Raumpiraten

 

Vogelfrei

 

© 1999-2002 Marco Kaas

 

von Marco Kaas

 

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Abschnitt 1

 

"Sie kotzen mich an!" brüllte Sam Johnson und knallte die Faust auf den Tisch. Der Mensch Anfang zwanzig, ein dunkler Typ, irgendjemand in seiner Familie war wohl afrikanischer Abstammung, stand auf, drehte sich von seinem Gegenüber weg und atmete tief durch. Beide trugen Uniformen der United Terran Space Force, und über diesen schlichten, hellblauen Kombis hatten sie giftgrüne Space-Force-Pilotenjacken an. "Nein, das glaube ich nicht", meinte der Bärtige auf der anderen Seite des Tisches ruhig und lehnte sich zurück, "ich kotze Sie nicht an. Hier kotzt niemand niemanden an, sondern hier legt man eine offizielle Beschwerde ein, wenn man mit Vorgesetzten nicht zurecht kommt. Merken sie sich das... Ensign." "Eine offizielle Beschwerde?!" Sam wirbelte herum. "Wenn ich hier eine offizielle Beschwerde einreiche, dann bringt mir das überhaupt nichts." Er deutete auf das Bild einer Raumstation, das an der Wand des kleinen Besprechungsraumes hing, oder besser gesagt, er warf seinen Zeigefinger ungefähr in diese Richtung. "Sehen Sie das? Da haben Sie diese Raumstation. Ein Haufen aus Metall und Plastik, mitten zwischen der Milchstraße und dem Andromedanebel. Ein ziviler Haufen Metall und Plastik. Irgendjemand ist auf die Idee gekommen, hier eine Verteidigungsstaffel der Space Force zu stationieren, falls die bösen, bösen Piraten kommen. Ich, Sie, Commander Kellogg, Lieutenant Chang und Ensign Rosso sind die einzigen hier, die der Space Force angehören, und Sie sind der höchste Offizier hier. Bei wem soll ich bitte eine offizielle Beschwerde einreichen? Bei Ihnen?" "Natürlich. Wollen Sie mir etwa unterstellen, dass ich dienstliche..." "Ja, das will ich! Sie... Sie halten sich hier für den Allergrößten. Sie haben das Kommando über eine kleine Staffel aus Kampfjägern, deren Piloten entweder hier sind, weil sie noch zu unerfahren für eine anständige Staffel sind, oder weil man sie aus verschiedenen Gründen nicht mit richtigen Krisensituationen konfrontieren will. Captain, Sie glauben, sich hier aufführen zu können, wie es Ihnen passt. In Wahrheit sind Sie nichts weiter, als ein inkompetentes, schießwütiges Häufchen Dreck, um es vornehm auszudrücken." In diesem Augenblick kam Sam der Gedanke, dass er vor dem Reden vielleicht etwas intensiver hätte nachdenken sollen. In den Augen des Captains erschien ein zorniges, feindseeliges Funkeln, dann beugte er sich langsam vor und stützte sich mit den Handflächen am Tisch ab. "Wie haben Sie mich eben genannt?" "Nein", korrigierte Sam, "hier benennt niemand niemanden, sondern Vorgesetzte nehmen Beschwerden an." Vielleicht hätte sich der Captain auch so wieder gefangen, vielleicht hat das plötzliche Piepsen des Koms aber auch Schlimmeres verhindert. Er presste den Zeigefinger auf den Schalter vor sich, während er Sam weiterhin wütend ansah. "Dudurov." "Boris", meldete sich ein Frauenstimme, "eben hat der Stationsleiter einem Schiff Andockerlaubnis erteilt, das angeblich für mindestens zwei Piratenüberfälle im intergalaktischen Raum verantwortlich ist." "Ja und? Hier können wir die Crew doch sowieso nicht festnehmen, dies ist Stationsterritorium." "Das ist mir klar. Ich dachte nur, wir sollten vielleicht auf Probleme gefasst sein." "Verstanden." "Kellogg, Ende." Captain Dudurov stand auf und hielt seinen stechenden Blick weiterhin auf Sam fixiert. "Nun gut, Ensign, ich bin ein verständnisvoller Mensch." Unter anderen Umständen hätte Sam laut los gelacht. "Ich würde Sie am liebsten die Nacht in einer Arrestzelle verbringen lassen", setzte sein Vorgesetzter fort, "für diese Beleidigung, aber ich vertraue darauf, dass Ihnen so etwas nicht noch einmal heraus rutscht." "Danke, Sir", entgegnete Sam spöttisch. Dudurov beschloss, sich nicht weiter um Sams Wutausbruch zu kümmern. "Ensign, ich denke, wir sollten der Crew dieses Schiffs trotzdem auf den Zahn fühlen. Sie und ich, wir gehen rüber zum Dockbereich und überzeugen die Piraten, dass es besser wäre, in der Nähe dieser Station nicht rum zu ballern."

 

IG-25 war eine Raumstation etwa auf halber Strecke Milchstraße - Andromedanebel. Ihren meisten Umsatz machte sie als Reparaturposten und Handelsstützpunkt, aber es war auch eine Art Rastplatz, ein Erholungsort auf längeren Reisen. Da fast jedes Schiff, das die stark frequentierte Flugroute benutzte, hier ein paar Stunden Halt machte, war IG-25 auch ein Treffpunkt der verschiedensten Rassen und Kulturen. Obwohl sie von Terranischen Geschäftsleuten gegründet worden war und von einer Verteidigungsstaffel der United Terran Space Force beschützt wurde, war die Basis nicht der Hoheit des Terranischen Imperiums oder irgendeiner anderen Regierung unterstellt. Für die Ordnung auf IG-25 sorgte der stationseigene Sicherheitsdienst, aber niemand konnte hier Piraten oder Kriminelle festnehmen, die auf der Station selbst nichts verbrochen hatten. Das ließ leider auch den Markt mit gestohlenen oder geschmuggelten Gütern aufblühen und gab Piraten Sicherheit.

 

"Auch wenn diese Cilthroiden-Schiffe alle gleich aussehen, denke ich, dass es sich um einen kleinen Sicherheitstransporter der ST-300-Klasse handelt", meinte Dudurov und betrachtete durch das große Panoramafenster im Gang das grünlich schimmernde Raumschiff, das mit einem der Andockarme gekoppelt hatte. Es sah aus wie eine flache, breite Stromlinienform ohne irgendwelche Flügel oder Ähnliches. Das einzige, was sich nicht in diese Form einpasste, waren zwei große Kanonenöffnungen am Bug. Sogar die im Leerlauf matt leuchtenden Gravitonenemitter waren ohne irgendwelche auf diese Entfernung erkennbaren Kanten Bestandteil der Stromlinie. Dudurov schätzte die Länge des Schiffes auf knapp 40 Meter. "Der Stationsleitung zufolge besteht die Crew lediglich aus einem einzigen Cilthroiden", setzte Dudurov fort, "mit dem reden wir 'mal." Sam folgte dem Captain durch die Gänge des Dockbereiches zum Andockplatz des kleinen Schiffes. Als sie ankamen, verließ gerade ein Cilthroide das Piratenschiff. Das Wesen hatte eine weiß, orange und blau gefleckte Haut sowie ein flaches Gesicht ohne erkennbare Nase oder Ohren. Der Cilthroide war unter seinem grauen Overall sichtbar kräftig gebaut, insgesamt etwa zweieinhalb Meter groß und hatte keine Haare. Sam wich instinktiv zurück, als das Wesen ihn und den Captain bemerkte. "Macht 'ne Fliege." "Tja, wir sind noch im Gang der Station", widersprach Dudurov, "wir dürfen hier bleiben, so lange wir wollen." "Aber wenn mir das nicht passt, bleibt ihr nicht lange hier, das kann ich euch versprechen. Was wollt ihr?" "Wir wollen Sie warnen", erklärte Dudurov. Der Cilthroide sah ziemlich verdutzt auf den Menschen vor ihm herab. "Wir wissen von Ihrer netten kleinen Nebenbeschäftigung", meinte Dudurov. "Das ist nicht nur eine Nebenbeschäftigung", gab das Wesen eiskalt zu. "Wenn Sie den Versuch unternehmen sollten, hier irgendein Schiff oder gar die Station anzugreifen..." begann Dudurov. "...habe ich mit Konsequenzen zu rechnen", vollendete der Cilthroide den Satz, "und jetzt macht, dass ihr abhaut." Dudurov wollte noch etwas sagen, doch Sam kam ihm zuvor: "Er wird wohl kaum vor einer Station und den Nasen von 132 gedockten Raumschiffen irgendjemanden angreifen, er würde gar nicht erst zum Entern kommen." "In der Nähe von Piraten sollte man sich nie in Sicherheit fühlen", entgegnete Dudurov. "Halten Sie ihn für bescheuert? Captain, wenn man ein Raumschiff angreift, dann nicht aus Spaß, sondern weil man seine Ladung haben will." "Clever, clever..." meinte der Cilthroide, "und jetzt verzieht euch." "Seien Sie schön brav", rief Dudurov zurück, als sie gingen. "Sie halten sich wohl für den Allergrößten?" meinte Sam zu Dudurov. "Und Sie halten den Mund."

 

Sam konnte nicht ohne seinen allabendlichen Tee auskommen. Er bevorzugte Tee aus nur auf Eniles wachsenden Sumpfbaumblättern, auch wenn dieser bei Humanoiden lästige bösartige Krebsgeschwüre hervorrufen konnte. Sam hatte es sich in den zwei Monaten, in denen er bereits hier stationiert war, zur Gewohnheit gemacht, jeden Abend ins "Starlight" zu gehen, die größte Bar der Station, dort seinen Tee zu trinken und wieder zu gehen. Das Lokal bestand aus einer Zentral gelegenen Theke, einem gigantischen, hohen Raum davor, der dicht mit Tischen voll gestellt war, an denen sich die verschiedensten Lebewesen tummelten, und mehreren Nebenräumen, die eine Wand des Lokals bestand aus Panoramafenstern, durch die man den Weltraum sehen konnte. Die Einrichtung war selbst für das 32. Jahrhundert futuristisch geformt, und schimmerte in dem matten Licht in verschiedenen Farben. Es war zwar ungewöhnlich, dass ein Mensch hier ein Getränk wie Tee zu sich nahm, aber das störte Sam nicht weiter. Er saß gerade an der Theke vor einer verkorkst geformten Tasse mit Sumpfbaumtee und rührte darin herum, als er plötzlich den Cilthroiden bemerkte, der neben ihm saß. "Hey, Terraner." "Ich bin kein Terraner", widersprach Sam gelassen und nippte an seinem Tee. "Du hast eine hässliche Nase, Fell auf dem Kopf, eine wie angekackt aussehende Hautfarbe, fünf Finger pro Hand und trägst eine United Terran Space Force-Pilotenjacke, also bist du ein Terraner." "Und ich bin geboren auf einer Kolonie im Beteigeuze-System, also bin ich kein Terraner." "Beteigeuze", wiederholte der Cilthroide, "netter Stern, fliegt angeblich bald in die Luft." "Was willst du überhaupt", wollte Sam wissen, "du nervst." Jetzt kam ihm in den Sinn, dass es vielleicht keine sonderlich gute Idee war, einen Cilthroiden so anzuschnauzen. "Ich wollte wissen, wie du dir das leisten konntest, Terraner", entgegnete das Wesen erstaunlich unbekümmert. "Was leisten?" "Na, du hast deinem Vorgesetzten widersprochen, und das auch noch vor den Augen von jemand anderem." "Ja und?" Sam war sich nicht sicher, ob er den Gesichtsausdruck seines Gegenüber richtig interpretieren konnte, aber er hätte schwören können, dass ihn der Cilthroide jetzt ziemlich blöd anglotzte. "Aber in der United Terran Space Force darf man keinen Vorgesetzten widersprechen", erwiderte das Wesen. Das war also eine dieser Klischeevorstellungen, die jede Rasse von jeder anderen hatte. "Doch, wenn der Einwand berechtigt ist, schon", erklärte Sam, "außerdem kotzt mich diese United Terran Space Force sowieso an." "Das ist eine verdammt merkwürdige Sitte", wunderte sich der Cilthroide, noch bevor ihm der Gedanke kam, dass sein Übersetzungsimplantat den Satz vielleicht nicht richtig interpretiert hatte. "Du meinst, du hast Probleme mit der United Terran Space Force?" "Ja, genau das. Und dieser arrogante Spießer Dudurov hält sich für den Big Boss." "Das ist er doch auch." "Ja, aber er lässt das seine Leute auch wissen. Jedenfalls kann mich die UTSF mal kreuzweise, wenn verstehst, was ich meine." "Naja, ich finde die UTSF auch zum Fressen." Jetzt hatte Sam den Eindruck, dass sein Übersetzungsimplantat den Kontext nicht richtig erkannt hatte. "Das nenne ich Völkerverständigung." Sam begann, wieder im Tee zu rühren. "Wenn ich etwas Besseres gefunden habe, trete ich wahrscheinlich aus. Dann werd' ich diesem Dudurov sagen, was ich von ihm halte. Bei der UTSF Pilot zu werden, war ein großer Fehler, aber die Fähigkeit, einen Jäger zu fliegen, wird eben sonst nirgends gebraucht. Warum erzähle ich dir das überhaupt?" "Du könntest für mich arbeiten." Sam spuckte den Tee, den er gerade trank, in die Tasse zurück und hustete heftig. "Wie bitte?!" "Ich sagte, du könntest für mich arbeiten. Die Unternehmen bewaffnen ihre Frachter immer besser, das macht mir die Arbeit schwerer. Ich suche schon länger nach jemandem, der mir helfen kann." "Äh..." War der Cilthroide verrückt? Andererseits, die Idee schien Sam nicht einmal so abwegig. Es wäre ein guter Weg, der Space Force eins auszuwischen. "Wenn du jetzt denkst, du bist doch kein Mörder, dann kann ich dich beruhigen", erklärte der Cilthroide, "bei meinen Überfällen kommt niemand ums Leben. Das wirkt sich günstiger auf das Strafmaß aus." "Aber Frachtfliegerei ist die Existenzgrundlage dieser..." "...rundum versicherten Unternehmer. Wenn du es unbedingt so sehen willst, sind die einzigen Leidtragenden die Versicherungen." Vielleicht hatte der Cilthroide ja recht. Nun gut, es kam Sam irgendwie vor, als wolle man ein Kind mit aus den Fingern gesaugten Argumenten von irgendetwas überzeugen. Irgendwie erschien ihm die Idee verlockend, sehr verlockend sogar. "Und wenn du mich einfach ausnutzen willst?" "Warum sollte ich? Hey, ich spiele nicht unfair." "Und du willst wahrscheinlich darauf hinaus, dass ich einen unserer Jäger mitgehen lassen soll." "Du wirst wohl ein Schiff brauchen, und einer eurer Jäger ist das Naheliegendste. Soweit ich informiert bin, fliegt ihr hier Jäger der Dragonfly-Klasse, und die sind mit Sub-Hyperantrieben ausgestattet." "Ja, das stimmt." Sam überlegte eine Weile. "Wie heißt du überhaupt? Ich bin Sam Johnson." "Yxo." "Yxo. Einfach Yxo?" "Einfach nur Yxo." Sam überlegte weiter. Er konnte die UTSF sowieso nicht ausstehen. Wenn etwas schief ging, könnte er noch immer den Jäger verkaufen und sich irgendwo gemütlich absetzen. "Ich bin dabei", sagte er plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen. "Okay, du kannst dich in Zukunft auf mich verlassen. Heute Nacht um... äh... 1.00 Uhr eurer Zeit starte ich von der Station. Bis dahin hast du Zeit, deine Sachen zu packen. Um 1.00 Uhr solltest du dann bereit sein, ich werd' ein paar Minuten auf dich warten." Mit diesen Worten stand der Cilthroide auf und ging. Sam trank den Rest seines Tees und sah auf die Uhr: 20.21 Uhr. Auf dem Rückweg zu seinem Quartier durchdachte er noch einmal, auf was er sich überhaupt in den letzten fünf Minuten eingelassen hatte.

 

Abschnitt 2

 

Captain Dudurov war als kommandierender Offizier der einzige, der ein eigenes Quartier zur Verfügung hatte, die übrigen vier mussten sich eines teilen.

Natürlich konnte Sam sich nicht hundertprozentig sicher sein, dass alle tief und fest schliefen, aber es sah zumindest so aus. Vorsichtig verließ er das Stockbett und verschwand im Waschraum. Als er wieder heraus kam, hatte er sich eine Reisetasche umgehängt und trug zivil. Er hatte Turnschuhe, ein weißes T-Shirt und eine graue, quer gerippte Hose an, und von seiner giftgrünen Pilotenjacke hatte er das Rangabzeichen und das Symbol der Staffel entfernt. Er betrachtete noch einmal die vier Schlafenden. Als Kollegen waren sie eigentlich immer ganz in Ordnung gewesen, bis auf Lieutenant-Commander Kellogg, die sich, wenn Dudurov nicht in der Nähe war, immer als die höchste anwesende Offizierin aufspielen musste. Lieutenant Chang, die wegen Problemen mit Autorität hierher versetzt worden war, hatte auch immer etwas an Dudurov und Kellogg zu meckern, war aber hilfsbereit, und Ensign Luigi Rosso verhielt sich meist ruhig und unauffällig. Angeblich hatte er einmal einen Unfall auf einem Träger, und er hatte das noch immer nicht richtig verarbeitet. "Ciao, Leute", sagte Sam leise und schlich sich zur Tür. Er tippte auf den Knopf daneben, sie öffnete sich fast lautlos und Sam blickte direkt in die Augen von Dudurov. "Ensign?" "Captain." "Was machen Sie, Ensign? Warum, äh... Warum schleichen Sie sich mitten in der Nacht mit einer Reisetasche aus dem Quartier?" "Naja..." "Ich erwarte eine Antwort." "Die steht auf dem Bildschirm da drüben", erklärte Sam fachmännisch und schlug dem Captain die Reisetasche an den Hinterkopf, als dieser in Richtung Wand blickte. "Gute Nacht", meinte er und verließ den Raum. Er hatte ja gleich gewusst, dass es eine gute Idee gewesen war, den Essensaufbereiter mit einzupacken.

   Sam hastete zum Andockplatz seines Jägers. Es konnte nicht lange dauern, bis Dudurov wieder aufwachte, und dann würde der Captain alles unternehmen, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern. Trotzdem nahm er sich eine knappe Sekunde Zeit, um seinen Jäger durch das Panoramafenster im Gang zu betrachten.

Es war ein schönes Schiff. Der Rumpf an sich besaß eine schlanke, flache Stromlinienform, mit einem platten Heck, in das die Gravitonentriebwerke eingearbeitet waren. Etwa in der hinteren Mitte beider Flanken liefen nahtlos Pylonen an den Rumpf, deltaflügelähnlich, nur dass die senkrechte Kante bugwärts und die schräge Kante achtern lag. Der Rumpf verschmolz regelrecht mit den am Ansatz dicken und breiten Pylonen, so dass die Sub-Hyperspule und andere große Komponenten in der Mitte mehr Platz hatten. Jeder Pylon hatte auf der Oberseite ein drehbares Geschütz und am Ende eine lange, vorstehende Scannerkapsel montiert. Der gesamte Jäger schillerte unter den Lichtern der Station in dem typischen Hellblau der UTSF-Schiffe. Trotz seiner geringen Größe von nur 15 Metern Länge war der Jäger der Dragonfly-Klasse in der Lage, eine Geschwindigkeit von 200 000 Lichtjahren pro Tag zu erreichen und auch relativ lange zu halten, eine Leistung, die den meisten größeren Schiffen sogar überlegen war.

   Nachdem er sich vom Anblick seines Schiffes vor dem Umriss der fernen Andromeda-Galaxie lösen konnte, hastete Sam in die Dockröhre und gab einen fünfstelligen Code in eine Kontrolltafel ein, worauf sich das Schott vor ihm öffnete. Er sprang hindurch, kletterte eine kurze Leiter nach unten und stand schließlich auf der Cockpit-Sichtkuppel seines Schiff. Den gleichen Code gab er in den Öffnungsmechanismus der durchsichtigen Luke ein, und als sich diese öffnete, sprang er hinein, direkt in den Pilotensitz. Er warf die Reisetasche auf die schmale Liege hinter sich und schloss die Luke wieder. "Okay, so weit, so gut", sagte er sich. Dann ließ er seine Finger über die Tasten des Hauptcomputers huschen. Er ließ die Gravitonentriebwerke und den Sub-Hyperantrieb anlaufen, sowie die Lebenserhaltung, und erhöhte den Energieausstoß des Sub-Hyperspulen-Reaktors. Jäger einer Verteidigungsstaffel mussten für den Ernstfall innerhalb weniger Minuten startbereit sein, und das war sein Glück. Er dockte den Jäger von der Station ab und beschleunigte. "Hier spricht die Stationsleitung, wir rufen Dragonfly DF-57-5. Sie haben keine Starterlaubnis! Ich wiederhole: Sie haben keine Starterlaubnis! Kehren Sie zu Ihrem Dock zurück." "Negativ", widersprach Sam. "Negativ?! Stoppen Sie sofort Ihre Maschinen!" "Er hat gesagt: 'Negativ'", entgegnete Yxo über das Kom. "Ich bin auf 10 Uhr", informierte er Sam. "Ich kann dich sehen", bestätigte dieser und nahm Kurs auf das kleine Schiff. "Ich überspiele dir unseren Kurs", erklärte Yxo, "sag' mir, wenn dein Hyperantrieb bereit ist." "Verstanden." Sam betrachtete die Statusanzeige seiner Maschinenkontrollen. Sie stieg langsam an und war jetzt auf 54 Prozent. Als sein Navigationscomputer Kollisionsalarm anzeigte, hatte er gerade noch genug Zeit, um vor dem riesigen Frachter hoch zu ziehen, der gerade abgedockt hatte und sich schwerfällig in Bewegung setzte. Er raste knapp über dem Rumpf des gewaltigen Schiffes hinweg, gleich darauf tauchten plötzlich zwei Andockarme vor ihm auf. Er schlängelte den Jäger direkt zwischen den Hindernissen hindurch und entschied sich dann dazu, sich etwas weiter von der Station zu entfernen. Er zog eine enge Kurve in Richtung Steuerbord und schlug den gleichen Kurs ein, wie Yxos Schiff. Als der Computer das Abdocken der anderen vier Space-Force-Jäger meldete, stand die Statusanzeige des Sub-Hyperantriebs auf 70 Prozent.

