderen Patienten die legendäre Ärzte-Frage zu stellen. "Na, habt ihr gar keine Blumen mitgebracht?" grinste Sam. Da es nur bei Menschen üblich war, Kranken Blumen ans Bett zu bringen, kam der Gag nicht sonderlich an. "Wenn du von der Krankenstation kommst, brauchen wir deine Hilfe", fing Yxo übergangslos an. "Falsch", widersprach Sod, "nicht wir brauchen deine Hilfe, sondern er braucht unsere Hilfe", und deutete auf Yxo. Dieser sah ihn gereizt an. "Meine Hilfe", seufzte Sam, "ist es etwas Gefährliches?" "Ja." "Dann bleibt ja doch wieder alles an mir hängen. Ich werde von UTSF-Offizieren durch Wartungsröhren gejagt, prell' mir die Füße an Leitern in Wartungsschächten, werde in Gefängnisse gesteckt, werde von Bombenexplosionen auf Brücken erwischt, liege danach halb im Sterben, werde von Hyperdromen Millionen Lichtjahre durch den Weltraum geschossen, muss wochenlang am Arsch des Universums mit einem Oren ausharren, werde von wütenden UTSF-Offizieren in Bars verprügelt und werde von Cilthroidschen Wächtern erschossen... Was soll ich diesmal machen?" "Erklär' ich dir später", beschloss Yxo, "ich muss jetzt unbedingt nach der Lebensquell sehen, und wenn auch nur eine einzige Schramme..." "Lebensquell", platzte Sam hervor, "wie kommst du so schnell wieder an dein Schiff?" "CGB, Paragraph 17, Absatz 7: 'Wenn eine Sache zwei Eigentümern untersteht und einem Eigentümer die Sache wegen einer Straftat entzogen wird, geht sie vollständig an den zweiten Eigentümer über'", zitierte Xil, "einer der wenigen sinnvollen Paragraphen im Cilthroidschen Gesetzbuch." Sam starrte entgeistert die Cilthroidin an, die eben den Raum betreten hatte. "Xil?" fragte er zögernd. "Höchstpersönlich", bestätigte Yxo bissig, "ihr gehört jetzt die Lebensquell, und sie ist gnädigerweise bereit, mir mein Schiff zurück zu verkaufen." "Falsch", widersprach Xil, "ich will dir MEIN Schiff nicht verkaufen, sondern für deine hirnrissige Aktion vermieten, und wenn dann noch etwas davon übrig ist, verkaufe ich es dir. Vielleicht." Yxo holte Luft, um etwas zu sagen, doch im gleichen Moment kam Dr. O'Hare zurück. "Wer sind Sie denn jetzt schon wieder?!" rief er mit einem wütenden Blick auf Xil und schnaubte. Als er keine Antwort bekam, fuchtelte er mit den Händen in Richtung Tür. "Okay, wir sind hier nicht am Jahrmarkt, alle raus hier, raus!"
"Das ist vollkommen ausgeschlossen", widersprach das Wesen mit den Tentakeln am Kopf dem Cacalus, der ihm das Angebot gemacht hatte, "ich werde niemals 15 000 Trenomien bezahlen, für eine Rakete, die nicht einmal zielsuchend ist!" Weiter weg standen zwei weitere Gruppen von Leuten, die auch über Waren diskutierten. Sam, der neben Yxo an einem Container lehnte, flüsterte ihm zu: "Hier geht's ja zu, wie auf dem Marktplatz von Ankara." "Wie wo?" "Nicht so wichtig. Warum hast du mich nie hierher mitgenommen?" "Weil Terraner einem normalerweise das Geschäft versauen. Keiner verkauft einem Terraner etwas." "Ich bin aber kein Terraner." "Schnauze." "Ja." Sod, Svenia und Celtros standen nahe den beiden an der Wand des zwielichtigen Lagerraumes und beobachteten das Feilschen ebenso interessiert. "Dann kann ich Ihnen nicht helfen", stellte der Cacalus fest. Dieser Cacalus passte vom Verhalten her vollkommen zu denen aus Een II. Als der unzufriedene Käufer langsam abzog, näherte sich Yxo dem Cacalus. "Yxo, Sie sind das", stellte der Cacalus zufrieden fest, "es ist mir jedes Mal eine Ehre, mit Ihnen Geschäfte zu machen." "Vielen Dank. Hören Sie." Yxo wurde etwas leiser. "Ich habe etwas gehört, von jemandem, der ganz besondere Raketen verkauft." "Ich verstehe nicht vollkommen. Inwiefern ganz besonders?" "EM-Impulsmissiles von unglaublicher Präzision und Effektivität." "Ja, so etwas ist tatsächlich auf dem Markt. Es gibt sogar jemanden, der das L-19 hier für einen ausgesprochen fairen Preis..." "Nein, nein, Sie verstehen mich nicht. Ich meine kein L-19, sondern etwas viel Mächtigeres. Es ist vermutlich eine Neuentwicklung, und ich habe gehört..." "Tut mir leid, ich weiß leider nicht, wovon Sie sprechen." "Ich bin bereit, einen äußerst gerechten Preis zu zahlen. Ich habe noch nie dagewesene taktische Informationen über die Cilthroidsche Korvette der Lichtschein-Klasse." "Ich sehe", stellte der Cacalus fest, "Sie sind wirklich sehr interessiert. Persönlich habe ich diese Waffe selbstverständlich nicht in meinem Lager, aber ich könnte Sie jemandem vermitteln, der Kontakt zu den Händlern hat. Normalerweise darf ich das nicht einfach tun, aber da Sie mein vollstes Vertrauen genießen, Yxo, ist es nur wahrscheinlich, dass die Händler mit Ihnen ins Geschäft kommen werden." "Nicht so laut", flüsterte Sam den beiden zu. "Sie meinen wegen den dreien dort hinten?" wollte der Cacalus wissen und deutete auf Sod, Svenia und Celtros, die eventuell alles mitgehört hatten. "Diese drei würde ich als harmlos einstufen. Sie haben eben eine schwache Tarnkappe gekauft, sowie eine Antimateriemine mit Fernzündung. Das ist zwar ein beeidruckendes Arsenal, aber der Ruf dieser Leute ist eher..." "So genau wollte ich's eigentlich gar nicht wissen." "Nun gut." "Sie haben etwas von jemandem gesagt, dem sie uns vermitteln können...", drängte Yxo. "Ja. Ich werde Ihnen Koordinaten geben, bei denen Sie sich mit besagten Personen treffen können. Ich werde den Händlern versichern, dass es sich bei Ihnen um durchaus vertrauenswürdige Geschäftpartner handelt." "Sehr gut", stellte Sam fest, und als würde es ihm erst jetzt einfallen, fügte er hinzu: "Und wir brauchen noch etwas."
