© 2000-2002 Marco Kaas
von Marco Kaas
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Ein greller Blitz aus dem dunklen, orange glimmenden Himmel erhellte die Landschaft für Sekundenbruchteile und ließ die Schatten der gewaltigen, schroffen Felsen über die Kuppeln der Kolonie tanzen. Dann war es wieder fast stockfinster.
Mit einem leichten Ruck setzte die kleine, kegelförmige Raumfähre im Zentrum des Landefelds auf und ließ die Triebwerke abklingen, dann öffnete sich das Schott in der Flanke und zwei Gestalten in Raumanzügen verließen das Schiff. Obwohl die Raumanzüge wegen dem gewaltigen Luftdruck und der ätzenden Atmosphäre des Planeten dick und klobig waren, war eindeutig zu erkennen, dass in ihnen keine Menschen steckten. Der eine Raumanzug verhüllte ein scheinbar zerbrechliches Wesen mit einem dünnen Körper und sechs fragilen Gliedmaßen, der andere hatte zwar eine humanoide Form, war aber viel zu groß und zu kräftig, als dass der Träger ein Mensch hätte sein können. Den beiden Ankömmlingen rannte ein Wesen der gebrechlichen Sorte entgegen, welches einen Raumanzug des Yllionischen Instituts für Archäologie trug. "Sir, da sind Sie ja endlich! Wir haben Sie schon erwartet!" "Ich hoffe, ich bin nicht umsonst hierher gekommen!" Das Schott schloss sich hinter den beiden wieder, als sie dem Archäologen entgegen liefen. "Umsonst? Von wegen, Sie werden beeindruckt sein!" "Das hoffe ich doch!" Nun standen sie sich gegenüber, und sie sprachen ein wenig leiser, was aber durch die direkte Kom-Verbindung zwischen den beiden Raumanzügen völlig sinnlos war. Das Donnergrollen, das die Außenmikrophone der Anzüge aufnahmen, war entsetzlich laut. "Wie soll ich Sie ansprechen", wollte der Archäologe wissen, "mit Commodore, oder mit Professor?" "Nennen Sie mich einfach Cilc." "Einverstanden." "Erzählen Sie", forderte Cilcs Begleiter den Archäologen auf, "was haben Sie gefunden?" "Kommen Sie mit", meinte dieser begeistert und verschwand in Richtung der Kuppeln. Cilc und sein Begleiter sahen sich kurz genervt an, dann folgten sie dem Wesen. Durch eine Luftschleuse gelangten sie ins Innere der Kuppelkonstruktion und nahmen ihre Helme ab. Cilc und der Archäologe offenbarten den großen, runden Kopf eines Yllionen, dessen Gesicht fast nur aus einem Sehorgan bestand, und sein Begleiter das flache, orange-blau-weiß gefleckte Gesicht eines Cilthroiden. "Wie sind Sie darauf gestoßen?" wollte Cilc wissen, während die drei im Laufschritt durch den gewundenen Gang der Kolonie eilten. "... was auch immer es sein mag..." fügte der Cilthroide hinzu, und erntete einen wahrscheinlich tadelnden Blick von Cilc. "Zufällig. Wir haben zwei Kilometer von der Haupt-Ausgrabungsstelle entfernt nach Resten einer der abgestürzten Fähren gesucht, aber dann haben wir das hier gefunden." Er blieb plötzlich stehen, öffnete einen Druckbehälter in seinem Raumanzug und reichte Cilc einen durchsichtigen Plastikbeutel mit einem länglichen, braunen Metallstück im Inneren. Dieser nahm es entgegen und begutachtete es von allen Seiten, während ihm der Cilthroide über die Schulter sah. "Ist es das, wonach es aussieht?" wollte Cilc begeistert wissen. "Das ist genau das, wonach es aussieht, Professor-Commodore... äh... Cilc." "Es sieht aus wie das Hüllenfragment eines Yllionischen Hyperdroms", stellte der Cilthroide halb fragend fest. "Ganz genau." "Das ist fantastisch", freute sich Cilc, "ein... einfach ein atemberaubender Fund!" "Gibt es noch mehr von den Wrackteilen?" wollte der Cilthroide erwartungsvoll wissen. Das Auge des Archäologen begann, voll Freude zu pulsieren. "Kommen Sie mit", forderte er die beiden Gutachter auf und führte sie durch ein Schott in die kleine Kabine einer Antigravitonenschwebebahn, wo bereits der Pilot, ein Yllione, wartete. Kaum hatten sich alle hingesetzt, wurde das Schott geschlossen, und der Wagen nahm, einer Führungsschiene folgend, Fahrt auf.
Die Fahrt zur Ausgrabungsstätte dauerte mindestens 15 Minuten und führte in teilweise abenteuerlichen Kurven über weite Ebenen, mitten durch bizarre Felsformationen und steile Schluchten. Schließlich brachte die Schiene den Wagen auf einen Kurs knapp an einer Klippe entlang, an deren Fuße gut einhundert Meter tiefer gerade die unteren Bereiche eines riesigen Artefakts ausgegraben wurde. Unter einem wegen der toxischen Atmosphäre errichteten Schutzschild befanden sich Gerüste, Roboter und Archäologen, um eine mindestens zweihundert Meter durchmessende Konstruktion herum, die allein von ihrer Struktur her so fremdartig wirkte, dass sie unmöglich aus dieser Zeit stammen konnte. Gleichsam einer gewaltigen Spinne thronte das Monstrum mit den acht Ausläufern im Felsen des Planeten, und wirkte so fehl am Platze, als ob es aus einer anderen Dimension käme... Oder aus einer lange vergangenen Epoche. Strahlenförmig verließen Einkerbungen das Zentrum des Artefakts und schlangen sich dann spiralförmig um die "Spinnenbeine", schon allein aus diesem Grund war es unwahrscheinlich, dass es sich lediglich um Verbindungsnähte der Konstruktion handelte. Vom Zentrum bis zu den Spitzen der Ausläufer ging die Farbe des Objekts langsam von hellem Braun in ein mattes Grau über.
Cilc hielt die Luft an. Er schluckte, dann stieß er einen japsenden Laut hervor. "Das..." Die Augen sämtlicher Yllionen im Wagen blähten sich vor Glück auf fast die doppelte Größe auf. "Sie haben es gefunden!" brachte der Professor-Commodore nach mehreren Minuten heraus. "Sie haben es tatsächlich gefunden!!" "Ist das...?" der Cilthroide wollte es nicht aussprechen. Vielleicht würde der Yllione sonst endgültig verrückt werden. "Ja, das ist es." Cilc fasste sich wieder halbwegs. Halbwegs. "Das ist das Erste Hyperdrom! Wir... Diese Archäologen haben das Erste Hyperdrom gefunden! Wissen Sie, was das für mein Volk bedeutet?!" Der Professor-Commodore ließ seinem Begleiter allerdings keine Zeit, zu antworten, bevor er sich an den Yllionischen Archäologen wandte. "Nehmen Sie Kontakt zu den Weisen auf. Es soll der sofortige Transport nach Lymium veranlasst werden. Dort ist es in Sicherheit."
Ein düsteres, stark gewöhnungsbedürftiges Licht erfüllte das "Starlight", die zentrale Bar der Handelsraumstation IG-25. Das Lokal, das hin und wieder als der "Seuchenherd der Galaxien" bezeichnet wurde, war vollgestellt mit futuristisch geformter, stromlinienförmiger Einrichtung aus zum Teil buntem, zum Teil durchsichtigen Material, und bevölkert war das Starlight mit Lebensformen der verschiedensten Galaxien.
An der langen, durchsichtigen Theke hatte es sich Sam Johnson bequem gemacht. Der Mensch Anfang zwanzig besaß relativ Europäisch anmutende Gesichtszüge, mit stark ins dunkle übergehender Hautfarbe und schwarzen Haaren. Er trug eine Space-Force-Pilotenjacke, allerdings fehlten jegliche Rangabzeichen oder Embleme, was daran lag, dass Fahnenflucht auf seinem Steckbrief ganz oben stand. Etwas gelangweilt starrte er in seinen Sumpfbaumtee.
Yxo, ein Cilthroide, schritt zielsicher zu Sam Johnson und setzte sich neben den Menschen an die Theke. Der Cilthroide war mit etwa 2,50 Metern Körpergröße ein gerade einmal mittelgroßes Exemplar seiner Spezies, doch sein kräftiger Körperbau, seine schwarzen, unmenschlichen Augen und die Panzerplatten an seinem silbrigen Fliegeroverall waren für einen Menschen abschreckend genug. Yxo bestellte sich beim Barroboter C'al. "Wo warst du so lange?" wollte Sam von dem Cilthroiden wissen. "Eine Freundin hat mich angerufen", erwiderte Yxo. Sam konnte es sich gerade noch verkneifen, zu sagen: "So, so." "Was ist das für eine Freundin?" erschien ihm geschickter. "Sie ist Archäologin", antwortete Yxo, "und ich glaube, sie war uns eben sehr behilflich." Sam sah den Cilthroiden fragend an, bevor er wissen wollte: "So, so, dann interessieren mich eigentlich nur noch zwei Dinge: Was hast du mit einer Archäologin zu schaffen, und inwiefern war sie uns eben behilflich?" "Was hast du mit UTSF-Offizieren zu schaffen?" stellte Yxo als Gegenfrage. Sam erschien der Vergleich nicht gerade sehr tiefgreifend, aber er zeigte, dass es ihn nichts anging. "Und sie war uns behilflich...?" forderte der Mensch Yxo zu einer Erklärung auf. "Diese Archäologin arbeitet auf einer Ausgrabungsstätte im Dlli-System in der Andromeda-Galaxie", erklärte Yxo, "an einem Yllionisch-Cilthroidschen Gemeinschaftsprojekt. Sie graben die Überreste eines Yllionischen Raumhafens aus, der vermutlich zigtausende Jahre alt ist." "Wie kann ein Raumhafen zigtausende Jahre alt sein, dessen Erbauer erst vor 3000 Jahren den Hyperantrieb entdeckt haben?" "Die Yllionen sind eigentlich auch gar nicht die Erbauer", verbesserte sich Yxo, "zumindest nicht die Yllionen, die wir kennen, die auf Lymium beheimatet sind. Angeblich ist Lymium gar nicht ihr Heimatplanet, sondern nur eine vergessene Kolonie. Bis vor kurzem war das alles nur eine Art Religion, bis man eben diesen Raumhafen gefunden hat." "Ja, stimmt, irgendwas in der Richtung hab' ich schon mal gehört", erwiderte Sam interessiert, "Lymium soll angeblich von einem riesigen Raumschiff kolonisiert worden sein, das dann weiter flog, um irgendwo im All noch mehr Kolonien zu gründen." "Ganz genau. Du kennst dich ja doch aus, Terraner. Der Legende nach haben die ursprünglichen Yllionen viele dieser Raumschiffe ausgesendet, die angeblich richtige Hypersprünge durchführen konnten und deswegen 'Hyperdrome' genannt wurden. Und das Hyperdrom, das Lymium kolonisiert hat, soll das 'Erste Hyperdrom' gewesen sein." "Naja. Richtige Sprünge im Hyperraum, von Ort zu Ort", meinte Sam misstrauisch, "das ist aber nur eine Legende. So eine Art Heldenmythos, damit man behaupten kann, man stamme von einer Super-Zivilisation ab." "Bis heute." "Wie, bis heute?" "Das Ausgrabungsteam hat das Hyperdrom gefunden." Sam blickte wieder kurz in seinen Tee. "Wow. Nett, aber wie kann man sich so sicher sein, dass es das Hyperdrom ist?" "Nun, die Yllionen neigen tatsächlich dazu, in allem, was sie nicht kennen, ein Hyperdrom zu sehen, aber erstens wurde dieses Artefakt auf genau den richtigen Zeitpunkt datiert, nämlich auf 200 000 Jahre vor heute, und zweitens hat man eine Art Sternenkarte gefunden, auf der auch Lymium als Zwischenstopp vermerkt ist, genauso wie der Planet, auf dem man es gefunden hat. Vielleicht konnte es nach der Gründung des Raumhafens nicht mehr starten, oder wasweißich. Jedenfalls liegt es heute als Wrack im Dlli-System." "Das ist faszinierend", gab Sam zu, "aber wie hilft UNS das?" Yxo grinste. "Mal ganz abgesehen von dem gewaltigen kulturellen Wert, den dieses Hyperdrom für die Yllionen hat, sind die technologischen Kenntnisse, die in diesem Artefakt stecken, unbezahlbar." Sam starrte Yxo eine Weile ziemlich dumm an, bevor er sagte: "Bist du verrückt?" "Wieso?" "Erstens", begann er aufgebracht, "wenn dieses Hyperdings wirklich so wertvoll ist, dann kommt man garantiert keine fünf Lichtjahre heran, ohne einem Yllionischen Kreuzer über den Weg zu laufen, und zweitens kann man einer ganzen Zivilisation doch nicht das nehmen, worin sie ihren Sinn sieht." "Wir nehmen es ja nicht, wir... borgen es uns nur aus. Wir werden es natürlich wieder an die Yllionen verkaufen, und ob sie es uns abnehmen werden, oder nicht, ist ja wohl keine Frage. Und wegen der Verteidigung dieses Artefakts... Diese Archäologin sagt, die Gutachter hätten für den Transport in einem Monat einen Frachter mit Tarnkappe zum geheimen Abtransport und eine Eskorte von nur fünf Yllionischen Jägern abstellen lassen." "Und woher weißt du, ob du dieser Archäologin vertrauen kannst?" Erstens war die Frage berechtigt, und zweitens hoffte Sam, das Geheimnis auf diesem Weg vielleicht lüften zu können. "Ich kann ihr vertrauen", lautete Yxos knappe Antwort. Sam setzte zum Widerspruch an, entschied sich dann aber doch für: "Okay, gehen wir einmal davon aus, du kannst ihr vertrauen, aus welchen Gründen auch immer. Eine Eskorte aus fünf Yllionischen Abfangjägern ist uns eine Nummer zu groß." "Nicht, wenn wir Hilfe kriegen." "Hilfe? Hast du etwa auch eine Freundin bei der Yllionischen Raumflotte?" "Nein, aber ich kenne ein paar Leute, die bestimmt auch am Hyperdrom interessiert wären." Er sah Sam kurz an, dann fügte er hinzu: "Und es sind keine Freundinnen von mir." "Aha. Und um wen handelt es sich dann, wenn ich fragen darf?" "Schon mal was von den 'Black Snakes' gehört?" Sam grübelte kurz. "Ist das nicht so eine Piratenbande unter diesem... wie heißt der Typ?" "Dexter. Ein Terraner." "Genau, Dexter. Und dem kannst du vertrauen?" "Wenn du genug springen lässt, kannst du jedem vertrauen", meinte Yxo nur. "Tolle Aussichten", seufzte Sam und nahm einen Schluck, "und wo finden wir diesen... Dexter?" "Früher oder später finden wir ihn hier auf der Station. Stell' dir vor, wir sind nicht die einzigen Piraten, die IG-25 als neutralen Schlupfwinkel verwenden."
Eher später als früher. Sam und Yxo warteten mindestens einanhalb Wochen auf der Station, bis die Black Snakes auftauchten. Yxo gelang es, ein Treffen zu arrangieren.