   In einer Angriffsformation entfernten sich die vier Jäger der Dragonfly-Klasse von der Station und nahmen direkten Kurs auf Sams Schiff.

   "Yxo, ich habe ein kleines Problem..." meinte Sam. "Keine Sorge, ich komme."

   Das stromlinienförmige Cilthroiden-Schiff flog einen engen Bogen und richtete sich wieder auf die gewaltige, undefinierbare Ansammlung aus Metall und Kunststoff aus, die IG-25 darstellte.

   Sam beschleunigte, wie er nur konnte. 80 Prozent.

   "Ich bin gleich in Waffenreichweite", meldete Kellogg an Dudurov.

   Yxo gab einige Schüsse auf die vier fernen Lichtpunkte ab, von denen allerdings jeder ins Leere traf.

 

"Ich feuere jetzt!" rief Kellogg und drückte den Daumen auf den Feuerknopf des Steuerknüppels.

   Sam brach nach links weg und entging den Energieladungen aus Kelloggs Bordgeschützen nur knapp. 90 Prozent. Jetzt gab er einige Schüsse nach hinten ab, von denen einer die Schilde von Dudurovs Jäger streifte.

   Gleichzeitig gab auch Yxo eine Salve ab. Mehrere Schüsse hagelten auf Dudurovs Schutzschilde ein, bevor dieser ausweichen konnte und sofort von Sam beschossen wurde.

   "Jetzt nicht..." murmelte Sam vor sich hin, als der Computer grünes Licht für den Eintritt in den Hyperraum gab. Er visierte gerade mit den Heckgeschützen Dudurovs Schiff an.

   Sams Feuer folgte Dudurovs Ausweichmanöver. Die Schilde des Captains brachen zusammen, und mit einem gezielten Überladungsschuss setzte Yxo die Systeme des Jägers außer Betrieb.

   "Jetzt können wir", grinste Sam, "ich würde zu gerne hören, wie Dudurov jetzt flucht."

Yxo wendete sein Schiff, und entging mit dem Eintritt in den Hyperraum weiteren Schüssen. Sam folgte seinem Beispiel und verschwand ebenfalls mit einem grellen Blitz im Hyperraum.

 

Abschnitt 3

 

"Wir sind jetzt außer Sensorenreichweite der Station", erklärte Yxo über das Kom. "Ich kann das alles nicht glauben", meinte Sam, "ich habe gerade einen Jäger geklaut, auf einen Vorgesetzten gefeuert und jetzt bin ich Pirat, obwohl ich eigentlich über so gut wie nichts informiert wurde." "Deine Entscheidung." "Toll... Naja, irgendwas sagt mir, dass die Entscheidung gar nicht so falsch war. Wo fliegen wir jetzt überhaupt hin?" "Wir wechseln jetzt den Kurs, fliegen noch ein paar Stunden ziellos weiter, und dann docken wir. Wir sollten zum Beispiel Missiles austauschen, außerdem solltest du deinem Schiff einen anderen Look verpassen. Wie heißt es überhaupt?" "Dragonfly DF-57-5." "Naja, das kann man ändern. Hast du eine bessere Idee?" Sam überlegte einige Zeit, dann sagte er: "Savage Eagle." "Savage Eagle? In den Ohren von Terranern klingt das wohl gut..." "'Savage Eagle'", beharrte Sam, "außerdem bin ich kein Terraner." "Okay, Terraner, 'Savage Eagle'. Ist schließlich dein Schiff." "Savage Eagle", ließ sich Sam noch einmal auf der Zunge zergehen, bevor er fragte: "Welchen Kurs schlagen wir jetzt eigentlich ein?" "Beliebig. Sagen wir 50° Backbord, 30° aufwärts." "Okay, ich gebe den Kurs in meinen Navigationscomputer ein. Kurswechsel auf deine Aufforderung." "Gebe Daten in meinen Computer ein... Bereit zum Kurswechsel? Jetzt." Die Sterne vor der Panorama-Sichtkuppel begannen langsam, sich von links oben nach rechts unten zu bewegen, bis der Jäger wieder auf Kurs war. "Wie lange fliegen wir jetzt?" wollte Sam wissen. "Mindestens zwei Stunden. Mach's dir bequem." Sam drehte sich um und musterte die Liege hinter sich. Sie war nicht sonderlich groß. Er stand auf, zwängte sich zwischen Pilotensitz und Armaturen hindurch nach hinten und legte sich hin. Wenigstens war sie bequem.

 

Majestätisch erhob sich der gewaltige, kegelförmige "United Terran Empire Tower" vor der Skyline von New York City und formte sich fünf Kilometer über seinem Fundament in der Bucht von Manhattan zu einer im Sonnenlicht glitzernden Kuppel. Aerojets umscharten das schneeweiße Gebäude, manche landeten in den Hangars, die über alle der fast 2000 Stockwerke verteilt waren.

   "Die Lage ist wirklich ernst, Herr Minister", erklärte Admiral Carter am Rednerpult dem Asiaten an dem großen Konferenztisch unter ihm. "Das ist mir klar, Admiral", erwiderte der Raumfahrtminister Suyin, "deswegen macht mir die Präsidentin ja auch die Hölle heiß." "Piraterie entwickelt sich zu einem immer größeren Problem", fuhr Admiral Carter fort, "besonders im intergalaktischen Raum. Allein im letzten Monat gab es 93 Angriffe auf Zivilschiffe der Menschen, von Angriffen auf Schiffe anderer Rassen ganz zu schweigen. Von besagten 93 Angriffen waren die Opfer in 31 Fällen zu erfolgreicher Gegenwehr fähig, und in drei Fällen konnte die UTSF die Piraten später festnehmen. Diese Entwicklung ist Besorgnis erregend. Sie nagt an unserer Wirtschaft, da Transporte von und für Kolonien ausbleiben, und sie fördert den illegalen Waffenhandel. Außerdem fühlen sich Weltraumreisende nicht mehr sicher." "Was ist mit Angriffen auf UTSF-Schiffe?" warf jemand vom Konferenztisch ein. "Im letzten Monat wurden vier Schiffe der United Terran Space Force von Piraten angegriffen, eines davon, eine Fregatte, haben wir an die Piraten verloren." Carter betonte die letzten Worte besonders deutlich. "Außerdem haben wir einen Jäger an einen Deserteur verloren, wir gehen davon aus, dass dieses Schiff für Piraterie eingesetzt werden wird." "Was gedenken Sie, gegen diese Entwicklung zu unternehmen?" fragte der Minister. "Nun, das ist eben das große Problem. Wir haben an allen kritischen Stellen Raumschiffe auf Patrouille, besonders an den wichtigen Handelswegen, aber die Entfernungen sind einfach zu groß, um schnell genug am Ort des Geschehens zu sein. Wenn das so weiter geht, müssen wir jeden noch so kleinen Frachter eskortieren lassen, und das wäre einfach absurd." "Wir müssen stärker gegen Piraterie vorgehen, um andere Piraten abzuschrecken", meinte Minister Suyin. "Das ist nicht so leicht", erklärte Carter, "wie stellen Sie sich das vor?" "Wir sollten eine Einheit ins Leben rufen, die Piraten nach Angriffen verfolgt. Es ist doch schon lange möglich, Spuren von Hyperantrieben zurück zu verfolgen. Wir kommandieren einige Schiffe zu dieser Einheit ab und rüsten sie mit Scannern aus, die Hyperantriebe zurück verfolgen. Dann werden wir ein Schiff dieser Einheit zu jedem noch so kleinen Zwischenfall mit Piraten schicken." Carter klappte die Kinnlade nach unten. "Wa... Wo sollen wir die ganzen Schiffe her nehmen? Piraten sind nicht die einzigen Feinde der Menschheit! Ist Ihnen klar, was das überhaupt kostet?" "Ist es besser, zuzusehen, wie reihenweise die Raumschiffe verschwinden? Wir müssen etwas tun, und zwar schnell. Zweigen Sie von jeder Einheit so viele Fregatten und Zerstörer ab, wie Sie nur können. Dann modeln Sie die Sensoren so um, wie wir es brauchen, und Sie haben Ihre Anti-Piraten-Einheit. Die Präsidentin ist von diesem Plan begeistert. Sie will in spätestens einer Woche die ersten Schiffe in dieser Einheit sehen." "In einer Woche?!" "In einer Woche."

 

Für Sekundenbruchteile blitzte ein Leuchten durch die Finsterniss des Weltraums, dann schwebten majestätisch das Cilthroiden-Schiff und die Savage Eagle nebeneinander in der kalten Dunkelheit des intergalaktischen Raums.

   "So, da wären wir", meinte Yxo, "wir sollten docken. Ich habe chemisches Zeug auf meinem Schiff, das kann man als Farbe für ein Raumschiff benutzen. Wir sollten dieses UTSF-Babyblau wegkriegen." "Keine schlechte Idee", stimmte Sam zu, "etwas, das ein bisschen kontrastreicher ist, könnte nicht schaden. Ach ja, du hast vorhin gesagt, Missiles austauschen. Was für Missiles hast du an Bord?" "Erst du." "Okay. Volle UTSF-Bestückung: Acht zielsuchende Kurzstrecken-Missiles mit leichten Fusions-Sprengköpfen. Nicht sehr spektakulär, aber immerhin besser, als nur Geschütze." "Nicht schlecht. Ich habe zwei ganz fette Brocken, aber DIE behalte ich mir selber. Zielsuchende, schwer gepanzerte Antimateriemissiles mit Gegen-Störsender, Sprengkopf: 50 Gramm Antimaterie." Sam hustete laut hörbar. "Solche hast du?" fragte er. "Zwei Stück." Für einen kurzen Augenblick kam Sam das vor, wie eine Angeberei zwischen zwei Kindern auf dem Schulhof. "Außerdem habe ich noch zehn gepanzerte 1-Gramm-Antimaterieraketen, die allerdings nicht zielsuchend sind, aber wenigstens stärker als deine", fuhr Yxo fort, "ich denke, vier von deinen gegen fünf von meinen ergänzt unser beider Arsenale sehr nützlich." "Einverstanden. Docken wir. Ich werde bei dir an der unteren Luke ankoppeln."

   Sam beschleunigte seinen Jäger und flog eine enge 180°-Kurve, dann nahm er frontalen Kurs auf Yxos Schiff. Kurz vorher tauchte er ab und brachte die "Savage Eagle" direkt darunter zum stehen. Das ehemalige UTSF-Schiff drehte sich um, schob sich dann nach oben und saugte sich schließlich mit der Oberseite am Rumpf des Cilthroiden-Schiffes fest.

   Hastig ließ Sam seinen Finger über die Kontrolltafel über sich huschen, dann öffnete sich die Luke in der Decke. Yxo hatte mit Hilfe eines Andockschlauches eine Luftdichte Verbindung zwischen den beiden gewölbten Rümpfen geschaffen. Keine zehn Sekunden danach öffnete sich die grünliche Wand über dem Cockpit wie eine Iris und offenbarte eine Leiter, die nach oben führte. Die Leiter war aufgrund des hohen Sprossenabstandes für Menschen eher ungeeignet, aber Sam bestieg sie und nahm oben die riesige Hand entgegen, die sich ihm helfend entgegen streckte und ihn aus dem kleinen Bodenloch zog, in dem er sich befand. Nun stand er im zwielichtigen, röhrenförmigen Gang des Cilthroiden-Schiffes und Yxo direkt vor ihm. Die Wände waren in der gleiche Farbe, wie das Schiff, der Innenraum wirkte fremdartig. "Für einen Cilthroiden ist das bestimmt eng", vermutete Sam und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Loches. "Ich benutzte das eigentlich nie", entgegnete Yxo, "ich docke selten mit Jägern. Frachter sind viel lukrativer." Er grinste und ging auf eine große Tür zu, wohin ihm Sam folgte. Als er sie geöffnet hatte, kam ein großer, metallischer Zylinder mit unzähligen Greifern und Instrumenten zum Vorschein. "Der wird uns beim Verladen der Missiles nützlich sein", erklärte Yxo, "ein einfacher Mehrzweck-Einsatzroboter. So etwas gibt es bei uns Cilthroiden auf jedem Schiff." "Praktisch", gab Sam zu. "Außerdem kann er dir später dein Schiff neu lackieren", fügte Yxo hinzu. "Jetzt kümmern wir uns aber erst mal  um die Missiles. Geh' zurück in dein Schiff und lös' die Sicherheitsverankerungen. Der Roboter wird die Missiles von außen austauschen. Er hängt dir die neuen unter den linken Flügel, klar?" "Klar." Yxo ging in Richtung der Brücke." "Hey!" rief ihm Sam nach, worauf sich der Cilthroide umdrehte. Sam ließ seinen Blick umher schweifen. "Wie heißt sie?" "Das Schiff?" "Ja." "Du würdest den Namen nicht nachvollziehen können. Es hat mit der Cilthroidschen Mythologie zu tun." "Wie?" bohrte Sam nach. "'Lebensquell'", meinte Yxo schließlich und ging. "'Lebensquell'? Diese Mythologie muss sehr merkwürdig sein, wenn sie jemanden dazu veranlasst, ein Piratenschiff 'Lebensquell' zu nennen..."

   Sam kehrte in sein Schiff zurück und löste die Verankerungen der Raketen unter dem linken Flügel. Bald darauf tauchte der Roboter auf, einen Container im Schlepptau, der drei mal so groß war, wie er selbst, und begann, die Missiles mit seinen fünf Greifarmen schnell, aber behutsam unter den Flügeln weg zu nehmen und sie durch etwas kleinere Raketen zu ersetzen. Sam beobachtete die Arbeit des Roboters durch die Sichtkuppel des Cockpits, und ihm wäre jedes Mal, als der Roboter eines der Antimateriemissiles anfasste, fast das Herz stehen geblieben. Aber die Maschine schien ihre Arbeit zu beherrschen. Nach fünf Minuten waren die Raketen ausgetauscht. "Fertig", meinte Yxo über das Kom. "Nettes Spielzeug", grinste Sam und bezog sich dabei auf den Roboter, der nun wieder mitsamt dem Container irgendwo hinter dem Rumpf der Lebensquell verschwand. "Ganz meine Meinung", bestätigte Yxo, "er kann dir auch dein Schiff lackieren. An was hättest du denn gedacht?" "Tja... Irgendwas piratenmäßiges. Ich hab' mir zuerst gedacht, vielleicht über den Schriftzug 'United Terran Space Force' 'Fuck the' zu schreiben, aber das ist abgedroschen. Jeder, der ein UTSF-Schiff geklaut hat, macht das, ich will mir was Neues einfallen lassen." "Und das wäre?" "Dieses Zeug, das du auf deinem Schiff hast, welche Farben sind das?" "Dunkelrot, blau, giftgrün, orange." "Vielleicht könnte man den ganzen Rumpf giftgrün lackieren, und in orange die Umrisse eines fliegenden Adlers so auf die Rumpfoberseite spritzen, dass die Adlerflügel bis auf die Flügel des Schiffs reichen." "Das würde beschissen aussehen." "Mir egal."

   Keine drei Stunden später hatte der Roboter der "Savage Eagle" ihren neuen Look verpasst.

 

"Sie sieht cool aus!" strahlte Sam, als er die Savage Eagle auf den Monitoren der Lebensquell betrachtete. Der Rumpf schimmerte in einem ähnlichen Giftgrün, wie das Cilthroiden-Schiff, und der orangefarbene Adler, dessen Schwingen die Flügel des Jägers fast vollständig bedeckten, war praktisch perfekt - zumindest ziemlich gut für einen Roboter, der noch nie ein Terranisches Tier zu Gesicht bekommen hatte. "Sie sieht beschissen aus", äußerte Yxo seine Meinung, "und sie hat einen beschissenen Namen. Aber es ist dein Schiff, also was geht es mich an...? Vielleicht brennt dir eine Plasmakanone ja irgendwann mal den Adler weg, dann sieht es wenigstens wieder wie ein Raumschiff aus, und nicht wie ein Zirkusjet." "Halt die Klappe." "Apropos Plasmakanone", entschied sich Yxo, doch das Thema zu wechseln, "ich hoffe, du hast wenigstens eine geeignete Handwaffe. Eine, die man auf verschiedene Stufen einstellen kann, Tote wirken sich schlecht auf das Strafmaß aus." "Hab' ich. Eine dreistufige EM-Impulspistole, UTSF-Standard." "Naja, besser als nichts. Wir kapern ja keine Truppentransporter." "Apropos kapern", meinte Sam, "wie gehen wir eigentlich vor? Ich meine, bei einem Angriff." "Nun ja. Wir 'patrouillieren' auf Handelswegen, die nicht zu stark, aber auch nicht zu leicht frequentiert sind. Wenn wir ein geeignetes Schiff geortet haben, verfolgen wir es. Aber höchstens eine Stunde lang, irgendjemand wird nämlich sicher auf seinen Notruf reagieren. Wenn wir Glück haben, kommen wir in Reichweite meiner hyperraumfähigen Energiebündelungskanone." "Hyperraumfähige Energiebündelungskanone? So etwas gibt es?" "Cilthroiden-Technologie. Da könnt ihr Terraner mit euren billigen Plasmageschützen nicht mithalten. Jedenfalls werd' ich versuchen, es mit dieser Kanone aus dem Hyperraum zu schießen. Wenn mir das gelingt, werden wir es gemeinsam mit konventionellen Waffen endgültig manövrier- und kampfunfähig schießen. Ich hoffe, dir ist klar, dass du mein Wingman sein und machen wirst, was ich dir sage. Dann werden wir jedenfalls beide an geeigneten Luken andocken, ich an der Frachtluke, und einen Treffpunkt innerhalb des Schiffes vereinbaren. Wir werden an Bord gehen und alles abknallen, was sich bewegt, so lange, bis kein Crewmitglied mehr bei Bewusstsein ist. Wenn wir das geschafft haben, verladen wir so viel Fracht auf mein Schiff, wie hinein passt, verschwinden so schnell wie möglich und überlegen uns, wo wir das Zeug verkaufen. Du bekommst auch 30 Prozent." "30 Prozent nur?!" "Nur? Ich hab' die hyperraumfähige Waffe, und ich hab' den Frachtraum. Ich finde, 30 Prozent ist äußerst fair." "Öh. Von der Seite hab' ich das gar nicht gesehen." "Na also. Ich denke, wir haben das Wichtigste geklärt. Gehen wir also... auf 'Patrouille'." "Alles klar. Ich würde vorschlagen, dass wir uns die Route IG-25 - Initia vornehmen. Wegen der großen Entfernung fliegen dort nicht sehr viele Schiffe, die auf Notrufe reagieren könnten, aber trotzdem genug für unsere Zwecke." "Einverstanden. Ich habe auch früher oft auf dieser Route nach Beute gesucht. Ziemlich ertragreich." "Dann gehe ich jetzt auf die... SAVAGE EAGLE..."

 

Abschnitt 4

 

"Ich muss sagen, ich bin beeindruckt", meinte der Raumfahrtminister zu Admiral Carter, "zwei Tage, und Sie haben bereits drei Schiffe entbehren können." "Ganz recht. Der Zerstörer TSS 'Bloody Revenge' und die beiden Fregatten TSS 'Oslo' und 'Stockholm' werden als eine Einheit operieren. Der Zerstörer ist mit dem Scanner ausgestattet und die Fregatten bieten zusätzliches Kampfpotential und sind außerdem schneller, so dass sie flüchtende Piraten gegebenenfalls auch ohne den Zerstörer verfolgen können. Wir haben vor, mehrere solche Einheiten aufzubauen, sie dürften sich als äußerst effektiv erweisen." "Wo befinden sich die Bloody Revenge und ihre Wingmen im Moment?" "In der Nähe von IG-25. Erfahrungsgemäß ist dieses Gebiet wegen der Station besonders anfällig für Piratenangriffe."