Die Savage Eagle und die Lebensquell fielen aus dem Hyperraum, wenige Kilometer vor einer im Raum schwebenden Chemysanischen Fregatte.
"Wow, Hauptgewinn", murmelte Sam vor sich hin. Im gleichen Moment hallte durch das Cockpit: "Sind Sie der Cilthroide Yxo und der Terraner Sam Johnson." Die beiden bestätigten, es wäre jetzt taktisch vielleicht nicht sehr klug gewesen, zu sagen: "Ich bin kein Terraner." "Wir haben die von Ihnen angeforderte Ausrüstung, übergeben Sie uns Ihre Daten und wir übergeben Ihnen das Missile." "Wie kann ich wissen, dass Sie die Abmachung einhalten?" wollte Yxo wissen.
"Sie haben mein Wort", versicherte ihm Ilc. "Nun gut. Ich übermittle jetzt die Daten." Auf dem Bildschirm vor Ilc erschienen Zahlenreihen, technische Daten und Raumschiffsbaupläne. Einer seiner Leute, ein Cilthroide, nickte ihm zu. "Wir sind mit den Daten zufrieden", erklärte Ilc, wir schicken Ihnen jetzt Ihre gewünschte Ware.
Aus dem Steuerbord-Raketenmagazin der Fregatte startete ein Missile.
Sam hielt den Atem an, dann visierte er hastig die Rakete an. Es dauerte einige Sekunden, bis er begriff, dass sich das Missile nur langsam in Richtung Yxos Schiff bewegte, um mit dessen Raketenmagazin docken zu können. Sams Herz raste, er ließ den leuchtenden Punkt, der sich an der Savage Eagle vorbei bewegte, nicht aus den Augen, so lange, bis er unter der Lebensquell stoppte. Wenigstens verriet das Schweigen im Kom-System, dass Yxo nicht weniger mulmig zumute war. "Sie können jetzt auf die Steuerung des Missiles nach Belieben zugreifen", erklärte Ilc über das Kom. "Wir bedanken uns für dieses Tauschgeschäft", meinte Yxo und steuerte die Rakete langsam in das Magazin in der Rumpfunterseite der Lebensquell. "Gern geschehen." "Hey", fiel Yxo noch ein, "gibt es mehr?" "Wie bitte?" "Ich meine, Sie haben doch bestimmt verschiedene Waren zur Verfügung, die für uns äußerst... praktisch wären. Es scheint sehr nützlich für beide Seiten zu sein, mit Ihnen Geschäfte zu machen." "Sicher existieren solche Waren", bestätigte Ilc vorsichtig, "aber natürlich nicht auf diesem Schiff." "Das ist mir vollkommen klar", versicherte ihm Yxo und schien auf eine Antwort zu warten.
Ilc begriff, worauf dieser Cilthroide hinaus wollte. "Ich bin mir sicher, dass Sie ein sehr vertrauenswürdiger Geschäftspartner sind, aber ich werde Sie auf gar keinen Fall zu unserer Basis führen." "Aber, wer spricht denn von..." Yxo stockte, und Ilc erkannte den Grund dafür sofort auch auf seinen Kontrollen. "Ein Schiff nähert sich uns", meldete einer seiner Leute überflüssigerweise. "Ich weiß. ID-Kennung?" "Es sendet keine, aber es ist sehr klein, vielleicht Terranische Konfiguration."
Mit einem grellen Blitz fiel die Rattlesnake II in den Normalraum zurück.