"Bist du dir sicher, dass hier keine Sicherheitskameras sind?" wollte Sam von Yxo wissen und sah sich nervös um, während die beiden zwischen zwei Containern in einer Lagerhalle der Station warteten. "Ich bin mir sicher. Ich bin nicht so blöd, vor den Augen der ganzen Stationsleitung illegale Geschäfte zu machen." "Dann bin ich ja beruhigt." Ein leises Zischen verriet, dass die Tür geöffnet wurde. "Pst", machte Yxo und spähte vorsichtig um die Ecke eines Containers. Dann nickte er Sam zu und trat ins Licht hinaus, Sam folgte seinem Beispiel. Die beiden gingen auf die kleine Gruppe zu, die bei der Tür stand und die Umgebung aufmerksam musterte. Die Black Snakes waren insgesamt fünf Personen, größtenteils Terraner. Den ersten Menschen, der deutliche slawische Gesichtsmerkmale trug, hätte Sam sicher nicht als Pirat eingeschätzt. Es war ein eher kleiner Typ, der Zivilkleidung aus herkömmlichem Stoff trug, offenbar unbewaffnet. Dann war da eine Terranerin von womöglich nordischer Abstammung, mittelgroß und mit selten gewordenen blonden Haaren. An ihrem Techniker-Overall trug sie einige Werkzeuge sowie einen Impulsblaster bei sich. Der nächste "Black Snake" war ein Wesen, das mit seiner wulstartigen Nase, der grünen Hautfarbe und dem augenähnlichen Radiowellenempfänger an der Stirn und traditioneller Kutte eindeutig ein Oren war. Außerdem war da ein Esialo mit grauer Hautfarbe und dem typischen Esialo-Schädel, der einem menschlichen Reptil durchaus ähnelte. Angeführt wurde die Bande natürlich durch Dexter persönlich, ein Durchschnitts-Mensch der verschiedenste Gesichtszüge vereinte und ein arrogantes Grinsen auf den Lippen hatte, das ihn auf den ersten Blick unsympathisch machte. "Hey, Dexter!" rief Yxo und rammte ihm zur Begrüßung die Faust ins Gesicht. Der Terraner wurde herum gewirbelt und schlug bäuchlings hart auf dem Boden auf. Yxo packte ihn an seiner schwarzen Pilotenjacke und hob ihn auf. Um keine halben Sachen zu machen, schlug er ihm die andere Faust in die Magengrube, dann ließ er ihn los. Dexter krümmte sich röchelnd, richtete sich aber schnell wieder auf, um tief durch zu atmen und blickte Yxo feindseelig an. Zäh war er, aber Sam bezweifelte, dass er das auch dann noch wäre, hätte Yxo richtig zugeschlagen. Allerdings bezweifelte Sam auch den diplomatischen Wert von Yxos Aktion. Der Rest der Black Snakes beobachtete Dexter und wartete, was er tun würde. "Was willst du, Drecks-Cilly?" fragte er schließlich Yxo. Na, sind wir ein kleiner Rassist? Sam hielt es für besser, den Gedanken nicht laut auszusprechen. "Ich will dir einen Vorschlag unterbreiten, und wenn du mich noch mal so nennst, verlässt du diesen Raum nicht mehr auf zwei Beinen." "Was für einen Vorschlag?" "Nun, zuerst: Haben du oder deine geistigen Hilfszwerge hier schon mal den Begriff Hyperdrom gehört?" Yxo erzählte den Black Snakes das Wichtigste über die Hyperdrom-Legende und über den Fund. "Toll. Und was hat das mit uns zu tun?" "Bist du so schwer von Begriff?" wollte Yxo mit einer Aggressivität wissen, von der Sam mittlerweile wusste, dass sie aufgesetzt war. "Ich biete euch hier die Chance, auf einmal eine Riesenmenge Geld zu machen. Wir entführen das Hyperdrom und erpressen die Yllionen. Entweder Geld oder etwas weniger Kulturerbe..." Dexter lehnte sich an einen Container und verschränkte die Arme. "Nette Idee. Wie hast du dir das vorgestellt?" "Wir kooperieren. Wir setzen direkt nach dem Start des Transports die Eskorte außer Gefecht, kapern den Frachter, und machen uns dann damit davon, in seinem Tarnkappenfeld. Von einem sicheren Ort aus stellen wir unsere Forderungen an die Yllionische Regierung." "Was für Forderungen wären das, und wie viel würde dabei für uns heraus springen?" "Frachtgut im Wert von mindestens einer Million Trenomien, und ihr würdet 30 Prozent bekommen." "Vergiss' es, Cilly." Dexter machte Anstalten, zu gehen, als ihn Yxo an der Schulter zurück hielt, herum riss, und mit der Faust ausholte. "Okay, okay, okay, ich nehm's zurück!" wimmerte Dexter. Der ein oder andere der Black Snakes grinste zurückhaltend. "Clever", stellte Yxo fest und ließ Dexter los. "Vergiss' nicht, dass ich die ganzen Informationen beschafft habe", führte er Dexter vor Augen, "40 Prozent, und keine Trenomie mehr, und wenn du mich jetzt noch mal Cilly nennst, kommst du nicht mehr so leicht davon." "45", forderte er. "40", beharrte Yxo, "ihr seid nicht die Einzigen, an die ich mich wenden kann. Erdling." "Nun gut..." Dexter nickte. "Wenn dein Plan wirklich so toll ist..."
Der Boden vibrierte unter den Triebwerken des Spezialtransporters. Ein mattes Leuchten drang unter dem Rumpf des riesigen Raumschiffs hervor, dann erhob es sich langsam von dem felsigen, toten Untergrund. Im geringsten möglichen Sicherheitsabstand standen die Archäologen herum und beobachteten den Start angespannt, während ihnen der Staub um die Helme geweht wurde.
Sogar im mehrere Kilometer entfernten Koloniezentrum war noch die Erschütterung der Gravitonentriebwerke zu spüren. "Kontrolle an Staffel", sprach Cilc, während er sich nervös über das Terminal beugte, "wir haben das Hyperdrom soeben gestartet." "Bestätigt", erwiderte der Staffelführer, "wir haben Sichtkontakt. Passen Kurs und Geschwindigkeit dem Transporter an." Die Stimmung auf der Brücke war angespannt. Was wäre, wenn irgend etwas schief ging?
Langsam verwandelte sich der senkrechte Aufstieg des Spezialfrachters in einen diagonalen Kurs nach oben. Schwerfällig bewegte sich der flache, fast runde Rumpf des Schiffes mit den glühenden Gravitonentriebwerken an der Unter- und Heckseite durch die Wolkenbänder hindurch. Von hinten her näherten sich fünf kleine Jäger, bei jedem sah der Rumpf aus, wie ein Hufeisen, mit der Biegung an der Vorder- und mit einer aufgefüllten Innenseite, von deren Zentrum aus ein Pylon mit einer Kanone am Ende nach oben ragte. Die sechs Schiffe begaben sich in eine V-Formation, der Frachter an der Spitze.
Immer höher stieg die kleine Flotte in die Atmosphäre hinauf, bis sie die lückenlose Wolkendecke hinter sich gelassen hatte. Sterne funkelten in der Dunkelheit, und quer über den Horizont zog sich ein breites, milchiges Band, die inneren Bereiche der Andromeda-Galaxie.
Cilc drehte sich zu einem Cilthroiden um. "Leiten Sie jetzt Energie in die Tarnkappe." "Bestätigt." Er hackte kurz an seinem Terminal herum, beobachtete dann einige Zeit die Anzeigen und meinte: "Energie jetzt bei zwei Prozent..." "Professor-Commodore", platzte plötzlich ein Yllione dazwischen und drehte sich von seinen Kontrollen um. Sein Auge weitete sich. "Fünf kleine Raumschiffe treten ins System ein! Sie senden keine ID-Kennung, und sie werden gleich aus dem Hyperraum fallen!" "Das ist nicht gerade beruhigend... Tarnkappe?" "Fünf Prozent", antwortete der Cilthroide. "Staffel in höchste Alarmbereitschaft", befahl Cilc, "öffnen Sie einen Kanal zu den unbekannten Schiffen." "Geöffnet." "Hier spricht Commodore Cilc vom Ausgrabungszentrum. Brechen Sie den Anflug ab!" "Keine Antwort", meldete der Yllione beunruhigt.
Einige tausend Kilometer über dem Planeten fielen die Piraten in den Normalraum zurück, aus den tiefen des Sub-Hyperraums. Fünf grelle Rückfallblitze zuckten dicht hintereinander durch die Finsterniss, dann nahmen die fünf Schiffe direkten Kurs auf den Hyperdrom-Transporter. An der Spitze der Staffel flog Yxos schwer bewaffneter Sicherheitstransporter "Lebensquell". Der schwer bewaffnete Cilthroidsche Transporter besaß eine simple, flache Stromlinienform. Aus dem sanft gewölbten Bug des grünlich-grauen Rumpfes ragten zwei schwere Energiebündelkanonen, im Heck glühten die Gravitonentriebwerke. Des weiteren bestand die Piratenflotte aus Sams Terranischen Jäger der Dragonfly-Klasse "Savage Eagle" mit seinen beiden geschützbesetzten Deltaflügeln, sowie den Schiffen der Black Snakes, einem weitgehend tonnenförmigen Transporter der Starlight-Klasse, der den Namen "Viper" trug, und zwei Terranischen Kanonenbooten der Orca-Klasse. Jedes der Kanonenboote hatte einen flachen, stromlinienförmigen Rumpf mit backbord und steuerbord fließend angeschlossenen, nach hinten deutenden Pylonen, an deren Enden Hyperraum-Strukturbrecher-Kanonen angebracht waren, die Boote waren ungefähr 30 Meter lang. Eines trug den Namen "Rattlesnake" und war mit allerlei Beschimpfungen gegen verschiedene Ordnungsstreitkräfte verziert, das andere, Dexters Schiff, hieß "Black Snake", ein Name, der auch zur Farbgebung des Kanonenboots passte.
Ruckartig drehte der Spezialtransporter den Bug auf einen Kurs parallel zur Planetenoberfläche und zündete erneut die Triebwerke, um das Hyperdrom hinter dem Planeten in Sicherheit zu bringen, während seine Begleitstaffel voll beschleunigte, um die Piraten abzufangen.
"Savage Eagle?" fragte Yxo. "Bin bereit", bestätigte Sam. "Viper?" "Bereit", bestätigte ein Terraner. "Rattlesnake?" "Klar", bestätigte der Esialo. "Black Snake?" "Wer hat dich eigentlich zum Staffelführer gemacht, Cilly?" wollte Dexter wissen. Yxo ging nicht darauf ein, stattdessen meinte er: "Der Transporter flüchtet. Wenn er mit der Tarnkappe hinter dem Planeten verschwindet, haben wir ihn endgültig verloren, also schlage ich vor,..." - er betonte die letzten drei Worte besonders - "... dass Sam versucht, am Transporter dran zu bleiben, während wir die Eskorte beschäftigen." "Warum nicht einer von uns?" lautete Dexters prompte Gegenfrage. "Weil ein Kanonenboot nicht entbehrlich und euer Frachter zu langsam ist, verdammt noch mal!" Er atmete tief durch. "Also, sobald wir mit den Jägern aneinander geraten, verlässt du den Verband und versuchst, den Transporter einzuholen", wandte sich der Cilthroide an Sam. "Ist das alles?" wollte Sam wissen. "Ich hab' mir das hektischer vorgestellt..."
Die Yllionischen Jäger feuerten.
Geistesgegenwärtig ließ Yxo sein Schiff nach Steuerbord wegbrechen, die Salve des Yllionen ging ins Leere. Sam zog die Savage Eagle nach oben, ein Schuss streifte seine Schutzschilde.
"Okay, Leute, jetzt geht's los!"
Die Piraten erwiderten das Feuer aus allen Rohren.
Geschickt manövrierten die Yllionen durch den Hagel an Schüssen, doch ein Hyperraumstrahl traf einen direkt in den Bug. Funken sprühten auf, der Überladungsschuss setzte das Schiff außer Gefecht. Die übrigen Yllionen schossen ununterbrochen, während sich die Piratenflotte aufspaltete und von verschiedenen Richtungen aus wieder das Feuer eröffneten.
Sam versuchte, einen der Jäger mit dem Kom anzupeilen und grinste: "Ich geh' jetzt, macht euch doch hoffentlich nichts aus. Aber vorher lass' ich euch ein Abschiedsgeschenk da!"
Die Rakete unter dem Flügelpylon der Savage Eagle zündete die Triebwerke, flog einen Bogen und raste frontal auf einen Jäger zu, während Sam Kurs auf den Hyperdrom-Transporter nahm und voll beschleunigte. Der Yllione visierte die Rakete gezielt an, feuerte zwei- dreimal daneben, dann wurde das Missile von einem gezielteren Schuss in Stücke zerfetzt. Ruckartig riss er die Kanone wieder nach oben, doch schon hagelten die Schüsse aus Yxos Energiekanonen auf seine Schilde ein. Nach ein paar Treffern flog er ein Ausweichmanöver, schoss ein paar Male auf die Lebensquell, um dann unter dem Gegenfeuer das Manöver abzubrechen und ohne Steuerung im Raum zu treiben. Erledigt.
Sam warf einen Blick auf seinen Scannerbildschirm. Der Frachter war unbemannt. Das war allerdings auch nicht weiter verwunderlich, bei dem Risiko, den so ein Transport eventuell bedeuten könnte.
Während der dritte Yllione sich in einem blitzartigen Manöver hinter den Piraten-Frachter Viper gebracht hatte, widmeten sich die übrigen beiden dem Kanonenboot Rattlesnake und nahmen es von oben und unten her unter Kreuzfeuer. Die Schilde blitzen auf, ein Schuss aus dem Strukturbrecher ging weit daneben. Das Kanonenboot raste zwischen den beiden Jägern hindurch, die daraufhin scharf wendeten und sich direkt dahinter brachten. Dauerfeuer, die Schilde der Rattlesnake glühten unter dem Beschuss auf, um schließlich zu verlöschen.
"Scheiße", rief der Esialo und wandte sich an die Terranerin, während das Schiff durchgeschüttelt wurde: "Wir haben die Waffensteuerung verlo..." Die Steuerungskonsole zischte, instinktiv zog der Esialo die Finger zurück. Sie begann zu glühen. "Oh, verdammt!" Die Bildschirme und Kontrollen erloschen.
Die schweren Plasmakanonen der Viper nahmen den ersten der beiden Jäger unter Beschuss, während sie selbst von hinten unter Dauerfeuer stand. Ein paar der Plasmaladungen aus dem Frachter trafen, dann folgte ein geschicktes Ausweichmanöver seitens des Yllionen, doch ein weiter Treffer reichte... Ein weiterer Yllionischer Jäger manövrierunfähig.
Ein direkter Treffer mit dem Hyperraum-Strukturbrecher der Black Snake rettete die Viper vor ihrem Angreifer, und der letzte noch verbleibende Yllione startete einen Frontalangriff auf die Black Snake, den er keine zwei Sekunden durchhielt.
"Jipaah!" brüllte Yxo. "Damen und Herren", lachte der Pilot der Viper, "ich präsentiere Ihnen...:"
Er stoppte sein massives Schiff direkt vor einem der treibenden Yllionischen Jäger, dessen Pilot nun vermutlich fluchte, wie noch nie.
"...Weltraumschrott!" "Ihr seid ja furchtbar witzig", meldete sich der Esialo von der Rattlesnake über das Kom, "aber wir hätten hier ein kleines Problemchen... Wir sind manövrierunfähig." "Keine Sorge", entgegnete der Viper-Pilot, "ich nehm' euren Kahn an Bord." Der Esialo schniefte gekünstelt. "Ach. Es ist wirklich schön, so gute Freunde zu haben."
Der Yllionische Transporter erlosch von den Schirmen. "Verdammt!" fluchte Sam.
Der Cilthroide im Kontrollzentrum grinste Professor-Commodore Cilc an. "Tarnkappe aktiviert!"
"Wir haben ihn verloren", presste Sam wütend zwischen den Zähnen hervor. "Willst du mich verarschen?!" quietschte Dexter. "Gute Idee", entgegnete Sam, "aber nicht jetzt. Unser Freund hat die Tarnkappe aktiviert." Yxo atmete tief durch. "Das kann doch nicht sein... So eine Scheiße!" "Er kann uns doch jetzt nicht einfach so entkommen sein..." stammelte der Esialo. "Hmm...", machte Sam, "vielleicht... Ihr wartet hier." "Was hast du vor, Terraner...?" erkundigte sich Yxo, doch Sam zündete schon wieder die Gravitonentriebwerke und nahm Kurs auf die ungefähre vorherige Position des getarnten Hyperdrom-Transporters.
Mit atemberaubender Geschwindigkeit raste die Savage Eagle hoch über die Atmosphäre des Planeten hinweg.
Aufmerksam suchte Sam durch seine Sichtkuppel den Weltraum über dem Horizont ab. Sterne, nichts als Sterne. Beinahe hätte Sam den grell leuchtenden Punkt in geringer Höhe nur für einen weiteren besonders hellen Stern gehalten, doch die Bewegung des Lichtpunkts verriet ihn... "Ich hab' ihn!" triumphierte er und sendete eine kurze Meldung an den Planeten: "Habt ihr etwa geglaubt, ihr könnt mich so leicht abschütteln?"
"Was meint er damit?" wollte Cilc wissen. "Dass er direkten Kurs auf den Transporter hat", erwiderte der Cilthroide niedergeschlagen.
Noch immer liefen die Triebwerke des Frachters auf vollen Touren, weißglühend, doch jetzt war ein Fluchtversuch sinnlos. Die Savage Eagle raste über den Rumpf des gigantischen Raumschiffs hinweg, drehte einen knappen Kilometer vor dem Bug um und flog wieder zurück, umschwärmte den Transporter wie eine blutgierige Mücke.
Plötzlich tauchte der Hyperdrom-Transporter wieder auf dem Scannerschirm auf. Der Transporter hatte nicht nur die Tarnkappe wieder deaktiviert, sondern auch noch die Schutzschilde gesenkt. Verdutzt starrte Sam auf die Anzeige, dann aus der Sichtkuppel, und beobachtete, wie die Triebwerke des Kolosses vor ihm erloschen. "Hier spricht Professor-Commodore Cilc vom Ausgrabungszentrum. Wir kapitulieren. Bitte feuern Sie nicht auf das Hyperdrom. Ich wiederhole: Feuern Sie nicht auf den Frachter." Ein breites Grinsen zog sich über Sams Gesicht. "Ich nehme ihre... Bedingungen an." "Terraner", meldete sich Yxo, "perfekt! Geh' auf den Frachter und finde heraus, wie man das Teil steuert, Dexter, einer von deinen Technikern sollte mitkommen, falls es technische Schwierigkeiten gibt."
Dexter nickte dem Oren im Sitz neben sich zu und sprach ins Kom: "Einverstanden, aber wir sollten uns unbedingt beeilen!"
Alles lief wie am Schnürchen. Die Viper nahm die beschädigte Rattlesnake an Bord, und innerhalb von fünf Minuten hatten die Dragonfly und die Black Snake am gestellten Hyperdrom-Transporter angedockt.
Auf dem Frachter, der das Hyperdrom trug, herrschte Totenstille. Das einzige Geräusch, das Sam hören konnte, war sein eigener Atem, der unter dem Helm des Raumanzugs wie Meeresrauschen klang. Vorsorgend schloss er das Schott unter sich wieder, damit auch kein Nachtgespenst seinen Jäger kaperte, dann zog er seine EM-Impulspistole und machte sich auf den Weg durch den langen, gekrümmten Gang. Die Lampe an seinem Helm leuchtete den Korridor bis auf etwa zehn Meter aus und offenbarte fremdartig wirkende Kontrolltafeln an den Wänden und einen durchsichtigen Boden, durch den verschiedene Leitungen verliefen. Er kam sich vor wie in einem verlassenen Geisterschiff, doch der Schein trog. Er musste sich beeilen, er hatte keine Ahnung, ob sich die Yllionen unten auf dem Planeten gerade irgend etwas ausdachten. Plötzlich wurde die Stille schlagartig gebrochen. Laut hörbar lief eine ganze Reihe verschiedener Maschinen an, das Licht schaltete sich ein, und ein Zischen sowie ein kurzer Blick auf die Anzeige am Arm seines Raumanzugs verrieten Sam, dass die Gänge unter Atmosphärendruck gesetzt wurden. "Celtros?" fragte er in das Kom seines Helms und meinte damit den Oren, der von oben her in das Schiff eingedrungen war. "Alles geritzt", gab dieser zur Antwort, "es lohnt sich, mal als Netzfahnder bei den Bullen gewesen zu sein. In das Versorgungssystem dieses billigen Transporters kann ich mich noch allemal einhacken." Sam grinste, nahm seinen Helm ab und machte sich im Laufschritt auf zu der Leiter, die nun deutlich sichtbar am Ende des Ganges nach oben führte.