 

"Und, hast du dich schon eingelebt?" fragte Captain Lacombe von der "Bloody Revenge" Captain Lacombe von der "Oslo" über das Kom. Beide waren Raumschiffkommandanten, das konnte man an den roten Kragen und den roten Ellenbogen der Uniformen erkennen. "Naja, noch nicht richtig", antwortete sie, "das erste Kommando ist schon etwas Anderes. Den ganzen Tag bin ich kurz davor, vor Stolz zu zerplatzen." "Das war bei mir auch so", meinte er, "und mit jedem neuen Schiffstyp ist es wieder so. Was glaubst du, wie ich mich gefühlt hab', als ich das Kommando über diesen Zerstörer bekommen habe..." "Wart's nur ab, bis unsere Kinder von ihrem ersten Kommando erzählen!" "Spinnerin... Gerade jetzt glaube ich kaum, dass wir in absehbarer Zeit eine Familie gründen werden." "Du fehlst mir", sagte sie plötzlich. "Du mir auch. Aber sei froh, dass sie uns in die gleiche Einheit versetzt haben." Sie nickte und berührte den Bildschirm. "Sir", unterbrach eine Stimme über das Bordkom die Unterhaltung. "Ich hoffe es ist wichtig!" fuhr der Captain der Bloody Revenge seinen ersten Offizier an. "Ja, Sir. Der... naja..." "Was?" "Der... Raumfahrtminister ist auf Hyperfunk und will mit Ihnen sprechen. Er will Ihnen viel Glück wünschen und hofft, dass unsere Einheit in vielen Fällen erfolgreich sein wird oder so..." "Dieser Mäusefurz ruft nur hier an, um... Okay, stellen sie ihn durch! So ein aufpolierter... Guten Tag, Herr Minister, es ist mir eine große Ehre, mit Ihnen zu sprechen..."

 

Als Sam aufwachte, war das erste, was ihm auffiel, ein entsetzlicher Schmerz in der Wirbelsäule. Die Liege auf der Savage Eagle mochte zwar zum Ausruhen bequem sein, aber ein Jäger war nun mal ein Jäger, und in einem Jäger gab es nicht viel Platz. Erst wenn man auf dieser Liege längere Zeit richtig schlief, merkte man, dass eine ständige zusammengekrümmte Haltung nicht das Wahre war. Sam hatte schon am letzten Morgen beim Aufstehen solche Schmerzen gehabt, aber er hatte gehofft, dass sich sein Körper irgendwie an die Liege gewöhnen würde. Das zweite, was ihm auffiel, war, dass es mitten in der Nacht war, zumindest nach der Zeitrechnung, nach der er lebte. "Ey," brüllte Yxo über das Kom, "bist du tot oder was?!" "Schrei' doch nicht so", stöhnte Sam und versuchte, sich ohne einen Schmerzensschrei aufrecht zu setzen, "warum weckst du mich überhaupt um drei Uhr morgens?" "Wir haben einen!"

   Keine fünf Minuten später hatte sich Sam gewaschen und angezogen und saß im Pilotensitz. "Kurs?" wollte er wissen. "31,33291 Grad steuerbord, 17, 94311 Grad abwärts. Wie schnell fliegt deine Kiste noch mal?" "200 000 Lichtjahre pro Tag", antwortete Sam, während er den Kurs eingab. "Wow", stieß Yxo hervor, "da kann kein Frachter mithalten. Bleib' auf 185 000, sonst hängst du mich noch ab. Das Ziel fliegt mit 100 000 Lichtjahren pro Tag. Es handelt sich laut Scanner um einen Terranischen Klipper der Starlight-Klasse." "Hey, ausgemusterte Starlights haben wir auf der Akademie als Übungsziele verwendet..." "Du hast also Erfahrung?" "Nicht direkt, sie haben nicht zurück geschossen. Aber die Schiffe der Starlight-Klasse sind soweit ich weiß nur mit zwei leichten, nach vorne gerichteten Plasmakanonen ausgestattet. Wenn wir geschickt vorgehen, nehmen wir nicht einmal Schaden." "Also sollten wir ihm nicht vor den Bug kommen... Glaubst du, du schaffst das? Ich meine nervlich." "Keine Sorge." "Okay, es kann losgehen..."

 

"Ich verstehe Sie nicht recht..." meinte die Kommandantin des Frachters "Serenity" über Hyperfunk zu ihrem Boss. "Ich meine, wir werden die 'Serenity' doch nicht ausmustern", erklärte der Boss, "der Betriebsrat hat entschieden, dass sich eine Generalüberholung doch noch lohnen würde." Die dreiköpfige übrige Crew verfolgte das Gespräch mit einer Mischung aus Enttäuschung und Zorn mit. "Aber die Ausmusterung ist beschlossene Sache gewesen. Wir haben sogar schon den Kredit von der Bank aufgenommen. Wir haben zehn Jahre als Crew für 'Intertrans' gearbeitet, wie können Sie uns das jetzt antun? Wir haben den Kredit seit einem Monat, die Bank wird Zinsen verlangen, wir können das Geld jetzt nicht einfach so zurückgeben." "Es tut mir leid. Vielleicht können sie sich nach einem anderen Schiff umsehen." "Dazu reicht das Geld nicht, und mehr kriegen wir auf keinen Fall. Die Serenity zu kaufen, ist die einzige Möglichkeit dieser Art, die sich je für uns bieten wird." "Ich verstehe Sie ja", versuchte der Boss, abzuwiegeln, "aber die Serenity ist noch nicht reif für eine Ausmusterung, dazu ist sie noch in einem zu guten Zustand. Aus Ihren Plänen für ein eigenes Unternehmen wird wohl nichts werden. Wir würden uns aber freuen, Sie vier weiterhin im Dienste unserer Firma zu sehen." "Danke..." presste die Kommandantin zwischen den Zähnen hervor. "Wenn das alles ist..." meinte der Boss. "Ja, das war alles, was ich wissen wollte." Kurz nachdem sie die Verbindung abgebrochen hatte, brach auf der Brücke die Hölle los, erst nach mehreren Minuten beruhigte sich die Stimmung wieder etwas. "Das ist ein verdammter Arsch!" argumentierte der Pilot. "Was machen wir jetzt?" wollte die Ingenieurin wissen. "Wir werden Intertrans verklagen", schlug die Kommandantin vor. "So kriegen wir die Serenity zwar auch nicht, aber wenigstens wird uns die Firma die Zinsen zahlen müssen, die uns die Bank berechnen wird." "Dabei war der Traum von unserem eigenen Unternehmen in so greifbare Nähe gerückt..." seufzte der Verladespezialist. "Wer weiß", vermutete die Ingenieurin, "wir haben lange Berufserfahrung. Vielleicht ist die Bank doch bereit, uns einen etwas höheren Kredit zu geben." "Unwahrscheinlich", meinte die Kommandantin, "wir haben ja kaum genug Geld gekriegt, um die Serenity zu kaufen UND auf Vordermann zu bringen." "Tja. Letzteres macht jetzt Intertrans." "Wie können die das machen?!" regte sich der Pilot erneut auf. "Ich meine, die Serenity ist ein Haufen Schrott, den wollen die doch nicht im Ernst behalten." "Offenbar noch nicht schrottreif genug. Hey, bei dir piept's", sagte die Ingenieurin zum Piloten. "Willst du mich verarschen?" "Nein, auf deiner Konsole. Irgendwas piept dort." Er warf einen Blick auf die Navigationskontrollen. "Das ist merkwürdig..." "Was?" "Die Sensoren haben zwei kleine Schiffe entdeckt, die sich uns nähern... Die uns verfolgen." "Zwei kleine Schiffe? Welche Kennung?" wollte die Kommandantin wissen. "Keine." "Keine?" "Keine." "Öffne einen Kanal zu den Schiffen." "Ist geöffnet." "Hier spricht Kommandantin Schneider von der SS Serenity, ich rufe die beiden fremden Schiffe. Identifizieren Sie sich." "Tja", antwortete Yxo, "wir suchen unser ganzes Leben nach uns selbst, aber finden wir wirklich heraus, wer wir sind? Das gibt einem eine gewisse Unzufriedenheit, ich wäre allerdings schon zufrieden, wenn ihr euer Schiff anhalten und es uns kapern lassen würdet. Wenn ihr euch kooperativ zeigt, wird niemand zu Schaden kommen." "Soll das eine Aufforderung zur Kapitulation sein?" wollte die Kommandantin wissen. "Schlaues Mädchen", lobte Yxo. Ein hinterhältiges Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. "Wir brauchen Bedenkzeit", ersuchte sie. "Ihr habt zwei Minuten." "Die Verbindung wurde unterbrochen", meldete der Pilot. "Wollen wir uns nicht der Gewalt beugen?" grinste er. "Wenn wir nicht kapitulieren, könnten die Piraten dem Schiff Schaden zufügen", überlegte die Kommandantin. "Am Ende kommt es zu Beschädigungen, die es für Intertrans unbrauchbar machen. Wollen wir das etwa?" "Hey, Leute", unterbrach der Verladespezialist, "was ihr da vor habt, ist das nicht vielleicht ein bisschen... lebensmüde?!" "Die Brücke ist im Falle eines Gefechts ziemlich sicher", widersprach die Kommandantin. "Und kurz bevor es richtig gefährlich wird, können wir immer noch kapitulieren", ergänzte der Pilot. "Eben. Also? Will irgendjemand kapitulieren?" Keiner rührte sich. "Okay. Dann will ich wieder mit diesem Piraten sprechen, wenn er nicht gerade darüber nachdenkt, wer er ist." "Kanal geöffnet." "Hier spricht Schneider." "Ihr habt eure Entscheidung getroffen?" wollte Yxo wissen. "Ja. Dieses Schiff ist Eigentum von Intertrans. Eine Kapitulation ist vollkommen ausgeschlossen." "Wie Schade", bedauerte Yxo und brach die Verbindung ab. Im Chor gaben alle einen bedauernden Laut von sich. "Was machen sie?" wollte Schneider wissen. "Sie verfolgen uns weiterhin, und sie holen schnell auf", antwortete der Pilot. "Flieg etwas schneller. Aber nur ein bisschen. Wir wollen sie ja nicht abhängen."

 

"Es sieht gut aus", meinte Yxo zu Sam, "in unmittelbarer Nähe scheinen keine anderen Schiffe präsent zu sein, und wir holen gut auf. Ich glaube, wir machen fette Beute." "Hört sich nicht schlecht an. Der Kampf gegen einen Frachter der Starlight-Klasse wird kein Problem. Ich frage mich nur, ob wir mit der Crew fertig werden." "Keine Sorge. Die meisten kapitulieren nach einiger Zeit ganz von selbst." "Wir kommen immer näher ran", freute sich Sam. "Auf 300 000 Kilometer kann ich einen Schuss wagen", erklärte Yxo.

 

"Sie dürften gleich in Reichweite sein", meldete der Pilot. "Oh, wie schrecklich. Setze einen Notruf ab." "Das kann ich schon machen. Aber ich bedaure es zutiefst, sagen zu müssen, dass kein Schiff in der Nähe ist, das schnell genug reagieren wird." "Ihr seid verrückt", bemerkte der Verladespezialist objektiv.

 

"Ich kann gleich feuern", meinte Yxo, "visiere das Ziel an... Es scheint keine Anstalten zu machen, irgendein Ausweichmanöver zu fliegen." "Die haben bestimmt panische Angst", vermutete Sam, "ich würde zu gern ihre Gesichter sehen." "Ich bin in Reichweite!" rief Yxo. Sag deinem schlauen UTSF-Navigationscomputer, er soll sich an der Serenity orientieren und aus dem Hyperraum fallen, sobald das Ziel das tut." "Längst gemacht." "Schlau. Dann schieße ich jetzt."

 

Dann ging alles wahnsinnig schnell. Mehrere Pakete hochgeladener Tachyonen rasten durch den Hyperraum und hagelten auf die Schutzschilde der Serenity ein. Und noch mal. Die Achtern-Schilde brachen zusammen, offenbarten die Triebwerke des Schiffes, die von weiteren gezielten Schüssen außer Funktion gesetzt wurden. Ruckartig fiel die Serenity aus dem Hyperraum, ein Blitz erhellte den intergalaktischen Raum, dann noch einer und noch einer. Drei Raumschiffe schwebten lautlos in der Dunkelheit des Alls.

 

"Wollt ihr euch es nicht noch einmal überlegen?" fragte Yxo gnädigerweise die Crew der Serenity. "Sonst könnte euer Schiff Schaden nehmen." "Wir werden nicht aufgeben", antwortete Schneider. "Wie unvernünftig." Yxo brach den Kontakt ab und meinte zu Sam: "Okay, zeig' mal, was du bei der UTSF gelernt hast! Wir setzen Gravitonentriebwerke und Plasmakanonen außer Funktion, du übernimmst die Steuerbord-, ich die Backbord-Seite." "Aye, Sir", grinste Sam und beschleunigte. "Hey, ich komm' nicht nach", beschwerte sich Yxo, der mit der 5000 km/s²-Beschleunigung des Jägers nicht mithalten konnte. "Dein Problem. Hey, ich glaube, die Serenity wendet uns ihren Bug zu. Das mit dem Angriff von hinten wird wohl nichts." "Hey, kannst du nicht um ein paar Schüsse rumfliegen?" "Klar kann ich. Bestimmt besser als du."

 

"Okay, feuer' einige Plasmaladungen auf den Jäger ab", befahl Schneider, "provozier' die beiden." "Klar."

   An den Flanken des 100 Meter langen Rumpfes, der wie zwei übereinandergestülpte Joghurtbecher aussah, war je eine nach vorne gerichtete Plasmakanone angebracht. Der Pilot der Serenity gab mit der Steuerbord-Kanone vier Schüsse auf die Savage Eagle ab. Sam zog seine Maschine nach oben und entging den Plasmaladungen knapp, dann drückte er den Bug wieder nach unten und schoss direkt auf die Kanone. Die Energieladungen bombardierten das Schiff, die Schutzschilde blitzten hell auf. Mit jedem Schuss wurden sie schwächer. Sam drosselte die Geschwindigkeit, in der Hoffnung, die Kanone schon beim ersten Anflug zerstören zu können und entging selbst mit einem zufälligen Zickzackkurs zwei weiteren Schüssen. Dann hatte er es geschafft: In einem Radius von etwa 20 Metern brachen die Schilde zusammen, die Kanone war ungeschützt. Kurz bevor er über den Rumpf der Serenity nach oben ziehen musste, feuerte Sam noch eine Salve ab und verwandelte die Kanone in einen riesigen Feuerball, wegfliegende Splitter hagelten auf die gesamte Flanke des Frachters ein, während die Savage Eagle über das Schiff hinweg raste.

   "Der hat vielleicht gesessen!" jubelte Sam. "Nicht schlecht", lobte Yxo, "nur nicht übermütig werden." "Ich und übermütig?" stritt Sam ab und drehte seinen Jäger ein paar Mal um seine Achse.

 

"Das war unsere Steuerbord-Kanone", rief der Pilot, "schwere Beschädigungen an der ganzen Flanke!" "Wow", meinte Schneider, "meinst du..." "Nein, das werden die nicht reparieren", unterbrach sie die Ingenieurin, "nicht bei so einem alten Schiff wie der Serenity." "Dann haben wir es geschafft. Ich will mit dem Führungsschiff der Piraten sprechen." "Klar. Kanal offen." "Serenity an Piraten. Sie haben unser Schiff schwer beschädigt. Wir geben auf." "Seht ihr. Das war doch gar nicht so schwer. Nur drei Worte."

 

"Gerade, als es angefangen hat, Spaß zu machen", meinte Sam. "Tja, so ist das Leben. Aufgepasst, wir docken mit dem Frachter. Du übernimmst die obere Luke und ich die Frachtluke, klar?" "Klar." "Wir treffen uns im Hauptfrachtraum, weißt du, wo der bei diesen Schiffen ist?" "Ja." "Hast du eine gewisse Nahkampferfahrung, falls sie uns in eine Falle locken?" "Ich hab' eine mehrjährige UTSF-Ausbildung hinter..." "Alles klar, dann geht's los."

   Sam wendete und nahm Kurs auf die Rumpfoberseite, während Yxo an der Unterseite docken wollte. Der Jäger flog eine elegante Rolle, um mit der Oberseite an den Frachter andocken zu können, bremste ab und koppelte am Rumpf des Schiffes an, fast zur gleichen Zeit, wie die Lebensquell.

   Das hasste Sam. Oberseite an Oberseite docken und dann umsteigen. Von einem Augenblick auf den nächsten in ein Schwerkraftfeld, das dem in seinem Jäger genau entgegengesetzt war. Er zog seine EM-Impulspistole und öffnete die Luke über sich. Zu seinem großen Erstaunen öffnete sich die nun zum Vorschein kommende Luke, ganz ohne einen fünfundzwanzigstelligen Code zu verlangen, den es zu knacken galt. Offenbar war entweder die Kapitulation ernst gemeint oder die Falle sehr verlockend. Er kletterte nach oben durch die Luke und glaubte zu spüren, wie sich sein Magen umdrehte. Alles um ihn drehte sich, ihm wurde schwindelig, und als er sich wieder halbwegs gefangen hatte, merkte er, dass er mit dem Kopf nach unten an der Decke hing. "Ich hasse diese Oberseite-an-Oberseite-Dockoperationen", murmelte er leise vor sich hin und sprang auf den Boden. Er befand sich offenbar im Hauptgang des Frachters. Aufmerksam sah er sich um und entdeckte ein großes Schott, das zum Frachtraum führte. Er öffnete es mit einem einfachen Knopfdruck und blickte in einen riesigen Pulk aus Containern. Er atmete tief ein und sprang in den Frachtraum, richtete seine Waffe und seinen Blick hastig nach links und rechts, doch es war niemand da. Er stand auf einer Art Gittergerüst, von dem aus eine Leiter bis zum Boden des Frachtraums führte, der etwa 40 Meter tiefer lag. Dort unten stand irgendjemand... Es war Yxo, der gerade von unten in den Frachtraum eingedrungen war. Der Cilthroide blickte in Sams Richtung. "Wo ist die Crew?" rief er nach oben. "Hier", antwortete Schneider, die mit dem Rest der Besatzung auf einem weiteren Gerüst etwa 20 Meter weiter unten stand. "Willkommen an Bord der Serenity. In diesen Containern sind Maschinenteile, aber das richtig wertvolle Intertrans-Eigentum befindet sich im hinteren Teil des Frachtraumes, Roboter und Computersysteme." "Wir werden Ihnen beim Verladen helfen", ergänzte der Frachtspezialist. Sam blickte verdutzt nach oben, dann noch einmal nach links und rechts, um sich zu vergewissern, dass ihn nicht gleich irgendjemand oder irgendetwas erschießen würde. Er sah Yxo an und zuckte ratlos mit den Schultern. "Menschen sind eben hilfsbereite Leute", rief er ihm zu.

 

"Auch meine Scanner können keine Spuren von Antimaterie oder chemischen Sprengstoffen in der Ladung erkennen", erklärte Sam Yxo, "auch keinen versteckten Hyperfunk-Sender." Er warf noch einen Blick zurück auf die Serenity, die im All trieb und langsam immer kleiner wurde." "Wahrscheinlich ist es doch keine Falle", meinte Yxo, "die standen nur unter Schock." "'Das richtig wertvolle Intertrans-Eigentum befindet sich im hinteren Teil des Frachtraumes'", äffte Sam nach, "der hat sich doch vor Angst in die Hosen gemacht. Und hast du gesehen, wie der Pilot auf die Savage Eagle geschossen hat? Das muss doch ein blutiger Anfänger gewesen sein." "Du hast trotzdem gute Arbeit geleistet", lobte Yxo Sam, "mein Frachtraum ist voll mit Industrierobotern. Kannst du dir vorstellen, was die wert sind?" "Viel jedenfalls. Mein Hyperantrieb ist soweit." "Okay, dann lass' uns von hier verschwinden." Beide verschwanden im Hyperraum.

 

Abschnitt 5

 

"Es ist wirklich entsetzlich", heulte Schneider, "sie haben uns bedroht, und dann... sie haben auf uns geschossen. Wir hatten gar keine andere Wahl, wir mussten kapitulieren. Und sie wussten aus irgendeinem Grund ganz genau, wo die wertvolle Fracht versteckt war." "Diese Schweine..." meinte der Boss. "Nun, jeder hätte in Ihrer Situation genauso reagiert. Mit der Kapitulation haben Sie vielleicht sogar das Leben der Crew gerettet." Schneider nickte. "Lassen Sie sich erst einmal da raus bringen, die Serenity wird dann ins Dock geschleppt. Bei den Beschädigungen, die Sie uns schildern, glaube ich allerdings kaum, dass ein Einsatz des Schiffes bei Intertrans weiterhin rentabel ist. Ich gebe Ihnen allen zunächst einmal Urlaub, Sie müssen das alles verarbeiten. Wenn das alles ist..." "Ja." "Auf wiedersehen." Das Bild des Chefs verschwand. "Yes!" Ein unbeschreiblicher Jubel brach auf der Brücke los. "'Qu-Cach' an Serenity", ertönte es plötzlich aus dem Kom. "Hier ist die Serenity", antwortete Schneider, "was gibt es noch?" "Ich glaube, wir können weiterfliegen, Sie brauchen uns jetzt nicht mehr: Die UTSF-Schiffe sind da." "Verstanden. Nochmals vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft." "Der Zerstörer will mit uns sprechen", meldete der Pilot. "Durchstellen." "Hier spricht Captain Jacques Lacombe vom Terranischen Zerstörer TSS Bloody Revenge. Wir sind hier, um die Piraten festzunehmen. Unsere Scanner zeigen an, dass eine frische Hyperraum-Spur in Richtung 334-971 führt. Ist das korrekt?" "Ja... Sie sind ungefähr in diese Richtung geflogen", meinte Schneider, "entschuldigen Sie, wenn ich etwas unkonzentriert bin, ich... ich weiß nicht, ich..." "Ist schon gut, das verstehen wir. Ein Piratenüberfall ist wirklich etwas Schreckliches. Dazu gibt es jetzt ja auch unsere Einheit." "Ja, ich hoffe wirklich, dass Sie die Piraten finden werden." "Das hoffen wir alle. Glauben Sie, dass Sie sich mit den Zusatzbatterien der 'Qu-Cach' so lange versorgen können, bis der Intertrans-Schlepper hier eintrifft?" "Ja, ich denke schon." "Sehr gut, dann können wir ja unsere Arbeit machen. Brauchen Sie medizinische Versorgung?" "Nein, wir sind alle unversehrt." "Wie viele Schiffe waren es denn?" "Zwei. Ein Jäger und ein kleiner, schwer bewaffneter Transporter. Ich denke, sie dürften für Ihre Flotte keine Bedrohung darstellen." "Sehr gut. Wir nehmen nun die Verfolgung auf. Auf Wiedersehen." "Auf Wiedersehen." "Lacombe - Ende."