"Wow", rief Svenia, "diese Fregatte hat einen Energie-Output, wie ich ihn bei so einem kleinen Schiff noch nie gesehen hab'! Sie muss vollkommen umgebaut worden sein, mit..." "Sod..." unterbrach sie Yxo wütend über das Kom. "Lange nicht mehr gesehen, wie?" entgegnete der Esialo bissig. "Du bist ja so naiv, Cilly", setzte er fort, "es war so einfach, euch hierher zu folgen." "Was willst du von uns?" wollte Sam wissen. "Oh, von euch will ich nichts, wirklich." Er schaltete sich in das Kom der Chemysanischen Fregatte. "Ich will die Missiles." "Sie Narr!" lachte Ilc. "Glauben Sie mir, Sie sollten uns nicht unterschätzen. Uns können Sie mit ihrer tollen Superwaffe wenig anhaben, für ein Schiff, das kleiner ist, als eine Fregatte ist es leicht, einem Missile auszuweichen. "Verschwinden Sie", befahl Ilc, "Sie alle. Ich habe keine Zeit für so etwas!" "Wie schade", seufzte Sod.
Die Rattlesnake feuerte beide Hyperraum-Strukturbrecher auf die Fregatte ab. Die gewaltigen Schüsse brachen an der Flanke durch die Schilde, um dann den Steuerbord-Pylon in Staub aufzulösen.
"Volltreffer", brüllte einer von Ilcs Leuten, "Steuerbord-Magazin verloren!" Ilc setzte an, um einen Befehl zu schreien, doch dann sah er, wie die Lebensquell und die Savage Eagle begannen, auf die Rattlesnake zu feuern. "Position halten", befahl er seiner Pilotin, "Feuer nicht erwidern. Wollen wir doch mal sehen, was passiert."
Die beiden Schiffe feuerten aus allen Rohren auf die Rattlesnake. Die Schilde des Kanonenboots blitzten ununterbrochen auf, während es abdrehte und versuchte, zu entkommen. Die Savage Eagle und die Lebensquell nahmen die Verfolgung auf, wenige hundert Kilometer später waren die Schilde der Rattlesnake zusammen gebrochen. Schüsse hagelten auf den Rumpf ein und verkohlten ihn stellenweise.
"Wir kapitulieren!" kam Sods verzweifelte Stimme aus dem Kom. Ilc lehnte sich zurück und seufzte. "Wie schön. Yxo, tun Sie mir einen gefallen: Zerstören Sie dieses Kanonenboot." Einige Sekunden herrschte Stille, dann erklärte Ilc ruhig und sachlich: "Nun gut, dann müssen wir es eben vernichten." "Nein", fiel Sam ein, "Geiseln sind sehr nützlich..." "...nützlich für wen? Für mich? Oder für euch? Hören Sie mir zu. Sie beide. Oder besser gesagt, Sie fünf. Ihre Lightshow beeindruckt mich nicht im Geringsten. Yxo, Ihr Versuch, mein Vertrauen zu gewinnen, indem Sie auf Ihre Freunde hier schießen, ist das lächerlichste Vorgehen in der Geschichte der Zivilisation! Sie sind ein Narr!" "Freunde...?" erkundigte sich Yxo verwundert. "Stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind! Sie wissen genau, wovon ich rede. Ich gebe Ihnen allen jetzt die Chance, von hier zu verschwinden, und wenn Sie das nicht tun, werde ich Ihnen das wahre Kampfpotential meines Schiffes präsentieren!" "Wir wissen wirklich nicht, wieso Sie sich so aufregen..." "Halten Sie den Mund!" keifte Ilc hysterisch, dann setzte er etwas ruhiger fort: "Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen ihr kleines Scheingefecht hier abkaufe. Es wurde ja nicht einmal die Hülle des Kanonenboots beschädigt!" "Ach, Sie haben sich das in etwa so gedacht?" fragte Yxo nach.
Aus dem Rumpf der Lebensquell raste ein Missile und nahm direkt Kurs auf die Rattlesnake. Noch bevor das Kanonenboot ausweichen konnte, schlug die Rakete in das kleine Schiff ein und detonierte. Die Rattlesnake ging in einem gigantischen Feuerball auf, Wrackteile rasten in alle Richtungen davon, und als die Explosion vom Vakuum erstickt wurde, war von dem Kanonenboot nichts weiter übrig, als ein Trümmerfeld.
Ilc grinste gleichzeitig zufrieden und überrascht und blickte auf seinen Scannerschirm. Nur noch unzählige Wrackteile waren von der Rattlesnake übrig, alle drei Lebenszeichen an Bord waren erloschen. "Ja, so in etwa habe ich mir das gedacht."
Die Präsidentin lächelte zufrieden. "Sehr gut", lobte sie, "erstklassige Arbeit." "Wir haben es hauptsächlich den Leuten des Hawking-Insituts zu verdanken", erklärte Minister Suyin und lehnte sich in den bequemen Sessel, der dem Schreibtisch der Präsidentin gegenüber stand, "sie haben das erbeutete Missile Stück für Stück auseinander genommen. Jetzt wissen wir, wie's funktioniert." "Im Grunde ist es Captain Shiragamis verdienst", fügte Admiral Carter hinzu. "Das ist mir klar. Verleihen Sie ihm eine Auszeichnung. Und was das Missile angeht... Es ist wirklich Cilthroidsche Technologie?" Suyin nickte. "Um das Kräftegleichgewicht zu halten", fuhr die Präsidentin fort, "sollten wir so schnell wie möglich auch derartige Flugkörper produzieren, natürlich top secret." Sie seufzte. "Und wir sollten auf dem Laufenden bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Cilthroiden so schnell aufgeben." "Bei allem Respekt", widersprach Carter, "aber ich denke nicht, dass die Cilthroiden so sehr an einem Konflikt mit dem Terranischen Imperium..." "Aber wir haben hier nun einmal einen kalten Krieg", brauste sie auf, "und ich werde es nicht zulassen, dass die Cilthroiden, die vielleicht die momentan größte Bedrohung überhaupt darstellen, überhaupt in der Lage wären, uns in einem offenen Krieg zu besiegen." Etwas leiser fuhr sie fort: "Und indem wir das Kräftegleichgewicht halten, haben wir vielleicht die einzige Chance, einen Krieg wenigstens für einige Zeit aufzuschieben."