Die Anzeigen vor dem Cilthroiden erloschen, gefolgt von einer Fehlermeldung. "Der Kontakt zum Transporter ist abgebrochen", rief er entgeistert, "die haben den Sicherheitscode geknackt!" Cilcs Auge schrumpfte. "Was für ein Desaster..." murmelte er bitter.
Sam kam praktisch gleichzeitig mit Celtros auf der Brücke an. Der Mensch von der Leiter aus einer Bodenluke, der Oren durch die Tür in der Seitenwand des Raums. "Da wären wir also", meinte Celtros und sah sich um, "jetzt bist du aber an der Reihe. Ich hoffe, du kannst das Ding fliegen." Er machte eine Handbewegung über die grünlich leuchtenden Kontrollen vor dem breiten Cockpit-Sichtfenster. Sam beugte sich darüber und tippte, scheinbar gezielt, darauf herum. "Die Kontrollen sind... Yllionisch, aber auf der Akademie haben wir in groben Zügen gelernt, mit den wichtigsten Arten von Terminals umzugehen. Ich denke, ich kann sie fliegen, und die Tarnkappe kriege ich auch zum Laufen." "Gut." Der Oren zog ein kleines Scannergerät aus dem Gürtel. "Falls jemand einen versteckten Hyperfunk-Sender platziert haben sollte", erklärte er, "finden wir ihn hiermit, sobald er zu senden anfängt. Außerdem können wir hiermit die Funktion des Hyperantriebs überwachen, auch ohne auf diese merkwürdigen Anzeigen zurück greifen zu müssen." Sam, der bis jetzt an dem Terminal herum gespielt hatte, blickte auf. "Perfekt. Dann müsste eigentlich alles glatt gehen. Ich komme hier jedenfalls zurecht." Er drehte sich um und starrte auf die Rückwand des Cockpits, die eine einzige, graue Fläche war. "Sesam, öffne dich", murmelte er leise vor sich hin. Den fragenden Blick des Oren beantwortete er mit: "Das hat mit Terranischer Literatur zu tun", und drückte eine Schaltfläche am Terminal. Mit einem Zischen fuhr die Wand in die Decke und offenbarte eine Sichtscheibe, die einen direkten Blick in den Frachtraum ermöglichte.
Die Kuppel des Laderaums schmiegte sich dicht an das Hyperdrom und hob dessen Fremdheit nur noch hervor. Die glatte, hin und wieder von Trennnähten durchzogene Decke aus der modernen Yllionischen Welt stand zu der spiralförmig durchfurchten, fast steinartig rauhen Oberfläche des krakenförmigen Raumfahrzeugs in so starkem Kontrast, dass es absurd erschien, diese beiden Konstruktionen dem gleichen Erbauer zuzuordnen. Und doch waren sie Schöpfungen einer einzigen Zivilisation, einer Zivilisation, die endlich gefunden hatte, was sie schon so lange gesucht hatte.
Sam kam sich plötzlich schlecht vor. Vielleicht hatte er sich den falschen Lebensstil ausgesucht, aber es war nicht korrekt, eine Kultur derart zu erpressen. "Beeindruckend, nicht wahr?" meinte der Oren. "Unglaublich", bestätigte Sam, "eine faszinierende Konstruktion." "Eine Klospülung ist auch eine faszinierende Konstruktion", fuhr Yxo über das Kom dazwischen, "würdet ihr euch vielleicht beeilen? Nur so ein Vorschlag, nicht dass wir noch irgendetwas zu tun hätten, oder so..." Sam drehte sich wieder zu den Kontrollen um und tippte darauf herum. "Aber klar doch, Cilly", antwortete er mit einem breiten Grinsen. Nach einer kurzen Pause entgegnete Yxo: "Na toll... Jetzt muss ich euch beide umbringen, diesen Dexter und dich. Aber na gut, mir soll's recht sein." "Bevor du mit deinem Gewehr hier rüber kommst und ein Massaker veranstaltest, sollten wir alle uns erst mal davon machen. Sag Dexter, er soll abkoppeln, Celtros und ich bleiben hier an Bord. Ihr kommt bis auf fünf Kilometer an uns ran, damit ihr im Tarnkappenfeld mitfliegen könnt. Programmiert den Frachter in den Navigationscomputer ein, damit wir gleichzeitig in den Hyperraum starten können. Sag mir, wenn ihr bereit seid."
Eine knappe Minute später hatten sich alle drei noch frei beweglichen Piratenschiffe um den Transporter versammelt. Die Triebwerke der Raumschiffe glühten auf, dann blitzten vier grelle Lichter durch den Weltraum.
"Sie sind weg", erklärte ein Yllione in der Kommandozentrale der Ausgrabungsbasis tonlos, "sie fliegen unter der Tarnkappe des Transporters mit." Cilc sagte nichts.
In den nächsten drei Stunden änderte die kleine Flotte alle 30 Minuten den Kurs, um auch die letzten unliebsamen Gäste, die den getarnten Piraten eventuell nach Gutdünken hätten folgen können, abzuhängen. Nachdem die Technikerin der Rattlesnake ihr Schiff wieder in Gang gebracht hatte, bezogen die Piraten weit über der Andromeda-Galaxie Stellung und berieten untereinander, was als nächstes zu tun war.
Sam und Celtros hatten mittlerweile die Raumanzüge abgelegt. Celtros trug nun ein helles, mit bunten Stoffstreifen verziertes Gewand, was bei den Oren wohl eine gewisse kulturelle Bedeutung hatte, und Sam hatte es sich in T-Shirt und Trainingshose bequem gemacht. Vom einen Moment auf den nächsten begann Celtros Hyperfunk-Scanner zu piepsen. "Was ist das?" wollte Sam wissen und blickte den Oren verdutzt an. "Ein versteckter Sender hat gerade zu funken angefangen", erklärte dieser beunruhigt. "Kannst du ihn zerstören?" platzte Dexter über das Kom dazwischen. "Ich denke schon. Er befindet sich..." Der Oren blickte noch einmal prüfend auf sein Gerät, dann auf die Navigationskontrolle. "Genau hier!" vollendete er den Satz, stand auf und versetzte einer Abdeckplatte unter dem Terminal einen siegessicheren Tritt. Die Explosion war verheerend.
"Lebensquell an Transporter... Verdammt, Sam, meldet euch!" Yxo blickte durch das Sichtfenster den Transporter an, dessen Brückenbeleuchtung nach einem grellen Aufblitzen erloschen war. Aus dem Kom drang nur Rauschen, bis Dexter sich meldete: "Celtros antwortet auch nicht." "Verflucht, was war das für eine Explosion?" "Laut unserem Scanner die Detonation eines chemischen Sprengstoffs", erklärte der Esialo von der Rattlesnake. Yxo sah noch einmal den bewegungslos im All schwebenden Transporter an: "Dexter, hör zu: Wir gehen jetzt da rüber!" "Oh, das könnte dir so passen, Cilly. Ohne mich." "Du hast mich nicht verstanden, das war keine Frage!" "Cilly, du bist ja wahnsinnig! Du kannst meinetwegen rüber, aber ich will hier weg sein, bevor die gesamte Yllionische Flotte aufkreuzt!"
Energieentladung. Gefahr.
"Oh, du erbärmlicher Feigling! Da drüben ist dein Bordtechniker und..." "...und was? Ein 'Artgenosse'? Wie schön. Es ist mir scheißegal! Wahrscheinlich sind sie sowieso schon hinüber. Aufgepasst Leute, wir machen, dass wir verschwinden. Kurs auf IG-25." "Celtros ist da drüben", widersprach der Esialo kompromisslos, "und wenn MEINE Scanner mich nicht gerade verarschen wollen, dann sind er und der Terraner noch am Leben - noch."
Transferbeginn.
Yxo atmete tief durch, beugte sich zu seinem Terminal vor und sprach langsam und deutlich: "Ich werde die beiden nicht im Stich lassen." "WIR werden die beiden nicht im Stich lassen", widersprach der Esialo, "und wir werden hier auch nicht mehr lange mit dir diskutieren... Erdling!" "Was ist das hier?" drang die überraschte Stimme der Technikerin der Rattlesnake aus dem Kom. Ein verwundertes, beunruhigtes Getuschel war aus dem Lautsprecher zu hören, Yxo warf einen kontrollierenden Blick auf seinen Scannerbildschirm. "Der Frachter hat ein Kühlmittelleck!" stellte er entsetzt fest. "Das muss durch die Explosion geschehen sein", vermutete der Esialo, "wir müssen Celtros und den Terraner sofort da raus holen!" Dass die Black Snake und die Viper ihre Hyperantriebe anlaufen ließen, um zu verschwinden, beachtete Yxo nicht, jetzt gab es Wichtigeres. Sollten diese beiden Erdlinge doch machen, was sie wollten... "Ich docke direkt an die Brücke des Frachters an", schlug Yxo hastig vor, "mit meinem Gewehr kann ich dann die Hülle durchbrechen und die beiden direkt erreichen!" "Einverstanden. Aber beeil' dich!"
Gerade, als die Viper und Dexters Kanoneboot Black Snake in den Hyperraum eintraten und das Gebiet verließen, startete Yxo direkt auf den Yllionischen Spezialtransporter zu.
Yxo musterte aufmerksam den Rumpf des Frachters, während er direkt darüber hinweg jagte. "Wo ist das austretende Kühlmittel?" fragte er die zwei übrigen Black Snakes auf der Rattlesnake. "Wenn das hier stimmt", antwortete die Technikerin und bezog sich dabei vermutlich auf die Scanneranzeigen der Rattlesnake, "dann tritt das Kühlmittel in den Frachtraum ein." "Das ist auch nicht gut", merkte der Esialo an, "wir wissen nicht, was passiert, wenn die Hülle des Hyperdroms starken Temperaturschwankungen ausgesetzt wird."
Transfer komplett. Beginn der Startphase.
"Hey!" rief Yxo plötzlich und starrte völlig überrascht auf den Scannerschirm. "Ich seh's auch", stellte der Esialo fest, "es tritt kein Kühlmittel mehr aus! Dafür gibt es einen riesigen Energieanstieg... direkt aus dem Hyperdrom!" "Was zum Teufel passiert da?" "Es sieht ganz nach einer Art Sub-Hyperspulen-Überladung aus", stellte die Technikerin der Rattlesnake fest, "verdammt, Leute, das ganze Ding fliegt uns gleich um die Ohren!" "Wie..." "Die Spulen des Hyperdroms explodieren gleich", erklärte sie etwas eindeutiger, "ich meine, wir kriegen hier gleich eine Hyperraum-Schockwelle! Wir müssen hier weg." "Vergiss' es, nicht so lange Sam und der Oren da drinnen sind!" fuhr Yxo sie an. "Das schaffen wir aber nicht mehr!" widersprach die Terranerin. "Halte wenigstens den Hyperantrieb bereit", fuhr sie dann in gemäßigterem Ton fort. "Das ist sowieso klar."
Sam schlug die Augen auf. Zuerst fiel ihm das grün pulsierende Licht im Raum auf, dann, dass die Brücke praktisch vollkommen zerstört war. Erst dann begannen die Schmerzen. Er röchelte etwas, hob unter entsetzlichen Schmerzen den Kopf und wurde geschockt: Durch die Löcher in seiner angebrannten Kleidung war verkohlte, Blasen schlagende Haut zu sehen. Er wollte Husten, doch daraus wurde nur ein klagender Laut. Dann hob er die Arme, zumindest die Unterarme. Seine Handflächen waren größtenteils in Ordnung, die schlimmsten Verbrennungen waren von den Knien an abwärts, wo auch kleine blutende Wunden zu sehen waren. Dort, wo ihn das Terminal nicht vor Splittern geschützt hatte. Spüren konnte er aber keinen sonderlich großen Unterschied mehr... Verdammt, wo war Celtros? Sam atmete tief ein, zumindest versuchte er es, und stemmte sich auf den Unterarmen nach oben. Er schrie auf, doch sich wieder auf den Rücken fallen zu lassen, hätte ihm vermutlich noch viel größere Schmerzen bereitet. Auf der anderen Seite der in Schutt und Asche liegenden Brücke, also ungefähr unendlich weit entfernt, lag regungslos der Körper des Oren, der ähnlich schwer verletzt war. Vielleicht tot.
Der Rumpf der Lebensquell klammerte sich endlich an der Brücke des Hyperdrom-Frachters fest. Quälend langsam fuhr ein Verbindungsschlauch aus der Luke des Piratenschiffs nach unten.
Sam raffte seine letzten Kräfte zusammen, doch sie reichten gerade dazu, sich an den Resten des Navigationsterminals nach oben zu ziehen. Er öffnete den Mund, heraus drang ein erstickter Lufthauch, dann fiel sein Blick durch die durchlöcherte Sichtscheibe zum Frachtraum. Das Hyperdrom pulsierte grell hellgrün, oder besser gesagt, die Rillen im Hyperdrom. Die spiralförmig um die Beine geschlungenen Nähte leuchteten in Abständen von etwa zwei Sekunden auf und erloschen wieder, um dann wieder aufzuleuchten. Mit jedem Mal heller.
Yxo öffnete die Cockpittür, um nach unten zum Waffenschrank zu gehen. "Wir müssen jetzt abhauen!" brüllte die Terranerin durch das Kom. "Warum?" "Die Energiemenge steigt ins Unermessliche... Raus, du sturer Cilly, verschwinde!" Yxo sah hilflos die Leiter nach unten zur Bodenluke. Gewehr holen, durch die Luke, Hülle des Transporters durchbrennen, beide Verletzten rausholen, zurück... Wenn das, was die Terranerin eben gesagt hatte, stimmte, dann war ein Rettungsversuch jetzt hoffnungslos. Verdammt, er konnte Sam und Celtros nicht im einfach Stich lassen!
Das unglaublich grelle Aufleuchten am Hyperdrom ließ Sterne vor Sams Augen tanzen. Der Lichtschein erlosch nicht wieder, jetzt drang ein schrilles Pfeifen in Sams Ohren. Er verlor endgültig das Gleichgewicht und schlug mit dem Rücken auf dem verbrannten Schaltpult auf. Er wurde wieder bewusstlos.
Und das Hyperdrom ging in die Endphase.
Yxo atmete tief ein. Sämtliche Kontrollen in seinem Cockpit schlugen Alarm. Er starrte die Luke an, hechtete sich dann über seinen Pilotensitz und presste den Finger auf die Bestätigungstaste zum Start in den Hyperraum.
Der Hyperraum implodierte. Während sich das Raum-Zeit-Kontinuum um das Hyperdrom zu einem unendlich kleinen Punkt verdichtete, rasten die Lebensquell und die Rattlesnake davon.
"Was war das?" war das erste, was Yxo nach einer knappen Minute Flucht hervor brachte. "Eine... eine Art gigantische Hyperraum-Implosion", erwiderte die Technikerin der Rattlesnake entsetzt. "Verdammt, das kann nicht sein", entgegnete Yxo, "sie sind tot... Und zwar beide." Schweigen. "Wie konnte das nur passieren", brach der Esialo schließlich die erneute Stille. "Vielleicht hat die Explosion im Cockpit irgendwie das Hyperdrom überladen", vermutete die Terranerin verzweifelt, "Herrgott, woher soll ich das denn wissen?!" "Und was machen wir jetzt?" wandte der Esialo ein. "Wir fliegen zu IG-25", schlug Yxo vor, "dort sind wir sicher und können uns genauer überlegen, was wir tun sollen..." Er schwieg kurz, bevor er sich selbst widersprach: "Überhaupt nichts können wir tun. Sam und Celtros sind tot, wir haben das Hyperdrom zerstört, ..." "Wir haben das Hyperdrom nicht zerstört", widersprach ihm die Terranerin, "schuld ist doch ganz eindeutig, wer auch immer eine Bombe ins Cockpit eingebaut hat!" "Warum sollten die Yllionen Bomben in ihre eigenen Raumschiffe einbauen?" widersprach Yxo relativ kühl, während die Terranerin tief durchatmete und versuchte, sich zu beruhigen. "Ganz einfach", vermutete Sod, "wenn jemand der Transporter kapert und versucht, den Peilsender zu entfernen, wird er durch die Explosion umgelegt. Einfach und billig. Dann ist niemand mehr da, der das Schiff weiter fliegen könnte, und die Yllionen können es sich in aller Ruhe zurück holen." Die Terranerin seufzte verzweifelt. "Ich hätte sie da raus holen können!" fluchte Yxo wieder wütend in sich hinein. "Nein, das hättest du nicht! Du wärst auch mit drauf gegangen." Wieder herrschte mindestens eine Minute lang Schweigen, bis Yxo erneut das Wort ergriff. Er sprach mit düsterer Entschlossenheit. "Celtros habe ich nicht gekannt. Aber Sam war mein Partner. Wer auch immer das getan hat, wird dafür bezahlen, das schwöre ich euch!"