 

Trotz Sams Protest hatte Yxo darauf bestanden, schon nach ein paar tausend Lichtjahren die Flucht abzubrechen. Er war der Meinung, keine Scanner würden so weit reichen, und dass sie praktisch in Sicherheit wären.

   "Ich fühle mich dabei aber trotzdem noch nicht ganz sicher", meinte Sam. "Terraner, du bist jetzt Pirat. Da bist du nie ganz sicher. Aber glaub' mir, hier entdeckt uns niemand mehr." "Also meinetwegen. Docken wir und beraten, was wir mit der Beute machen. Meine 30 Prozent sollen so viel sein, wie möglich." "Das ist auch einer der Gründe, warum ich gerade hier aus dem Hyperraum fallen wollte..." "Wie...?" "Manchmal - es ist nicht verbindlich - kommt hier am fünften Tage eine Händlerin vorbei, mit der ich gute Handelsbeziehungen aufgebaut habe. Sie gibt mir ziemlich viel Geld für technischen Krimskrams." "Was ist ziemlich viel?" "Das kommt ganz darauf an: Manchmal mehr, manchmal weniger, aber auf jeden Fall ist es der sicherste Weg, Beute zu verkaufen." "Und was wäre mit IG-25?" "Auf IG-25 wären wir zwar sicher. Die Station als eigenständige Einrichtung verbietet den Behörden die Festnahme von Stationsbesuchern, aber den Handel mit gestohlener Fracht sehen die Stationsleiter auch nicht gerne. IG-25 ist perfekt für Reparaturen, oder um neues Kühlmittel zu tanken, aber die Beute könnten wir dort auch nur auf dem Schwarzmarkt verkaufen. Wenn die Händlerin heute nicht kommt, ziehen wir IG-25 in Erwägung." "Diese Händlerin... Wer ist das?" "Ich weiß auch nicht genau. Wenn du die Spezies meist, es ist eine Chorck. Wenn du meinst, ob sie für jemanden arbeitet und was sie mit der gekauften Ladung macht... Da kann ich auch nur raten. Ist mir aber auch ziemlich egal. Wenn du den Namen meinst... Als ich sie einmal gefragt habe, hat sie gesagt, das würde ich nicht begreifen." Sam seufzte. "Was glaubst du, wie lange wir warten müssen - wenn sie kommt?" "Höchstens siebzig Zeitein... Entschuldigung, zehn Stunden. Sie kommt nie nach der neunzigsten Zeiteinheit." "So, so. Zehn Stunden. Ich hab' heute Nacht recht wenig geschlafen, ich glaub', ich hau mich aufs Ohr." "Das ist eine Redewendung", stellte Yxo nach ein paar Sekunden fest. "Ja, ich wollte sagen, ich lege mich jetzt hin. Gute Nacht." Sam schaltete das Kom ab und krümmte sich wieder auf die Liege.

   Und schon wieder wurde er unsanft aus dem Schlaf gerissen, als irgendwas vorne im Cockpit piepste. Sam fluchte leise vor sich hin, setzte sich aufrecht und sah auf die Bildschirme. "Wow..." meinte er und hockte sich wieder nach vorne in den Pilotensitz, "das ist ein fetter Brocken..." Er schaltete das Kom an. "Yxo, ich hab' hier ein Raumschiff auf den Schirmen, das sich uns nähert. Gleich wird es vielleicht..."

   Und es fiel tatsächlich aus dem Hyperraum. Die leuchtenden Fenster und Positionslichter des riesigen Schiffes erhellten die kleinen Piratenschiffe wie ein ganzer Sternhaufen, als es seinen gewaltigen, rochenförmigen Rumpf über die beiden schob. Im Vergleich mit den zwei Raumschiffen unter sich hatte es eine Länge von mindestens einem Kilometer.

   Sam gab irgendwas von sich, das wie "Ürchkghs" klang. "Keine, Sorge", antwortete Yxo, "das ist sie." "Öhm... Als du von EINER Händlerin sprachst, dachte ich eigentlich, dass sie mit einem Klipper oder einer anderen Art von KLEINEM Frachter hier aufkreuzen würde, aber nicht mit einer Galeone!" "Tja. Irren ist menschlich... Sie ruft mich, ich lass' dich mithören." Auf dem Bildschirm von Sams Kom erschien der Kopf eines außerirdischen Wesens. Es erinnerte besonders wegen der scherenartigen Mundwerkzeuge und dem Außenpanzer ein wenig an ein Terranisches Insekt, doch die Augen waren eher die eines höher entwickelten Wesens, auf jeden Fall keine Facettenaugen. Auffällig war auch, dass sich an Stelle von Fühlern ein länglicher Panzerauswuchs auf dem Kopf erhob. "Seid gegrüßt, Yxo", schlabberte das Wesen, "wie ich sehe, habt Ihr jemanden mitgebracht." "Das ist der Terraner Sam Johnson", erklärte Yxo, "er ist mein neuer Partner." "Mir soll's recht sein. Da Ihr hier seid, habt Ihr vermutlich etwas geladen, das Ihr los werden wollt." "So ist es. Terranische Roboter und Hochleistungsrechner. Erstklassige Qualität." Sam musste grinsen. Yxo hatte nicht die geringste Ahnung, welche Qualität die Fracht hatte. Der Mensch würde sich nicht dabei wohl fühlen, jemanden zu verschaukeln, dessen Schiff 960 Meter länger ist. "Nun gut. Wir docken. Ihr könnt dann die Fracht auf mein Schiff laden, danach einigen wir uns auf einen Preis." "Einverstanden", bestätigte Yxo.

 

Sam verfolgte die ganze Prozedur mit. Yxo dockte mit dem Riesenschiff, und bereits nach ein paar Minuten meldete er über das Kom: "Es sieht gut aus. Sie nimmt uns die Beute ab und zahlt 50 000 Trenomien." Sam hatte keine Ahnung, welche Qualität die Fracht tatsächlich hatte, aber 50 000 Trenomien, eine der wenigen intergalaktisch gültigen Währungen, erschienen ihm trotzdem reichlich. Das heißt, 15 000 Trenomien erschienen ihm immer noch bei weitem genug. Er schätzte, dass er dafür die Kühlmitteltanks der Savage Eagle total füllen, die paar kleinen Reparaturen an der Elektronik durchführen lassen konnte, die Dudurov nie veranlasst hatte und dann noch 5000 Trenomien übrig hatte. "Alles geritzt", meldete Yxo plötzlich, "du kriegst jetzt endlich dein Geld." Yxo überspielte tatsächlich 15 000 Trenomien auf die Savage Eagle. "Irre", murmelte Sam vor sich hin." "Tja, Piraterie ist ein sehr lukratives Geschäft", meinte Yxo, als er abdockte. "Es war mir eine Freude, mit Euch Geschäfte zu machen, Yxo", meldete sich das Wesen wieder, "auf bald." Der Bildschirm erlosch. "Eine merkwürdige Kreatur", stellte Sam fest, "irgendwie bin ich wohl nicht mehr als Sternenstaub oder so..." "Sie grüßt und verabschiedet sich nur von demjenigen, der ihr die Fracht verkauft", erklärte Yxo, "das ist in ihrer Gesellschaft wohl so üblich. Oder sie ist einfach nur arrogant." "Trotzdem. Komisches..." "UTSF-Schiffe auf 119-237!" rief Yxo plötzlich. "Bestätigt", entgegnete Sam, nachdem seine Sensorenkontrolle schon wieder zu piepsen begann, "ich erkenne drei kleinere Schiffe." "Kurs 794-111", stieß Yxo hervor, "Eintritt in Hyperraum wenn bereit!" "Bestätigt."

   Das gewaltige Handelsschiff sprang in den Hyperraum, kurz darauf die Lebensquell und dann die Savage Eagle.

 

"Sir", rief der Sensorenoffizier, "Ziele flüchten mit Sub-Hyperantrieb. Das große Schiff fliegt mit 80 000 Lichtjahren pro Tag in Richtung 192-948, die beiden kleinen Schiffe mit 185 000 in Richtung 794-111." "Für die kleinen ist die Bloody Revenge nicht schnell genug", stellte Captain Lacombe fest und drückte auf eine der Tasten an seiner Armlehne. "Lacombe an Oslo und Stockholm. Nehmen Sie die Verfolgung der beiden kleinen Ziele auf, wir widmen uns dem großen Schiff. Setzen Sie alle zur Verfügung stehenden Mittel ein, um die Piraten zu stoppen, aber versuchen Sie, tödliche Gewalt zu vermeiden." "Stockholm, bestätigt." "Oslo, bestätigt." "Fein. Na dann, Mitsu, hängen Sie sich an den Großen dran. Captain an Crew, Gefechtsalarm!"

 

"Zwei Fregatten der Sagittarius-Klasse folgen uns", stellte Yxo fest, "ein Zerstörer der Shark-Klasse verfolgt die Händlerin." "Das ist nicht gut", meinte Sam besorgt, "die Fregatten sind schneller als wir - zumindest schneller, als du." "Dann gib Stoff. Versuch', sie abzuhängen, ich komm' schon zurecht." "Kommt überhaupt nicht Frage! Dich werden sie auf jeden Fall erwischen, und zusammen können wir ihnen mehr Kampfpotential entgegen bringen." "Terraner sind so starrköpfig." "Ja, aber ich weiß nicht, was das damit zu tun hat. Ich bin kein Terraner." "Ich weiß, ich weiß... Wie wollen uns die Fregatten überhaupt aus dem Hyperraum holen?" fragte Yxo. "Soweit ich weiß, sind Fregatten der Sagittarius-Klasse nur mit nicht-hyperraumfähigen Plasmakanonen ausgestattet." "Und mit Magazinen für bis zu acht Missiles verschiedener Art", ergänzte Sam, "wahrscheinlich haben sie Raketen an Bord, die im Hyperraum fliegen können." "Dann sind wir erledigt. Gegen die kommen wir nicht an." "Hey, ich hab' immer gedacht, Cilthroiden sind Kämpfernaturen. Pass' auf: Es sind zwei Fregatten, also haben sie maximal 16 hyperraumfähige Missiles zur Verfügung. Jeder von uns muss es also schaffen, höchstens acht Missiles auszuweichen." Yxo schwieg eine Weile, bevor er sagte. "Ja, und es kann höchstens 20 Jahre dauern, bis die Fregatten wegen Reaktorversagen explodieren, und dann sind wir sie los. Terraner, komm' zurück auf den Boden der Tatsachen: Die werden uns aus dem Hyperraum holen, da können wir nichts dagegen machen." "Wie wär's, wenn wir ihnen gleich entgegen treten?" "Was?!" "Ja. Wenn sie im Hyperraum mit Missiles auf uns feuern, können wir diese nicht vorher abschießen. Bei einem normalen Gefecht aber schon. Hier im Hyperraum sind wir geliefert." "Okay... Hast du irgendwelche seelischen Probleme damit, auf UTSF-Schiffe zu schießen, Terraner?" "Nein, die habe ich nicht. Können wir jetzt?" "Ja!"

   Erneut fielen die beiden Piraten aus dem Hyperraum, und gleich danach die zwei UTSF-Fregatten. Die beiden Schiffe hatten etwa die Form von plattgedrückten Turnschuhen mit nach unten gewölbten Deltaflügeln an der hinteren Rumpfhälfte.

   "Sie rufen uns", stellte Sam fest. "Hier spricht Captain Andrejew von der Terranischen Fregatte Stockholm. Ich verhafte Sie hiermit wegen Piraterie. Wenn Sie keinen Widerstand leisten, wird Ihnen nichts passieren, wenn Sie auf uns feuern, wird das Konsequenzen haben." "Du kannst mich mal", murmelte Sam vor sich hin. "Ich krieg' die Stockholm", sagte er zu Yxo. "Okay, meinetwegen." Sam visierte die Stockholm als Ziel an und wählte die Antimaterieraketen aus. "Meinst du, wir sollten mal unsere kleinen Freunde hier ausprobieren?" "Ja", meinte Yxo, "aber nicht auf diese Distanz." "Meinetwegen. Hier könnten uns meine Zielsuchenden helfen." Er feuerte zwei seiner Fusionsmissiles auf die Stockholm ab, Yxo zwei auf die Oslo. Die Stockholm erwiderte das Feuer sofort mit einer eigenen zielsuchenden Rakete. Sam zielte auf die Rakete und feuerte seine Geschütze ab. Er schlug wieder einen zufälligen Zickzackkurs ein und zog steil nach oben, als ihm die Rakete zu nahe kam. Das Missile flog einen Bogen und nahm wieder Kurs auf die Savage Eagle, doch diesmal explodierte es unter dem Feuer von Sams Energiegeschützen.

   Das erste Missile wurde von den Plasmakanonen der Stockholm in Fetzen gerissen, das zweite konnte nicht mehr schnell genug anvisiert werden. Der Pilot der Stockholm probierte ein Ausweichmanöver aus, doch es war zu spät: Die Rakete schlug in die Flanke der Fregatte ein, ließ die Schutzschilde grell aufblitzen und sie auf knappe 40 Prozent fallen.

   "Das war ein Volltreffer!" jubelte Sam und nahm wieder Kurs auf die Fregatte. Er begann, mit den Bordgeschützen zu feuern, doch das hatte auf die Entfernung wenig Sinn.

 

"Ma'am, zwei Missiles direkt auf 11 Uhr!" meldete der Sensorenoffizier der Oslo. "Ausweichmanöver", stieß Lacombe hervor. "Aye, Ma'am", bestätigte die Pilotin und drückte den Bug des Schiffes nach unten. "Verdammt, ich krieg' sie nicht los!" "Ma'am", rief der Schütze, "wenn ich einen Vorschlag machen darf: ..." "Ja, knallen Sie sie ab!"

   Die Plasmaladungen flogen ins Leere.

   "Ich kann sie nicht richtig anvisieren, sie sind zu klein." "Auf Aufschlag vorbereiten!" rief der Sensorenoffizier.

   Beide Missiles schlugen dicht hintereinander in das Heck der Oslo ein. Das erste schwächte die Schilde auf weniger als die Hälfte, das zweite brachte sie zum Kollaps. Im rechten der beiden Triebwerke erlosch das bläuliche Leuchten und verkohlte Trümmer trieben daraus hervor.

   "Achtern-Schilde zusammengebrochen!" rief der Schütze. "Ma'am", meldete sich die Ingenieurin über das Bordkom, "wir haben das Steuerbord-Triebwerk verloren! Beschädigungen an der Spule." "Haben wir noch Sub-Hyperraum-Kapazität?" wollte Lacombe nach kurzem Überlegen wissen. "Positiv." "Nun gut. Wenden und Eintritt in Hyperraum wenn bereit. Wir ziehen uns zurück." "Nein, Ma'am", widersprach die Pilotin. "Nein, Ma'am?!" "Nein, Ma'am." Lacombe tippte auf das Oslo-Emblem an ihrer Uniform. "Sehen Sie das? Dort steht CAPTAIN Isabelle Lacombe. Das heißt, ich habe das Kommando über dieses Schiff. Und ich werde es nicht gefährden, und schon gar nicht die Crew. Dieses Schiff weist so gut wie kein Kampfpotential mehr auf, wir können nichts mehr tun." "Das nennt man Feigheit vor dem Feind, Ma'am", warf ihr die Pilotin entgegen. Die anderen auf der Brücke verfolgten die Auseinandersetzung angespannt mit. "So lange dieses Schiff noch eine einzige Kanone abfeuern kann", beharrte die Pilotin, "werden wir nicht den Rückzug antreten." "Sie haben das überhaupt nicht zu entscheiden", fuhr Lacombe sie an, "und Sie haben mich schon gar nicht in Frage zu stellen, wenn es um die Sicherheit dieses Schiffes und seiner Besatzung geht! Sie werden uns jetzt verdammt noch mal hier raus fliegen, oder ich bringe Sie wegen Befehlsverweigerung vor ein Kriegsgericht!" Die Pilotin sah die beiden anderen Brückencrewmitglieder eindringlich an, erntete jedoch nur ratlose Blicke. Schließlich atmete sie tief ein und presste zwischen den Zähnen hervor: "Aye, Ma'am."

 

Sam fluchte, als eine Plasmaladung in seine Schilde einschlug und diese auf zwei Drittel senkte. Er feuerte aus allen Rohren und konnte gerade einer weiteren Salve aus den Geschützen der Stockholm entgehen. Seine Schüsse hagelten nur so auf die Stockholm ein, doch die Schilde der Fregatte fielen nur langsam. Er hatte die Stockholm gerade direkt vor sich und wollte eine der Antimaterieraketen abfeuern, da schlug der Computer Missile-Alarm. Eine Rakete kam direkt auf ihn zugeflogen, gleichzeitig nahm ihn die Fregatte wieder mit den Geschützen unter Beschuss.

   Zwei Schüsse streiften seine Schilde, als er nach oben zog, um dem Missile zu entkommen, und ließen diese auf der Unterseite vollkommen zusammen brechen. Er rollte die Savage Eagle und wendete der Stockholm die Oberseite zu, gleichzeitig feuerte er auf das Missile, oder besser gesagt, knapp daran vorbei. Er drückte den Bug wieder nach unten, das Missile schoss an ihm vorbei und er gewann so ein wenig Zeit. Auch die Heckgeschütze trafen diesmal nicht, also beschloss er, das Missile abzuhängen. Er holte alles aus den Triebwerken der Savage Eagle heraus und nahm wieder direkten Kurs auf die Stockholm. Fast genau gleichzeitig schossen das UTSF-Schiff und Sam ihre Geschütze ab. Sams Schüsse hagelten wieder auf die Schilde der Fregatte ein, deren Schütze Sam dieses Mal perfekt eingeschätzt hatte. Die Geschütze folgten seinem Kurs exakt.

   "Scheiße!!" rief er, als der Jäger plötzlich durchgeschüttelt wurde, als würde er auseinander fallen. Warnleuchten blinkten auf, Sam hörte ein zischendes Geräusch unter den Konsolen. Mit einem kurzen Blick auf den Schadenskontrollschirm erfasste er die Situation: Keine Schilde mehr, mikroskopische Risse in der Rumpfunterseite. Einige Sicherungen durchgebrannt. Die Stockholm schien sich vor der Cockpitscheibe zu drehen, bis Sam wieder die Kontrolle über das Schiff hatte. Und dann war da auch noch dieses Missile... Er beschleunigte weiter und visierte die Stockholm genau an. "Entweder du oder ich und du..." presste er hervor und versuchte, noch ein paar Schüsse abzugeben. Erfolglos. Die Geschütze waren laut Schadensbericht in einwandfreiem Zustand, doch sämtliche Leitungen der Waffensteuerung mussten durchgebrannt sein. "Verdammte Scheiße!" Eine Möglichkeit gab es noch. Er hielt weiterhin direkten Kurs auf die Fregatte.

 

"Soll ich auf ihn schießen?" fragte der Schütze. "Negativ", meinte Captain Andrejew, "das Missile wird ihn erledigen. Aber was zum Teufel macht der gerade?"

 

Der Navigationscomputer meldete Kollisionsalarm. Sam sah auf seine Bildschirme. Entfernung zur Stockholm: "fünf Kilometer. Vier. Drei. Zwei." Er zog die Savage Eagle steil nach oben.

 

Andrejew sprang von seinem Kommandantensessel auf. "Dieser verdammte... Runter!! Weg hier!!"

   Dann schlug das Missile in die Flanke der Stockholm ein. Die Explosion riss ein gewaltiges Loch in die Flanke und trennte den Backbord-Pylon vollkommen ab. Die Rumpfschäden breiteten sich wie auf einer brechenden Waffel aus und rissen das linke Triebwerk auf. Die Lichter hinter den Fenstern und das Leuchten der Triebwerke erlosch.