Sams Kinnlade klappte nach unten, er starrte auf den Punkt im Raum, an dem eben noch die Rattlesnake geschwebt hatte. Er brachte einen erstickten Laut hervor, dann keuchte er: "Du bist ja vollkommen geisteskrank!" "So würde ich das nicht ausdrücken", entgegnete Yxo, "ich würde viel mehr sagen, ich verfolge meine eigenen Interessen. Glaub' mir, ich schätze dich wirklich sehr als Partner." Dieser Cilthroide war verrückt. Das war die einzige denkbare Lösung. "Was bist du für ein..." "...was bin ich für ein Mensch, wolltest du das sagen? Vielleicht ist die Kluft zwischen unseren Völkern doch größer, als es den Anschein hat, jedenfalls empfinde ich nichts dabei." Sam glaubte, ein kaltes Lächeln in den Worten zu hören. "Du hast sie umgebracht!" brüllte Sam. "Du hast sie alle kaltblütig ermordet!" "Ich habe ein Problem beseitigt." "Ein Problem beseitigt?!" Sam schrie die Worte so laut heraus, wie er konnte. "Okay, das ist vielleicht falsch gesagt, ich meine, es erschien mir die beste Möglichkeit, das Vertrauen dieser Leute zu gewinnen." Yxo wartete eine Weile auf eine Antwort, erhielt aber keine, also setzte er fort: "Es war so schön geplant, nicht wahr? Wir liefern uns ein kleines Scheingefecht gegen die Rattlesnake, und diese bösen Buben führen uns zu ihrem Versteck. Sam, ich bin nicht daran interessiert, noch irgendetwas für das Cilthroidsche Imperium zu tun, ich bin auf meinen eigenen Vorteil aus, ich will Waffen kaufen und damit böse, böse Dinge tun. Wie unmenschlich, nicht wahr?" "Das wirst du bereuen", meinte Sam. Er flüsterte jetzt regelrecht. "Ich sehe, du willst nicht weiterhin mein Partner bleiben", bedauerte Yxo.
Schüsse aus dem Buggeschütz der Lebensquell hagelten auf Sams Jäger ein, Schutzschilde blitzten auf. Nach wenigen Sekundenbruchteilen riss Sam das Schiff herum, beschleunigte und feuerte aus seinen Geschützen ebenfalls ununterbrochen.
Während sein Schiff von Dauerbeschuss durchgeschüttelt wurde und immer mehr Warnsirenen gleichzeitig aufblinkten, sah Sam auf seinen Maschinenkontrollschirm. Der Hyperantrieb brauchte noch eine Minute zum Starten, und das war zu viel.
Während am Rumpf der Lebensquell nur einige verkohlte Stellen lagen, brachen die Heckschilde der Savage Eagle endgültig zusammen, Yxo stellte das Feuer ein.
Ilc stand auf und betrachtete die Situation. War dieses Gefecht noch ein Täuschungsmanöver? "Nicht eingreifen", befahl er seinen Leuten.
Im selben Augenblick begann Yxo wieder, zu schießen. Sam versuchte, dem Cilthroidschen Transporter die Vorderseite zuzuwenden, konnte aber nicht schnell genug wenden. Eine Energieladung schlug in die Panzerung seines Schiffes ein, Fetzen der Hülle wurden von einer Explosion in alle Richtungen verteilt und ein klaffendes Loch in den Rumpf gerissen. Aus einem der Kühlmitteltanks entwich ein Schwall der silbrig glänzenden Flüssigkeit. Die beiden Schiffe feuerten weiter, während die Savage Eagle rückwärts flog und mit mittlerweile schwerfälligen Ausweichmanövern versuchte, dem Beschuss durch Yxos Kanonen zu entkommen. Ein Feuerwerk aus grünen und weißen Energieladungen blitzte zwischen den beiden Raumschiffen, und letztendlich fielen die Schilde der Schiffe fast gleichzeitig, beide stellten das Feuer ein. Nun standen sie sich gegenüber, wie bei einem letzten Duell, vielleicht war es das auch, ein Schuss würde für jeden genügen.
Sam blickte noch einmal auf seine Kontrollen. In wenigen Sekunden war der Sub-Hyperantrieb bereit, sollte er gleich flüchten? Oder sich hier und jetzt an Yxo rächen, für das, was er getan hatte.
Yxo war es, der feuerte, direkt auf Sams Cockpit.
Man konnte das Bersten der Sichtkuppel über die Koms hören, begleitet von einem entsetzten Todesschrei, der nur wenige Sekundenbruchteile anhielt, bevor der Weltraum ihn erstickte. Die Hitze brachte die Kontrollinstrumente zur Explosion, das Cockpit der Savage Eagle detonierte in einem grellen Inferno. Sekunden danach startete der Computer die Savage Eagle wie einprogrammiert in den Hyperraum, und fast im gleichen Augenblick fielen die Wrackteile des Jägers wieder zurück in den normalen Weltraum.