Langsam kam Sam wieder zu Bewusstsein. Erst nach wenigen Sekunden konnte er sich erinnern, was los war, und wieso er diese schrecklichen Schmerzen verspürte. Was war nur passiert? Dieses Mal brauchte er sich nicht aufzustemmen, denn er lehnte noch immer in der Hocke an den Überresten des Terminals, an dem er zusammen gebrochen war, und auf der anderen Seite der Brücke lag noch immer Celtros, regungslos. Sam wollte den Namen des Oren rufen, doch daraus wurde bestenfalls ein Röcheln. Er versuchte, tief durch zu atmen, und ließ sich dann auf den Bauch sinken. Ein grauenvoller Schmerz fuhr durch seinen Körper. Er japste, kniff die Augen zusammen und begann langsam, in Celtros Richtung zu robben. Nach dem zweiten Zug gab er auf. Es hatte ja doch keinen Sinn mehr. Er würde hier entweder abkratzen oder den Rest seines Lebens in einem Yllionischen Arbeitslager verbringen, natürlich vorrausgesetzt, dies hier war nicht schon die Hölle - viel schlimmer konnte sie jedenfalls nicht sein. Ja, richtig, das musste die Hölle sein. Sam stellte sich vor, wie Celtros mit jedem Zentimeter, den er vorwärts robbte, zwei weiter weg schwebte und aus der Ferne ein grausames Lachen erschallte, bis er ihn nach ungefähr 5000 Jahren irgendwie doch endlich erreichen würde, um festzustellen, dass er in auch keinem besseren Zustand war, als er selbst, so dass die beiden den Rest der Ewigkeit hier verbringen und sich Ein-Mann-kommt-in-die-Hölle-Witze erzählen müssten. Sam grinste über den Gedanken, was ihm zur Abwechslung einmal keine Schmerzen bereitete. Dann stieß er ein ersticktes Lachen hervor. "Und ich hab' mich schon gefragt, wann ich endlich durchdrehe..." röchelte er. Überraschend deutlich. Sprechen tat höllisch weh, aber was machte das jetzt schon... Er begann, einfach so mit Celtros zu sprechen. Er konnte nur flüstern, seine Stimme war kratzig. "Du freust dich, hä? Du flatterst jetzt gemütlich zwischen einem Haufen Engelchen herum und singst was auch immer die Oren so singen... wenn sie tot sind. Aber nein, ich muss mich hier quälen. Ich muss mir die schmerzhafte Zeit damit vertreiben, mit dir zu quasseln, obwohl du ja doch schon längst verreckt bist!" Die letzten Worte schrie er, hustete mehrere Sekunden lang, und begann dann, lauthals zu fluchen und Celtros zu beleidigen. Das funktionierte. Langsam regte sich der Oren, dann gab er einen knurrenden Laut von sich. Er atmete tief ein, stemmte sich in eine sitzenden Position und stand trotz seiner weitreichenden Verbrennungen, die noch schlimmer aussahen, als die von Sam, vollkommen auf. "Was ist los mit dir?" wollte Celtros besorgt von Sam wissen, wobei man deutlich heraus hören konnte, dass er auch Schmerzen hatte. Der Mensch lachte mittlerweile hysterisch. Das Leben war ja so ungerecht. Dieser Oren hatte erst ein gemütliches Nickerchen gemacht, um jetzt quietschvergnügt wieder aufzustehen. "Ich hasse dich", informierte Sam den verständnislos dreinblickenden Celtros und gönnte es sich, schon wieder das Bewusstsein zu verlieren.
Sam fühlte sich besser. Er konnte sich dunkel erinnern, vorher schon aufgewacht zu sein, aber dann war er wieder eingeschlafen. Er hatte ganz normal geschlafen, und nun lag er auf der Liege in der Kabine seines Jägers und im Pilotensitz vorne hatte es sich der mittlerweile wieder geheilte Celtros bequem gemacht, der sich nun an den Kontrollen der Savage Eagle zu schaffen machte. Der Oren war immer noch mit seinem Gewand bekleidet, das teilweise von Splittern durchlöchert und verkohlt war. Sam konnte spüren, dass auch er auch noch immer seine angesengte Kleidung trug, doch sie fühlte sich auf der Haut einfach nur kratzig an, nicht schmerzhaft. Seine Verbrennungen waren verschwunden, zumindest die schlimmsten. Er winkelte ein Bein an, und es tat nicht weh. "Was ist passiert?" fragte er den Oren. Celtros drehte den Kopf zu Sam und deutete auf den Zellwachstumsstimulator, der in einem offenen Erste-Hilfe-Kasten lag. "Eines muss man euch Terranern lassen, ihr habt ausgefeilte medizinische Kenntnisse." "Ich bin kein Terraner, sondern Kolonist. Und wir BRAUCHEN diese medizinischen Kenntnisse auch." Celtros verstand, worauf der Mensch hinaus wollte. "Unser Körper besitzt deutlich bessere Regenerationsfähigkeiten, als eurer", beantwortete der Oren die indirekte Frage. Sam warf einen Blick durch die Panoramakuppel seines Jägers nach oben und stellte fest, dass er noch immer mit dem Yllionischen Transporter gedockt war. Das Hyperdrom, was war damit passiert? Sam atmete tief ein, schwang die Beine von der Liege und stand auf. Er konnte sich ganz wunderbar bewegen, zumindest, soweit es die enge Kabine der Savage Eagle zuließ. "Wie hast du die Splitter aus meinem Körper bekommen?" fragte er verdutzt. "Das willst du nicht wirklich wissen." "Doch, das will ich wirklich wissen!" "Sagen wir so, auf der Brücke des Transporters ist jetzt eine ziemlich widerliche Blutlache." "Ich hätte es doch nicht wissen wollen. Trotzdem Danke." Sam sah Celtros über die Schulter. "Wo sind eigentlich die Anderen?" "Woanders." "Woanders?" Celtros wandte sich um und machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er sagte: "Wir haben ein Problem." "Der Satz ist schon aus den Frühzeiten der Raumfahrt", grinste Sam, "was für ein Problem, und warum sind unsere Leute 'woanders'?" Der Oren atmete tief durch. "Du hast acht Stunden geschlafen, und ich habe die Zeit genutzt, um unsere Position immer und immer wieder auf das Lichtjahr genau zu bestimmen, und ich kam jedes Mal aufs gleiche Ergebnis. Terraner, ..." Er machte eine Pause. "Was ist denn jetzt los?" wollte Sam ungeduldig wissen. "Wir müssen davon ausgehen, dass uns dieses Hyperdrom quer durch den halben Galaxienhaufen befördert hat." Der Mensch blickte den Oren ungläubig an, dann lachte er: "Alles klar." "Ja, so ist es!" Celtros hielt sich an der Leiter des Andockschlauchs über dem Cockpit fest und schwang sich aus dem Pilotensitz. "Es ist dein Schiff", meinte er zu Sam. Der Mensch quetschte sich ins Cockpit und in den Pilotensitz, dann hackte er an den Kontrollen herum, um selbst die Position zu überprüfen. Nach einigen Minuten drehte er sich entsetzt um und starrte den Oren an. "Das ist unmöglich", rief er, obwohl er es besser wusste, "laut diesen Angaben hier..." "...befinden wir uns 10 Millionen Lichtjahre von unserer vorherigen Position entfernt", vollendete Celtros den Satz, "eine Flugzeit von normalerweise 50 Tagen! Wir befinden uns mitten im Syde-Haufen." "Das ist ja am Arsch von Nirgendwo! Ein Haufen weißer Zwergsterne, mehr nicht. Was machen wir jetzt?" "Naja", meinte der Oren, "wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir fliegen auf konventionellem Wege zurück und brauchen dafür 50 Tage, oder wir versuchen, das Hyperdrom wieder in Gang zu kriegen." "Irgendetwas sagt mir, dass die erste Möglichkeit realistischer ist... Andererseits müssen wir damit rechnen, von Yllionischen Streitkräften abgefangen zu werden." "Verzwickt..." "Du bist doch so ein genialer Raumschifftechniker", grinste Sam, "jetzt kannst du mal zeigen, was du drauf hast. Bring' uns mit dem Hyperdrom zurück." "Vorausgesetzt natürlich, wir kommen überhaupt in das Hyperdrom rein." Sam verzog das Gesicht. "Öhm. Klar." "Aus was bestehen die Vorräte auf deinem Schiff und wie lange reichen sie?" wollte der Oren wissen. "Nun, alles mögliche Zeug, das wahrscheinlich auch für Oren zumindest essbar ist." "Das ist doch schon mal was. Wie viel?" "Naja. Für mich reicht es knapp 50 Tage, für uns beide dann eben 25." "Das reicht nicht", stellte Celtros besorgt fest, "zumindest nicht für einen konventionellen Rückflug. Wir sind auf das Hyperdrom angewiesen." Sam atmete tief durch. "Celtros, diese Technologie ist uns vollkommen fremd. Selbst wenn es uns gelänge, das Hyperdrom zu starten, können wir noch lange keinen Zielort festlegen. Ich bin Pilot, ich weiß wie knifflig es ist, an fremden Kontrollen rumzuspielen. Und überhaupt, wir wissen ja nicht einmal, WARUM das Hyperdrom gestartet ist!" "Aber einen normalen Rückflug können wir nicht schaffen. Selbst wenn wir uns irgendwie Nahrung beschaffen könnten, würden wir den Yllionen in die Hände fliegen." "Okay", nickte Sam nachdenklich, "versuchen wir's eben wirklich. Aber je länger wir uns damit aufhalten, am Hyperdrom herum zu fuhrwerken, desto mehr Zeit verlieren wir, in Form von Nahrungs- und auch Kühlmittel. Warum senden wir nicht einfach einen Notruf aus?" "Bist du wahnsinnig, Terraner?" "Wieso? Es ist vielleicht unsere einzige Chance, zu überleben, und hier weiß bestimmt niemand, wer wir sind, und wenn, dann ist es ihnen wahrscheinlich ziemlich egal." "Ach ja?" Celtros deutete nach oben auf den Frachter. "Und für was werden sie DAS halten?" "Wir lassen uns schon irgendeine Story einfallen", versprach Sam, "du weißt - es geht nicht anders!" Der Oren seufzte. "Nun gut. Wir senden einen Notruf aus, aber bis Hilfe kommt, arbeiten wir an einer Möglichkeit, das Hyperdrom zu starten." "Einverstanden", seufzte Celtros, "ich hab's ja gleich gewusst. Oren und Superzivilisationen, das verträgt sich nicht. Scheiß' Hyperdrom." "Und warum vertragt ihr euch nicht mit Superzivilisationen?" erkundigte sich Sam. "Weil die Fremden über 98 Prozent aller Oren liquidiert und die Heimat unbewohnbar gemacht haben. Deswegen stehen wir Supertechnologien ein klitzekleines bisschen skeptischer Gegenüber." Mit diesen Worten kletterte er zurück in den Frachter. Sam starrte eine knappe Minute lang aus dem Fenster, atmete dann tief durch, aktivierte das Kom und sprach hinein: "Mayday, hier spricht der Terranische Aufklärer Dragonfly 17, wir sitzen im Syde-Haufen fest. Wir haben nicht genug Kühlmittel und Nahrung für den Heimflug, erbitten Unterstützung..."
"Lebensquell und Rattlesnake, hier spricht IG-25 Flight
Control. Sie haben Andockerlaubnis an den Docks 98 und 99." "Bestätigt, Flight
Control."
Die beiden Schiffe rasten auf die gigantische Raumstation zu.
Eine halbe Stunde danach trafen sich die drei im Starlight. "Cilthroide, wie stellst du dir das vor?" wollte der Esialo wissen. "Das erzähle ich euch sicher nicht hier. Mittlerweile dürften sämtliche Yllionischen Behörden hinter uns her sein, und denen dürfte die politische Neutralität der Station ziemlich egal sein. Ich heiße übrigens Yxo." "Sod", erwiderte der reptilienhafte Esialo, "mein Name ist Sod." "Svenia", fügte die Terranerin hinzu. "Okay, dann frage ich anders", meinte Sod, "inwiefern wird wer dafür bezahlen?" Yxo atmete tief durch, dann antwortete er: "Mache dir niemals einen Cilthroiden zum Feind. Mir wird garantiert etwas einfallen. Etwas Gutes." "Und irgendwie willst du also erfahren, wer genau das Legen der Bombe veranlasst hat, damit du dich an ihm rächen kannst...?" "Ja", bestätigte Yxo knapp. Er atmete tief durch, dann stand er auf. "Hier können wir sowieso nicht gerade frei reden. Wir sollten auf mein Schiff gehen." "Okay, dort können wir uns weiter unterhalten. Aber ich weiß nicht, ob ich bei deinem Plan mitmache, sofern du überhaupt einen hast", wandte Svenia ein. "Wir haben auch so schon Einiges hinter uns", bekräftigte Sod, woraufhin Yxo seufzte. Die drei verließen das Lokal.
Auf dem Weg zu den Andockplätzen schwiegen sie, bis Yxo plötzlich sagte: "Halt." Die beiden Black Snakes sahen ihn fragend an, doch er schnitt ihnen mit einer Handbewegung das Wort ab. Langsam schlich er sich zu der Ecke im Gang, die sie eben passiert hatten, lauschte und packte den Yllionen an seinen oberen beiden Armen. Der Yllione japste, sein Auge zog sich zusammen, und er trat wild um sich - Yxo störte das nicht. "Loslassen!" brüllte das Wesen schließlich, weniger ängstlich als viel mehr befehlend. "Schnauze!" erwiderte Yxo. "Ist der euch im Starlight nicht aufgefallen?" fragte Yxo Sod und Svenia, die sich verdutzt anblickten. "Eine beeindruckende Beobachtungsgabe", merkte der Yllione an. "Wer bist du", brüllte Yxo, "rede!" "Das spielt keine Rolle", erwiderte das Wesen kühl. Yxo festigte seinen Griff, hob den Yllionen in die Luft und knallte ihn gegen die Wand. Langsam wiederholte er: "Wer bist du? Und warum verfolgst du uns?" "Selc", japste das Wesen, "Yllionischer Geheimdienst." Selc versuchte, mit der dritten Hand einen Dienstausweis aus der Tasche seines bunten Anzugs zu holen, doch Yxo vereitelte das, indem er ihm das Knie gegen die Hand rammte. "Ich glaub' dir auch so. Keine Tricks!" "Tricks?" Selc stieß so etwas wie ein humorloses Lachen aus. "Ich bitte Sie... Yxo. Das ist doch Ihr Name, oder? Im Augenblick sind ungefähr ein halbes Dutzend Partikelgewehre auf Ihren Kopf gerichtet. Sie können sich ja bei der Stationsleitung über diesen Bruch der Neutralität beschweren..." Yxo nickte und verzog das Gesicht. "Das glauben Sie doch selber nicht. Wie hätte eine schwerbewaffnete Einheit auf die Station kommen sollen? Und wenn sie uns verfolgt, warum braucht man dann Sie, he?" Mit einem Faustschlag in das Auge setzte er Selc außer Gefecht.
Die Andockschläuche der Lebensquell und der Rattlesnake zogen sich zurück.
"Hier spricht IG-25 Flight Control, Sie haben Starterlaubnis."
Die beiden Schiffe zündeten die Triebwerke und rasten von der Station weg. Zufällig schlug der silbern glitzernde, hufeisenförmige Yllionische Tramp-Frachter, der eben abgekoppelt hatte, den selben Kurs ein und verschwand gleichzeitig mit den Piraten im Hyperraum.
"Bleiben Sie dran!" befahl Selc und stellte sich an sein Kommandopult. "Aye, Sir", bestätigt der Pilot, ebenfalls ein Yllione, "sie sind jetzt auf 170 000 Lichtjahren pro Tag und halten die Geschwindigkeit." Selc seufzte. "Können Sie mehr aus der Kiste raus holen?" wollte er wissen. "Ich werd's versuchen." Selc beobachtete den taktischen Bildschirm am Kommandopult. Die beiden Raumschiffe kamen näher. "Perfekt. Wollen wir sie doch mal damit überraschen, was ein einfach Frachter so alles kann... Wie lange noch, bis wir in Reichweite sind?" "Zehn Sekunden. Neun... acht..."
"Jetzt wäre der richtige Augenblick..." presste Svenia hervor.
Innerhalb weniger Sekunden schleuderte die Lebensquell ihren Bug in einem wahnwitzigen Manöver regelrecht auf die andere Seite, raste den Yllionen plötzlich mit unfassbarer Sub-Hyperraum-Geschwindigkeit entgegen.
"Feuer!" schrie Agent Selc.
Zuerst gab die Lebensquell dicht hintereinander eine Salve aus der hyperraumfähigen Energiekanone ab, schwenkte nur Sekundenbruchteile danach zur Seite und raste mehrere Milliarden Kilometer an dem Missile vorbei, das der Yllionische Frachter abgefeuert hatte. Der erste Schuss von der Lebensquell verfehlte die Yllionen, der zweite und der dritte jagten direkt in den Bug des Schiffs. Innerhalb von zwei oder drei Sekunden zog die Lebensquell einen mehrere Lichtjahre durchmessenden Bogen, näherte sich dem Yllionen von hinten und jagte ihm ein halbes Dutzend Schüsse ins Heck. Die Schilde des Agentenschiffs wurden durchbrochen, die Sub-Hypertriebwerke regelrecht zerfetzt.
"Wir sind in den Normalraum zurück gefallen!" brüllte der Pilot. "Verdammt!" "Wir haben sie verloren."
"Das war eine erstklassige Leistung", lobte Svenja den Piloten der Lebensquell. "Danke", erwiderte Sod, "dafür, dass ich noch nie ein Cilthroidsches Raumschiff geflogen habe, war das wirklich nicht schlecht..."
Und Yxo saß in einem Starliner Richtung Andromeda-Galaxie...