 

Abschnitt 6

 

"Yipah!" brüllte Sam in das Kom. "Hast du schlimme Schmerzen?" fragte Yxo betroffen. "Nein, überhaupt keine. Den beiden haben wir's gezeigt!" "Allerdings. Aber dein Schiff sieht nicht gut aus..." "Ach, das ist nur die Elektronik. Der Rumpf ist an der Unterseite leicht beschädigt, aber ansonsten sind es nur Kabel." Er seufzte. "Meine 15 000 Trenomien allerdings dürfte ich vollkommen los werden... Was soll's, wir sollten jetzt abhauen." "Ganz meine Meinung. Aber ich fürchte, dass sie uns wieder aufspüren werden, wie auch immer die das geschafft haben." "Wir werden einfach vorerst nach IG-25 fliegen. Die Reparaturen an meinem Schiff werden etwa eine Woche dauern, bis dahin kann man keine Hyperraum-Spuren mehr erkennen. Wenn wir es geschickt anstellen und auf IG-25 zurück greifen, können wir denen immer entkommen." "Ihr Terraner seid schlauer als ich dachte..." "Ach was! Terraner sind hirnverbrannte Trottel. Ich habe vielleicht ein Glück, dass ich keiner bin!" Nach wenigen Minuten war Sams Sub-Hyperantrieb angelaufen und die beiden verschwanden in Richtung IG-25.

 

"Hier spricht Captain Jacques Lacombe vom Terranischen Zerstörer TSS Bloody Revenge. Ich rufe die unbekannte Galeone. Sie hatten Kontakte zu zwei Schiffen, die als Piratenschiffe bekannt sind. Wir fordern Sie hiermit auf, zu stoppen und uns ein paar Fragen zu beantworten." Der Kommunikationsoffizier schüttelte den Kopf, als Lacombe ihn fragend ansah. "Keine Antwort." "Sir", meldete sich die Schützin zu Wort, "wenn Sie mich fragen, würde ich Verstärkung anfordern. Dieses Schiff ist uns eine Nummer zu groß." "Wir werden zunächst einmal weiter versuchen, sie diplomatisch zur Aufgabe zu bringen", entgegnete Lacombe, "wenn das nicht funktioniert, werden wir uns etwas Anderes überlegen müssen. Rufen Sie das Schiff noch mal." "Kanal offen." "Hier spricht noch einmal Lacombe. Es ist für uns beide besser, wenn Sie kooperieren. Wir würden Informationen erhalten, und Sie würden nicht von der UTSF als Schmuggler abgestempelt werden. Dies ist unsere letzte Warnung: Deaktivieren Sie Ihren Hyperantrieb!" "Wieder keine Antwort." "Das ist seltsam", meinte die Sensorenoffizierin plötzlich. "Was ist los?" "Das Schiff macht irgendetwas... Es könnte sich dabei um... Es feuert einen Hyperraum-Strukturbrecher ab!" "Ausweichen!" Doch der Befehl kam zu spät. Die Bloody Revenge wurde durchgeschüttelt, ein Rückfallblitz erhellte kurz die Brücke, dann war es stockfinster. Erst nach ein paar Sekunden sprang die Notbeleuchtung an. "Bericht!" "Kein Bericht möglich", meldete der Bordingenieur, "Bordkom ausgefallen." "Die Galeone ist uns entkommen, Sir", meinte die Sensorenoffizierin. "Ganz toll..."

 

"Willst du jetzt nicht endlich schlafen?" fragte Yxo. "Nein", entgegnete Sam, "immer, wenn ich schlafen will, passiert irgendwas." "Wir kommen sowieso erst in zwei Tagen auf IG-25 an. So lange hält es ein Terraner nur schwer ohne Schlaf aus..."

 

Der Raumfahrtminister trommelte mit den Fingern auf den Tisch und blickte Admiral Carter durchdringend in die Augen, als dieser sich an den Konferenztisch setzte. Außer den beiden war niemand im dem großen Saal. "Sie wollten mich sprechen, Herr Minister?" "Ja, ich wollte Sie sprechen. Ich habe genau genommen nur eine einzige Frage." "So?" "Ja. Wie konnte es Ihrer Meinung nach dazu kommen, dass ein Bergungsschlepper gerade auf dem Weg ist, um drei schwer beschädigte United-Terran-Space-Force-Kriegsschiffe aufzusammeln, die der gleichen Staffel angehören und kreuz und quer über Sektor 44,12 verstreut sind? Wie konnte es dazu kommen?" "Nun..." gatzte Carter, "es griffen einige ungünstige Faktoren in das Geschehen ein, so dass die Mission etwas aus dem Ruder lief..." "Was sind das für ungünstige Faktoren?" "Naja, zum Beispiel haben wir nicht gedacht, mit drei Schiffen konfrontiert zu werden. Außerdem haben wir Captain Lacombes Kompetenzen auf ihrer ersten Mission ein wenig überschätzt. Sie ist in Panik geraten und hat den Rückzug angetreten." "Das ist alles unerheblich! Zwei Schiffe, wie die Piraten, mit denen es die Oslo und die Stockholm zu tun bekommen haben, dürften normalerweise nicht einmal dazu in der Lage sein, eine einzige Fregatte zu besiegen." "Nun, wie Sie sehen, sind die Dinge nicht ganz so verlaufen, wie geplant. Ich denke, wir hatten einfach nur Pech." "Pech?! Sie haben Glück, dass niemand getötet wurde! Die Presse wird die neue Anti-Piraten-Einheit zum Gespött der UTSF machen. Ich erwarte von Ihnen, dass die Einheit das nächste Mal erfolgreicher ist. Auch die Präsidentin erwartet das von Ihnen. Sie werden bis Ende der Woche noch mindestens zwei weitere Staffeln dieser Art in die Einheit bringen, und dann hoffe ich für Sie, dass diese erfolgreicher sein werden!"

 

"Hey, gute Nachrichten", meinte Sam über das Kom zu Yxo. "Und die wären?" "Ich konnte die wichtigsten der durchgeschmorten Kabel und Schaltkreise ersetzen. Die Savage Eagle ist jetzt wieder voll einsatzfähig, zumindest bis zu einer richtigen Reparatur." "Gut. Ich denke, von meinen 35 000 Trenomien werde ich für uns beide das Raketenarsenal wieder auffüllen. Du hast gute Arbeit geleistet." "Danke. Aber ich wusste gar nicht, dass auf IG-25 illegal Waffen verkauft werden." "Du musst noch viel lernen."

 

Abschnitt 7

 

Der Rest des Fluges verlief ruhig und ohne Komplikationen. Offensichtlich hatten sie die Space Force tatsächlich abgehängt, und bis ein Schiff die Fährte wieder aufnehmen würde, konnte es lange dauern. Vermutlich würde zwar auf IG-25 irgendjemand die Piraten erkennen und die Space Force informieren, aber die Verwaltung von IG-25 ließ weder Verhaftungen im Hoheitsgebiet der Station noch Belagerungen der Station zu, also würde sich diese Handelsbasis wohl tatsächlich zum Hauptstützpunkt der beiden entwickeln, wie es schon bei vielen anderen Piraten der Fall war.

 

Lacombe lehnte sich seufzend zurück und raufte sich die Haare. "Was genau ist denn nun passiert?" fragte ihr Mann mitfühlend über das Kom. "Ich weiß selbst nicht mehr genau. Ich denke... Ich denke, ich bin in Panik geraten. Ich bin mit der Situation nicht fertig geworden und hab' den Rückzug angeordnet. Meiner Pilotin war klar, was zu tun war, aber ich habe ihr mit Konsequenzen gedroht und schließlich sind wir abgehauen. Bin ich abgehauen. Und die Stockholm habe ich im Stich gelassen." "Hm", machte der Captain der Bloody Revenge. Was sollte er sagen? Er konnte seiner Frau ja schlecht erklären, dass die Space Force keine feigen Kommandanten gebrauchen kann. "Ich habe vorhin eine Hyperfunk-Nachricht von Admiral Carter bekommen", setzte sie schließlich fort, "er verzichtet vorerst darauf, mich vor ein Kriegsgericht zu stellen, weil es meine erste Mission war und ich noch unerfahren bin." Sie blickte sich aus irgendeinem Grund, den sie selbst nicht kannte, im Zimmer um und meinte dann: "Auf der Akademie haben sie uns immer gepredigt, wie wichtig es ist, dass die Crew ein Team ist, dass eine aufeinander abgestimmte Crew, die sich gegenseitig vertraut, noch wichtiger ist, als das Schiff, das man fliegt. Ich glaube wohl kaum, dass sich in nächster Zeit sonderlich viel Vertrauen zwischen mir und meiner Crew aufbauen wird. Ich gehe jetzt regelmäßig in den Maschinenraum, um nachzusehen, wie die Reparaturarbeiten voran gehen. Als ich gestern Abend ohne Vorankündigung in den Maschinenraum geplatzt bin, hab' ich gehört, wie Ingenieurin Haber und Ensign Franc abfällig über mich geredet haben, ziemlich abfällig. Dieses Schiff können wir vielleicht wieder zusammen flicken, aber nicht meinen Ruf hier."

 

Sam wachte auf. Aber was ihm auffiel war, dass er einfach so aufwachte, von selbst und nicht einmal mitten in der Nacht. Gähnend setzte er sich auf und hätte fast seinem Schiff Schaden zugefügt, als das Kom piepste. Er atmete tief durch, setzte sich nach vorne und meinte gedrungen: "Was ist los?" "Wir nähern uns IG-25", meldete Yxo, "ich dachte nur, das solltest du wissen." "Danke." Sam wusch sich an dem 20 Zentimeter kleinen Waschbecken direkt zwischen Cockpit und Liege, zog sich um und freute sich wahnsinnig auf eine richtige Dusche und einen warmen Eniles-Sumpfbaumtee auf IG-25. Dann setzte er sich wieder in den Pilotensitz und ließ die Savage Eagle ein paar Minuten später gleichzeitig mit der Lebensquell aus dem Hyperraum fallen.

   "Hier spricht IG-25 Flight Control, ich rufe die beiden sich nähernden Schiffe. Identifizieren Sie sich." "Hungrig", antwortete Sam. "Lebensquell und Savage Eagle", setzte Yxo fort, "wir erbitten Andockerlaubnis für mehrtägige Wartungsarbeiten." "Hier Flight Control, Sie haben Andockerlaubnis an den Docks 112 und 113. Ihr Begleitschiff wird allerdings wegen unerlaubten Abkoppelns von der Station mit einem Ordnungsentgelt in Höhe von 100 Trenomien zu rechnen haben", bemerkte Flight Control. "Verstanden", meinte Sam, "ich werde das Geld überweisen, sobald ich auf der Station bin." "Bestätigt. Wir wünschen noch einen schönen Aufenthalt." "Danke, Flight Control."

   Sam scherte weit aus, um in einem Bogen auf die andere Seite der Station zu fliegen. Die UTSF-Verteidigungsstaffel ließ keine Minute auf sich warten.

   "Hey, da will uns jemand begrüßen", meinte er zu Yxo, als er die vier Dragonflies auf seinem Scannerschirm entdeckte, die sich auf ihn zu bewegten. "Sieht ganz so aus", stellte Yxo fest. "Hier ist Dudurov", dröhnte es aus dem Kom, "Johnson, Sie ahnen gar nicht, in was für Schwierigkeiten Sie stecken." "Sie müssen sich irren", vermutete Sam, "habe ich denn irgendetwas verbrochen... für das Sie mich zur Rechenschaft ziehen könnten?" "Ich warne Sie... Sie werden jetzt sofort Ihren Anflug abbrechen und uns folgen, oder wir eröffnen das Feuer."

   Langsam senkten sich die vier Jäger in Gefechtsformation bis knapp über die Savage Eagle herab.

   "Savage Eagle an IG-25 Flight Control. Diese Subjekte bedrohen mich. Ich verlange, dass mir ein sicherer Anflug gewährleistet wird." "Bestätigt, Savage Eagle. Flight Control an Verteidigungsstaffel: Kehren Sie zur Station zurück und lassen Sie Zivilisten in Frieden." "Ja, aber erst, wenn dieser Schweinehund in einer Zelle steckt." "Verteidigungsstaffel, ich warne Sie: Diese Station genießt politische Unabhängigkeit. Wenn Sie sich unseren Aufforderungen widersetzen, wird das Konsequenzen haben."

   Nach mehreren Sekunden der Unsicherheit zog Dudurov seinen Jäger plötzlich nach oben und nahm wieder Kurs auf die Station, der Rest der Staffel folgte seinem Beispiel. "Johnson, Sie haben nicht das letzte Mal von mir gehört." "Och, wie schade."

   Ein paar Minuten später hatten Sam und Yxo auf der anderen Seite des gewaltigen Bauwerks angedockt.

 

Gleich nach dem Andocken bezahlte Sam widerwillig das Ordnungsgeld an die Station und gab die Reparatur der Savage Eagle in Auftrag. Er mietete sich eine Kabine mit extra großem Badezimmer und ging, obwohl es erst Vormittag war, nach einer ausgiebigen Dusche ins "Starlight", um seinen ersehnten Tee zu trinken.

   Mit solch einer heftigen Situation hätte er nicht gerechnet, als er Yxo von hinten auf die Schulter tippte. Der Cilthroide packte ihn am Kragen und knallte ihn unsanft auf den Boden, bevor er ihn verdutzt ansah und meinte: "Oh, du bist's. Sorry." "Bitte, bitte", entgegnete Sam, raffte sich auf und setzte sich neben ihn, "ich hätte ja wissen müssen, dass jemand so reagiert, wenn man unverschämterweise..." "Ist ja gut, ich hab' dich verwechselt." "Was wünschen Sie?" wollte der Roboter an der Theke grauenhaft freundlich wissen. "Heißen Sumpfbaumtee", bestellte Sam. "C'al", meinte Yxo. "Wie Sie wünschen." Sam sah Yxo an. Sollte er fragen? Die Antwort würde ihm ja doch nicht gefallen. "Was ist C'al?" wollte er dann doch wissen. Yxo sah ihn an und schien kurz über die Antwort nach zu denken, bevor er eine Gegenfrage stellte: "In der Terranischen Landwirtschaft wird das Gehirn von Nutztieren nach dem Tod weggeworfen, oder?" Als der Roboter die Getränke brachte, versuchte Sam, Yxos Glas möglichst nicht in sein Blickfeld zu bekommen. Nachdem Yxo ausgetrunken hatte, begann Sam, an seinem Tee zu nippen. "Nächstes Mal müssen wir unbedingt auf die UTSF vorbereitet sein", warf Yxo plötzlich ein, "wir hatten Glück, dass der Kommandant der einen Fregatte so unfähig war." "Allerdings. Wir müssen unsere nächsten 'Operationen' immer so durchführen, dass IG-25 als Fluchtziel nah genug ist." "Apropos UTSF", meinte Yxo und deutete auf den Eingang, wo gerade Captain Dudurov und Lieutenant-Commander Kellogg auftauchten. Die beiden hätten Sam eigentlich nicht beunruhigt, aber es störte ihn, dass Yxo plötzlich auf irgendetwas zu warten schien. Dass sich Dudurov und Kellogg direkt neben Sam setzten, war ja zu erwarten. Er sah die beiden, die sich gerade unbeteiligt ihre Getränke bestellten, aufmerksam an. Boris Dudurov war ein merkwürdig respekteinflößender Mann mit einem Vollbart und Julie Kellogg machte sich mit ihrem UTSF-blauen Top, das sie anstatt dem Uniformoberteil trug, eigentlich eher lächerlich, als dass sie das harte, attraktive Mädchen ausdrückte, das sie sein wollte. Schließlich sah sie ihn verachtend an und ergriff das Wort: "Nette Show, die du da abgezogen hast..." "Süßes Outfit", antwortete Sam, "ist das für die nächste Beförderung?" Auch wenn diese Provokation nicht gerade die heftigste war, die man sich in dieser Situation hätte vorstellen können, schien sie Dudurov und Kellogg zu genügen. Kellogg, in ihrer gewünschten Rolle stark angegriffen, schlug Sam die Faust gegen den Unterkiefer, so dass dieser herumgewirbelt wurde und rücklings auf der Theke aufschlug. Spätestens jetzt blickte jeder interessiert zur Theke. Während Kellogg Sam an den Schultern packte, um ihn am Aufstehen zu hindern, rammte Dudurov ihm den Ellenbogen in den Magen. "Das ist für deine Untreue gegenüber den Terranischen Streitkräften!" Nach einem schmerzhaften Röcheln versuchte Sam etwas zu sagen, doch vorher schlug Dudurov ihm die Faust in die Zähne. "Das für den Jäger!" Sam spürte, wie sich seine oberen Schneidezähne lösten. Dudurov überlegte kurz, wo der nächste Schlag angebracht wäre und entschied sich für die Nase. "Und das dafür, dass du auf mich gefeuert hast." Als wäre es vorher ausgemacht gewesen, ließ Kellogg ihn jetzt los, so dass Dudurov ihn am Kragen packen und notbedürftig aufstellen konnte. "Und das ist für deine Respektlosigkeit gegenüber Julie!" Mit voller Wucht rammte er Sam das Knie zwischen die Beine und stieß ihn dann auf die Theke zurück. Die beiden sahen den vor Schmerzen Stöhnenden verachtend an und kippten ihm ihre Getränke ins Gesicht. "Bist du jetzt fertig?" fragte Yxo, der die ganze Zeit abwartend zugesehen hatte, und stand auf. "Ja", bellte Dudurov und drehte sich um, um zu gehen. "Dann warte noch mal kurz." Der Cilthroide packte ihn an der Schulter, drehte ihn zu sich und rammte ihm die Faust unters Kinn. Dudurov wurde nach hinten geschleudert, schlug drei Meter weiter weg hart auf dem Boden auf und blieb laut- und regungslos liegen. Kellogg lief es eiskalt den Rücken herunter, als Yxo seinen Blick nun auf sie fixierte. "Okay..." stotterte sie, "ich hab's kapiert." Sie trat vorsichtig ein paar Schritte zurück. Yxo setzte den rechten Fuß etwas weiter nach vorne. "Hau' ab!" "Klar..." Sie drehte sich um und bückte sich zu Dudurov. "Nein, du hast es nicht begriffen..." erklärte Yxo gedrungen, "du sollst dich verpissen." Sie nickte hastig, drehte sich um, und verließ dann fluchtartig den Raum. Yxo blickte in einige der interessierten Gesichter der Anwesenden und meinte dann: "Okay, Leute, die Show ist vorbei." Langsam begannen die Wesen aus den verschiedensten Teilen des Weltraums wieder, miteinander zu plaudern, und ein paar weniger Schadenfrohe kümmerten sich um Dudurov. "Wie fühlst du dich?" wollte Yxo wissen und sah Sam an. "Das ist eine Scheiß-Frage", brachte er hervor, "danke für die schnelle Hilfe." Er presste sich mit der Zunge zwei Zähne aus dem Mund. "Naja, die haben dich ja nicht umgebracht." Yxo packte Sam und stellte ihn wieder auf die Beine, es gelang dem Menschen sogar, stehen zu bleiben, wenn er auch lieber tod umgefallen wäre. Der offenbar sehr einsichtige Barroboter reichte Sam ein feuchtes Tuch, um sich das Blut aus dem Gesicht zu wischen. "Ist irgendwas gebrochen?" fragte Yxo wenig mitfühlend. "Ja, Zähne, Nase, und dass der Tee das erste war, das ich heute gegessen hab', kommt mir jetzt zugute. Außerdem habe ich vielleicht noch ein anderes körperliches Problem, aber das kann ich jetzt noch nicht genau beurteilen. Ich geh' jetzt jedenfalls in meine Kabine, nehm' den Zellwachstumsstimulator und behandle damit alles, was mir weh tut, also werd' ich heute Nacht am besten gleich drunter schlafen."