"Yxo", grinste Ilc. "Ja?" "Folgen Sie uns, ich bin davon überzeugt, dass wir hervorragende Handelspartner werden." "Selbstverständlich." "Ich übermittle Ihnen unsere Zielkoordinaten, ein anderes meiner Schiffe wird gleich hierher kommen und unseren Rückzug sichern.
Yxo war zufrieden. So hatte er es sich von Anfang an vorgestellt.
Die Lebensquell und Ilcs Fregatte fielen aus dem Hyperraum, zwischen tausenden Felsbrocken. Asteroiden schwebten unglaublich dicht beieinander, soweit das Auge reichte, und mitten zwischen den Planetoiden waren gut ein halbes Dutzend Chemysanische Fregatten in einer V-Formation angeordnet. Um einige waren Wartungstunnels gelegt, ein kleiner, unförmiger Schlepper pendelte zwischen den Raumschiffen hin und her, und einer der Fregatten fehlte ebenfalls ein Pylon. Es war vermutlich das Schiff, das von der Nova besiegt wurde. Nähere Asteroiden wurden von Frachtcontainern umkreist, an denen teilweise ebenfalls kleine Schlepper gedockt hatten.
"Wow", staunte Yxo, "netten Laden haben Sie hier." "Oh, vielen Dank", lachte Ilc, "ich habe schon gedacht, Sie wüssten das nicht zu schätzen."
Der Cilthroide am Kommando-Terminal der Fregatte rutschte unzufrieden hin und her. Der Sessel war eindeutig für Chemysaner gedacht, aber bestimmt nicht für Cilthroiden. Eigentlich nur, um sich abzulenken, murmelte er vor sich hin: "Noch immer nichts Interessantes?" "Nichts", meldete eine Chemysanerin, "dieses Kanonenboot ist restlos zerfetzt worden. Es gibt kaum noch Trümmer, die größer sind, als ein Schrank, geschweige denn noch funktionierende Schiffssysteme." "Ich möchte wissen, was wir getan haben, dass uns Ilc hier im Müll wühlen lässt", seufzte der Cilthroide, "wenn wir in fünf Minuten noch immer nichts gefunden haben, fliegen wir weiter, zum Trümmerfeld des Terranischen Jägers." "Moment", rief die Chemysanerin plötzlich, "hier ist etwas! Es ist Antimaterie, offensichtlich die Notenergie-Reserve des Kanonenboots." Der Kommandant grinste. "Sehr gut, wenigstens etwas. Ist die Kapsel dicht?" "Kaum beschädigt, es besteht keine Explosionsgefahr." "Dann holen Sie sie an Bord!"
Drei Pressorstrahlen - die ebenfalls nicht zur normalen Ausstattung eines Kriegsschiffes gehörten, geschweige denn, zu der einer Chemysanischen Fregatte - blitzten aus dem Rumpf des kleinen Raumschiffes und schnitten sich genau dort, wo ein geradezu winziges Wrackteil schwebte. Die Gravitonen umhüllten das schroffe Trümmerstück und begannen, es langsam in eine Schleuse im Rumpf der Fregatte zu ziehen.
"Antimateriekapsel wird eingeholt." "Hervorragend. Scannen Sie weiter das Trümmerfeld, vielleicht widerfährt uns noch so ein Erfolgserlebnis." "Aye", grinste die Chemysanerin und machte sich wieder an ihren Kontrollen zu schaffen, um wenige Sekunden später zu sagen: "Merkwürdig." "Was?" "Hier ist ein Trümmerstück, das auf keinen Fall zu einem Raumschiff gehört. Es sieht viel mehr aus, wie Industrieschrott." "Hm", machte der Kommandant verdutzt, "gibt es noch mehr davon?" "Ich weiß nicht." "Dann geben Sie direkt die Konfiguration eines Terranischen Kanonenbootes ein und suchen Sie nach allem, das nicht dazu passt." "Aye." Im Grunde waren das 'Sie', das 'Aye' und all die förmlichen Meldungen vollkommen blödsinnig, aber es bildete sich - zumindest auf diesem Schiff - einfach keine private Atmosphäre. Vielleicht lag das daran, dass jeder darauf hoffte, so schnell wie möglich die Organisation verlassen und irgend etwas Besseres tun zu können. "Keines." Die Chemysanerin wurde bleich, der rötliche Farbton ihrer Haut verwandelte sich in ein mattes Rosa. "Wie?" fragte der Kommandant. "Die Wrackteile. Keines davon stimmt mit den Bedingungen überein, sie stammen nicht von einem Terranischen Kanonenboot. Keines davon. Das ist irgendwelcher Müll, Industrieschrott, oder was auch immer. Aber es sind keine Wrackteile." Der Cilthroide riss die Augen auf. Er begriff im gleichen Moment, in dem es passierte.
Die Antimateriemine detonierte. Die gewaltige Explosion zerfetzte die Fregatte regelrecht in ihre Einzelteile, eine Druckwelle aus Hitze, Wrackteilen und verdampftem Kühlmittel pflügte durch das Trümmerfeld und verstreute die vermeintlichen Wrackteile endgültig in alle Richtungen. Wenige Sekunden später fielen die Rattlesnake II und die Savage Eagle aus dem Hyperraum. Um das Cockpit des Jägers war die grünliche Farbe geschwärzt und ein Teil der Panzerung war am Heck zerstört, der Rumpf der Rattlesnake war ebenfalls an einigen Stellen verkohlt.