Die zweite Ausgrabungsleiterin Xil war eine Cilthroidin. Sie hockte in ihrem Arbeitssessel, blickte durch das Panoramafenster in ihrem Büro in die tote, immer wieder von Blitzen erhellte Landschaft und versuchte, sich zu entspannen. Die Türklingel piepte. "Ja?" schrie sie nach draußen. Die Tür öffnete sich, und ein Yllionischer Ausgrabungsassistent trat in die Türschwelle. Xil drehte sich zu ihm um und blickte ihn fragend an. "Entschuldigen Sie, hier ist jemand von der Cilthroidschen Nachrichtenabteilung, der dringend mit Ihnen sprechen muss", erklärte der Yllione, "ich glaube, es geht um das Hyperdrom." "Schon wieder... Schicken Sie ihn rein!" Der Ausgrabungsassistent machte einem Cilthroiden Platz, der daraufhin das Büro betrat. Sie sah ihn entgeistert an. "Wenn Sie mich brauchen, ich bin drüben im Büro des Chefs", merkte der Yllione an, der ihren Gesichtsausdruck wohl nicht richtig deuten konnte, und verließ den Raum. Nachdem sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte, stand sie auf und ging auf Yxo zu. Etwa zwei Meter vor ihm blieb sie stehen und brachte ein kurzes "Du?!" hervor. "Ja, ich", entgegnete er ihr. Unsicher. "Du... du bist ja vollkommen wahnsinnig", lachte sie humorlos, "wie kannst du es wagen, hierher zu kommen?!" "Keine Sorge", versuchte er, abzuwiegeln, "ich passe schon auf mich auf." "Wenn jemand heraus findet, wer du wirklich bist, und dass ich dich kenne, dann bin ich erledigt!" Sie lachte erneut humorlos. "Was zum Teufel hast du getan? Du... du... hätte ich dich doch nicht angerufen!" Sie fuhr hastig zum Fenster herum und atmete tief durch. "Ich dachte, das war eine Art Versöhnungsangebot", meinte er kleinlaut. "Das war es auch!" brüllte sie und wirbelte wieder zu ihm herum. "Ich wollte dir sagen: 'Hey, wir haben das Hyperdrom gefunden, so toll geht unsere Arbeit voran, schön oder?', und nicht: 'Hey, wir haben das Hyperdrom gefunden, reiß' es dir unter den Nagel!'. Was willst du hier, hä?! Was?!" Sie atmete tief durch. "Ich brauche deine Hilfe", gab er zu. Sie verzog den Mund zu einem falschen Grinsen. "So, meine Hilfe brauchst du... Aber sicher. Alles klar." Sie atmete tief durch, um sich dann ihre so lange gegen Yxo angestauten Aggressionen aus dem Leib zu brüllen: "Du zerstörst mein Lebenswerk!!" Er trat unwillkürlich einen Schritt zurück. "Du zerstörst nicht nur mein Lebenswerk, du zerstörst eine Kultur!! Du zerstörst..." Sie wurde heißer und vollendete den Satz dann leise und hoffnungslos. "Du zerstörst doch immer alles. Du bist... warum bist du so?" Sie ließ ihm keine Zeit zu antworten, sondern kramte in ihrem Schreibtisch. "Ich zeige dir etwas." Was sie ihm zu zeigen hatte, war wirklich beeindruckend, zumindest war es eine der modernsten Gravitonenpistolen, die man auf dem Schwarzmarkt nur kaufen konnte. Und Xil richtete die Waffe direkt auf Yxos Kopf und entsicherte die Energiezufuhr. Dabei machte sich schon wieder ein Grinsen auf ihrem Gesicht breit, das dieses Mal allerdings echt zu sein schien. "Keinen Schritt weiter", befahl sie ihm, "oder ich puste dir die Hirnreste raus!" Er schluckte und tat einige Schritte zurück, bis ihn die Wand aufhielt. "Ich werde jetzt da raus gehen, und verkünden, wer du bist", freute sie sich, "und es wird mir eine Genugtuung sein. Ich werde den Professor-Commodore holen und ihm sagen: 'Sehen Sie diesen Scheißer dort? Der hat den Überfall auf das Erste Hyperdrom veranlasst. Er ist schuld, ziehen Sie ihn zur Rechenschaft, lassen Sie ihn bis zum Ende seiner Tage in dem miesesten Gefängnis schmoren, dass Sie in diesem Universum finden!', und dann bin ich wieder richtig glücklich!" Sie lachte ein ganz kleines bisschen hysterisch. "Äh, du wirst doch nichts Unüberlegtes tun? Bitte, du solltest nicht überreagie..." "Schnauze!!" "Klar." Sie lächelte wieder zufrieden, ging rückwärts auf die Tür zu und öffnete sie. Draußen hielt sie jemanden auf, Yxo konnte genau hören, was sie sagte: "Zez?" "Ja?" Yxo schluckte. "Wie spät ist es bitte?" "99-2." "Vielen Dank." "Was tun Sie mit der Waffe?" "Waffe... ach die Waffe, die hab' ich gefunden. Danke nochmals." Sie kam wieder herein, schloss die Tür und sah ihn feindseelig an. "Das war's", freute sie sich. "Das war das, was ich mir schon seit Jahren wünsche, dich einmal am Boden sehen!" Sie schmiss die Pistole wieder achtlos auf den Schreibtisch zurück. Er atmete tief durch und versuchte, locker zu wirken. "Das hast du ja glänzend geschafft..."
"Okay, was willst du", fragte Xil Yxo und ließ sich in ihren Sessel fallen, "warum kommst du hierher?" "Wie schon gesagt, du musst mir helfen." Er setzte sich misstrauisch ihr gegenüber. "Ich soll dir helfen", wiederholte sie, "inwiefern? Ich weiß nicht, ob ich dir helfen will, ich würde viel lieber deinen Schädel in klumpigen Matsch verwandeln." Sie tätschelte ihre Pistole. "Bitte. Es gibt eine Art offene Rechnung, die ich zu begleichen habe." "Oh, wie schön", erwiderte sie sarkastisch, "das ist natürlich furchtbar wichtig. Deine Ansichten sind so... zum Fressen. Du bist peinlich." "Ein... Freund von mir ist tot", entgegnete er bitter, worauf Xil sofort ernst wurde. "Wie... - tot?"
Er erzählte ihr, was passiert war.
Sie hatte ihm aufmerksam zugehört, als er fertig war, lehnte sie sich nachdenklich zurück. "Ich kann dir nicht verübeln, wenn du dich rächen willst", stellte sie fest, "aber ich glaube nicht, dass eine konkrete Person verantwortlich wäre." "Was heißt 'eigentlich' und 'wäre'?" "Vielleicht sind die beiden noch am Leben." "Am Leben?" meinte Yxo misstrauisch. "Vielleicht. Was du beschrieben hast, das... etwas Ähnliches ist uns auch bei der Bergung des Hyperdroms passiert. Es..." Sie suchte nach Worten. "Es ist noch aktiv. Das Hyperdrom arbeitet noch, und es reagiert auf äußere Einflüsse. Wenn Gefahr besteht, oder es glaubt, dass Gefahr besteht, dann zapft es die nächstbeste Kühlmittelquelle an und lädt seine Hyperspulen." "Warum?" "Rückzug ist die beste Verteidigung." "Das heißt, es..." "...führt einen Hypersprung irgendwohin aus." Yxo schöpfte wieder neue Hoffnung. "Wohin?" "Ich habe keine Ahnung, Yxo. Vielleicht nur ein paar tausend Lichtjahre, um in Sicherheit zu kommen, vielleicht sonstwohin. Bisher konnten wir das Programm, das den Hypersprung verursacht, noch jedes Mal mit gezieltem Ionenbeschuss außer Funktion setzen." "Wenn man wusste, was passieren würde, warum hat man dann die Bombe installiert?" Sie seufzte. "Es konnte doch keiner wissen, dass schon eine Energieentladung dieser Größe... Ich meine, es wurden vorher Versuche durchgeführt, wir waren fest davon überzeugt, dass das Hyperdrom diese Detonation gar nicht beachten würde. Ich war bei den Versuchen dabei, das Gerät hat keinen Mucks von sich gegeben." "Hmm..." machte Yxo, "woher seid ihr euch so sicher, dass wirklich ein Hypersprung ausgeführt wird, und dass es doch nicht einfach explodiert, vielleicht, um die Gefahr zu eliminieren oder so." "Weil wir die Energieleitungen des Hyperdroms schon an der Ausgrabungsstelle genau gescannt haben. Yxo, diese Kenntnisse sind fantastisch. Vielleicht wissen wir schon bald, wie man Hypersprünge durchführen kann, auch ohne das Hyperdrom!" Ihre Begeisterung hielt nicht lange an. "Es tut mir leid", entschuldigte sie sich, "ich hatte vergessen, dass deine beiden Freunde..." "Ja, ja, schon gut."
Unzufrieden setzte sich Xil auf das Bett in der Ecke der kleinen Kabine, neben dem ein Fenster nach draußen einen beeindruckenden Blick auf den Stern Dlli bot. "Ich kann's nicht glauben, dass ich mitkomme. Ich bin ja vollkommen übergeschnappt. Was will ich schon machen?" "Auf deiner Ausgrabungsstätte kannst du auch nicht mehr viel tun", entgegnete Yxo, der gerade das Badezimmer begutachtete "...weil irgendjemand mein Lebenswerk hat mitgehen lassen..." ergänzte sie. "Jetzt reg' dich halt nicht auf. Es tut mir ja leid." "Oh, es tut dir leid..." Sie stand auf und ging ziellos im Raum umher. "Dir tut doch immer alles leid! Du bist überhaupt unausstehlich." "Jetzt werd' nicht schon wieder persönlich. Was habe ich denn getan, dass ich überhaupt so unausstehlich bin?" "Da fragst du noch? Es hat damit angefangen, dass du mich immer kritisieren musstest, immer hast du an mir gemeckert oder mich verbessert. Dann war da das mit dieser Maschinentechnikerin, ..." "Sie war Reaktorkontrollingenieurin, und es war rein geschl... äftlich." "Siehst du, das meine ich...! Ach, was soll's, erklär' mir noch mal, was genau wir eigentlich machen wollen, warum ich meine Karriere aufs Spiel setzte, für einen erbärm..." "Xil, bitte. Also, wir fliegen dorthin, wo der Transporter verschwunden ist und sehen uns dort genau um. Wir scannen die Raumzeit mit einem Hyperraum-Abtaster, vielleicht können wir so heraus finden, wo Sam und Celtros sind." "Soweit, so dünn. Vermutlich wimmelt es dort nur so von Yllionischen Schiffen, und du kannst mir nicht weis machen, dass du einen Hyperraum-Abtaster besitzt." "Letzteres ändern gerade ein paar... Kollegen, und was das erste Problem angeht, da finden wir schon irgendwie eine Lösung." Xil atmete tief durch, entschied sich dann aber doch gegen die vernünftige Lösung. Sie stürmte ins Badezimmer und packte Yxo am Kragen. "Da finden wir schon irgendwie eine Lösung?!" brüllte sie ihn an. "Du weißt ja gar nicht, was ich aufs Spiel setze, wenn ich hier mit dir verdufte! DU findest eine Lösung, und nicht WIR, und DU findest eine gute Lösung, und nicht IRGENDWIE, und wenn das alles nicht funktioniert, dann werde ich höchstpersönlich mit dir das machen, was mir dann gerade einfällt, und ich kann dir garantieren, das wird auf jeden Fall, sehr, sehr unangenehm!! Hast du das kapiert?!" Er schluckte. "Ja." "Gut", lächelte sie künstlich, ließ ihn los und zupfte seinen Fliegeroverall wieder ordentlich, "dann sind wir uns ja einig."
"Auf keinen Fall", rief Ensign Luigi Rosso, "ihr seid ja wahnsinnig!" Sod und Svenia sahen sich unsicher um, ob Rossos entsetzter Ruf nicht irgendjemanden im Starlight auf die drei aufmerksam gemacht hatte, aber niemand reagierte. Vermutlich wurden hier an jedem zweiten Tisch irgendwelche krummen Geschäfte abgewickelt. Es waren auch keine Yllionen zu sehen. "Warum denn", widersprach Sod, "es muss ja keiner wissen, dass Sie es uns 'erleichtern'." "Aber jeder wird mich verdächtigen, man wird von diesem Gespräch hier erfahren, und jeder weiß, dass es wieder der böse Rosso war. Ich wäre schon einmal fast aus der Space Force geschmissen worden, weil ich Sam helfen wollte." "Aber dieses Mal ist es doch etwas Anderes", entgegnete Svenia, "ich meine, es geht vielleicht um Leben und Tod. Die UTSF hat einen ganzen Haufen Hyperraum-Abtaster, da fällt es doch nicht auf, wenn von einer Verteidigungsstaffel einer Handelsstation einer davon..." "...ein bisschen geklaut wird. Nee, das fällt überhaupt nicht auf." "Passen Sie auf", versuchte es Sod, "wo wird der Abtaster gelagert?" "Zu unserer Verteidigungsstaffel gehört auch ein Scout-Schiff", erklärte Rosso, "der Abtaster ist fest in die Systeme des Scouts eingebaut." Sod und Svenia grinsten sich an. "Das trifft sich aber gut." Rosso ließ die Stirn in die Handflächen sinken und stöhnte resignierend. "Der Kommando- und Zugangscode des Scouts lautet 4-337-11F." "Vielen Dank." Die beiden klopften ihm auf die Schulter, standen auf und verschwanden. Rosso begann, im Bestellterminal des Tisches zu suchen. Mal sehen, ob er morgen noch wissen würde, was er heute getan hatte.
Sieben Tage später war Yxo zurück auf IG-25 und alles bereit.
"Bereit?" fragte Yxo Svenia über das Kom. "Bereit", bestätigte die Terranerin und begann, sich an den Kom-Kontrollen der Rattlesnake zu schaffen zu machen. Das Kanonenboot von Sod und Svenia, sowie Yxos Lebensquell hatten in einiger Entfernung von der Station Stellung bezogen. "Du und deine Freunde, ihr seid vollkommen bekloppt", stellte Xil - im Kopilotensitz der Lebensquell - fest. "Danke."
"Was gibt es?" bellte UTSF-Captain Dudurov hervor, als er in sein Büro gestürmt kam, "wenn das jetzt nicht wichtig ist..." "Jemand versucht, Zugriff auf den Hauptcomputer unseres Scouts zu bekommen!" meldete Lieutenant Chang, noch bevor ihr Vorgesetzter den Satz vollenden konnte. Der Rest der Verteidigungsstaffel, Ensign Rosso und Lieutenant-Commander Kellogg, standen um das Kontrollterminal und beobachteten es angespannt, obwohl beide nicht unbedingt auf den gleichen Ausgang der Situation hofften. "Wer?" wollte Dudurov wissen. "Keine Ahnung, aber..." Der Captain schnitt ihr mit einer Handbewegung das Wort ab und sah Kellogg an: "Julie!" Chang überließ Julie Kellogg das Terminal, trat ein paar Schritte zurück und flüsterte Rosso zu: "Was hast du jetzt schon wieder gemacht?" "Ich? Nichts." Der Captain stützte sich beunruhigt an Kelloggs Rückenlehne ab. "Julie... Schalt' den Computer des Scouts ab", befahl er. "Es geht nicht", meinte sie und hackte verzweifelt an den Kontrollen herum, "jemand hat die Codes geändert." "Dann knack' die Codes, verdammt noch mal!"
Das kleine, ovale Schiff mit der weit über den Bug gewölbten Sichtkuppel und den beiden runden Triebwerksöffnungen am Heck löste die Verbindung mit dem Andockarm, an dem es gehangen war. Die Triebwerke zündeten und jagten es von IG-25 weg.
Svenia grinste. "Ja, komm' zu Mami."
"Es ist eben gestartet!" rief Kellogg "Verdammt", fluchte Dudurov, "dann hol' es zurück!" "Ich versuch's, aber ich bekomme keinen Zugriff!"
"Ensign..." presste Chang unauffällig, aber auffordernd zwischen den Zähnen hervor. "Ja, ist ja gut", flüsterte Rosso Chang zu, "ich erzähl' dir später, was los ist." Das Kom-Gerät am Terminal piepste. "Hier spricht IG-25 Flight Control", hallte es durch den Raum, "ihr Scout-Schiff hat keine Starterlaubnis! Kehren Sie sofort um!" "Du kannst mich mal", vertröstete Dudurov den Flight Controller, "Julie, wie sieht's aus?" "Es ist zwecklos!"
"Bye", grinste Svenia, als sie dem Scout den Befehl zum Hyperraumflug gab.
Das kleine Schiff startete in den Sub-Hyperraum, einige Sekunden danach erreichten auch die Eintrittsblitze der Rattlesnake und der Lebensquell die Station, die sich mit dem Scout-Schiff formierten und Kurs auf den Ort nahmen, an dem das Hyperdrom in den Tiefen des Sub-Hyperraums verschwunden war.
Yxo stieß einen Jubelschrei aus. "Halt den Mund", forderte Xil ihn auf.
"Scheiße, wir haben ihn verloren!" rief Kellogg und lehnte sich seufzend zurück. "Das ist sehr ungünstig", bestätigte Chang, mit einem Spott, den nur Rosso heraus hörte.
"Wir nähern uns der Position, an der das Hyperdrom verschwunden ist", meldete Sod über das Kom. Yxo musterte aufmerksam seinen Scannerbildschirm. "Der große Ansturm an Untersuchungsschiffen ist vorbei", stellte er fest, "hier ist nur noch ein Yllionischer Aufklärer. Immerhin ist alles schon drei Wochen her." "Und was willst du mit dem Aufklärer machen", erkundigte sich Xil, "ihn kapern?" "Klar", erwiderte Yxo grinsend und zuckte mit den Schultern. "Das sieht dir ähnlich!" "Okay, Leute, aufgepasst", rief Yxo ins Kom, "der Typ mit seinem Aufklärer stört uns, und wir könnten mal wieder Geld gebrauchen..."