 

Abschnitt 8

 

Während Yxo vermutlich noch ein paar Gehirne trank, machte sich Sam auf den Weg zu seiner Kabine. Er fühlte sich miserabel, in den letzten paar Minuten hatte er Dudurov mindestens zwanzig mal verflucht. "Pst. Hey, Johnson", flüsterte jemand. Sam drehte sich um und entdeckte Ensign Rosso, der hinter einer Gangabzweigung hervorsah. "Nein, für heute reicht's mir", stöhnte Sam. "Komm' schon", flüsterte Lieutenant Chang und winkte hinter der Ecke hervor. "Also okay, was wollt ihr?" Sam folgte den beiden in den unbeleuchteten Gang, der voll von irgendwelchen Kisten stand. "Was habt ihr in den letzten Tagen gemacht?" wollte Rosso wissen. "Ach, wir sind so rumgehangen und haben einen Frachter um seine Ladung und eine Fregatte um ihren Steuerbord-Pylon leichter gemacht." Chang legte den Kopf zur Seite und sah Sam an. "Und vor ein paar Minuten?" wollte sie wissen. "Da hab' ich mich von zwei arroganten Spießern verprügeln lassen." "Hey, ich kann dich ja vielleicht ein bisschen verstehen, dass du die Space Force geschmissen hast", meinte Chang, "aber ist Piraterie nicht etwas..." "Kriminell?" vollendete Sam die Frage. "Natürlich ist es kriminell. Du handelst gegen die Interessen der Space Force. Es ist... schwer zu sagen. Man ist frei." "Ja, vogelfrei", ergänzte Rosso. "Ja, ich weiß. Aber das ist reizvoll. Habt ihr euch nicht schon mal gefragt, wie ihr dieser Space Force eins auswischen könnt?" "Ja", antwortete Rosso spontan, zog seinen Mini-PC aus der Tasche und zeigte Sam eine auffordernde Geste. Sam hielt Rosso seinen eigenen MPC mit der Seite des Kontaktfeldes hin, woraufhin Rosso mit seinem Computer kurz das Kontaktfeld berührte. Sam zog seinen MPC zurück und sah auf den Bildschirm. "Und was hast du mir da jetzt kopiert?" wollte er wissen und rief die Daten auf. Es war eine Karte des näheren intergalaktischen Raums mit einer Flugroute. Außerdem hatte Rosso ihm ein paar technische und Frachtdaten kopiert. "Ich bin mit jemandem in der Verwaltung verwandt, und zufällig hat er mich über einen Space-Force-Transport informiert, der in diesem Gebiet stattfinden soll. Ein einzelner Frachter der Andromeda-Klasse fliegt eine Ladung Nanosonden von der Milchstraße zur Andromeda-Galaxis. Es handelt sich nicht um Spionagesonden oder so, aber immerhin industrielle Maschinen, die einiges wert sind. Der Flug ist offiziell als streng vertraulich eingestuft, deshalb gibt es auch keinen Begleitschutz, aber in der Space Force wissen mehrere Leute davon. Wie gesagt, der Transporter ist alleine, ohne Begleitschutz, aber das nur so als Information. Ich dachte vielleicht, das interessiert dich irgendwie..." "Du bist verrückt", stellte Sam fest. "Wieso?" "Das kann dich deinen Job kosten." "Es muss ja niemand erfahren, von wem du das weißt." "Sicher nicht." Sam sah Chang an, die bei der ganzen Sache sichtlich nervös war. "Und wenn irgendwas schief geht, werde ich sagen, dass du vollkommen unbeteiligt warst." Er sah die beiden nacheinander noch einmal an. "Vielen Dank, Freunde." "Gern geschehen. Und du solltest mal irgendwas mit deinem Gesicht machen, du siehst aus, als wären dir Dudurov und Kellogg über den Weg gelaufen..." "Danke für den mitfühlenden Tip. Ciao, Leute." "Ciao." Die Überwachungskamera beobachtete Sam noch eine Weile.

 

Der Rest des Vormittags verlief für alle eher ruhig. Sam flickte sich mit dem Zellwachstumsstimulator wieder zusammen und Rosso und Chang konnten einen ganzen Vormittag ohne Dudurov und Kellogg genießen, weil Dudurov aus irgendeinem Grund zum Hospital musste. Rosso und Chang hatten es sich auf ihren Betten gemütlich gemacht und sahen sich die "Terran Empire News" im 3-D-TV an. Wie in den letzten zwei Tagen auch war das Titelthema der erbärmliche Misserfolg der neuen Anti-Piraten-Einheit. "Mit zwei Fregatten fertig geworden..." wiederholte Chang, "da siehst du's. Von uns kommen nur die besten Deserteure." Rosso nickte zustimmend und wollte etwas sagen, doch gerade in diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Dudurov und Kellogg betraten den Raum. Der Captain sah etwas mitgenommen aus, doch er hatte den gleichen aggressiven Gesichtsausdruck wie immer. "Ensign Rosso", meinte er. "Sir?" "Ich will Ihnen mal eine kleine Geschichte erzählen: Ein Arzt hat mir gerade meinen Unterkiefer wieder repariert, der mir von einem Wesen zertrümmert wurde, das zu 80 Prozent aus Muskulatur besteht. Sie können sich wohl also vorstellen, dass meine Laune schon da nicht gerade die beste war. Als ich wieder geflickt war, wollte mich die Stationsleitung sprechen, sie fragten, ob ich darüber informiert bin, dass einer meiner Leute Informationen an Zivilisten weiter gibt. Sie haben mir die Aufzeichnungen einer geheimen Überwachungskamera gezeigt, die im Gang installiert war." Dudurov grinste humorlos. "Ich kann Johnson zwar leider nicht belangen. Diese Station ist politisch unabhängig und wir könnten ihm sowieso nicht nachweisen, dass er vor hat, den Transport anzugreifen. Aber da Sie zu meiner Crew gehören und ganz offensichtlich geheime Informationen, von denen nicht einmal ich wusste, an einen Kriminellen weiter gegeben haben, sitzen Sie jetzt tief im Dreck. Ich stelle Sie hiermit unter Arrest, bis meine Vorgesetzten entschieden haben, was mit Ihnen gemacht werden soll." Dudurov zog seine Waffe und winkte damit zum Ausgang. Chang sah nacheinander alle drei fassungslos an. "Und Sie hatten doch hoffentlich vor, mich über Rossos Geschäfte zu informieren, Lieutenant Chang? Wenn Sie Glück haben, kommen Sie mit einer Degradierung davon." Mit diesen Worten führte Dudurov den sprachlosen Rosso aus dem Raum, nur Chang blieb entsetzt zurück.

 

"Sir?" wunderte sich Captain Lacombe von der Bloody Revenge und blickte Admiral Carter auf dem Kombildschirm fragend an. "Captain, es tut mir leid, wenn ich Sie störe." "Nein, nein, was wünschen Sie?" "Wir haben vielleicht ein Problem." "Wie, Problem?" "Ein UTSF-Offizier hat auf IG-25 den gleichen Piraten, mit denen Sie es zu tun bekommen haben, Informationen über einen geheimen Space-Force-Transport zukommen lassen. Es handelt sich um eine Ladung Nanosonden für unsere Kolonien in der Andromeda-Galaxie, die von einem einzelnen Frachter der Andromeda-Klasse transportiert wird. Da dieser Frachter ohne Begleitschutz unterwegs ist, müssen wir fürchten, dass er das nächste Ziel dieser Piraten sein wird. Ist Ihre Staffel bereits wieder einsatzfähig?" "Naja. Mein Schiff und die Oslo sind wieder voll kampf- und hyperraumtauglich, aber was die Stockholm angeht..." "Der Zustand der Stockholm ist mir bekannt. Sie ist sicher nicht mehr missionstauglich. Aber die Oslo und die Bloody Revenge sind wieder in Ordnung?" "Ja, Sir. Sie wollen also darauf hinaus, dass wir die Piraten nach ihrem Start von der Station abfangen sollen, um einen Angriff auf den UTSF-Transport zu verhindern?" "Nein, das nicht. Nach interstellarem Recht ist Belagerung in Friedenszeiten verboten, und wenn wir vor IG-25 auf die Piraten warten würden, wäre das eine Belagerung. Wir werden folgendermaßen vorgehen: Da die Bloody Revenge mit dem Hyperraum-Scanner ausgestattet ist, werden Sie ihren Dienst in der Anti-Piraten-Einheit fortsetzen. Die Oslo allerdings wird sich mit der Fregatte 'Nairobi' treffen und als ihr Wingman den Transporter eskortieren. Ich sende Ihnen noch die genaueren Daten zu. Ist soweit alles klar?" "Ja, Sir. Die Bloody Revenge wird also wie gewohnt auf Bereitschaft bleiben, falls irgendwo ein Piratenangriff gemeldet wird." "Ganz genau. Carter, Ende."

 

Seit zwei Stunden vegetierte Rosso nun schon in dieser Zelle vor sich hin. Der Vollzugsbereich befand sich in einem Nebenraum des Stationssicherheitsbüros, von wo aus Rosso wenigstens die Arbeit der Sicherheitsleute beobachten konnte, doch das erwies sich nach einiger Zeit als nicht sehr interessant. Mit seinen Zellengenossen konnte er vermutlich auch kein sehr tiefsinniges Gespräch führen, da waren eine Chemysanische Hackerin, ein Terranischer Taschendieb und ein Cacalus, der irgendwas mit den Gedanken anderer Leute gemacht hatte. Doch das Schlimmste, das in den letzten zwei Stunden passiert war, war, dass plötzlich Dudurov auftauchte. "Ensign", grinste er, "ich habe meine Vorgesetzten kontaktiert." Rosso hasste Dudurov. Vermutlich würde Dudurov jetzt hier sagen, was die hohen Tiere entschieden haben, vor allen Gefangenen und Sicherheitsleuten. Rosso würde sich bis auf die Knochen blamieren, und genau das würde es sein, was Dudurov so gefallen würde. "Ensign Rosso, Sie sind hiermit unehrenhaft aus der Space Force entlassen. Auf eine Kopfbewegung Dudurovs hin öffnete ein Sicherheitsdienstler das durchsichtige Schott der Zelle, um Rosso heraus zu lassen. "Sie können mitkommen und sich das von Admiral Carter per Hyperfunk bestätigen lassen. Aber das geht nur von Ihrer Zeit ab, ich gebe Ihnen 15 Minuten, um Ihre Sachen zu packen und mir aus den Augen zu gehen."

 

Keine fünf Minuten nach Admiral Carters Anruf hatte die Bloody Revenge ein Notsignal von einem Esialoschen Zivilfrachter empfangen. Captain Lacombe hatte seiner Frau angeordnet, den Flug zur Nairobi fortzusetzen und mit der Bloody Revenge sofort Kurs auf den Ursprung des Signals genommen. Glücklicherweise war das Schiff in Not nicht sehr weit weg, so dass der Flug gerade einmal zwei Stunden dauerte.

   "Wir fallen jetzt aus dem Hyperraum", meldete der Pilot des Zerstörers, gleich darauf erhellte der Rückfallblitz die Brücke. Lacombe stand erschrocken auf und starrte durch die Cockpitfenster. "Ist das...?" "Ja, Sir", bestätigte die Sensorenoffizierin, "ich habe ja gesagt, es ist fast nur noch ein Wrack. Triebwerke funktionsuntüchtig, Lebenserhaltungssystem läuft auf Minimum, Notbatterien sind fast leer. Das Schiff ist regelrecht durchlöchert und im Bugbereich scheint ein Stück des Rumpfes zu fehlen." Die Worte der Sensorenoffizierin trafen in etwa den Zustand des 500 Meter langen Frachters, der ein paar Kilometer vor dem Bug der Bloody Revenge schwebte. Der graue Rumpf war vermutlich einmal keilförmig gewesen, doch nun war er in der Mitte regelrecht verbogen, der Bug war vollkommen abgerissen und überhaupt war die gesamte Hülle von Lecks übersäht. Irgendwo im Heckbereich strömte ein Gas aus, vermutlich das Kühlmittel des Hyperantriebs, und versetzte das Wrack in eine langsame Rotation. "Was auch immer passiert ist, die hatten wahnsinniges Glück", stellte die Sensorenoffizierin fest, "ich orte die Lebenszeichen von 26 Esialos an Bord, das ist die Standard-Besatzung dieser Schiffe." "Dann wollen wir hoffen, dass sie keine Passagiere hatten", murmelte Lacombe vor sich hin, "können wir Kontakt aufnehmen?" "Negativ, die Koms des Frachters sind zerstört." "Dann werden wir mit dem Schiff docken." Er nickte dem Piloten zu. "Docken Sie uns an der oberen Luke an, dort sind die Besatzungsräume dieser Schiffsklasse untergebracht." "Aye, Sir." Lacombe presste den Finger auf die Taste für das interne Kom. "Doktor, wir brauchen Sie und Ihre Leute an der unteren Dockluke."

   Die Bloody Revenge näherte sich dem Frachter bis auf etwa hundert Meter, bevor der Pilot den Bug nach oben zog und ein paar Meter über dem Transporter stoppte. Er korrigierte die Lage des Zerstörers noch um ein paar Grad, drückte das Schiff nach unten und verankerte die untere Dockluke an dem Frachter.

   Das Schott im Boden schob sich zur Seite und offenbarte eine kurze Leiter in einer engen Röhre, unter der die dunkelgraue Luke des Esialoschen Frachters lag. Lacombe nickte dem Arzt und den beiden Krankenschwestern, die durch die weißen Kittel über den Uniformen als medizinisches Personal zu erkennen waren, sowie den beiden Bordinfanteristen mit den Gewehren, den Gelenkschützern und den grünen Brustpanzern zu und kletterte als Erster die Leiter nach unten. Mitten auf der Leiter machte er plötzlich halt, als irgendetwas von innen an der Esialoschen Luke rüttelte. Er blickte nach oben und meinte: "Ein gutes Zeichen. Hoffentlich können sie die Luke von selbst öffnen." Er sprang ganz nach unten und federte sein Gewicht mit den Beinen ab, als er auf dem Rumpf des Frachters aufkam. Der Arzt folgte seinem Beispiel, während unten für die Krankenschwestern und die Infanteristen nicht genug Platz war. Der Doktor deutete auf eine Art Griff an der Luke, während das Rütteln von innen immer heftiger wurde. Er streckte die Hand nach dem Griff aus, plötzlich fiel die Luke nach unten heraus und Lacombe hatte den Emitterkristall eines Partikelgewehres genau zwischen den Augen. Er erstarrte vor Schreck, die Infanteristen richteten ihre Gewehre genau auf die Luke. Die Waffe wurde Lacombe fester gegen die Stirn gedrückt. Mit einem andeutenden Kopfschütteln gab eine Krankenschwester den Infanteristen zu verstehen, dass sie ihre Gewehre einstecken sollten. Langsam hob Lacombe seinen Blick und starrte das reptilienartige Gesicht des Esialos an. Er ähnelte einem Krokodil, nur dass die schuppige Haut und die bedrohlichen Zähne fehlten, allerdings war das zornige Funkeln der violetten Augen mindestens genauso furchteinflößend. "Ich liebe Überraschungen", krächzte der Esialo, "ihr auch?"

   "Alarm, Enterversuch!" dröhnte durch das Schiff. Die Brückencrew verschanzte sich hinter Sitzen und Terminals und richtete ihre Waffen auf den einzigen Eingang der Brücke. Das Schweigen wurde durch das Heulen der Alarmsirenen tausendmal unerträglicher gemacht. Dann, nach ein paar Minuten, wurde die Tür von außen durch einen Code entsichert. Nachdem sie sich geöffnet hatte, sprangen fünf Esialos auf die Brücke, zwischen ihnen Lacombe, auf den zwei der Gewehre gerichtet waren. Ein entsetztes Raunen ging durch die Brücke, jemand sprang auf und wollte feuern, doch das kam ihm teuer zu stehen. Der grelle Strahl aus einem der Esialoschen Gewehre traf ihn direkt in die Brust und schleuderte ihn quer durch die halbe Brücke. Er blieb regungslos liegen. "Gikuyu!" brüllte jemand entsetzt und sprang auf seinen Kollegen zu. Ihn ereilte das gleiche Schicksal. "Nehmen Sie die Waffen runter..." befahl Lacombe seinen Leuten, nachdem ihm eines der Wesen das Gewehr in die Wirbelsäule gedrückt hatte. "Und in die Ecke!" ergänzte der Esialo, der offenkundig der Anführer war. Die Crew folgte seinem Befehl. Schließlich stieß er auch Lacombe zu den Menschen, die sich in eine Ecke der Brücke gekauert hatten. Kaum hatte der Anführer einen Blick auf eines der Terminals geworfen, richtete er sein Gewehr auf die Terraner und brüllte: "Wie lautet der Kommandocode?!" Lacombe blickte ihm feindseelig in die Augen, und keiner sagte etwas. "Wie ist der Kommandocode?!" Der Esialo spuckte unbeabsichtigt irgendeine Flüssigkeit auf den Boden. Als er vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, nickte er und meinte: "Okay. Es geht auch anders. Aus einer Luftschleuse geworfen zu werden, muss ein spektakulärer Tod sein. Während man in Sekundenbruchteilen zu einem Eisklumpen gefriert, explodiert die Lunge. Will das einer von euch vorführen?" "17-4 Theta V", flüsterte irgendjemand verängstigt. "Was hast du gesagt?" "Er sagte 17-4 Theta V!" brüllte die Schützin dem Esialo entgegen. "17-4 Theta V!! Hast du's begriffen, du verfluchter Schweinehund?!" Das Wesen lachte. "Schrei doch nicht so!" Das schien es alles furchtbar witzig zu finden, und vermutlich wäre nun jedem der Crew sein Leben egal gewesen, hätten sie nur noch ihre Waffen gehabt.

 

Abschnitt 9

 

"Das kann der doch nicht machen", rief Sam, während er gerade um die Ecke gerannt kam. "Doch, kann er", widersprach Rosso, der mit einer um die Schulter gehängten Reisetasche den Gang entlang trottete. Er blieb stehen und drehte sich um. "Tja", machte er. "Tja", wiederholte Sam, "sag mal, bist du noch ganz dicht? Das ist alles meine Schuld." "So ein Schwachsinn. Es ist mein Problem, wenn ich dir diesen Flugplan gegeben habe. Ach ja, die Space Force lässt den Transporter jetzt eskortieren." "Also war alles umsonst..." Sam seufzte. "Du bist wirklich ein Idiot, warum musstest du mir diesen Flugplan geben? Oder hättest du dir nicht wenigstens einen Abschnitt der Station ohne Überwachungskameras aussuchen können?" "Von den Kameras wusste ich nichts. Und das mit dem Flugplan ist wirklich mein Problem." Sam atmete eine Weile tief durch, dann lehnte er sich entspannend gegen die Wand. "Was hast du jetzt vor?" wollte er wissen. "Ich geh' zurück nach Mailand." "Mailand?" "Eine Stadt auf der Erde. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Meine Eltern waren sowieso immer gegen meinen Eintritt in die Space Force, besonders nach diesem Unfall..." "Was ist damals eigentlich genau passiert?" fragte Sam. "Es war vor zwei Jahren", begann Rosso bitter, "ich befand mich gerade auf einem Trainingsflug. Die Übung sollte mich im Einsatz von Wingmen trainieren, zu diesem Zweck wurde mir ein anderer Jäger unterstellt. Wir zerstörten einige Übungsziele, ich schnitt sogar recht gut ab, und kehrten dann zum Träger zurück. Ich habe meinen Wingman zuerst landen lassen, dann bin ich in den Landeanflug übergegangen. Aber dann... Es gab irgendeinen Kurzschluss, so dass der Autopilot ausfiel. Ich hatte den Hangar gerade perfekt anvisiert, dann brach mein Jäger plötzlich nach rechts weg und ich musste die Kontrolle manuell übernehmen. Ich brachte ihn wieder auf Kurs, zumindest ungefähr, doch dann teilte mir die Kontrolle mit, dass ich zu schnell war. Viel zu schnell. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich noch genug Zeit gehabt, den Jäger normal abzubremsen, aber ich geriet in Panik und habe manuell die Not-Bremstriebwerke gezündet. Das hat den Jäger wieder vom Kurs abgebracht, mittlerweile war ich schon kurz vor der Hangaröffnung. Ich riss den Steuerknüppel herum, bis ich den Hangar wieder vor mir hatte, doch mein Schiff war zu stark in Schräglage geraten. Es schrappte am Boden des Hangars entlang, drehte sich unkontrolliert und rammte meinen Wingman, der vor mir gelandet war. Beide Schiffe sind explodiert..." Er machte eine kurze Pause, Tränen sammelten sich in seinen Augen. "Ich wäre fast gestorben, meine Haut war vollkommen verbrannt. Die Ärzte haben mich in eine Nährlösung gelegt, mich mit Zellwachstumsstimulationen und Nanorobotern behandelt, und nach ein paar Stunden war mein Körper wieder okay, aber der Pilot des anderen Jägers hat nicht überlebt." Er schluckte, drehte sich um und ging weiter. "Entschuldige mich, in zwei Stunden startet der nächste Spaceliner zur Erde." Sam sah ihm noch so lange nach, bis er hinter der Gangbiegung verschwunden war.

 

"Eine Einzelkabine", meinte Rosso, als er endlich an der Reihe war, und berührte mit dem Kontaktfeld seines MPC das Terminal. "Bis wohin?" "Erde." Der Computer zog den Betrag von Rossos MPC ab und überspielte ihm ein Ticket. "Bitte sehr. Haben Sie noch einen guten Flug." "Danke." Rosso betrat die Gangway und der Nächste der endlos langen Schlange vor dem Terminal kam an die Reihe. Als er über die Eingangsschleuse den Spaceliner betrat, riss ihm ein hilfsbereiter Roboter seine Tasche vom Leib und hätte ihn dabei fast erwürgt. "Darf ich Ihnen Ihr Gepäck abnehmen, Mister?" Mit diesen Worten schmiss der Roboter die Reisetasche in einen Schacht in der Wand und meinte freundlich: "Ich führe Sie zu Ihrer Kabine." "Danke..." entgegnete Rosso misstrauisch und folgte der Maschine durch die gebogenen Gänge des Schiffes. Auf dem Spaceliner befanden sich Leute aller Rassen und Planeten, und Rosso wunderte sich, was so viele verschiedene Wesen auf der Erde wollten. Das Schiff selbst war nicht einmal Terranisch, sondern gehörte einer Esialo-Fluggesellschaft, die das führende Passagierflugunternehmen im bekannten Weltraum überhaupt war.

   Das erste, was Rosso in seiner Kabine tat, war, dass er den Roboter rauswarf und seine Tasche untersuchte, die ordentlich auf dem Bett stand. Alles war noch heil. Er hängte seine Sachen aus der Tasche notbedürftig in den kleinen Schrank neben dem Bett, legte sich hin und schaltete das 3-D-TV vor dem Fußende ein. Er seufzte.