"Das ist also die Rache der Geister", stellte Sam fest, "ich hab' mir das immer anders vorgestellt, mit Nebel und so." "Außerdem ist noch gar nicht Geisterstunde", fügte Svenia über das Kom hinzu. "Wir sind eben etwas ganz besonderes", bestätigte Sod, "also, wo?" "Ich empfange Yxos Signal aus Richtung 349-773", erklärte Celtros. "Na also", meinte Sam zufrieden, "was wollt ihr mehr?" "Jemanden, der mir mein Schiff bezahlt, wenn wir hier fertig sind", erwiderte Sod. "WESSEN Schiff?" fragte Svenia. "Okay, okay, UNSER Schiff." Sam räusperte sich. "Wenn ihr mit euren Rivalitäten fertig seid, könnten wir vielleicht auch mal..." "Ja, ja", entgegnete Sod, "Kurs gesetzt..."
Ilcs Fregatte und die Lebensquell hatten aneinander angedockt, während sie vor einem der Container schwebten.
Yxo sprang aus seinem Schiff in den Gang der Fregatte und sah Ilc, der dort wartete, zufrieden an. "Meine Sensorenscans zeigen, dass die Raketen wirklich von perfekter Qualität sind. Ich bin zufrieden." "Machen Sie einen Preis", bot der Chemysaner an. "Nun..." Im gleichen Moment piepste Ilcs Kom-Gerät. "Entschuldigen Sie mich..." Er zog das Gerät aus der Tasche, hielt es ans Ohr und drehte sich dann um. "Es tut mir leid, unsere Verhandlungen unterbrechen zu müssen", meinte er, "aber eines unserer Aufklärungsschiffe hat den letzten Kontroll-Funkspruch nicht gesendet." "Nur zu, tun Sie, was nötig ist", meinte Yxo bereitwillig. "Das werde ich auch." Er gab den beiden, die neben ihm standen, ein Chemysaner und ein Cilthroide, einen Wink, woraufhin diese blitzartig ihre Gewehre zogen und sie auf Yxo richteten. Dieser versuchte, zu lächeln. "Was soll das denn?" "Ich muss leider vorsichtig sein", entgegnete Ilc bedauernd. "Hände hoch!" befahlen ihm die beiden Infanteristen gleichzeitig. "Wenn es unbedingt sein muss..." Yxo warf die Arme regelrecht nach vorne, riss jedem der beiden das Gewehr aus der Hand und schleuderte es dem jeweils Anderen in die Magengrube. Während der Cilthroide zurück taumelte und der Chemysaner schlaff zu Boden fiel, legte Yxo das eine Gewehr auf Ilc an, warf das andere hinter sich und schoss. Die Ladung traf den Chemysaner und schleuderte ihn gut einen Meter durch den Gang, bevor er am Boden liegen blieb. Sofort richtete Yxo das Gewehr auf den Cilthroiden, der wieder auf ihn zugesprungen kam, doch er kam nicht zum schießen. Der Angreifer trat gegen das Gewehr, so dass dieses in hohem Bogen durch den Gang flog, dann schlug er Yxo beide Fäuste nacheinander ins Gesicht. Yxo tat benebelt ein paar Schritte zurück, blockte die nächsten beiden Schläge mit den Armen ab und trat dem Cilthroiden in den Bauch. Während dieser sich leicht krümmte, sprang Yxo, katapultierte die Faust nach vorne und rammte sie seinem Artgenossen mit voller Wucht in die rechte Achselhöhle. Der Cilthroide schrie vor Schmerz auf, torkelte zurück und sank an der Wand nach unten. "Fürs nächste Mal: Es muss heißen: 'Hände über den Kopf'", seufzte Yxo, schnappte sich das zweite Gewehr und schoss, dann sprang er auf die Leiter, die zurück zu seinem Schiff führte und kletterte hinauf.
Die Lebensquell beschleunigte, zog die Fregatte einige Zeit mit sich, bis der Pilot die Andockklammern löste, und raste dann davon. Gut fünf Fregatten zündeten ebenfalls ihre Triebwerke und folgten Yxo, feuerten Energieladungen ab.
"Scheiß' Hyperantrieb", fluchte Yxo, "mach' schon, mach' schon, mach' schon!"
Zwei Rückfallblitze, dann tauchten die Rattlesnake und die Savage Eagle auf und ließen ihre neu erworbenen Tarnkappen fallen.
"Wisst ihr, dass ihr ein grandioses Timing habt", meinte Yxo. "Klar", entgegnete Sod, "Esialos sind für ihre Pünktlichkeit bekannt." "Wann hast du dir den Schwachsinn ausgedacht?" "Heute, als ihr gegen mich gekämpft habt. Ich hatte ja sonst nicht viel zu tun." "Hey", rief Sam, "das lassen wir nicht auf uns sitzen, oder?" "Sicher nicht", pflichtete ihm Yxo bei.