Nachdem die drei Piraten aus dem Hyperraum gefallen waren, ließen die Lebensquell und die Rattlesnake das Scout-Schiff hinter sich und rasten auf den Yllionischen Aufklärer zu.
"Oh, nein", stöhnte der Yllionische Kommandant entsetzt und starrte sein Kommandoterminal an, "sind das...?" "Bestätigt. Diese Schiffe gehören zu denen, die das Erste Hyperdrom gestohlen haben!" Der Pilot drehte sich um. "Ich empfehle den Rückzug..." Doch das Schiff wurde bereits unter dem Beschuss der Piraten durchgeschüttelt.
Sofort zündete das Schiff in der typischen Yllionischen Hufeisenform die Triebwerke und beschleunigte volle Kraft voraus, doch es konnte die beiden Piraten nicht abschütteln. Die zwei Schiffe feuerten aus allen Rohren, die Schüsse hagelten auf die Schilde der Yllionen ein. Die Piraten rasten über den Rumpf des unbewaffneten Aufklärers hinweg, drehten einen Bogen und griffen so synchron von vorne an, als hätten sie schon ewig miteinander "gearbeitet". Die Schilde des Yllionischen Schiffes brachen zusammen.
"Stellen Sie das Feuer ein", flehte der Yllionische Kommandant, "wir ergeben uns!" "Sehr schlau", lobte Yxo, "machen Sie sich bereit, geentert zu werden." "Das genießt du jetzt", stieß Xil feststellend hervor, "jetzt hältst du dich für den Allergrößten, oder?" "Lebensquell an Rattlesnake, wollt ihr die Kaperoperation übernehmen, während ich hier Wache halte?" sprach er ins Kom und sah Xil dabei an, als wollte er sagen: "Siehst du, so bescheiden bin ich." "Meinetwegen", erwiderte Sod, "wenn's weiter nichts ist."
Sod und Svenia dockten an den Aufklärer an, gingen an Bord und stießen auf keinen Widerstand. Nach fünf Minuten hatten sie das Schiff unter Kontrolle. Yxo koppelte ebenfalls mit den Yllionen, um deren Ausrüstung, einen Container voller Mess- und Beobachtungsinstrumente, zu laden.
"Und was macht ihr jetzt mit den Typen?" wollte Xil wissen. Als Antwort gab Yxo etwas in den Zielcomputer ein, grinste seine Artgenossin an und feuerte zwei Schüsse auf das Schiff ab. Der erste raste direkt in den Bug und verwandelte die Sensoren in einen gewaltigen Feuerball, der zweite zerstörte die Triebwerke des Aufklärers. "Nur, damit sie auf keine dummen Ideen kommen", erklärte er. "Du bist ja so gnädig." Das Kom piepste, als sich Svenia meldete. "Ich würde vorschlagen, gleich mit unseren Untersuchungen zu beginnen", schlug die Terranerin vor, "bevor es hier vor Yllionen nur so wimmelt." "Eine phänomenale Idee", lobte Xil, "und was hab' ich jetzt zu tun?" "Du musst die Daten auswerten", erklärte Yxo. "Daten auswerten?!" rief sie. "Ja", bestätigte der Cilthroide kleinlaut. "Ich bin Archäologin und keine Hyperraum-... Hyperraum-Expertin oder wie man das nennt. Wie... Holt euch doch deine Reaktorkontrollingenieurin, die kennt sich garantiert besser aus!" "Xil... Du warst bei der Bergung und der Untersuchung des Hyperdroms dabei, du kannst uns am besten helfen." Sie knirschte mit den Kiefern und grinste. "Sag: 'Bitte, Xil.'" Yxo atmete tief durch, dann presste er missmutig hervor: "Bitte, Xil." "Xil, wir brauchen Ihre Hilfe", bekräftigte Svenia noch einmal. "Ist ja gut, ich tue, was ich kann." "Gut." Die Terranerin atmete tief durch, bevor sie begann: "Dann wollen wir mal. Ich nehme Zugriff auf den Hyperraum-Scanner. Die Daten sende ich direkt auf euer Schiff." "Es ist MEIN Schiff", knirschte Yxo. "Nein", widersprach Xil, "es ist UNSER Schiff. Du erinnerst dich an die Sache auf Dimon Prime?" Yxo gab einen unzufriedenen Laut von sich. "Ja, ja... Aber ich meine nicht so, sondern... Ach, schau dir lieber die Daten an." Zahlenreihen rasten über einen Bildschirm. Eigentlich waren es keine Zahlenreihen, sondern eindeutige Daten aus dem Sub-Hyperraum, in logischer Ordnung sortiert auf einer praktischen Benutzeroberfläche, aber für jemanden, der nur wusste, dass ein Raumschiff eben fliegen kann, waren es Zahlenreihen. "Bevor ich euch helfen kann, muss ich aber noch eines wissen", wandte Xil ein. "Und das wäre?" erkundigte sich Svenia. Sie wirkte abwesend, hantierte wahrscheinlich gerade am Scanner herum. "Was ist das?" lautete Xils Frage. "Wolffsche Sub-Hyperraum-Physik", erklärte Svenia. "Oh, klar, das hab' ich mir gleich gedacht..." "Keine Sorge, ich werde das noch veranschaulichen." Ein paar Sekunden später erschien auf dem Bildschirm eine Grafik, die laut Svenias Anmerkung eine Veranschaulichung der Raumzeit in diesem Gebiet des Weltraums war. Eine ganze Menge Wellen und Ebenen mit Eindellungen waren auf dem Monitor zu sehen, und Xil erinnerte sich widerwillig an ihre Physik-Kurse. "Was wir bräuchten", überlegte Svenia, "sind die Daten, die von den Archäologen über das Hypersprung-Gerät des Hyperdroms gesammelt wurden. Wenn wir diese mit der Raumzeit hier vergleichen, können wir vielleicht heraus finden, was das Hyperdrom gemacht hat." Xil lächelte, in der Hoffnung, dass es für sie nicht komplizierter wurde, zog ihren Mini-PC aus der Tasche und drückte ihn Yxo ihn die Hand. Dieser kopierte die nötigen Daten in den Bordcomputer, und sendete sie an Svenia. "Genau, was wir brauchen", freute sich die Terranerin. Kurz darauf veränderte sich die Grafik auf dem Bildschirm, und eine Art riesiger Trichter erschien in der obersten Ebene, dessen Hals sich kreuz und quer durch die anderen Ebenen schlängelte. "Wow", stieß Xil hervor, "was ist das?" "Das sieht aus, wie ein Wurmloch", murmelte die Technikerin vor sich hin, "nur riesengroß." "Heißt das, dieses Hyperdrom hat eine Art Tunnel im Weltraum geschaffen?" wollte Sod wissen. "Sieht ganz so aus", bestätigte Svenia, "und dieser Tunnel existiert noch." "Das heißt, wir können einfach durchfliegen, eure Freunde holen, und wieder verduften?" fragte Xil. "Nein, so einfach ist das nicht. Das Wurmloch ist nicht mehr stabil, man kann nicht mit einem Raumschiff hindurch fliegen." Kurze Stille, dann ergänzte Svenia doch: "Aber eine Hyperfunk-Nachricht könnte das Wurmloch passieren." "Dann mal los", rief Yxo. "Okay, ich versuche, durch zu kommen." Einige Minuten lang war durch das Kom nichts zu hören, außer den piependen Klängen der Tastatur. "Ich komme durch", meinte Svenia, "aber ich finde keine passende Frequenz, um die Savage Eagle zu erreichen... Wow!" "Was ist?" Als Antwort schaltete sie Yxo das auf die Bildschirme, was sie gerade empfing. Zuerst Überlappungen von Nullen und Einsen, die der Quantencomputer der Lebensquell noch entziffern musste, dann wurden daraus merkwürdige Zeichen. Sie erinnerten... an Yllionisch. Xil atmete begeistert auf, grinste dann und meinte: "Das ist fantastisch! Das ist aus dem Hyperdrom! Wir haben vorher nie richtig Zugang zum Computer des Ersten Hyperdroms bekommen..." "Man muss vielleicht einfach von unten rangehen", vermutete Svenia, "das Hyperdrom nicht mit Funkwellen traktieren, sondern aus dem Sub-Hyperraum heraus anfunken, so wie wir jetzt durch das Wurmloch." "Durchaus möglich", stimmte Xil zu, "ich gehe davon aus, dass Sie das hier nicht entziffern können..." Die Cilthroidin ließ ihren Blick fasziniert über den Bildschirm wandern. "Ganz genau", antwortete Svenia, "ich brauche jetzt alle Ihre Kenntnisse über Alt-Yllionische Schrift, Mathematik, Technik, ... einfach alles. Vielleicht... vielleicht können wir von hier aus das Hyperdrom fernsteuern und Celtros und Sam zurück holen!" "Wenn sie noch in der Nähe des Hyperdroms sind..." gab Yxo zu bedenken. "Es gibt keinen anderen Weg", widersprach Svenia, "wir müssen es so versuchen." "Na gut. Dann mal los." Yxo stand auf und ließ Xil an seinen Platz, die sofort begann, am Computer herum zu hacken.
Sam wurde von einem Piepsen im Cockpit geweckt. Celtros, der bis jetzt am Hyperdrom herum gefuhrwerkt hatte, reagierte ebenfalls darauf und sah von oben her in den Jäger. "Was ist da los?" wollte er wissen. "Keine Ahnung", meinte der Terraner und richtete sich auf. Die beiden hatten die letzten Wochen auf dem Jäger verbracht, und Celtros hatte vergeblich versucht, auch nur in das Hyperdrom einzudringen. Und bisher hatte es auch noch keine Reaktion auf die Notrufe gegeben. Bisher. Sam kletterte in den Pilotensitz und machte sich an den Kontrollen zu schaffen, während der Oren von oben in die winzige Kabine des Jägers sprang. "Ein Schiff nähert sich!" freute sich Sam. "Endlich..." Celtros atmete auf, "hoffentlich haben sie Essbares dabei." "Ich habe übrigens schon eine nette kleine Lügenstory, die ich ihnen auftischen kann..." begann Sam, bevor ein greller Rückfallblitz den Weltraum erhellte und ein Yllionischer Kreuzer vor der Savage Eagle auftauchte. Das Schiff war aus zwei der "Hufeisen" zusammen gesetzt, die übereinander lagen und durch Verstrebungen verbunden waren. Steuerbord und backbord waren verschiedene Raketenmagazine und Geschütze angebracht, insgesamt hatten es die Konstrukteure geschafft, das Schiff ziemlich bedrohlich wirken zu lassen.
Sam schluckte. "In diesem ganzen verdammten Teil des Universums gibt es vielleicht ein einziges Yllionisches Schiff, und ausgerechnet das..." Celtros vollendete den Satz nicht. "Ich glaube, meine Lügenstory ist nicht vollkommen wasserdicht", musste Sam zugeben. Ein Kanal wurde geöffnet. "Hier spricht der Yllionische Kreuzer 'YC Ceti'. Halten Sie die Position und erwarten Sie unsere Entermannschaft." "Bin ich lebensmüde?" murmelte Sam vor sich hin, schloss das Schott und koppelte die Savage Eagle von dem Transporter ab. Er beschleunigte und versuchte, dem Kreuzer zu entkommen.
"Das muss es sein", vermutete Xil, "so funktioniert's!" "Dann gib' dem Hyperdrom den Startbefehl!" drängelte Yxo.
Der Yllionische Kreuzer gab einen Warnschuss in den freien Weltraum ab. "Hier spricht die YC Ceti. Stoppen Sie sofort Ihre Maschinen, oder wir eröffnen das Feuer!"
Das Hyperdrom erwachte.
Kühlmittelmangel für den Sprung. Nächste Kühlmittelquelle gefunden. Transferbeginn.
Ein hellgrün glänzender, messerscharfer Energiestrahl durchquerte die Außenhülle des Spezialtransporters. Er durchbohrte die Schilde der Savage Eagle, zielte in den Kühlmitteltank und begann mit dem Transfer.
"Was ist das?" brachte der Pilot des Yllionischen Kreuzers hervor. "Nicht feuern", befahl der Commodore des Schiffs, "Sie könnten das Erste Hyperdrom sonst gefährden."
"Verdammt, was ist da los?" wollte Celtros wissen. "Es entzieht uns Kühlmittel", stellte Sam entsetzt fest. Dann wurde sein Tonfall eher verdutzt. "Und zwar, ohne die Hülle der Savage Eagle zu beschädigen." "Och so, dann ist's ja gut!" "Ja, ich weiß, ich weiß...! Ich häng' den komischen Strahl ab!"
Sam zog sein Schiff steil nach oben, dann drückte er den Bug ruckartig wieder nach unten, doch der Strahl hielt an dem Jäger fest.
"Wir verlieren zuviel Kühlmittel", presste Sam beunruhigt hervor, "bald fällt mir das Triebwerk aus!" "Dann tu was! Du bist doch so ein genialer Pilot..." "Hm. Ich hab' vielleicht eine Idee..."
Die Savage Eagle raste einen halben Looping, drehte damit um und jagte direkt auf den Yllionischen Kreuzer zu.
"Schlechte Idee..." brachte der Oren hervor. "Gute Idee!" betonte Sam.
"Was hat dieser Terraner vor?" wollte der Commodore des Kreuzers wissen, während auf seinem Bildschirm die Savage Eagle direkt auf ihn zu raste. "Soll ich feuern?" fragte der Schütze, doch der Commodore verneinte: "Noch nicht."
Das Yllionische Kriegsschiff wuchs vor der Sichtkuppel bedrohlich schnell. Praktisch im letzten Moment zog Sam sein Schiff nach links weg, der Strahl durchquerte den Yllionischen Kreuzer und fixierte sich an dessen Tank, um fortan dem Kreuzer Kühlmittel zu entziehen.
"Ich bin gut, nicht", grinste Sam. "Ja, fantastisch", sagte Celtros beiläufig, "wie sieht's aus?" "Schlecht. Wir haben nicht mehr sehr viel Kühlmittel. Ich muss die Sub-Hyperspule auf minimale Leistung herunter fahren." "Und das heißt bei einem Jäger der Dragonfly-Klasse?" "Weder genug Energie für den Hyperantrieb oder Schilde, noch für die Waffen. Sämtliche anderen Systeme werden nur auf Mindestleistung laufen." Sam tat, was nötig war, worauf deutlich das Geräusch von abklingenden Maschinen zu hören war. Das Licht blieb auf voller Stärke, ein lächerlicher Energieverbrauch im Vergleich zu den restlichen Systemen des Jägers.
Der Strahl zwischen dem Transporter, oder besser dem Hyperdrom, und dem Kreuzer erlosch.
Transfer vollendet. Beginn der Startphase.
"Wir haben fast kein Kühlmittel mehr", meldete der Techniker der Yllionen, "ich muss praktisch sämtliche Systeme, die wir nicht brauchen, herunter fahren. Und die Waffen brauchen wir NICHT..."
"Ich orte einen Energieanstieg im Hyperdrom", stellte Sam fest. "Das passt alles zusammen", überlegte Celtros, "das Kühlmittel, der Energieanstieg. Das Hyperdrom vollführt wieder einen Sprung." "Aber wieso und wohin... Meinst du, unsere Leute haben vielleicht einen Weg gefunden, ..." "Keine Ahnung", unterbrach ihn der Oren, "aber das ist eher unwahrscheinlich. Wie dem auch sei, es ist egal, wohin uns dieses Hyperdrom bringt, es ist auf jeden Fall besser, als DAS." Celtros deutete auf den Kreuzer. "Du hast recht", gab Sam zu, "uns bleibt nichts Anderes übrig. Wir müssen auch an diesem Sprung teilnehmen."
"Ich orte ein Schiff, das sich uns nähert", stellte Yxo beunruhigt fest und sah gleichzeitig Xil fragend an. "Es ist gleich soweit", versicherte sie, "keine Sorge!"
Die Savage Eagle dockte unsanft mit dem Spezialtransporter, im gleichen Moment implodierte der Hyperraum.
"Es ist ein Yllionischer Kreuzer", stellte Yxo fest, kurz bevor selbiger einige tausend Kilometer entfernt aus dem Hyperraum fiel. "Es muss jetzt eigentlich soweit sein" meinte Xil verzweifelt. "Wir kriegen Besuch", murmelte Sod vor sich hin. Dieser Besuch schaltete sich in die Koms. "Hier spricht der Yllionische Kreuzer 'YC Omega'. Ergeben Sie sich, oder wir schießen auf Sie." "Wir stecken verdammt tief in der Scheiße", stellte Svenia unbefangen fest. "Gegen den kommen wir nicht an", ergänzte Yxo. Xil atmete tief durch, stieß Yxo noch weiter zur Seite und aktivierte dann das visuelle Kom. "Ich bin die zweite Ausgrabungsleiterin Xil aus dem Dlli-System", jammerte Sie, "bitte, helfen Sie mir." Sie schluchzte und rang nach Luft. "Die... die tun mir sonst was an!" Sie blickte entsetzt zur Seite, kreischte sehr überzeugend und schaltete dann das Kom wieder ab. "Na, wie ist das?" fragte sie Yxo. "Du bist verrückt", gab er zu, setzte sich an ihrer Stelle in den Sitz und aktivierte das Kom wieder. "Passen Sie gut auf", sagte er grimmig, "wenn auch nur ein einziger Schuss fällt, oder Sie irgendwelche billigen Tricks versuchen..." Er grinste humorlos. "Dann muss die Kleine dran glauben." Danach unterbrach er die Verbindung wieder. "Das wird ihnen zu denken geben", vermutete Xil und sah Yxo dann feindseelig an, "und dir wird es früher oder später zu denken geben, dass du mich 'Kleine' genannt hast." "T'schuldigung."
Der Commodore war beunruhigt. Sollte dieser Cilthroide die Wahrheit sagen...?