 

"Was sind das für Leute?" flüsterte die Schützin dem Captain zu und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Esialo, der auf dem Kommandosessel thronte und offensichtlich einen ganz bestimmten Kurs verfolgte. "Dem halbmondförmigen Zeichen auf ihren Overalls nach zu Urteilen, sind es Wahre Esialos." "Ich habe von den Wahren Esialos gehört", meinte die Sensorenoffizierin, "aber ich habe noch immer nicht ganz begriffen, welche Ziele sie eigentlich genau verfolgen." "Die Esialo-Gesellschaft war ursprünglich ein streng hierarchisch gegliedertes Kastensystem", erklärte der Captain, "mit dem Besuch der ersten Außeresialoschen auf ihrem Planeten vor einanhalb Tausend Jahren begann dieses System aber durch äußere Einflüsse immer weiter zu zerfallen und wurde schließlich vor einem halben Jahrtausend endgültig zu einer parlamentarischen Demokratie. Das ist heute nun mal so. Diese Rebellen allerdings sind der festen Überzeugung, sie könnten mit terroristischen Aktionen die alte Ordnung wieder erzwingen und die Esialo-Zivilisation in ein vom Rest des Universums isoliertes Kastensystem umfunktionieren. Die Regierung bekämpft diese Gruppe mit allen Mitteln, aber sie ist einfach nicht zu zerschlagen." "Und was wollen die mit einem Terranischen Zerstörer?" fragte die Sensorenoffizierin. "Das liegt doch auf der Hand. Sie wollen vermutlich irgendeinen Anschlag verüben. Wahrscheinlich auf ein ziviles Esialo-Ziel. Wo sie möglichst viel Schaden verursachen können."

 

Sam, Lieutenant Chang und eine Menge anderer Leute beobachteten den Starliner beim Abdocken. Langsam setzte sich der massige, schneeweiße Rumpf des gewaltigen Raumschiffes in Bewegung. Mit einer Länge von zwei Kilometern und einer Kapazität von über 50 000 Passagieren war der Starliner der Titanic-Klasse eines der Meisterwerke von Terran Space Works. Mehrere hundert Exemplare wurden bisher gebaut und in den gesamten Weltraum verkauft, aber die meisten davon an Esialo Spaceways.

 

Rosso war eingeschlafen, allerdings nicht sehr tief. Die Stimme des Captains weckte ihn sofort wieder. "Guten Tag, hier spricht Ihr Captain. Ich begrüße Sie herzlich an Bord von Flug 999-5 und bedanke mich dafür, dass Sie Esialo Spaceways gewählt haben. Wir haben soeben von der Station abgedockt und werden in wenigen Minuten in den Hyperraum eintreten, wo wir mit einer Geschwindigkeit von 140 000 Lichtjahren pro Tag direkten Kurs auf die Milchstraße nehmen werden. Diejenigen unter Ihnen, die erst an Bord gekommen sind, möchte ich auf die verschiedenen Freizeiteinrichtungen an Bord aufmerksam machen, die sich alle größtenteils auf Deck 4 befinden, dazu gehören unsere verschiedenen Einrichtungen zu rassenspezifischen Badegewohnheiten, wie Whirlpool, Nährstoffbäder und dergleichen, sowie Einrichtungen zur sportlichen Betätigung, auch auf verschiedene Rassen abgestimmt. Cocktailbars finden Sie auf jedem Deck, ..." Nach zwei Minuten war Rosso wieder eingeschlafen.

 

Selbst der gewaltige Spaceliner wirkte gegen IG-25 wie ein Spielzeug. Langsam entfernte sich das stromlinienförmige Schiff von der Raumstation, die eigentlich schon die Größe eines kleinen Mondes hatte. Ihre verschiedenen, formlos abstehenden Bauteile, Module und Andockarme waren grob an einer zylindrischen Längsachse orientiert, die etwa 20 Kilometer lang war.

   Ein paar Kilometer von der Station entfernt trat der Starliner in den Hyperraum ein.

 

Abschnitt 10

 

"Und?" wollte Yxo wissen, als sich Sam neben ihn gesetzt hatte. "Sie haben ihn rausgeschmissen." Sam seufzte und bestellte bei dem Roboter seinen zweiten Sumpfbaumtee an diesem Tag. "Was ist mit dem Transport?" fragte Yxo. "Rosso ist jetzt auf dem Weg zurück zur Erde. Was er dort genau machen will, scheint er aber selber noch nicht zu wissen." "Wird der Transporter jetzt eskortiert oder was?" "Ja, der verdammte Transporter wird jetzt eskortiert... Ich glaube nicht, dass Chang lange so zurecht kommt." "Wieso?" "Naja, sie ist jetzt die einzige, auf der Dudurov und Kellogg herumhacken können." "Wird die Space Force die Verteidigungsstaffel nicht auf die ursprüngliche Größe ergänzen?" "Doch, wahrscheinlich schon, zumindest Rossos freier Jäger wird einen neuen Piloten bekommen. Aber die Neuen hier versuchen meistens immer zuerst, sich an die Vorgesetzten anzupassen, Kellogg ist noch immer nicht aus dieser Phase heraus, und mit etwas Pech gibt es dann drei solche Kotzbrocken." "Und was willst du dagegen tun?" Sam stützte sich mit dem Ellenbogen auf der Theke auf und legte den Kopf in die Handfläche. "Keine Ahnung. Nichts wahrscheinlich. Schließlich kann ich Rossos Entlassung auch nicht rückgängig machen." Er nippte ein wenig an seinem Tee.

 

Der nächste Tag war für alle beteiligten nicht gerade der Beste. Dudurov und Kellogg sprachen mit Chang kaum ein Wort, aber wenigstens hatten die hohen Tiere entschieden, ihr nur einen Vermerk in ihre Akte einzutragen. Sam gab sich noch immer die Schuld an allem und suchte den ganzen Tag nach einer Möglichkeit, alles wieder ins Lot zu bringen, während sich Rosso überlegte, wie er in Zukunft über die Runden kommen würde, ohne bei seinen Eltern zu schmarotzen.

   Zwar hatten die Esialoschen Rebellen dem Bordarzt der Bloody Revenge gnädigerweise gestattet, die Erschossenen zu behandeln, aber ihm fehlte einfach die nötige Ausrüstung und das medizinische Personal, um alle Fälle behandeln zu können. Nur drei der insgesamt vier Toten konnte er bisher wieder beleben.

   Und schließlich hatte keiner der 48 911 Passagiere an Bord des Starliners eine Ahnung, was auf sie zukommen würde.

 

Es war mittlerweile 21.00 Uhr, seit drei Stunden saß Rosso nun schon in der Cocktailbar, und er hatte sich nur noch nicht betrunken, weil die Getränke hier dreimal so teuer waren, wie auf IG-25. Er starrte aus dem Fenster in die schwarze Finsternis und überlegte, was nun geschehen sollte.

 

"Was machst du jetzt dann?" wollte der Esialosche Captain von der Copilotin wissen, die gerade von ihrem Sitz aufstand, um die Nachtschicht an die Arbeit zu lassen. "Zumindest warte ich nicht, bis deine Schicht zu Ende ist." Sie tippte auf das Kom, um die Ablösung zu rufen, doch dann piepste die Sensorenkontrolle. "Was ist das?" fragte sie. "Hmm..." machte der Captain, "scheint ein Terranischer Zerstörer zu sein, auf 3 Uhr." "Soweit ich weiß, haben die Menschen hier aber keine Patrouillenflüge geplant", wunderte sich die Copilotin. "Merkwürdig. Öffne einen Kanal zu dem Zerstörer." "Offen." "Hier spricht Captain Selies vom Esialo-Starliner ES Ti-499. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?" Er wartete ein paar Sekunden, dann wiederholte er seine Frage. "Können Sie mich verstehen?" "Das Schiff hat direkten Kurs auf uns", stellte die Copilotin fest, und es kommt sehr schnell näher." "Terranischer Zerstörer, hier spricht..."

 

"...der Starliner ES Ti-499. Was ist los bei Ihnen?" Der Rebellenführer setzte ein breites Grinsen auf. "Wann können wir?" "In zehn Sekunden", antwortete der Esialo, der die Waffenkontrolle übernommen hatte. "Acht... sieben... sechs... fünf... vier... drei... zwei... eins... null..." "Feuer", stieß der Anführer kalt hervor.

 

"Sie schießen auf uns!! Ich glaub's nicht, die wollen uns abschießen!!"

   Der gewaltige Strahl aus kleinsten Hyperraumblasen traf den Starliner direkt in den hinteren Bereich der Steuerbord-Flanke. Ein apokalyptischer Feuerball riss ein mehrere Decks großes Loch in den Rumpf des Raumschiffes, es fiel aus dem Hyperraum und die Triebwerke erloschen. Milliarden Trümmer und Splitter schwebten aus den Triebwerksöffnungen.

   "Mayday!! Hier spricht der Starliner ES Ti-499! Wir werden von einem Terranischen Zerstörer angegriffen! Ich wiederhole, wir werden angegriffen! Helfen Sie uns!!"

 

"Chef, ich habe hier was!" rief der Chemysanische Fernkommunikationszuständige dem Terraner zu, der auf der anderen Seite des gewaltigen, zwei Decks umfassenden Kontrollraumes von IG-25 stand. "Ich glaube, es ist ein Notsignal." "Ich kann das bestätigen", meinte einer der Flight Controller, "es stammt von Esialo Spaceways Flug 999-5." "Lassen Sie hören!" "Mayday!! Hier spricht der Starliner ES Ti-499! Wir werden von einem Terranischen Zerstörer angegriffen! Ich wiederhole, wir werden angegriffen! Helfen sie uns!!" Der Stationsleiter nickte dem Fernkommunikationszuständigen zu und begann dann: "ES Ti-499, hier ist IG-25. Sie werden von einem Terranischen Zerstörer angegriffen, habe ich Sie richtig verstanden?" "Das ist nicht ganz korrekt", mischte sich irgendjemand auf einem anderen Hyperfunk-Kanal ein, "dieses Schiff steht nicht mehr unter der Kontrolle der Terranischen Streitkräfte. Es ist jetzt im Besitz der Wahren Esialos, und ich fürchte, ES Ti-499, seine Crew und seine Passagiere müssen für einen guten Zweck das Zeitliche segnen." "Die Wahren Esialos?" flüsterte der Stationsleiter dem Flight Controller zu. "Die Wahren Esialos sind ultrakonservative Anhänger des historischen Esialoschen Kastensystems." "Hier spricht der Esialo-Kreuzer 'Ci'", meldete sich noch irgendjemand zu Wort. "Verdammt, schalten Sie mir alle Hyperfunkkanäle ab, die nichts mit diesem Starliner zu tun haben!" befahl der Stationsleiter. "Wir haben sehr wohl etwas mit diesem Starliner zu tun", widersprach der Kommandant des Esialo-Kreuzers, "wir sind das nächste nicht-zivile Schiff in der Nähe. Wenn Sie es wagen sollten, auf diesen Starliner noch einen einzigen Schuss abzugeben, werden wir Sie vernichten!" "Seien Sie kein Narr", lachte der Rebellenführer, "Sie sind noch ein paar hundert Lichtjahre von uns entfernt. Außerdem befindet sich auf diesem Schiff die Terranische Crew, und davon abgesehen können wir den Starliner jederzeit zerstören, wenn Sie sich uns nähern." "Ich dachte, das wollten Sie sowieso tun." "Die Situation hat sich mit Ihrer Einmischung verändert", widersprach der Rebellenführer nach ein paar Sekunden des Überlegens, "wir haben unsere Pläne soeben überdacht. Vielleicht lassen wir diese Leute am Leben, wenn Sie uns ein paar Forderungen erfüllen und einen sicheren Fluchtweg gewährleisten." "Sie sind ein Schwachkopf! Damit werden Sie nie durchkommen!" "Wir werden sehen." "Dieser Esialo hat die Verbindung unterbrochen", meldete der Kommunikationszuständige.

 

Nur wenige Minuten später hatte die Bloody Revenge mit dem Starliner gedockt.

 

"Alles, ich will einfach alles wissen", befahl der Raumfahrtminister dem Admiral, während sich noch kaum die Tür zu Carters Büro richtig geöffnet hatte. "Viel weiß ich auch nicht", gab Carter zu, "es sind nach Angaben des Starliners 26 Terroristen, und sie scheinen die Bloody Revenge vollkommen in ihrer Gewalt zu haben. Ob die Crew noch lebt oder nicht, wissen wir nicht, die Esialo-Navy hat auch keinen Kontakt mehr zum Starliner. Der Esialosche Kreuzer Ci hat Kurs auf den Ort des Geschehens genommen, wird aber außerhalb der Sensorenreichweite der Bloody Revenge bleiben, um sie nicht zu provozieren. Im Notfall könnte er mittlerweile innerhalb weniger Minuten in Waffenreichweite sein. Wir wissen im Moment noch nicht, was die Rebellen fordern, wir sind darauf angewiesen, dass sie uns wieder kontaktieren. Das letzte, was wir vom Starliner gehört hatten, war, dass die Bloody Revenge an ihn angedockt hat, das ist jetzt 15 Minuten her. An Bord des Starliners befinden sich neben der 202-köpfigen Crew 48 911 Passagiere, darunter 4503 Esialos und 6254 Menschen. Wir wissen nicht, ob und wie viele davon beim Angriff umgekommen sind. Das ist im Moment alles." "Okay. Ich weiß zwar nicht, ob das viel nützen wird, aber die Präsidentin hat angeordnet, das Schlachtschiff 'Liberty' und den Kreuzer 'Sydney' zum Ort des Geschehens zu senden. Die Schiffe werden allerdings erst in drei beziehungsweise vier Tagen dort sein können. Außerdem haben die Esialos eingewilligt, beim nächsten Kontakt zu den Rebellen ein Gespräch mit Captain Lacombe von der Bloody Revenge zu fordern, falls er noch lebt. Auf diese Weise könnten wir ein paar wichtige Dinge erfahren."

 

Abschnitt 11

 

"Geben Sie's auf, die Tür ist verriegelt!" "Pah..." gab Rosso von sich und versetzte dem Ausgang einen Tritt. "Was auch immer uns angegriffen hat, es hat auf den Hauptcomputer zugegriffen und alle Systeme gesperrt", stellte ein Esialo fest und klopfte gegen den regungslos dastehenden Barkeeperroboter. Rosso und er waren die Einzigen, die vernünftig überlegten, was getan werden könnte. Alle Anderen in der Cocktailbar waren, nachdem eine gewaltige Explosion das Schiff erschüttert hatte, in Panik ausgebrochen und redeten und heulten nun wild durcheinander. Die Erschütterung beim Angriff hatte das gesamte Mobiliar durcheinander gewirbelt, und die matte Notbeleuchtung hüllte das Chaos in ein Spiel aus Licht und Schatten, das die Zerstörungen noch viel schlimmer aussehen ließ. "Ich war drei Jahre bei der Space Force", beharrte Rosso und versuchte immer wieder, Überbrückungscodes in die Konsole neben der Tür einzugeben, "eine verriegelte Tür ist für mich kein Hindernis - normalerweise." "Ja, aber die Sicherheitsvorkehrungen auf Schiffen von Esialo Spaceways sind die besten." Der Esialo kletterte hinter der Theke hervor und stellte sich neben Rosso. "Diese Tür kriegen Sie nicht auf." "Wenn die Sicherheitsvorkehrungen so perfekt sind, warum haben die Angreifer dann die Codes geknackt?" Mit diesen Worten schlug Rosso die Faust gegen die Konsole, die unverschämterweise stand hielt, und drehte sich seufzend um. Er blickte in das Chaos. Mittlerweile hatte sich die Panik etwas gelegt, aber die meisten der Passagiere standen offensichtlich noch unter Schock. Sie kauerten in Ecken oder irrten herum, manche berieten mittlerweile untereinander, was sie jetzt tun sollten. "Wer macht so etwas?" fragte Rosso. "Keine Ahnung..."

 

"Schalten Sie es durch!" befahl der Kommandant des Esialo-Kreuzers Ci und setzte sich angespannt in den abstrakt geformten Kommandosessel, der an einer Verbindungsstange von der Decke hing. "Nur Audio-Verbindung möglich", merkte eines der beiden anderen Brückencrewmitglieder an und schaltete die Nachricht auf die Lautsprecher. "Ich habe mir gedacht, wir könnten jetzt vielleicht über unsere Bedingungen reden", dröhnte die Stimme des Rebellenführers durch die nur matt beleuchtete Brücke. "Was verlangen Sie?" wollte der Kommandant wissen. "Ich will nicht mit irgendeinem Navy-Kommandanten reden", widersprach der Terrorist, "ich will mit höchster Stelle sprechen." "Ich repräsentiere im Moment die höchste Stelle, der Senatssprecher hat mir für diesen Fall die Rolle eines Vermittlers zugesprochen. Was wollen Sie?" "Nun gut. Ich verlange den Tod des Senatssprechers. Ich will, dass er mit einem DNS-Destruktor umgebracht wird." Der Kommandant erhob sich langsam von seinem Platz. "Sie verlangen den Tod des Staatschefs? Sie sind doch vollkommen übergeschnappt! So kommen wir nicht weiter. Vielleicht wird die Regierung auf Sie eingehen, wenn Sie ihr realistische Forderungen stellen..." "Sie sind doch nicht so vernünftig, wie ich angenommen habe... Was ist schon ein Leben gegen fast 50 000? Wir werden jetzt einen Passagier töten, vielleicht können wir unser Gespräch danach fortsetzen." Der Kommandant wollte noch etwas sagen, doch dann meinte der Esialo neben ihm: "Die Verbindung wurde unterbrochen." "Verflucht!"

 

Alle starrten wie gebannt auf die 3-D-Projektoren, die in der gesamten Bar verteilt waren. "Und Rosso ist ganz sicher auf diesem Schiff?" fragte Yxo Sam noch einmal. "Ja, sicher." Sam, Yxo und Lieutenant Chang saßen an der Theke und zogen beunruhigte Gesichter. "Unbestätigten Gerüchten zufolge fordern die Terroristen den Tod des Esialoschen Staatchefs", erklärte die Stimme im Hintergrund, während die Kamera versuchte, einige Blicke in das Gesicht des Esialoschen Senatssprechers zu erhaschen. "Weder die Esialo-, noch irgendeine andere informierte Regierung will im Moment zu den Vorfällen Stellung nehmen. Wir haben bisher auch noch keine komplette Passagierliste des Schiffes erhalten, aber die Regierung hat uns versichert, die Angehörigen aller Beteiligten persönlich zu informieren. Außerdem weisen die Behörden die Crews in der Nähe befindlicher Raumschiffe an, den Bereich so weiträumig wie möglich zu umfliegen. Angeblich will die Terranische Regierung ein Gespräch mit der Besatzung des Zerstörers Bloody Revenge führen, was aber ebenfalls noch nicht bestätigt wurde. Wir werden Sie weiterhin auf dem Laufenden halten." Sam atmete tief durch. "Scheiße", murmelte er vor sich hin.

 

"Hier bin ich wieder!" meinte der Rebellenführer. "Dieses Mal ist es eine visuelle Übertragung!" rief das zuständige Crewmitglied dem Kommandanten zu, woraufhin der Bildschirm unter den Brücken-Sichtfenstern aufflammte und die geräumige Brücke eines Terranischen Zerstörers zeigte. Hinter dem Kommandantensessel standen ein Esialo und ein merkwürdig ruhig wirkender, offenbar von Drogen benebelter Mensch. "Haben Sie sich doch zur Kooperation entschieden?" wollte der Kommandant der Ci wissen. "Nein", erklärte der Terrorist, "aber ich will Sie zur Kooperation überreden." Er lächelte, hob sein Partikelgewehr, zielte auf den Menschen und feuerte. Der Terraner brach in sich zusammen und blieb regungslos am Boden liegen. "Wir haben noch viele Passagiere", setzte der Rebell fort. Der Kommandant stand auf, atmete tief ein und aus und stieß hervor: "Ich werde dich umbringen!" "Oh nein, das werden Sie nicht. Vorher bringe ich diese Leute hier um." "Verstehen Sie doch, was Sie wollen, ist absurd, vollkommen absurd! Diese Forderung ist absolut unerfüllbar." "Sie zeigen sich schon wieder so unkooperativ..." "Geben Sie uns wenigstens mehr Zeit!" "Sie haben eine Stunde. Gibt es sonst noch etwas?" "Ja. Die Menschen fordern ein Gespräch mit der Crew der Bloody Revenge." "Nein! Ich rufe Sie in einer Stunde wieder, ich hoffe, bis dahin haben Sie eine vernünftige Entscheidung getroffen." "Verbindung beendet..." wurde dem Kommandanten mitgeteilt. "Oh, ja, wir werden eine vernünftige Entscheidung treffen, das kannst du mir glauben..."

 

"Und?" fragte Minister Suyin erwartungsvoll. "Nun", meinte die Afro-Asiatin, die ihm gegenüber in dem mit feinem Leder bezogenen Sessel zwischen zwei Fahnen des Terranischen Imperiums - einem von unzähligen Sternen umringten Globus - saß und faltete ihre Fingerspitzen nachdenklich aneinander, "die werden das sowieso auch ohne unsere Zustimmung tun. Aber sagen Sie dem Esialoschen Senatssprecher trotzdem, dass ich voll hinter ihm stehe."