Die Savage Eagle und die Rattlesnake senkten sich in eine V-Formation mit der Lebensquell herab, drehten dann allesamt um 180 Grad und feuerten auf eine der Fregatten, die feindliche Flotte erwiderte das Feuer auf die gesamte Formation. Die angepeilte Fregatte geriet unter dem Beschuss ins Trudeln, verlor Teile der Panzerung und driftete ab. Als die beiden Flotten aneinander vorbei rasten, verlor der Pilot endgültig die Kontrolle, das Schiff machte einen unkontrollierten Bogenflug und prallte gegen einen Asteroiden, die Explosion zerfetzte den gesamten Himmelkörper in Millionen kleiner Brocken.
"Wie geht's euch?" wollte Yxo wissen. "Schilde auf 30, Panzerung auf kritische Temperatur erhitzt", meldete Sam knapp. "Schilde 40, einzelne Elektronikausfälle", erklärte Celtros. "Mein Hyperantrieb braucht noch ein paar Minuten", knirschte Yxo. "Dann würde ich sagen, wir versuchen, in diesem Asteroidenfeld unter zu tauchen", schlug Sod vor. "Okay, das..."
Vier weitere Fregatten tauchten direkt vor der kleinen Staffel aus einigen Asteroiden auf.
"...ist vielleicht keine so gute Idee."
Sie feuerten. Energieladungen hagelten erneut auf die drei kleinen Schiffe ein, dann überblendete ein grelles Leuchten das Feuer und der mächtige Rumpf der Tixem schob sich zwischen die Fronten.
"Cilthroidscher Kreuzer voraus lässt Tarnkappe fallen", murmelte Svenia überflüssigerweise vor sich hin.
Der Bug der Tixem glühte regelrecht, kurz bevor ein Dauerfeuer aus Energieladungen die Piraten-Fregatten bombardierte. Eine nach der anderen explodierte unter dem Beschuss. Dann richtete die Tixem ihre Kanonen auf die übrigen Fregatten und schoss, war aber für zuverlässige Treffer zu weit entfernt. Das gigantische Raumschiff setzte sich in Bewegung und walzte dabei kleinere Asteroiden rücksichtslos über den Haufen.
"Hier spricht der Cilthroidsche imperiale Kreuzer Tixem", dröhnte über die Koms, "an alle anwesenden Raumschiffe: Stellen Sie Ihre Maschinen ab und erwarten Sie Entermannschaften!" "Was zum Teufel...?" fing Sam an, doch Yxo unterbrach ihn. "Du glaubst doch nicht im ernst, das die Tixem je weiter als ein paar Lichtjahre von uns entfernt war?" "Öhm...", brachte er hervor. "Lax", rief Yxo in das Kom, "so haben Sie es doch gewollt, oder?" "Wenn ich ehrlich sein soll", antwortete der Kommandant der Tixem, "nein. Machen Sie sich bereit, geentert zu werden." "Hören Sie zu, Prä-General:" Er betonte den Titel extra. "Ich habe von Ihnen einen Auftrag bekommen, und nach diesem bedauerlichen Missverständnis mit meinem Adjutanten Zeel habe ich ihn so gut erfüllt, wie es noch möglich war." "Bedauerliches Missverständnis? Sie haben sich vollkommen inakzeptabel verhalten und damit Ihre Chance verspielt!" Lax hörte sich allerdings sogar ein wenig unüberzeugt an. Während der Prä-General sprach, vernichteten die Bordgeschütze der Tixem eine Fregatte nach der Anderen. "Naja", meinte Yxo, "vielleicht können wir später noch darüber diskutieren. Ich gehe jetzt jedenfalls."
Die Lebensquell verschwand im Hyperraum. Es dauerte eine Weile, bis Sam und Sod begriffen, was los war, dann starteten auch sie in Richtung IG-25.
"Prä-General?" fragte einer von Lax Leuten. "Nein, lassen Sie sie gehen. Wir haben hier noch Wichtigeres zu tun. Ist das nächste Ziel anvisiert?" "Positiv." "Hier spricht die Fregatte 'Techam'", kam plötzlich die verzweifelte Stimme eines Chemysaners aus dem Kom, "wir kapitulieren." "Ignorieren Sie das. Feuer!"