"Der Kreuzer ruft uns wieder", stellte Yxo fest, bevor wieder die Stimme des Commodore erklang: "Das glauben Sie doch nicht im Ernst, Yxo. Lassen Sie die zweite Ausgrabungsleiterin frei. Mord, das bedeutet Tod am Neuralnetz. Mit Piraterie kommen Sie im Arbeitslager davon. Ich habe mich hier ein bisschen über Sie informiert, Sie haben es immer vermieden, jemanden umzubringen. Sehr schlau. Sie werden das nicht wagen." "Und wenn doch?" gab Yxo zu bedenken. "Wenn Sie die Geisel umbringen? Dann gnaden ihnen die Propheten..." Die Verbindung brach ab. "Toll", regte sich Xil auf, "das bin ich also Wert. Mein Leben dagegen, dass ein Commodore ein bisschen rumballern darf." "Der Kreuzer nimmt Kurs auf uns", stellte Sod fest. Yxo fluchte. "Das ist zum Fressen... Was tun wir jetzt?!" Kurzes Schweigen. "So hat es ja einmal kommen müssen", meinte Svenia schließlich, kurz bevor das Hyperdrom die Lage extrem begünstigte.
Ein kurzes Flackern des Weltraums, wie bei einer Luftspiegelung, dann schoss ein gewaltiges Leuchten durch die Dunkelheit. Der Transporter mit dem Hyperdrom und der Savage Eagle war aus dem Nichts aufgetaucht.
"Taktische Lage?" wollte Celtros wissen. Sam kontrollierte kurz seinen Scannerschirm. "Auf der einen Seite ein Yllionischer Kreuzer, auf der anderen die Lebensquell plus eines eurer Kanonenboote, außerdem ein Terranischer Scout und ein schwer beschädigtes, kleines Yllionen-Schiff."
"Wow", brachte Xil beeindruckt hervor, "was für ein Auftritt..."
"Ein Yllionischer Kreuzer", seufzte Sam, "vom Regen in die Traufe..." "Vom Regen... wie bitte?" "Ist nicht so wichtig." Sam atmete tief durch, dann beschloss er, den Oren mit noch mehr Terranischer Linguistik zu konfrontieren. "Pass' auf, wir machen jetzt einen Home-Run." "Home-Run?"
Die Savage Eagle koppelte von dem Transporter ab und beschleunigte mit voller Kraft in Richtung der kleinen Piraten-Flotte. Der Kreuzer feuerte. Mehrere grelle Schüsse rasten durch den Weltraum, Sam zog sein Schiff ruckartig oben, so dass die Salve am Jäger vorbei schoss.
Sod reagierte als Erster. "Hier spricht die Rattlesnake", sprach er in das Kom, "wenn Sie das Feuer auf uns oder den Terranischen Jäger eröffnen, werden wir das Hyperdrom zerstören." Das gab dem Commodore offenbar zu denken, denn die Geschütze des Kreuzers schwiegen nun.
"Nicht, dass ich nicht froh wäre", meinte Sam, nachdem er sein Kom aktiviert hatte, "aber was ist passiert, und wieso seid ihr in dieser beschissenen Situation?" In knappen Worten erzählte Yxo dem Terraner, was passiert war, warum das Hyperdrom gestartet war, und wie sie es zurück geholt hatten. "Was machen wir jetzt?" wollte Sam wissen. "Wir haben das Hyperdrom als Druckmittel", meinte Sod, "aber ewig können wir die Stellung auch nicht halten." "Dann hab' ich auch eine schlechte Nachricht", erwiderte Sam, "mein Sub-Hyperantrieb und meine taktischen Systeme funktionieren nicht." "Kühlmittelmangel", fügte Celtros erklärend hinzu. "Also können wir nicht flüchten", stellte Yxo fest. "Das hätten wir sowieso nicht gekonnt, der Kreuzer hätte uns der Reihe nach aus dem Hyperraum geschossen", entgegnete Svenia, "wir müssen vielleicht damit rechnen, das Hyperdrom aufzugeben." "Wie aufgeben?!" rief Xil fast hysterisch. "Ich meine, den Yllionen übergeben." Das schien die Cilthroidin wieder zu beruhigen, gleich darauf meldete sich der Yllionische Commodore wieder: "Geben Sie doch auf. Sie haben ja doch keine Chance. Unser Schiff ist Ihnen taktisch überlegen." "Na, klar!" rief Sam. "Wie, na klar?" fragte Sod, der scheinbar nicht ganz wusste, ob der Ausruf ironisch gemeint war. "Ich meine, na klar. Was, wenn wir dafür sorgen, dass der Kreuzer uns nicht mehr überlegen ist?" Sam atmete tief durch, bevor er weiter sprach "Passt auf, Leute. Wir schlagen Kurs 732-449 ein." "Im Moment ist das Hyperdrom unser einziger Trumpf, und dieser Kurs führt uns davon weg", widersprach Sod. "Ja, genau das will ich ja! Okay, Leute, vertraut mir. Mein Plan sieht zwar den Verlust des Hyperdroms vor, aber es ist das einzige, was wir jetzt tun können." "Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Hyperdrom NICHT zu verlieren, ..." setzte Yxo an. "Aber die gibt es nicht", unterbrach ihn Sam, "bitte, ich war bei der UTSF, ich weiß, was ich tue!" "Na gut, also, was jetzt?" "Wir schlagen Kurs 732-449 ein und machen uns mit den normalen Triebwerken aus dem Staub, Yxo, du hältst dich während der Flucht bereit, ein einziges Mal auf das Hyperdrom zu schießen, und zwar, wenn ich es dir sage." "Ich glaube, ich weiß, was er vor hat", vermutete Svenia, als Sam den besagten Kurs einschlug und beschleunigte.
Die anderen Schiffe folgten der Savage Eagle, selbstverständlich auch der Yllionische Kreuzer.
Sam sah angespannt auf den Scannerbildschirm. Der Transporter mit dem Hyperdrom befand sich zwischen dem Yllionischen Kriegsschiff und den Piraten. Während diese sich immer weiter davon entfernten, kam der Kreuzer dem Hyperdrom näher. "Was hast du vor?" wollte Celtros wissen. "Moment..." meinte Sam. Er wartete noch einige Sekunden, um sicher zu sein, dann rief er: "Jetzt! Yxo, Feuer frei!"
Yxo überlegte nicht, sondern tat, was der Terraner gesagt hatte. Die Lebensquell wirbelte herum, so dass das Heck in Flugrichtung zeigte, gab einen Schuss aus der Energiebündelkanone ab, drehte sich wieder richtig herum und setzte die Flucht fort. Der Schuss traf den Spezialtransporter mit dem Hyperdrom genau in den Bug und riss einige Trümmer heraus.
Beschuss. Gefahr.
Transferbeginn.
Das Hyperdrom produzierte erneut einen Kühlmittel-Transferstrahl und fixierte ihn auf den Yllionischen Kreuzer.
"Was geht hier vor?" wollte der Commodore wissen. "Es... es entzieht uns Kühlmittel!"
"Das ist genial!" stieß Yxo hervor, während er und die anderen weiterhin flüchteten.
"Ich muss sämtliche taktischen Systeme herunter fahren", stellte der Ingenieur der YC Omega bitter fest, "wir haben nicht genug Kühlmittel, um den Energie-Output zu halten."
Transfer vollendet. Beginn der Startphase.
"Das Hyperdrom läuft wieder an", stellte Svenia fest. Yxo seufzte. "Damit wären wir zwar in Sicherheit, aber unser Vorhaben ist trotzdem gescheitert, die Startphase können wir nicht abbrechen", meinte er, hob am Satzende fragend die Stimme und sah Xil an. "Ihr seid übrigens total verrückt", stellte sie noch einmal fest und machte sich am Kom-Terminal zu schaffen. Yxo grinste und bedankte sich. "Danke?! Du sagst danke?" "Rein obligatorisch." "Ach so." Sie tippte nur ein paar Sekunden am Computer herum, bevor sie rief: "Na also. Startphase des Hyperdroms ist abgebrochen. Allmählich werde ich gut..." "Damit hätten wir aber trotzdem noch ein Problem", wandte Sam ein, "wir können das Hyperdrom nicht wegschaffen." "Das nicht", überlegte Svenia, "aber wir können von hier aus unsere Forderungen stellen. Wenn sie erfüllt werden, starten wir das Hyperdrom in den Syde-Haufen." "...und werden hier von den Yllionen massakriert." "Dann verlangen wir eben einen gewissen Vorsprung, bevor wir das Hyperdrom zurück schicken", ergänzte die Terranerin. "Hm...", machte Yxo, "die Idee ist nicht schlecht, aber was sind denn unsere Forderungen?" Schweigen. "Wir sind Idioten", stellte Sam nach kurzer Zeit fest und konnte sich Lachen nicht verkneifen. "Aber nicht doch" widersprach Xil, fast schon ein wenig sarkastisch. "Geld können wir in dieser Lage nicht direkt fordern", stellte Sod fest, "mit zertifizierten Geldeinheiten können sie uns überall aufspüren." "Wir müssen etwas Wertvolles verlangen", überlegte Sam. "... und dürfen dabei nicht aus den Augen verlieren, dass es auch gut verkäuflich sein muss", ergänzte Yxo. "Kühlmittel", schlug Svenia vor, "einen ganzen Tanker voll." "Dabei können wir aber wieder in so eine Falle tappen, wie mit dem Hyperdrom", widersprach Sam, "wir bräuchten eher etwas, wofür kein zusätzlicher Transporter nötig ist." Dann ergriff Xil das Wort: "Neutronium." "Neutronium...?" "Neutronium. Ein kleiner Container Neutronium ist etwa so viel wert, wie ein Kubikkilometer Kühlmittel, mitsamt dem Tankraumschiff..." "Ja", meinte Yxo, "wenn du mir verrätst, wie wir so viel Neutronium auch nur einen Zentimeter weit bewegen wollen? Dazu bräuchten wir Schlepper, sehr, sehr viele Schlepper." "Ja..." "Das bringt uns alles nicht weiter", wandte Svenia ein, "wir bräuchten etwas, das auf kleinem Raum unterzubringen und leicht zu bewegen ist. Etwas, das uns eventuell nützt. Waffen." "Naja." Yxo klang von der Idee nicht sehr begeistert. "Dinge in der Richtung Rohstoffe würden uns die Yllionen vielleicht geben. Aber bevor sie Waffen an Piraten verkaufen, riskieren sie lieber eine Lösung des Problems mit Waffengewalt." Sam setzte gerade zum Sprechen an, da ergänzte Yxo: "Das gleiche gilt vermutlich auch für Antimaterie." "Dann gehen wir die Sache anders an", meinte der Terraner, "wir widmen uns einfach unseren Yllionischen Freunden da draußen!" "Wie ...?" "Der Kreuzer, er ist praktisch nur noch ein Wrack. Wir plündern das Schiff." Yxo atmete deutlich hörbar ein. "Wenn du mir vormachst, wie man ein voll bemanntes Kriegsschiff kapert... gerne." "Wir werden uns natürlich nur das unter den Nagel reißen, was wir von außen entfernen können. Geschütze, Komponenten des Hyperantriebs und so weiter. Na?" "Im Prinzip ist das möglich", gab Celtros zu, "und vielleicht gar keine so schlechte Idee." Yxo überlegte ein paar Sekunden, dann meinte er: "Meinetwegen. So war es zwar nicht gedacht, aber vielleicht ist das im Moment unsere beste Chance." Auch Sod und Svenia stimmten zu.
Und dann tauchten drei Raumschiffe auf den Scannerschirmen der Piraten auf. "Drei kleinere Schiffe nähern sich uns", meinte Yxo besorgt, "das gefällt mir gar nicht." "Was für Schiffe?" wollte Xil wissen. "Sie senden keine ID-Kennung. Aber sie sehen aus wie... nein..." "Ich glaub' das nicht!" rief auch Sod wütend. "Wie kann das sein?!" "Was, was", Xil fuchtelte wild mit den Armen, "was ist denn so unglaublich??"
Die Black Snake, die Viper und ein leichter Zerstörer fielen aus dem Hyperraum.
"Wie kommen die hierher?" rief Sam. Yxo öffnete einen Kanal zur Black Snake und brüllte: "Was willst du verdammter Erdling hier?!" "Ich will mein Hyperdrom haben", entgegnete Dexter so arrogant, dass sich Yxo wünschte, ihn jetzt vor sich zu haben, "und um dem etwas Nachdruck zu verleihen, habe ich hier ein paar liebenswürdige Helfer engagiert."
Bedrohlich schwebte der breite, flache Zerstörer mit den beiden nach oben und unten ragenden Geschütztürmen wie ein Schutzschirm über der Black Snake und der Viper.
"Ein Zerstörer der Jooca-Klasse", flüsterte Sod erklärend ins Kom, "besonders gerne von Söldnern verwendet." Wie auf Kommando schaltete sich der Kommandant des Zerstörers in die Konversation. Die Stimme klang kratzig und schleppend und gehörte zumindest keinem Menschen. "Hier spricht Sc. Deaktiviert eure Waffen, euer Gefechtspotential ist nicht ausreichend." "Kann der kleine Erdling jetzt nicht mehr selber sprechen, sondern muss seine tollen Söldner für sich reden lassen", griff Yxo Dexter an. "Wir sprechen nicht für ihn", erklärte Sc.
Das Geschütz an der Spitze des unteren Gefechtsturmes drehte sich, visierte die Viper an und feuerte mehrmals. Die Schüsse aus dem Hyperraum-Strukturbrecher bohrten sich durch die Schilde des Frachters, durchtrennten ihn in der Mitte und ließen ihn in einem gellenden Inferno explodieren.
Yxo verzog das Gesicht und brachte hervor: "Also Dexter, vertraue niemals deinen Söldnern, wenn es um etwas Wertvolles geht..."
Svenia klappte die Kinnlade nach unten. Sie konnte kein Wort sagen. "Ivan..." murmelte Sod leise, reagierte aber sofort, feuerte die Bordkanonen auf den Zerstörer ab und ging auf Angriffskurs.
Dexter zündete die Triebwerke der Black Snake, manövrierte sein Schiff direkt neben den Zerstörer in den toten Winkel von dessen Geschützen. Er wartete, bis dieser einen verfehlten Schuss auf die Rattlesnake abgegeben hatte, nutzte dann die paar Sekunden Nachladezeit der feindlichen Geschütze und raste aus dem toten Winkel heraus, um zu feuern. Gleichzeitig drehte sich der Zerstörer um die eigene Achse, wandte dem Kanonenboot die Unterseite zu und feuerte mit den unteren Geschützen. Die Schilde der Black Snake sanken um die Hälfte, dann beschleunigte Dexter, um Distanz zwischen sich und die Söldner zu bringen.
"Es gibt ein altes Terranisches Sprichwort, das heißt: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", meinte Sam entsetzt. "Ihr seid ja richtige Poeten", stellte Yxo unbeeindruckt fest und feuerte ebenfalls auf die Söldner. "Yxo, was tust du?!" wollte Xil ein kleinen wenig hysterisch wissen. "Das siehst du doch, ich gebe der Rattlesnake Deckung." "Aha, dann ist ja alles gut..." "Wie wär's jetzt mit Trick 17?" schlug Sam vor. "Trick 17?" fragte Xil unsicher. "Er meint, den Söldnern Kühlmittel zu entziehen", erklärte Yxo. "Unmöglich", widersprach Xil, "das Hyperdrom ist schon vollgetankt." "Na wunderbar." Plötzlich zog Yxo sein Schiff nach oben, um einer Salve zu entkommen. Die Schüsse streiften die Schilde der Lebensquell an der Unterseite, das Schiff wurde durchgeschüttelt. "Hey", bot Xil an, "ich kann ja derweil draußen warten, bis ihr hier fertig..." "Xil, halt die Klappe! Und Sam, dein Schiff ist nicht kampffähig: Mach', dass du in sichere Entfernung kommst!" "Hab' ich dir jemals widersprochen?" meinte Sam und wartete die Antwort erst gar nicht ab.
"Die Schilde sind runter auf 40 Prozent!" rief Svenia, nachdem ein Volltreffer die Rattlesnake erschüttert hatte. "Kriegst du das hin?" wollte Sod wissen. "Ja", keuchte die Terranerin, "aber es kann etwas dauern, bis die Schilde wieder oben sind.
Wieder jagten mehrere Schüsse hintereinander aus den beiden Kanonen der Rattlesnake und hagelten auf den Zerstörer ein. Von backbord traf eine Salve aus Yxos Geschützen den Zerstörer, während Dexter Ausweichmanöver flog und versuchte, Zeit für eine Drehung zu gewinnen, um seine Kanonen den Söldnern zuwenden zu können.
"Es hat keinen Sinn", stellte Sod fest, "seine Schilde sind erst auf 80 Prozent." Der nächste Treffer auf die Rattlesnake kam vollkommen überraschend und war perfekt gezielt. Ein Explosionsgeräusch dröhnte durch die Brücke, kurz bevor das Licht und die Schwerkraft ausfielen. Die Trägheitsaufhebung wurde zerstört, Sod und Svenia von den Füßen gerissen und durch die Luft katapultiert. Mehrere implodierende Bildschirme erhellten für Sekundenbruchteile den Raum. Das Letzte, was die beiden Piraten noch hören konnten, war ein dröhnendes Geräusch, das sich langsam in ein metallisches Reißen verwandelte, kurz bevor sie fast gleichzeitig an die Decke prallten.
Die Backbord-Kanone wurde regelrecht von der Rattlesnake weggesprengt und riss die halbe Flanke mit sich. Die nun sichtbaren Verstrebungen der Rumpfstruktur wurden von den gewaltigen Kräften verzogen.
"Oh, Scheiße", war das Treffendste, das Sam im Moment einfiel. "Leben sie noch?!" schrie Celtros. "Nein", musste Sam nach einem kurzen Blick auf seinen Scannerschirm sagen.