 

"Langsam nerven mich diese Enttäuschungen", warf der Rebellenführer dem Ci-Kommandanten vor, "also stirbt er jetzt oder nicht. Die Stunde Bedenkzeit ist vorbei." Ein breites Grinsen machte sich auf dem Gesicht des Kommandanten breit. "Sie verwechseln das alles ein wenig", erklärte er langsam und deutlich, "Sie sind sich nicht ganz im Klaren, wer hier nun sterben wird..."

 

"Was meint der damit?" wollte der Terrorist von einem seiner Leute wissen. "Woher soll ich das wissen...? Moment." Er blickte entgeistert auf das Terminal vor sich. "Ein Raumschiff nähert sich uns mit hoher Geschwindigkeit... Es ist ein Kreuzer der Navy!" "Na, was sagen Sie dazu?" interessierte sich der Kreuzer-Kommandant. Der Rebellenführer lachte. "Ich hoffe, Sie wissen, dass Sie eben mindestens fünf Passagieren das Leben gekostet haben. Noch haben Sie die Chance, umzukehren, bevor wir wirklich sauer werden!" "Ach ja? Ihr Schiff... entschuldigen Sie, der Terranische Zerstörer, hat ein bedeutend geringeres Kampfpotential als unser Schiff. Außerdem haben wir alle Lebenszeichen an Bord des Starliners erfasst. Wenn auch nur eines davon erlischt, sind Sie so gut wie tot!" "Sie gefährden außerdem das Leben der Terranischen Zerstörer-Crew..." entgegnete der Terrorist, deutlich unsicherer als vorher. War es wirklich so einfach für die Navy? Dieser Kommandant konnte doch aber nicht so mit dem Leben der Passagiere spielen... Doch die Rebellen schienen tatsächlich keine Chance zu haben. Mit einer heftigen Handbewegung gestikulierte er einem seiner Leute, die Verbindung zu unterbrechen. "Vom Starliner abdocken!" befahl er, woraufhin sich der Esialo im Pilotensitz unsicher umdrehte und ihn fragend ansah. "Ich habe gesagt: Abdocken!"

 

"Die Bloody Revenge dockt vom Starliner ab", stellte eines der Crewmitglieder des Kreuzers fest, und... es sind nur 23 Esialosche Lebenszeichen an Bord. Die anderen Terroristen müssen noch auf dem Starliner sein." "Die lassen ihre eigenen Leute im Stich..." murmelte der Kommandant verachtend vor sich hin. "Wie viele menschliche Lebenszeichen?" fügte der hinzu. "22", antwortete der Zuständige. "Das sind drei zu wenig. Wie viele Lebenszeichen auf dem Starliner insgesamt, abzüglich der Terroristen an Bord?" "48 893", antwortete der Zuständige nach kurzem Zögern, "von 48 911." Der Kommandant gab einen stöhnenden Laut von sich. "Nun gut. Wir können eigentlich froh sein, dass es nicht mehr sind, als 18." Er gab etwas in die Konsole neben ihm ein, woraufhin ein joystickartiges Kontrollinstrument mit unzähligen Tasten und Eingabemöglichkeiten aus dem Boden vor dem Kommandosessel fuhr. "Ihr werdet das alles bereuen, das schwöre ich euch..."

 

Ein paar hundert Meter über dem Starliner kam der Zerstörer zum Stillstand und richtete sich auf einen Punkt irgendwo im Weltraum aus, bevor die Haupttriebwerke zündeten und das Schiff beschleunigten. Im gleichen Moment erhellte der Rückfallblitz des Esialoschen Kreuzers den Weltraum. Das Raumschiff sah aus, wie eine riesige, kantige Keilform mit einem leuchtenden Triebwerk am Heck. Vorne, in der Mitte und am Heck war der Rumpf von je vier Ionenblastern auf kurzen Pylonen umringt.

   "Die richtige Crew der Bloody Revenge wird in den Mannschaftsquartieren im Rumpfinneren gefangen gehalten", erklärte ein Brückencrewmitglied der Ci, "also schlage ich vor, unser Feuer auf die oberen Aufbauten zu konzentrieren." "Ich weiß, was ich zu tun habe", entgegnete der Kommandant.

   Die oberen Aufbauten lagen bei einem Zerstörer der Shark-Klasse am hinteren Teil des stromlinienförmigen Rumpfes mit rochenartigen Deltaflügeln, und bildeten insofern das Herz des Schiffes, dass von dort aus normalerweise die Kommandofunktionen ausgeführt wurden. Sie beherbergten Brücke, Hauptcomputer und weitere Kontrollräume.

Ein Terranischer Zerstörer hatte gegen einen Esialoschen Kreuzer keine Chance. Noch bevor die Bloody Revenge einen einzigen Schuss abgeben konnte, hagelten die Schüsse der Esialoschen Ionenblaster nur so auf den Zerstörer ein. Mit jedem Treffer blitzten die Schilde grell auf, in einem letzten Rettungsversuch gaben die Terroristen eine Salve Plasmaladungen auf den Kreuzer ab, die allerdings so gut wie nichts bewirkten.

Nach wenigen Sekunden brachen die Schilde der Bloody Revenge zusammen und legten die Aufbauten frei für das feindliche Feuer.

   Die Ionenblaster jagten mit jedem Schuss neue Risse in die Hülle, der Zerstörer hinterließ auf seinem Fluchtkurs eine Spur von tausenden kleiner Trümmer. Schließlich gab die strapazierte Hülle dem Luftdruck von innen nach. Die Aufbauten zerbarsten in Millionen Stücke, die in alle Richtungen davon geschleudert wurden. Durch den Rückstoß der Explosion bekam der Zerstörer Schlagseite und driftete nach Steuerbord weg, während die Haupttriebwerke weiterhin auf vollen Touren liefen und ihn immer schneller beschleunigten.

   "Status des Ziels?" wollte der Kommandant des Kreuzers wissen. "Ziel hat keine Flugkontrolle mehr, es driftet unkontrolliert und gerät in eine taumelnde Bewegung. Die Terraner waren im Rumpfinneren offenbar gut geschützt, sie sind noch am Leben. Wir sollten zuerst mit dem Zerstörer docken, um ihn anzuhalten, danach kümmern wir uns unverzüglich um den Starliner." "Ich bin hier immer noch der Kommandant", bekräftigte selbiger, "aber wir machen es so. Kommandant an Krankenstation, bereiten Sie sich auf eine große Anzahl Verletzter vor, viele davon sind keine Esialos." "Kommandant!" rief plötzlich der Esialo links neben ihm, "etwas aus dem Trümmerfeld der Bloody Revenge ist soeben in den Hyperraum eingetreten! Etwas sehr Kleines... Seine Spur verliert sich wegen seiner geringen Masse sofort wieder." "Das ist das CRDS", stellte der Kommandant beunruhigt fest. "CRDS?" "Das Combat Rescue and Disengage System. Seit ein paar Jahren bauen die Menschen solche Rettungskapselsysteme in ihre Kriegsschiffe ein. Um nach der Zerstörung ihres Schiffes eine sichere Flucht der Crew zu gewährleisten, sind die CRDS-Kapseln mit einem Sub-Hyperantrieb ausgestattet, der eine Geschwindigkeit von über 50 000 Lichtjahren pro Tag erlaubt. Das CRDS..." "Ich habe es von den Schirmen verloren", stellte der Zuständige fest. "Nun, wir hätten uns sowieso erst um die Verletzten kümmern müssen..." meinte der Kommandant.

 

Während Rosso und der Esialo neben der Tür darüber diskutierten, ob das Geräusch jetzt das Abdocken des Angreifers bedeutet hatte, oder nicht, und sich die anderen Leute bereits halbwegs beruhigt hatten, dröhnte plötzlich das ohrenbetäubende Geräusch einer Explosion durch den Raum. Aus dem Qualm um die zersplitterte Tür sprangen drei Esialos mit Partikelgewehren, die Leute begannen wieder, wild durcheinander zu schreien und zu kreischen. "Schnauze!!" brüllte einer der Esialos und gab einen Schuss in die Decke ab. Dann wurde er bewusstlos. "Das hast du davon", hustete Rosso und sah erst den ohnmächtigen Esialo, dann das metallische Trümmerstück an, das er in der Hand hielt. Die anderen beiden zurück gelassenen Terroristen hatten kaum begriffen, was los war, da wurde einer von ihnen bereits von zwei geistesgegenwärtigen Chemysanern angefallen und nieder geschlagen. Der dritte Esialo richtete sein Gewehr erst auf die beiden Chemysaner, dann wirbelte er plötzlich herum, visierte das 20 Zentimeter dicke Panoramafenster an, das die Cocktailbar von der tödlichen Kälte des Weltraums trennte, und feuerte. Rosso wurde von diesem Schuss direkt ins Herz getroffen. Verdutzt senkte der Terrorist sein Gewehr und wurde daraufhin von hinten mit einem schweren Trümmerstück nieder geschlagen.

Der Esialosche Passagier, der vorher neben Rosso der einzige war, der in dem Chaos vernünftig geblieben war, hockelte sich vor dem Terraner nieder, tastete zunächst etwas ungeschickt an seinem Handgelenk herum und stellte dann fest: "Er ist tot." Rosso hatte nicht einmal gewusst, ob er reflexartig oder geistesgegenwärtig vor den Lauf des Partikelgewehres gesprungen war, um eine Katastrophe zu verhindern.

 

Abschnitt 12

 

Sam saß in seinem Pilotensitz. Die Werft von IG-25 hatte gute Arbeit geleistet, die Savage Eagle befand sich wieder in einem perfekten Zustand. Yxo hatte Sam die verschossenen Raketen wieder montieren lassen, er wollte aber nicht sagen, wo er sie gekauft hatte. Sam ging noch einmal die Checkliste für die Savage Eagle durch, doch richtig bei der Sache war er nicht. Er war wohl auch nicht der einzige auf der Station, dem die 18 toten Passagiere auf dem Starliner nicht aus dem Kopf gingen, der immer wieder an das Massaker denken musste, dem der Esialosche Kreuzer Ci vor sechs Tagen ein Ende gesetzt hatte. Leider waren drei Terroristen in einem CRDS entkommen, und soweit man die toten DNS-Überreste zwischen den Trümmern der Bloody Revenge hatte scannen können, war der Anführer unter den Überlebenden.

"Na, wie läuft's?" wollte Rosso wissen, der von oben ins Cockpit der Savage Eagle guckte. Sam blickte nach oben. "Eigentlich ganz gut. Yxo und ich fliegen in einer Stunde ab." Er machte eine Pause, bevor er interessiert hinzu fügte: "Wie kannst du eigentlich so ruhig bleiben, nach allem, was passiert ist?" "Hey, ich war jetzt zum zweiten Mal tot", grinste Rosso, "da kann einen nichts mehr so leicht erschüttern!" "Nicht mal Dudurov?" "Nicht mal Dudurov. Ich muss schon sagen, ich bin ziemlich froh, dass ich wieder in die Space Force aufgenommen wurde. Ich hab' von Dudurov sogar eine offizielle Belobigung erhalten." "Von Dudurov?" fragte Sam ungläubig nach. "Ja, von Dudurov", bestätigte Rosso, "ich finde das auch etwas übertrieben, da gleich eine Belobigung auszusprechen. Ich meine, vor ein Partikelgewehr springen, das kann doch jeder..."

 

Das erste Mal seit vielen Tagen saßen sich die Lacombes wieder direkt gegenüber. Aber nicht auf einem Landurlaub zwischen ihren Missionen, sondern in einem Starliner auf dem Weg zur Milchstraße, freiwillig auf dem Weg nach Hause. Jacques Lacombe hatte sich zur Flight Control des militärischen Raumhafens von Paris versetzen lassen, während die Space Force Isabelle Lacombe eine Stelle in der Einsatzplanung genehmigt hatte. Die beiden hatten sich geschworen, Versailles wieder zu ihrer festen Heimat zu machen, und das Solsystem nie wieder zu verlassen.

 

"Hier spricht IG-25 Flight Control. Savage Eagle und Lebensquell, Sie haben Erlaubnis, auf Hyperantrieb zu gehen. Schönen Tag noch." "Danke, Flight Control." Mit dem typischen grellen Blitzen verschwanden Sam und Yxo im Hyperraum und ließen den riesigen künstlichen Himmelskörper IG-25 hinter sich.

 

Abschnitt 13

 

"Schon was gefunden?" wollte Sam wissen. "Nichts", antwortete Yxo, "entweder riechen die Kommandanten, dass wir hier lauern, oder wir haben einfach ein riesiges Pech!" "Naja..." "Stop! Ich habe was... Jetzt ist es wieder weg." "Was ist los?" fragte Sam. "Für einen kurzen Moment hatte ich ein kleines Schiff auf den Schirmen. Es hat sich vergleichsweise langsam bewegt, wir könnten es einholen." "Besser als nichts. Kurs?" "80° aufwärts, 2° Backbord." Sam hackte kurz auf seiner Navigationskontrolle herum. "Okay", bestätigte er, "dann wollen wir mal!" Die Sterne vor der Savage Eagle bewegten sich langsam nach unten. "Okay, dann gehen wir rauf auf 150 000 Lichtjahre pro Tag", meinte Yxo. Sam glich die Geschwindigkeit der Savage Eagle der Lebensquell an und starrte auf seine Sensorenanzeige. "Da!" rief er plötzlich. "Ich habe es auch", bestätigte Yxo, "es ist ein ziemlich kleines Schiff. Momentane Geschwindigkeit: 50 000 Lichtjahre pro Tag. Es besitzt offenbar keine Waffensysteme oder Sensoren..." "Ich glaub's nicht", unterbrach ihn Sam und rief noch einmal die Scannerdaten ab, "das ist zweifellos die CRDS-Kapsel der Bloody Revenge!" Yxo wartete einen Moment, bevor er sagte: "Diese Schweine sind so gut wie tot." "Nein..." widersprach Sam. "Nein? Wenn du glaubst, diese Massenmörder hätten ein Recht darauf, friedlich durch den Weltraum zu schippern, dann hindere mich doch daran, sie abzuschießen!" "Nein, ich meine, dieses Schiff besitzt keine Sensorensysteme. Es kann uns unmöglich entdecken, wenn wir es verfolgen. Yxo, dieses CRDS führt uns vielleicht direkt zur Basis der Terroristen!" "Du meinst...?" "Genau. Du bist doch so scharf darauf, deine 50-Gramm-Antimaterieraketen zu verwenden!" "Okay, also gut. Wir verfolgen es. Wenn wir so diese Terroristen endgültig ausschalten könnten, ist es das auf jeden Fall wert!" "Dann passen wir uns jetzt der Geschwindigkeit der Kapsel an und bleiben auf Kurs..."

 

Sam und Yxo mussten nicht lange warten. Es dauerte keine drei Stunden. "Ich habe etwas!" rief Yxo. "Was?" "Das CRDS hat direkten Kurs auf ein großes Objekt. Ich glaube, es ist ein Frachter. Sein Hyperantrieb ist ziemlich kalt, er scheint schon lange dort zu warten." "Das ist doch zu schön, um wahr zu sein", freute sich Sam. Plötzlich ertönte wieder so ein nervtötendes Piepsen. "Wir werden gerufen", stellte Sam fest, "eine Audio-Übertragung." "Ich schalte sie durch." "Ich rufe die beiden sich nähernden Schiffe", war die Stimme eines Esialos zu hören, "brechen Sie Ihren Anflug ab und setzen Sie Ihren alten Kurs fort." "Wer sagt das?" wollte Yxo wissen. "Ich sage das!" entgegnete die Stimme. "Das ist dein Problem!" Yxo unterbrach die Verbindung. "Wir haben, was wir wollen", stellte er danach fest. Er beschleunigte sein Schiff etwas und näherte sich dem CRDS bis auf 50 Kilometer. Schon nach dem ersten Schuss aus Yxos Kanonen verschwand es von den Schirmen. "Wow..." brachte Sam hervor.

   Beide fielen nur ein paar Kilometer von dem Frachter entfernt aus dem Hyperraum. Es war eine Esialosche Galeone von etwa einem Kilometer Länge. Das gewaltige Schiff bestand aus zwei nebeneinander liegenden, schwarzen, keilförmigen Rumpfteilen, die an ihren Hecks aneinander befestigt waren und über ihre ganze Länge bis zum Bug von insgesamt vier Verstrebungen zusammen gehalten wurden. Das gesamte Raumschiff schien wohl als Transporter für kleinere Raumschiffe und Waffensysteme zu dienen.

   "Die Eigenbewaffnung dieses Schiffes ist nicht nennenswert", stellte Sam fest, "aber ich orte drei zusätzliche Energiequellen im Inneren... Es sind Abfangjäger!"

   Langsam schob sich ein gewaltiges Schott in der Flanke der Galeone nach oben. Blitzartig nacheinander rasten drei kleine, keilförmige Raumschiffe aus dem Rumpf des gewaltigen Frachters und nahmen direkten Kurs auf die beiden Ankömmlinge.

   "Gib' mir Rückendeckung!" rief Yxo und näherte sich weiter der Galeone, um einen sicheren Treffer zu landen. "Mach' ich." Sam visierte einen der Abfangjäger an und schoss eine Rakete ab.

   Sofort zog der feindliche Jäger nach oben, so dass die Rakete an ihm vorbei schoss und weiter hinten von den Bordgeschützen des kleinen Schiffes in ihre Bestandteile zerlegt wurde. Reaktionsschnell richtete der Pilot sein Schiff wieder auf Sam aus, doch noch bevor der Abfangjäger feuern konnte, wurde er von Sams Energiebündelgeschützen in einen gigantischen Feuerball verwandelt.

Genug Zeit, um den zweiten Abfangjäger anzuvisieren, fand Sam nicht, zumindest nicht vor ihm. Eine Salve Schüsse ließ seine Schilde aufblitzen und auf 40 Prozent fallen, bevor er gezielt hatte und mit drei Energieladungen den Jäger in ein qualmendes Wrack verwandelte, das keine zwei Sekunden später explodierte. Sam sah auf seine Schadenskontrollanzeige. "Verdammtes Sicherheitssystem!" stieß er hervor. Um eine Überladung der Sub-Hyperspulen zu vermeiden, hatte der Computer nach den Treffern den Hyperantrieb außer Betrieb gesetzt.

   Im gleichen Augenblick feuerte Yxo seine schwere Rakete ab und vernichtete danach wie beiläufig noch den dritten Abfangjäger. "Jau!" brüllte er. "Jetzt nichts wie weg!" "Mein Hyperantrieb ist erst in drei Minuten wieder angelaufen", stellte Sam fest. "Was?!" "Verschwinde!" stieß Sam hervor. Er warf einen Blick auf den Scannerbildschirm, der die Rakete zeigte, die in wenigen Sekunden einschlagen und eine wahrhaft apokalyptische Sprengkraft freisetzen würde. "Wenn du noch lange hier bleibst, und überlegst, was du tun kannst, wirst du auch verrecken!" rief Sam. Yxo schaltete das Kom ab und ließ seinen Hyperantrieb anlaufen. Er drehte von der Galeone ab. Sam atmete tief durch. Wenigstens hatten sie geholfen, Leben zu retten. Sam wollte immer schon für einen guten Zweck sterben. Eigentlich ein Widerspruch zu seinem "Job".

   Yxos Bogenflug endete erst, als er direkten Kurs auf Sams Schiff hatte. Er beschleunigte weiter, während sein Hyperantrieb schon bereit war.

   "Was verdammt nochmal machst du?!" rief Sam in das Kom, aber Yxo konnte ihn nicht hören. "Verzieh' dich von hier!"

   Die Rakete schlug ein. Die Galeone wurde innerhalb von Sekundenbruchteilen verdampft, eine gigantische Sphäre aus Hitze und Trümmern breitete sich rasend schnell in alle Richtungen aus und erleuchtete den Weltraum taghell.

   Yxo zog sein Schiff wenige Sekundenbruchteile vor einer Kollision mit der Savage Eagle nach oben und aktivierte seinen Hyperantrieb. Die Hyperspulen der Lebensquell rissen den Jäger mit in den Hyperraum, im gleichen Moment, in dem die Welle der Zerstörung die beiden Schiffe erfasste.

   In dem gewaltigen Inferno war der Eintrittsblitz nicht einmal zu sehen.

   Noch während Sam sich wunderte, was passiert war, brannten die Hyperspulen der Lebensquell von der zu hohen Beanspruchung durch. Beide Schiffe fielen wieder aus dem Hyperraum, fast ein Lichtjahr von der Hitzewelle entfernt.

   "Ich schwöre dir", meinte Yxo über das Kom, das er offenbar wieder aktiviert hatte, "das nächste Mal zahlst du mir meine Hyperspulen." "Was...?" "Ich hab' dich in meinem Hyperraumfeld mitgenommen, um dir den Allerwertesten zu retten. Dein verdammtes Schiff hat keinen Kratzer, aber meinen Hyperspulen ist das nicht gerade zugute gekommen. Du wirst nach IG-25 fliegen, und mir irgendwie neue Hyperspulen hierher bringen, wie du das machst, ist dein Problem." "Danke..." stöhnte Sam, lehnte sich zurück und wünschte sich eine Dusche und eine Tasse Sumpfbaumtee.

 

ENDE