Sod stapelte Gläser, Tassen und Teller zu einer beeindruckenden Konstruktion, Sam half ihm dabei, Yxo, Svenia und Celtros sahen gebannt zu und Xil suchte das Starlight nach dem Bedienungsroboter ab. "Und dann", fuhr Sod fort und schob ein merkwürdiges Essbesteck für Esialos langsam auf seine Konstruktion zu, "hat Yxo das Missile abgefeuert... Hören Sie mir überhaupt zu, Xil?" Sie drehte sich zu ihm um und bejahte kurz, was Sod als Anlass nahm, weiter zu erklären. "Kurz bevor die Rakete einschlug, haben wir die Schleusen und den Steuerbord-Kühlmitteltank aufgesprengt, so dass der Schrott und das Kühlmittel sich verteilt haben", - er warf einige kleinere Trinkgefäße durcheinander -, "dann haben wir die Tarnkappe aktiviert und sind in den Hyperraum gestartet", - er ließ einen Teller unter dem Tisch verschwinden -, "und... boof! Das Missile zündet das Kühlmittel und alles fliegt in die Luft, und es sieht so aus, als seien wir verreckt." Sod veranschaulichte seine Worte, indem er auf dem Tisch ein mittelschweres Chaos anrichtete. Sam zog die Augenbrauen hoch. Wieder etwas dazu gelernt: Esialos werden durch Fruchtsaft stockbesoffen. "Und was mein Schiff angeht...", begann er und zeigte sein Sandwich in die Runde, "das Gefecht zwischen mir und Yxo war keine Show, das Cockpitmodul ist wirklich in Fetzen gerissen worden." Er klatschte den Deckel des Sandwiches auf den Teller. "Aber jetzt kommt der Gag bei der Sache: Das war gar nicht mein Cockpitmodul!" Er gab Svenia ihre Brotscheibe zurück, die daraufhin etwas verdutzt auf ihren Teller sah. Dann zog er den Teller aus dem Fach unter dem Tisch, der die Rattlesnake darstellen sollte. Er nahm die Brotscheibe von dem Teller und legte sie auf sein Sandwich. "Ich war - mitsamt Cockpitmodul - auf der Rattlesnake! Die Trümmer wurden von der getarnten Rattlesnake verstreut, während ich mich davon gemacht hab'. Ebenfalls mit Tarnkappe." Erst jetzt bemerkte er, dass Svenia immer wieder nacheinander ihn und die Brotscheibe auf ihrem Teller, die von Sams Ketchup triefte, wütend ansah. "Tut mir leid", entschuldigte er sich und sah Sod an, der noch ein Glas grünlichen Saft leerte, "aber ich hab' mich von der Stimmung mitreißen lassen." "Ihr seid ja so genial", lobte Xil obligatorisch. Sie musterte das Schlachtfeld auf dem Tisch, bestehend aus Brotscheiben, Ketchup, grünlichem Zeug, umgekippten Gefäßen und irgendetwas Braunem, das schon vorher da war. "Hey, es war seine Idee", erklärte Sam und deutete auf Yxo. "Wo wir gerade auf meine Talente zu sprechen kommen", meinte Yxo, "kriege ich jetzt endlich mein Raumschiff?" "Für den Spottpreis von 300 000 Trenomien." "Du Wahnsinnige!" "Hey, das ist noch gut. Normalerweise wäre es 500 000 wert, in dem Zustand, in dem es sich jetzt befindet, ich berechne dir nicht einmal die Gefechtsschäden." "'Ich berechne dir nicht einmal die Gefechtsschäden'", äffte Yxo sie nach und tat wahnsinnig arrogant, "woher weißt du überhaupt so gut darüber bescheid, wie viel das Schiff wert ist?" "Aus zuverlässigen Quellen." Celtros und Svenia suchten sich Punkte an der Decke und starrten diese interessiert an. "Ach, aus zuverlässigen Quellen. Glaubst du, ich gebe dir 300 000 Trenomien, für die Schrottkiste?" Yxo ignorierte Xil und wandte sich an die Anderen. "Die gibt mir das Schiff auch so. Ich zahle keine Steuern dafür, aber sie als legale Besitzerin schon. Dazu ist sie viel zu geizig." "Stimmt, bin ich. Aber jemand anders würde mir das Schiff bestimmt abkaufen." Yxo starrte sie entgeistert an. "Du Miststück!" "Obwohl..." Sie überlegte kurz, dann strahlte sie regelrecht. Yxo verzog das Gesicht noch mehr. Xil war glücklich, also war das schlecht für ihn. "Ich würde dir mein Schiff natürlich kostenlos überlassen, wenn du mich an jeglichen mit dem Schiff erzielten Gewinnen beteiligst." Yxo riss die Augen auf und starrte sie so feindseelig an, wie er nur konnte. "Ich würde mich natürlich mit vierzig Prozent zufrieden geben", fügte sie noch hinzu. "Okay, Leute", grinste Sam, "in Deckung, gleich fliegen Körperteile. "So lange, bis ich das Schiff abbezahlt habe", schlug Yxo vor. "Einverstanden." Sam klappte die Kinnlade nach unten. "Dann sind wir uns ja einig", bekräftigte Yxo. "Zur Abwechslung einmal", ergänzte Xil. "Ergreifend", grinste Sam. Jetzt wäre vielleicht der geeignete Augenblick gewesen, Yxo zu fragen, was es mit ihm und Xil auf sich hatte. Welcher Art die Beziehung der beiden zueinander war, wieso die Lebensquell ursprünglich beiden gehörte, was es mit dieser Reaktorkontrollingenieurin auf sich hatte, wie Yxo ursprünglich zum Wächter-Corps gekommen war, wieso er es verlassen hat, und überhaupt, was Yxo so in seinem Leben gemacht hat. Aber er würde die Antwort des Cilthroiden ja doch nicht ganz nachvollziehen können, also aß er den Rest seines Sandwiches und stand dann auf. "Gehen wir?" "Aber immer schön bezahlen", murmelte Xil vor sich hin. Yxo stand auf und sah Svenia an. "Könntet ihr Xil nach hause fliegen?" Die Terranerin sah Yxo verdutzt an. "Vergiss' es. Wie kommst du überhaupt darauf?" "Weil euer Pilot besoffen ist und ihr vielleicht verunglückt!" rief Yxo und zerrte Sam mit sich in Richtung Ausgang. "Die Cilthroidin zahlt die Rechnung!" rief er noch dem Barroboter zu.
Die Savage Eagle und die Lebensquell ließen die gewaltige Raumstation hinter sich.
"Terraner." "Ja?" "Die arrogante Zicke sieht keine Trenomie von mir!"
Zwei leuchtende Blitze, dann verschwanden die beiden Piraten im Hyperraum.