"Das reicht mit dem Geplänkel", beschloss Yxo und feuerte seine lange aufgesparte Antimaterie-Rakete auf das Söldner-Schiff ab. "Aber jetzt weg hier!!"
Sam leitete sämtliche Energie in die Triebwerke. Mittlerweile war er auf 200 000 Kilometer entfernt und hatte gute Chancen, der Explosion von Yxos Antimaterie-Rakete auch ohne Hyperantrieb zu entkommen. Doch trotzdem wäre Yxos vorschnelle Handlung vielleicht vollkommen falsch gewesen, hätte es nicht noch Dexter gegeben. Er manövrierte sein Schiff zwischen den Zerstörer und die Rakete, fing mit seinem Rumpf einen Schuss des Zerstörers ab, der das Missile zerstört hätte, beschleunigte weiter und aktivierte nur wenige Meter über der Rattlesnake den Hyperantrieb. Das Sub-Hyperraumfeld der Black Snake riss das Wrack der Rattlesnake mit sich. Im gleichen Moment, in dem die Schiffe in den Hyperraum starteten, detonierte das Missile. Das Söldnerschiff wurde zerfetzt, eine glühend heiße Trümmerkugel expandierte in alle Richtungen. Und das Hyperdrom flüchtete irgendwo in den Syde-Haufen.
Die Savage Eagle trieb im Raum. Die Flucht vor der Explosionsgewalt hatte auch die Notenergiereserven verbraucht, so dass die Lebenserhaltung des Jägers von der gedockten Lebensquell aus mit Energie versorgt werden musste. In ein paar Kilometern Entfernung schwebte das Wrack der Rattlesnake, gekoppelt mit der Black Snake, deren Hyperspulen es überstanden hatten, die Rattlesnake mit zu schleppen. Terranische Qualitätsarbeit.
"Die beiden Yllionischen Schiffe sind bei der Explosion zwar sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, aber nicht zerstört", stellte Yxo fest, als er seinen Scannerbildschirm musterte, "wir können den Yllionischen Kreuzer also trotzdem noch plündern." "Trotzdem", wiederholte Sam, der sich mit Celtros und Xil auf der Brücke befand, bitter. "Das wird schon", meinte Xil. Dexter hatte mit der Rattlesnake gedockt, um die beiden Leichen für eine spätere ärztliche Behandlung einzufrieren oder, wenn möglich, gleich zu behandeln. "Dann wollen wir mal", beschloss Sam nicht gerade sehr tatkräftig, "sehen wir mal, was wir von den Yllionen noch alles können."
Krachend fiel die Deckenplatte aus der Rattlesnake zu Boden, beschleunigt von dem Gravitationsfeld, das noch in der Black Snake herrschte. Dexter hatte nicht an eine der Dockluken ankoppeln können, da er sich von diesen Punkten aus keinen Zugang zur Brücke hätte verschaffen können, ohne den Sauerstoff aus selbiger entweichen zu lassen. Außerdem war von den Dockluken nicht mehr viel übrig, also hatte er direkt an das Cockpit angekoppelt, und sich den Weg frei gebrannt. Der Terraner sprang nach unten in die Schwerelosigkeit und warf einen kurzen Blick auf die Anzeige am Ärmel seines Raumanzugs. Zischend wurde Luft zwischen dem Helminneren und der Umgebung ausgetauscht, als Dexter seinen Helm abnahm, dann sah er auf Sod herab, der in der Dunkelheit vor ihm schwebte. An einer Kopfwunde war weißes Blut angetrocknet, der Körper des Esialo war von Eintrittswunden von Splittern übersäht. Splitter und Blut schwebten noch immer im Raum, auch Menschenblut. Dexter wollte tief durchatmen, um sich zu beruhigen, doch der Gestank belehrte ihn eines Besseren. Es roch zwar zum Glück weder nach Verwesung, noch nach verbranntem Fleisch, doch der Geruch der verschmorten Kabeln nahm dem Terraner fast den Atem. Außerdem hätte er in der Schwerelosigkeit Splitter in die Lunge bekommen können. "Ich kann nichts für dich tun", murmelte Dexter bitter vor sich hin und sah dabei den Erste-Hilfe-Kasten in seiner Hand an, der für Menschen ausgelegt war. Verzweifelt sah er sich um und machte sich bewusst, dass es seine Schuld war. Dann fand er Svenia, um deren Arm sich ein Kabelbündel gewickelt hatte, das sie an der Decke fest hielt. Dexter stieß sich zur Decke ab und musterte die Terranerin. Sie war weniger von Splittern betroffen, ihre Todesursache konnte ein Laie nicht feststellen. Ihre auf den ersten Blick schlimmste Verletzung war eine eigentlich unscheinbare Wunde am Hinterkopf. Sofort holte Dexter einen Zellwachstumsstimulator aus dem Erste-Hilfe-Kasten und richtete ihn auf die blutgetränkte Stelle. Der bläuliche Strahl säumte die Wunde, ein unappetitliches Blubbern war zu hören, dann begann der Heilungsprozess. Langsam wuchs frische Haut über die Verletzung, und als sie verschlossen war, tauschte Dexter den Stimulator mit einem Neuronenregenerator aus. Er drehte ihr Gesicht zu sich, richtete den Strahl in ihre offenen Augen, in denen noch Panik geschrieben stand, und hoffte, dass die Impulse über die Nerven weiter geleitet wurden. Dann nahm er in die zweite Hand einen Gravitonenpulser. Herzmassage. Mit jedem Schuss, der nicht funktionierte, erhöhte Dexter die Impulsstärke. Er war kein Arzt, es hatte ja doch keinen Zweck... Auf IG-25 waren die Behandlungsmethoden viel professioneller. Doch dann gaben die beiden Geräte gleichzeitig Laut von sich. Das Herz fing an, zu schlagen, und der Neuronenregenerator konnte nicht weiter arbeiten - die Augen wurden geschlossen. Svenia begann, flach zu atmen. Ein Wunder, schoss es Dexter durch den Kopf. Doch er war noch kaltblütig genug, um den nächsten logischen Schritt zu tun. Svenia lebte wieder, jetzt galt es, Sod auf die Black Snake zu bringen und einzufrieren. Der Terraner wollte sich gerade zu dem Esialo umdrehen, da röchelte Svenia irgend etwas. "Was hast du gesagt?" Es war ihr zuwider, das zu wiederholen. Er konnte sich doch wohl denken, was sie ihm zu sagen hatte. Sie nahm die gesamte Kraft ihres neugewonnenen Lebens zusammen und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Vor Erschöpfung wurde sie wieder bewusstlos, der Schlag hatte Dexter keine Schmerzen bereitet, aber wenigstens wusste er jetzt, was sie ihm hatte sagen wollen.
Viel von der äußeren Ausstattung des Yllionischen Kreuzers war verbrannt oder durchlöchert. Das Schiff sah regelrecht verkohlt aus, doch es ließen sich noch überraschend viele Dinge nutzen. Während Yxo seinen Vielzweckroboter auf das Yllionische Kriegsschiff zusteuerte, dachte er über den mittlerweile eingefrorenen Sod nach. Verdammt, er kannte Sod doch nicht einmal richtig. Oder hatte ihn nicht richtig gekannt. Je nachdem, was man auf IG-25 für ihn tun konnte. Oder auch nicht.
Wenigstens war die Plünderung des Kreuzers halbwegs erfolgreich. Zwei noch intakte Ionenblaster-Geschütze, mehrere Leiter aus dem Hyperantrieb und sechs Fusionsmissiles, die allerdings nicht mit den gängigen Aufhängungen kompatibel und deshalb vermutlich schwer zu verkaufen waren.
Mit der Savage Eagle im Schlepptau und vollgeladenen Frachträumen machten sich die Lebensquell und die Black Snake auf den Weg nach IG-25. Irgendwie hatte Yxo sich das alles anders vorgestellt.
Yxo, Sam, Sod, Svenia und Celtros saßen an einem selbstleuchtenden Tisch im Starlight. Der Arzt hatte Sod zwar verboten, die Krankenstation zu verlassen, aber Ärzte waren doch sowieso allesamt Idioten. Und Menschen selbstverständlich auch. Und menschliche Ärzte hatten folglich überhaupt keine Ahnung von gar nichts.
"Xil hat mich vorhin angerufen", erklärte Yxo, "die Leute nehmen ihr die Geisel-Story ab." "Ganz schön dämlich, diese Cillys", merkte Sam an. Er war wohl mittlerweile eine der wenigen Personen, die sich so etwas wenigstens einmal leisten durften. Mit der Frage "Weiß man auch schon genauer über den Syde-Haufen bescheid?" entschärfte Svenia die Situation. "Ja", begann Yxo, "der Kreuzer, der Sam und Celtros dort gefunden und später übrigens auch das Hyperdrom geborgen hat, war nicht durch Zufall dort. Die Yllionen hatten schon vor uns das Wurmloch in den Syde-Haufen entdeckt und deshalb zur Untersuchung und Sicherung der Lage den Kreuzer dorthin geschickt. Die Yllionen haben heraus gefunden, dass der Syde-Haufen ihre ursprüngliche Heimat war." "Aber der Syde-Haufen besteht nur aus weißen Zwergen", wandte Celtros ein, "aus toten..." Er stockte. "Aus toten Sternen", vollendete Yxo den Satz, "ganz genau. Das Hyperdrom-Programm der alten Yllionen war kein Kolonisierungsprojekt." Yxo sah in die Runde. "Es war eine Massenevakuierung." "Sie haben offenbar gewusst, dass der gesamte Syde-Haufen nicht mehr lange bewohnbar sein wird", vermutete Svenia. "Ganz genau. Es werden jetzt Vorbereitungen getroffen, den Syde-Haufen in eine riesige archäologische Ausgrabungsstätte zu verwandeln..." Yxo grinste. "... mit Xil als Ausgrabungsleiterin." "Wow." "Da ist sie in ihrem Element", grinste der Cilthroide, "Tod und Zerstörung." Sam starrte aus den Panoramafenstern in den Weltraum. "Wie viele Yllionen sie damals wohl evakuieren konnten...?" murmelte er vor sich hin und beobachtete die startenden und einfliegenden Raumschiffe. "Keine Ahnung", antwortete Yxo, "aber zumindest hat es gereicht, um den Bestand der Zivilisation zu sichern." Sam verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln, bevor er noch hinzu fügte: "Ein schwacher Lichtblick bei Milliardenverlusten. Aber immerhin ist es ein Lichtblick."
Yxo sprang auf, als Dexter den Raum betrat. Gegen den Protest der Anderen folgte er Dexter, der scheinbar nichts bemerkte, zu einem Tisch, packte ihn von hinten an der Schulter und drehte in zu sich um: "Hallo", begrüßte der Terraner ihn kleinlaut. "Du weißt, was jetzt kommt?" lautete die rhetorische Frage des Cilthroiden, und er holte mit der Faust aus. Dann drängte sich Svenia zwischen die beiden. "Hey", meinte sie energisch zu Yxo, "findest du das nicht ein bisschen unfair?" Sie sah ihn fragend an und fuhr dann fort: "Wenn, dann darf ich zuerst!" Sie wirbelte herum und rammte Dexter die Faust unters Kinn, so dass dieser nach hinten kippte und auf einem Tisch aufprallte. "Och, es tut mir ja so leid", entschuldigte sie sich und setzte zu einem weiteren Schlag an.
"Wollt ihr nicht mitmachen?" fragte Sam und beobachtete dabei zusammen mit dem halben Lokal das Geschehen, während er sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen konnte. "Der Arzt hat mir verboten, Leute zu verprügeln", widersprach Sod. "Und Oren sind friedfertig", ergänzte Celtros. "Aha." Sam nippte an seinem Sumpfbaumtee und hatte gar nicht bemerkt, dass Ensgin Rosso und Lieutenant Chang gekommen waren. "Hey", meinte Rosso, worauf Sam den Terraner überrascht ansah: "Hi, Leute." "Kann's sein, dass ich den Cilthroiden kenne?" wollte Chang wissen und deutete auf Yxo, der Dexter gerade handfest erklärte, dass man sich besser keinen Cilthroiden zum Feind machen sollte. "Kann schon sein", nickte Sam. Auf den fragenden Blick des Oren hin, stellte Sam alle einander vor. "Rosso, Sod, ihr kennt euch ja schon. Sod, Lieutenant Chang, Celtros, Ensign Rosso." Sam fuchtelte entsprechend mit den Händen herum.
Yxo hielt Dexter an der Jacke gepackt aufrecht und sah ihn wütend an. "Hör' mir zu", sagte er, "du hörst mir doch zu, oder?" Dexter nickte schwerfällig. Blut lief ihm das Kinn herunter. "Du wirst dich in Zukunft von mir..." Er sah Svenia fragend an, die daraufhin nickte. Yxo korrigierte sich: "Du wirst dich in Zukunft von uns Allen fern halten, es sei denn, wir brauchen irgendwas von dir, kapiert?" "Kapiert", röchelte der Terraner, woraufhin ihn Yxo zu Boden stieß. Svenia widerstand der Versuchung, Dexter einen finalen Tritt zu versetzen und folgte Yxo zurück zu den anderen Piraten. Respektvoll machten Rosso und Chang den beiden Platz und begrüßten sie. Sam stellte erneut vor: "Yxo, Ensign Rosso, Lieutenant Chang, Svenia..." "... Huygens." Die beiden UTSF-Offiziere, in deren Gegenwart sich Celtros ganz offensichtlich unwohl fühlte, warfen einen Blick zurück zu Dexter, dem gerade zwei besorgte Chemysaner aufhalfen. "Ich denke, wir gehen wieder", schlug Rosso vor, "wir wollten nur sehen, wie's euch geht." "Und wissen, wie's unserem Scout-Schiff geht", ergänzte Chang mit einem zynischen Unterton. "Schlecht", antwortete Sod, "aber es muss einen ziemlich beeindruckenden Abgang gemacht haben." "Es ist in einer irrsinnig spektakulären Antimaterieexplosion vernichtet worden", erklärte Sam. Rosso seufzte. "Der alte Dudurov ist ziemlich sauer. Das nächste Mal, wenn irgend jemand von euch etwas von uns mitgehen lässt, könnt ihr nicht irgendwas als Pfand dalassen?" "Mal sehen..." Die beiden verabschiedeten sich und gingen. "Was machen wir jetzt?" fragte Sod, und sprach damit hauptsächlich Celtros und Svenia an. "Ich meine, kein Raumschiff mehr..." "Wenn ihr ein Raumschiffe braucht..." grinste Sam, sah dabei den beiden Space-Force-Offizieren nach und vollendete den Satz nicht. "Aber ihr müsst irgendwas als Pfand da lassen", tadelte Yxo. Nach einem kurzen Gelächter wurde es wieder still. "Es ist schade um Ivan", gestand Sod. "Sein Tod ist nicht leicht zu verkraften", gab Celtros zu, "immerhin kenne ich ihn schon fünf Jahre." "Er konnte Dexter auch nie wirklich ausstehen", meinte Svenia, "verdammt, warum musste er ihm trotzdem bis zuletzt alles nachmachen?" "Jetzt können wir auch nichts mehr tun", seufzte Sod, "hatte er irgendwelche Angehörigen?" "Er hat nie etwas gesagt", antwortete Svenia kopfschüttelnd. Celtros seufzte. "Und was nun?" "Ihr könntet euch uns anschließen", schlug Yxo plötzlich vor. Sod schüttelte den Kopf. "Mit was denn? Und ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt jemals mein ganzes Leben als Pirat verbringen wollte. Vielleicht gehe ich einfach zurück nach Hause." Von diesen Worten wurde Sam getroffen. Nicht, weil ihn das Leben des Esialo irgend etwas anging, sondern, weil er sich selbst diese Frage noch nie gestellt hatte. Zumindest hatte er sich nie eingestehen wollen, wie wichtig diese Frage für ihn war. Wollte er wirklich sein ganzes Leben als Pirat verbringen? Er würde vielleicht nie wieder nach Hause zurück kommen. Vielleicht wäre es besser, jetzt das Geld zu nehmen und ein neues Leben anzufangen. Vielleicht eine Familie zu gründen, ein Haus zu bauen, irgendwo unter den Kuppeln von Beteigeuze City. Und später seinen Kindern zu erzählen, wie er das Hyperdrom entführt hat? Dass die Existenz mit schmutzigem Geld aufgebaut ist, und dass er damals eine unüberlegte Entscheidung getroffen hatte, die ihn sein ganzes Leben lang wie ein Schatten verfolgen würde? Nein. Sam hatte seine Entscheidung getroffen, als er vor drei Monaten diesen Jäger gestohlen hatte, als er sich Yxo angeschlossen hatte, und er hatte diese Entscheidung bis jetzt noch nicht bereut. "Geht doch zu irgendeiner anderen Piratenbande", schlug der Mensch vor. Die drei sahen ihn etwas misstrauisch an. "Ihr ward bei den Black Snakes. Ihr wisst, was Sache ist, ihr seid gut." Dann blickten sich die drei gegenseitig unsicher an. "Oder irgend etwas Anderes", meinte Yxo, "es ist nicht unser Problem." Als er sah, dass Sam seinen Tee ausgetrunken hatte, stand er auf. "Wenn ihr irgendwann mal in Schwierigkeiten seid, oder Hilfe braucht...", bot Yxo an. "... findet ihr uns früher oder später hier", ergänzte Sam, "viel Glück". Mit diesen Worten verabschiedeten sich Sam und Yxo. Die drei ehemaligen Black Snakes starrten noch lange aus den Panoramafenstern in die Dunkelheit. Schließlich ergriff Svenia das Wort: "Ob Dexter sauer ist, wenn wir uns sein Schiff ausborgen?" Ein verschwörerisches Grinsen formte sich auf ihrem Gesicht.